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Magdeburg: Theaterstück verhöhnt Terroropfer

Magdeburg: Theaterstück verhöhnt Terroropfer
Polizisten sichern kurz nach dem Anschlag den Tatort.

Das Theater Magdeburg plant eine Aufführung über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt 2024. Betroffene sprechen „von einem Schlag ins Gesicht“. In dem Stück soll es wohl auch darum gehen, dasss Rechte die Tat angeblich politisch missbrauchen.

von Daniel Holfelder

Sechs Tote, mindestens 323 Verletzte. Am 20. Dezember 2024 steuerte der saudi-arabische Migrant Taleb al-Abdulmohsen einen PKW in die Besuchermenge auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt und beging eines der schwersten Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik. Wie geht eine Gesellschaft mit einer so erschütternden Tat um?

Das Theater Magdeburg hat sich dazu entschieden, die Tat künstlerisch zu verarbeiten und ab Mai 2026 ein Theaterstück darüber auf die Bühne zu bringen. Doch gegen das Vorhaben regt sich in der Stadt Widerstand. Gerade von Betroffenen des Anschlags kommt scharfe Kritik.

Betroffene: „Es muß Grenzen geben“

Eine der Kritikerinnen ist Alexandra K. (Name geändert). Sie war an jenem 20. Dezember 2024 auf dem Weihnachtsmarkt und überlebte die Terrorfahrt des saudischen Attentäters nur knapp. Sie und ihr Ehemann zeigen sich empört über die geplante Theaterinszenierung.

Das Vorhaben sei „wie ein Schlag ins Gesicht“, machen die beiden deutlich. „Grenzen muß es geben und sie beginnen dort, wo Opfer durch so etwas alles noch einmal erleben.“ Von der Stadt Magdeburg, die das Stück zulasse, seien die beiden „maßlos enttäuscht“.

Theater will sich nicht äußern

Im Fall von Alexandra K. kommt erschwerend hinzu, daß sie nicht nur durch die geplante Aufführung schmerzlich an ihr Trauma erinnert wird. Vor wenigen Monaten bekam sie aus dem Gefängnis einen Brief des Attentäters al-Abdulmohsen. Der Attentäter war vermutlich über die Ermittlungsakte an die Adresse seines Opfers gelangt. Als sie den Brief erhalten habe, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten, schilderte Alexandra K. damals der Redaktion. „Es kam alles wieder hoch.“

Das Theater Magdeburg wollte sich auf Anfrage nicht zu der Kritik äußern, obwohl Chefdramaturg Bastian Lomsché erst vor wenigen Tagen gegenüber dem MDR bekräftigt hatte, das Theater sei „jederzeit offen für Fragen“. Statt einer Antwort verwies eine Sprecherin auf die offizielle Programmankündigung für das Stück, das den Titel „Wunde Stadt“ trägt.

Tat wird nicht nachgespielt

In der Ankündigung betont das Theater, es wolle „einen Beitrag zur Be- und Verarbeitung“ des traumatischen Anschlags leisten. Es werde weder die Tat nachgespielt noch dem Täter eine Bühne geboten.

Der Autor Kevin Rittberger habe vielmehr zahlreiche Menschen in Magdeburg getroffen und begleitet, insbesondere Personen, „die beschädigt worden sind und wieder ins Leben finden müssen“. Diese Eindrücke verknüpfe er mit „weiteren Wunden der Stadt und wagt einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft“.

„Wo fängt das Ressentiment an?“

Zudem deutet das Theater in der Ankündigung an, daß sich die Aufführung wohl auch um eine rechte Instrumentalisierung des Anschlags drehen wird: „Es geht um eine diverse, solidarische Stadtgesellschaft und viele offene Fragen: Wie viel Wut kann in Trauer stecken? Wo hört die Wut auf, wo fängt das Ressentiment an und schlägt um in Haß?“

Bereits im November hatten die Theaterchefs moniert, der Anschlag werde von rechten Kräften für politische Zwecke mißbraucht. Damals versammelte sich eine Gruppe von Demonstranten vor dem Theater und protestierte gegen die geplante Inszenierung, die zu diesem Zeitpunkt noch den Arbeitstitel „3 Minuten“ trug. Sie warfen den Verantwortlichen vor, auf dem Rücken der Opfer künstlerischen Profit schlagen zu wollen.

Theater kritisiert Demonstranten

Das Theater reagierte auf den Protest mit einer öffentlichen Stellungnahme und bezichtigte die Demonstranten, „Begriffe wie ‘Pietät’ ideologisch zu besetzen und die Freiheit der Kunst als Teil unserer demokratischen Grundrechte zu relativieren“. Ferner sei der Protest keineswegs, wie vom Anmelder behauptet, unpolitisch gewesen. Er „setzte sich klar aus Teilen des rechten Milieus zusammen“, kritisierten die Theaterchefs.

Alexandra K. und ihr Ehemann halten sich aus diesem politischen Zwist heraus. In ihren Augen ist das geplante Theaterstück aber tatsächlich „pietät- und auch verantwortungslos“. Die Uraufführung findet am 23. Mai statt.

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