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Großbritannien: Ein Premierminister versinkt im Pädo-Sumpf

Großbritannien: Ein Premierminister versinkt im Pädo-Sumpf
Keir Starmer vor einem Auftritt in Hastings: Das Schiff des Sozialdemokraten versinkt im Skandalsumpf.

Der Pädophilie-Skandal um den Ex-Botschafter Mandelson und den Kinderschänder Jeffrey Epstein wird zur britischen Regierungskrise. Das Ende des Labour-Premierministers Keir Starmer ist nur noch eine Frage der Zeit. Profitiert davon Nigel Farage?

von Julian Schneider

Die Regierung Starmer gleicht immer mehr einem „sinkenden Schiff“, urteilen britische Medien am Montagmorgen. Kapitän Keir Starmer steht das Wasser bis zum Halse. Die Mandelson-Epstein-Affäre zieht den Premierminister in den Abgrund.

Am Sonntag nahm sein Stabschef Morgan McSweeney seinen Hut und erklärte, er übernehme die „volle Verantwortung“, weil er Starmer zu der unglückseligen Berufung von Peter Mandelson zum Botschafter in Washington geraten habe. Der gebürtige Ire galt als einer der Hauptarchitekten von Labours Wahlsieg im Juli 2024. Am Montag trat dann auch noch Starmers Kommunikationschef Tim Allan zurück. Am Montagmittag rief der Vorsitzende der schottischen Labour-Partei, Anas Sarwar, Starmer zum Rücktritt auf. Es hat den Anschein, als zerbrösele Starmers engster Kreis in der Downing Street 10.

Alle fragen sich: Wie lange hält der Sozialdemokrat noch durch? Übersteht er die nächsten Stunden, Tage? Gar Wochen? Schon seit einiger Zeit bezeichnen kritische Kommentatoren den britischen Regierungschef als politischen Zombie: Starmer ist, laut Ipsos, der unbeliebteste Premier seit Beginn der Umfragegeschichte auf der britischen Insel. Seine Labour-Partei ist seit 2024 regelrecht abgestürzt.

Labours „Fürst der Finsternis“ und die Epstein-Files

Die Affäre um Lord Mandelson und seine jahrelangen Kontakte zum pädophilen Sexualstraftäter Epstein wachsen sich zur wohl finalen Krise für den unpopulären Premier aus. Mandelson – in der Labour-Partei wird er „Mandy“ genannt – ist seit Jahrzehnten einer der einflußreichsten sowie umstrittensten Politiker des Landes: Ehemals galt der Kommunikationsprofi und „Spin-Doktor“ als Labours „Prince of Darkness“ (Fürst der Finsternis). In der Zeit von Tony Blair stieg er zum Minister auf, mußte nach Skandalen zweimal zurücktreten, kam immer wieder hoch, war in Brüssel Handelskommissar, zuletzt unter Gordon Brown Wirtschaftsminister.

Starmer hatte vor einem Jahr den diplomatisch geschickten Mandelson als Botschafter nach Washington geschickt. Der Ex-EU-Handelskommissar sollte einen guten Zoll-Deal mit US-Präsident Trump aushandeln. Doch nach nur sieben Monaten mußte Mandelson abtreten, weil seine Vergangenheit mit Epstein ihn einholte. Durch die nun veröffentlichten Epstein-Papiere kommt immer mehr heraus: Nicht nur verkehrte Mandelson mit Epstein auch nach dessen erster Verurteilung wegen Kinderprostitution. Er nahm sogar Geld an – 75.000 US-Dollar –, während er Wirtschaftsminister in London war; auch sein heutiger Ehemann, ein Brasilianer, erhielt eine fünfstellige Summe.

