Ein Doppelagent und seine Tochter werden vergiftet, und schuld ist wie immer der Russe. Weil die Pinkertons von Scotland Yard aber keine Beweise finden, wird die Medientrommel umso lauter geschlagen. Die Inszenierung ist zum Fremdschämen peinlich, aber dennoch brandgefährlich.
Zugegeben: Es könnten die Russen gewesen sein, die den Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter Julia am 4. März im englischen Salisbury vergiftet haben. Aber es könnten auch die Briten selbst gewesen sein. Premierministerin Theresa May könnte persönlich den Auftrag gegeben haben – was Außenminister Boris Johnson übrigens tatsächlich Wladimir Putin unterstellte. Es könnten auch Amerikaner oder Deutsche gewesen sein, vielleicht sogar Osama bin Laden aus der Gruft oder Beate Zschäpe aus der Zelle.
Könnte. Hätte… Alles Konjunktive. Es gibt keine Belege. Keine Fakten. Keine Expertenanalysen, die in eine Richtung zeigen. Der Chef des britischen Labors für chemische Kampfstoffe in Porton Down (zufällig nur acht Kilometer von Salisbury entfernt!), Gary Aitkenhead, bestätigte Anfang April: Es gibt keine russische Spur. «Labor-Chef sorgt für Verwirrung», titelte Bild Online kleinlaut. Daraufhin löschte das britische Foreign Office seinen Tweet vom 22. März, in dem unverblümt behauptet worden war, eben dieses Labor habe eindeutige Beweise für die Schuld Moskaus gefunden (siehe Bild). Wie peinlich!

Wladimir Putin hat ebenfalls seine Fachleute bemüht: Es gebe mindestens 20 Länder, so der russische Präsident, die einen solchen Kampfstoff herstellen könnten. Die russisch klingende Bezeichnung «Nowitschok» (Novize), welche die Briten selbst dem Gas gegeben haben, sei noch kein Beweis für eine Beteiligung seines Staates. In den Kneipen zwischen Petersburg und Wladiwostok spottet man bereits: Wenn jemand mit einem iPad erschlagen würde, wären die Täter ja auch nicht unbedingt Amerikaner.
Inzwischen wurden angeblich Spuren des Gases in einem Pub, in einem Restaurant, an Türklinken, im Auto und auch in Buchweizen (verdächtig: die Lieblingsgrütze der Russen!) gefunden. Als ob die Moskowiter aus einem Helikopter Nowitschok über Salisbury gesprüht hätten… Die Botschaft ist unverkennbar: Habt Angst vor dem Russen, Ihr braven Briten!
Die seriöse Times und das weniger seriöse Boulevardblatt Sun berichten unisono über geheime Labors in Russland, die angeblich Nowitschok herstellen. Quelle: Geheime Kreise anonymer Geheimdienstler! Fakten: Top Secret! Das offizielle London beteuert, es habe «zusätzliche Geheimdiensterkenntnisse», rückt aber nicht damit heraus.

Aber: Solange diese Erkenntnisse der Öffentlichkeit nicht bekannt gegeben werden, sind sie nicht überzeugender als ein Hase im Zylinder eines Zirkus-Zauberers. Man zweifelt bereits am Grundsätzlichen: Wurden die Skripals überhaupt vergiftet, da die britische Behörde doch keinen Zutritt zu den Opfern gewährt? Vielleicht sitzen sie in einer geheimen MI6-Villa, schauen fern und trinken Single Malt Whisky? Vielleicht ist alles nur eine bösartige Inszenierung? Man erinnere sich an die geniale schwarze Komödie Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt, wo ein Krieg der USA gegen Albanien in Hollywood inszeniert wurde, um die Wahlchancen eines Präsidentschaftskandidaten zu erhöhen…
Um ein Gegenmittel zu entwickeln, müssten die Briten Nowitschok auch selbst besitzen.
Noch einmal: Es ist allen – auch russischen –Geheimdiensten zuzutrauen, einen Menschen, aus welchen Gründen auch immer, zu vergiften. Aber um den Schuldigen zu finden, muss vor allem ermittelt werden: nicht in eine, sondern in alle Richtungen und insbesondere ergebnisoffen, wie es so schön heißt.
Die Briten schürfen jedoch nur in eine Richtung, was manchem nicht nur unprofessionell, sondern auch äußerst verdächtig erscheint. Sie haben eine russische Mitarbeit bei der Untersuchung als «pervers» abgelehnt – aber aus ungeklärten Gründen die Franzosen ins Boot genommen. Aber mindestens genauso pervers ist es, ohne jeden Beweis Anschuldigungen zu erheben und Sanktionen zu verhängen.
Die wundersame Rettung
Nehmen wir an, in Salisbury wurde ein Kampfstoff eingesetzt, dessen Zweck die Ermordung des Opfers war. Warum sind Vater und Tochter Skripal dann nicht sofort tot umgefallen? Rettung wäre nur durch die sofortige Verabreichung eines Gegenmittels möglich gewesen. Tatsächlich werden solche Antidote gegen jedes bekannte Gift entwickelt. Schlangenfänger beispielsweise haben immer etwas dabei, um sich notfalls sofort eine Spritze geben zu können.
Das Problem: Es gibt verschiedene Gifte, die verschiedene Antidote benötigen. Bei einer Vergiftung mit Arsen hilft Dimercaprol, bei Blausäure hingegen 4-DMAP plus Natriumthiosulfat, bei Methanol benutzt man Fomepizol, bei Gift des Aronstabs ist Kortison ratsam, gegen Fingerhut schützt Digitalis, bei Tollkirsche sollte man Physostigminsalicylat einnehmen, beim Fliegenpilz wiederum Physostigmin, beim Knollenblätterpilz rettet einen nur Silibinin…

