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Linksextreme basteln an bundesweitem Terror-Netzwerk

Linksextreme basteln an bundesweitem Terror-Netzwerk
Gezielte Sabotage: Nach dem Brandanschlag einer „Vulkangruppe“ fiel im Südwesten Berlins der Strom tagelang aus, hier am Bahnhof Wannsee.

Der verheerende Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz spaltet die linksextreme Szene. Frühere Vulkangruppen distanzieren sich von der Tat ihrer Nachfolger. Andere wollen ein deutschlandweites Terrornetzwerk schaffen.

von Matthias Böttger

Tagelang hat ein Stromausfall Teile Berlins lahmgelegt – und in der linksextremen autonomen Szene streitet man über Sinn und Unsinn des Terroranschlags, der zu dieser Situation führte. In Berlin scheinen verschiedene Vulkangruppen um die Deutungshoheit der Ereignisse zu streiten. Die mutmaßlichen Täter der Anschläge früherer Jahre halten die neue „Vulkanier“-Generation für illegitim und reklamieren die Urheberschaft der Bewegung für sich.

Gleichzeitig scheint es Bestrebungen zu geben, verschiedene Gruppen mit ähnlichen Zielen organisatorisch zu vereinen. Längst haben sich auch in anderen Teilen Deutschlands Anarchisten und Linksextreme zusammengefunden, um koordiniert Sabotageakte zu verüben. Sie sind dabei, ein bundesweites Terrornetzwerk aufzubauen.

Mit einer Erklärung auf der linksextremen Seite de.indymedia.org hat sich eine rivalisierende „Vulkangruppe der Jahre 2011“ von dem aktuellen Anschlag auf die Berliner Stromversorgung distanziert. „Unser Name“ werde „in einen Zusammenhang gestellt, (…) den wir nicht tragen“. Die öffentlich diskutierte Kontinuität der Taten seit 2011 gebe es genauso wenig wie eine ideologische Homogenität.

Am 23. Mai 2011 hatte sich erstmals eine Vulkangruppe mit der Bezeichnung „Das Grollen des Eyjafjallajökull“ zu einem Brandanschlag am Berliner Ostkreuz bekannt. Im Oktober desselben Jahres legten die „Vulkanier“ als „Das Hekla-Empfangskomitee (sic) – Initiative für mehr gesellschaftliche Eruptionen“, benannt nach einem weiteren isländischen Vulkan, Brandsätze an der Bahnstrecke Berlin–Hamburg sowie an verschiedenen Orten in Berlin.

Ob die Autoren des Textes diese Anschläge tatsächlich begangen haben, ist nicht klar. Jedenfalls knüpfen sie an die Kernthemen früherer Bekennerschreiben an. Infrastruktur sei für die Gruppe ein „Symbol und Träger militärischer Gewalt“ gewesen, bekräftigen die Autoren. Ihr Ansatz sei „defensiv gemeint“ gewesen – „auch wenn er als Angriff gelesen wurde“.

„Eskalation“ und „Zerstörung“ seien nicht ihr Ziel gewesen, lediglich „Unterbrechung“, „Störung von Normalität“ und „Sichtbarkeit von Verantwortung“. Durch den Ukraine-Krieg hätten sich die Bedingungen allerdings geändert. Adressaten der Sabotageakte seien nicht mehr so klar zu benennen.

„Aus Verantwortung“ habe man deshalb von Anschlägen „Abstand genommen“ und distanziere sich von den „Aktionen der letzten Jahre“. Schweigen zu dem Anschlag in Berlin sei derzeit als Zustimmung zu verstehen, darum äußere man sich nun. Die Kritik am Militarismus bleibe aber bestehen.

Damit geht die Diskussion, die innerhalb der linksextremen Szene um den Anschlag vom Wochenende geführt wird, in die nächste Runde. Jene Vulkangruppe, die sich auf der linksextremen Leipziger Plattform knack.news zu der Tat bekannt hatte, legte am Dienstag mit einer „Richtigstellung“ nach. Damit scheint sie ihre Sicht auf das Geschehen verteidigen zu wollen und betont, ihr Handeln richte sich „nicht gegen Menschen, sondern gegen eine Infrastruktur, die tagtäglich Menschen, Umwelt und Zukunft zerstört.“ Die eigentliche Gewalt sei strukturell und wirke täglich, „meist unsichtbar“. Der Anschlag breche als „Intervention“ mit der Normalität und müsse lediglich „verstanden“ werden.

Welche Taten genau den Vulkangruppen beziehungsweise einer spezifischen Gruppe zuzurechnen sind, ist derweil nicht abschließend geklärt. In Medien kursieren verschiedene Listen von Anschlägen, die sich teils auf Polizeibehörden und den Verfassungsschutz stützen. So veröffentlichte Michael Bröcker von Table Media auf X Ausschnitte einer „‚internen Analyse‘ für die Polizei“. Darin werden zehn „durchgeführte Anschläge“ aufgelistet, die Vulkangruppen zugerechnet werden. Weitere Taten, etwa aus dem November 2013 und dem Juni 2018, die an anderer Stelle mit dieser Bewegung in Verbindung gebracht wurden, fehlen in der Auflistung.