Laut den Epstein-Akten versorgte Mandelson 2009 und 2010 den US-Finanzier mit brisanten Insiderinformationen aus dem Zentrum der Macht: über Bankensteuern und die bevorstehende Euro-Rettung mit 500 Milliarden Euro. Als das alles herauskam, trat Mandelson aus der Partei aus und gab seine Mitgliedschaft im Oberhaus auf. Nun ermittelt die britische Polizei wegen Amtsmißbrauchs. Vor Mandelsons Häusern in London und Wiltshire blitzte am Freitag das Blaulicht der Polizeiwagen. Es ist ein schmutziger Krimi mit allen Zutaten: sexueller Mißbrauch, Geld, Korruption. Ein Alptraum für die Regierung Starmer.

Starmer gilt nun als „Toast“

Der Premier mußte vergangene Woche zugeben, daß er während des Berufungsprozesses über Mandelsons Epstein-Beziehung informiert worden war. Doch der habe alles heruntergespielt und gelogen. „Wie tief und düster“ die Beziehung war, habe Starmer erst später erfahren. Das glaubt aber nun kaum noch jemand. Eine Labour-Vizechefin sagte, Starmer wirkte „schwach, naiv und blauäugig“. Nicht wenige Labour-Abgeordnete sagen, er müsse gehen. Im britischen Slang heißt es: Starmer sei „Toast“ – komplett verbrannt.

Doch wie schnell er stürzt und es ein „Leadership Race“, ein Rennen um die Labour-Führung, gibt, entscheiden auch seine parteiinternen Gegner: Da ist zum einen die Linke Angela Rayner, die vor ein paar Monaten als Vize-Premier und Vize-Parteichefin zurücktreten mußte und seitdem auf Rache sinnt. Sie selbst hat aber noch ein Problem: Ihre Affäre wegen Steuerhinterziehung beim Kauf eines Zweithauses ist noch nicht ausgestanden, die Finanzbehörde HM Revenue & Customs ermittelt noch.

Als zweiter Konkurrent bei einer möglichen Leadership Race gilt Gesundheitsminister Wes Streeting. Doch der hat das Problem, daß die Mandelson-Affäre auch auf ihn abfärbt. Mandelson war sein Mentor, sagen viele.

Überall „Sleaze“

Die Öffentlichkeit wendet sich mittlerweile angewidert von Labour ab. Laut einer jüngsten YouGov-Umfrage sagt eine Mehrheit inzwischen, daß Labour sogar noch korrupter sei als die Tories, die in ihren 14 Jahren Regierungszeit von 2010 bis 2024 von einer Affäre in die nächste tappten. „Sleaze“ lautet das Stichwort: Filz und Korruption. Ein Drittel der Briten sagt, Labour habe mehr „Sleaze“, ein Drittel findet, beide seien gleich schlimm, nur ein Viertel findet die Tories „sleazier“ als Labour.

Während Labour im Skandalsumpf versinkt, dürfte der große Profiteur der Affäre wieder einmal Nigel Farage heißen. Dessen Anti-Establishment-Partei kann auf Westminster mit dem Finger zeigen und Starmer als Untergangskapitän geißeln. Laut Umfragen führt Reform UK mit großem Abstand. Bei etwa 28 Prozent liegt die Partei, fast zehn Punkte vor Labour und den Tories. Allerdings hat auch die Tory-Vorsitzende Kemi Badenoch in den vergangenen Wochen mit ihrer kompromißlosen Anklagepolitik gegen den hölzernen Juristen einige Punkte gemacht. Im Parlament war sie es, die Starmer mit hartnäckigen Fragen zur Mandelson-Affäre in die Enge trieb.

Falls Starmer nicht in dieser Woche zurücktritt, gibt es zwei kritische Termine für ihn, die zu tödlichen Klippen werden können. Am 26. Februar steht im Wahlkreis Gorton & Denton im Großraum Manchester eine Nachwahl für einen Parlamentssitz an. Labour dürfte diesen traditionellen Labour-Wahlkreis krachend verlieren. Noch schlimmer für Starmers Partei könnte die Abrechnung bei den Wahlen zu den Parlamenten in Schottland und Wales und den Kommunalvertretungen in weiten Teilen Englands werden. Erleidet Labour dort vollends Schiffbruch, dürfte die Meuterei gegen Starmer unausweichlich sein.

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