Diese ganze Palette an Antidoten hat kein Notarzt, auch kein englischer, dabei. Hinzu kommt: Niemals vor dem Fall Skripals ist Nowitschok in der Geschichte der Medizin verabreicht worden. Es ist also ausgeschlossen, dass die herbeigerufenen Mediziner ein Gegenmittel in ihrem Koffer hatten. Es sei denn, sie wussten schon vorher, dass Nowitschok zum Einsatz kommen würde und sie es daher rechtzeitig im nahegelegenen Militärlabor Porton Down besorgen konnten.
Um die Toxizität von Nowitschok bestimmen zu können, müssen wir ins Jahr 1939 zurück, als das Nervengas Sarin im deutschen Heeresgasschutzlaboratorium in Spandau synthetisiert wurde. Untersuchungen zeigten, dass das Einatmen des Stoffs selbst in sehr kleinen Mengen innerhalb weniger Sekunden zu Bewusstlosigkeit und Krämpfen führt, denen nach ein bis zwei Minuten der Atemstillstand folgt. Mitte der 1950er Jahre entwickelte Großbritannien waffenfähige VX-Gase. Sie waren etwa 15-mal giftiger als Sarin, also bereits in Mikrodosen tödlich. In den 1970er Jahren kam Nowitschok dazu, das angeblich fünf bis acht Mal stärker als VX und damit mindestens 75 Mal giftiger als Sarin sein soll, das ja bereits innerhalb von 120 Sekunden tödlich wirkt.
Das britische Labor musste zugeben, dass es bei dem lokalisierten Gift keine russische Spur gibt.
Und nun springen wir wieder zum 4. März 2018: Zu den angeblich mit Nowitschok vergifteten Skripals kommen – sicher später als nach zwei Minuten – Ärzte ohne Schutzanzüge und spritzen ihnen etwas. Und – oh Wunder! – keiner der beiden stirbt. Mehr noch: Schon nach vier Wochen geht es Tochter Julia wieder gut, wie man in einem Telefonmitschnitt hören kann, und auch Vater Sergei Skripal ist auf dem besten Weg. Was ist das für ein Märchen? Wäre es nicht viel plausibler, von einer simplen Lebensmittelvergiftung auszugehen? Dürfen die Russen deshalb keine Proben des Giftstoffes bekommen?
Der fehlende Fingerabdruck
Um festzustellen, dass die Russen das Gift nicht nur entwickelten, sondern den an den Skripals angewendeten Stoff auch produzierten, ist der Nachweis von sogenannten Markern entscheidend – also chemischer «Fingerabdrücke», die auf Verunreinigungen aus einer bestimmte Herstellungsstätte hinweisen. Kaum hatte das russische Außenministerium danach gefragt, erlitt die westliche Propaganda den eingangs zitierten vernichtenden Rückschlag: Das britische Labor musste zugeben, dass es bei dem lokalisierten Gift keine russische Spur gibt. Trotzdem titelte die Lügenpresse aus dem Hause Springer ein paar Tage später, als ob nichts gewesen wäre: «Nowitschok – das Todesgift aus Moskau. Bild besucht Putins Giftküche».

Damit nicht genug: Wenn die Briten ein Antidot gegen Nowitschok entwickelt haben und damit die Skripals vor dem sicheren Tod retteten, müssen sie zwangsläufig selbst das Gift besitzen. Von Moskau geschenkt wurde es ihnen sicher nicht. Das kann nur bedeuten: Sie haben es selbst hergestellt und aufbewahrt. «Verfügt das Vereinigte Königreich über ein Kontrollmuster des chemischen Kampfstoffs, den britische Vertreter Nowitschok nennen?», fragte die russische Regierung. Und weiter: Wurden in Frankreich, das an den Skripal-Untersuchungen beteiligt ist, Muster dieses Kampfstoffs entwickelt, und, «wenn ja, zu welchen Zwecken?»
Der Überläufer
Der heute 66-jährige Sergei Skripal war von Mitte der 1980er Jahre bis 1999/2000 Agent des russischen Militärnachrichtendienstes GRU. 2006 wurde er wegen Vorwurfs der Spionage für das Vereinigte Königreich zu 13 Jahren Haft verurteilt. Er soll dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 die Namen von russischen Agenten in Europa genannt und dafür 100.000 Dollar bekommen haben. Im Zuge eines großangelegten Gefangenenaustauschs zwischen Russland und den USA im Jahr 2010 durfte er nach Großbritannien ausreisen.
Die Fragen sind sehr heikel. Die Briten müssen eigentlich schon jetzt zugeben, dass sie gegen Vorschriften der Chemiewaffenkonvention verstoßen haben, indem sie Nowitschok undeklariert vorrätig halten. Und die Franzosen müssen entweder die Frage verneinen (und damit zugeben, dass sie keine Experten auf dem Gebiet sind) – oder sie mit «ja» beantworten und den Zweck erklären.

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