Bei den Bekennerschreiben werden laut Welt-Investigativteam „ideologische Distinktionsmerkmale“ sichtbar, aufgrund derer Sicherheitsexperten drei Gruppen beziehungsweise Täterstrukturen unterscheiden: eine primär „öko-anarchistische“, eine eher „anarchistisch-autonome“ und eine „anarcho-primitivistische“. In jedem der Bereiche könnte es wiederum Splittergruppen geben.

Die Anarchoprimitivisten lehnen Technologie als Herrschaftsinstrument grundsätzlich ab und wollen in vorindustrialisierte Zeiten zurückkehren. Ihnen könnten laut Welt die Anschläge auf Tesla sowie weitere aus den Jahren 2013 und 2018 zuzuordnen sein. Auch das aktuelle Bekennerschreiben weise stilistische Merkmale auf, die es in die Reihe dieser Terrorakte stellen und ideologisch geschulte Verfasser vermuten lassen.

Derweil hat sich auch das NRW-Pendant der Berliner Vulkangruppen, das „Kommando Angry Birds“, wieder einmal selbst einer Reihe von Straftaten bezichtigt. Am 5. Januar veröffentlichte die Gruppe ebenfalls auf de.indymedia.org ihr „Bekennerschreiben Nr. 7“. Seit Mai 2023 ist die Gruppe aktiv und hat sich immer wieder zu Brandanschlägen auf Anlagen der Deutschen Bahn bekannt. Der Verfassungsschutz NRW nennt die Gruppe eine technologiefeindliche, „linksextremistische Mitmachkampagne“.

Die Authentizität des Schreibens ist zwar schwer nachprüfbar – der Umfang der Publikation spricht aber eher für ein ernsthaftes Anliegen und echte Gefahr. In dem siebten Bekennerschreiben ist nun die Rede von „täglichen Angriffen“ durch Mikroplastik und synthetische Substanzen, gegen die man sich wehren wolle. Schon vor Wintereinbruch habe man daher einen Brandsatz an einem Umspannwerk in Erkrath, das unter anderem ein Industriegebiet versorgt, angebracht.

Ausführlich erklären die Terroristen ihr technisches Vorgehen und wie sie ihr Kürzel „KAB“ zusammen mit „SWITCH OFF“ (englisch für „abschalten“) an eine Wand gesprüht hätten. Die Parole gilt laut Tom Mannewitz als Erkennungszeichen und Plattform verschiedener Gruppen, wie er gegenüber der Welt in anderem Kontext erklärte. Auch das aktuelle Berliner Bekennerschreiben spielt mit dem Motto.

Ob eine Detonation des Aufbaus tatsächlich erfolgte, ist allerdings selbst den Tätern nicht bekannt. Jedenfalls sei ihnen der Nachweis gelungen, wie einfach das Umspannwerk unerkannt zu betreten war, behaupten die Autoren. Haftstrafen seien bei Aktionen wie diesen jedoch „eingeplant“. Polizei und Nachrichtendienste seien mit solchen und ähnlichen Strukturen ohnehin „bestens vertraut“.

Der Erklärung beigelegt ist ein 35 Seiten starkes Pamphlet, das den Widerstand in drei „Elemente“ gliedert: Aktivismus, um Fürsprecher in der Öffentlichkeit zu erhalten; Autonomie, um nicht von Industrie, Versorgungsnetzen und dem System abhängig zu sein; und schließlich Sabotage, da der „Aufbau von Alternativen“ vergeblich sei, wenn „direkte Angriffe“ auf das „industrielle System“ unterblieben.

Potenzielle Anschlagsziele sind demnach „Verkehr, Kommunikation, das Stromnetz, Pipelines, Fabriken, der Bergbau und Kraftwerke“. Ohne Fahndungserfolge würden die Folgen solcher Aktionen „die Regierung früher oder später derart blamieren, dass sie gezwungen wäre, mit Straßensperren, Verhaftungswellen, Videoüberwachung, Kommunikationsüberwachung, Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit und ähnlichen Mitteln hart durchzugreifen“.

Lokale Aktionen von „mehreren Zellen“ sollten von einem „gemeinsamen Taktgeber“ koordiniert werden. Es bedürfe eines Mindestmaßes an Hierarchie – damit grenzt sich die Gruppe von Anarcho-Fundamentalisten ab. Wie diese Netzwerkstruktur aussehen soll und kommunizieren kann, wird bis ins Kleinste durchdekliniert, auch um die Geheimhaltung der Sabotageakte sicherzustellen.

Damit wird immer klarer: Linke Anarchisten versuchen, ein deutschlandweites Netzwerk für ihre Sabotageakte zu etablieren. Ihr Ziel ist eine Destabilisierung der Bundesrepublik, ihre Ausrichtung somit fraglos terroristisch.

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