Nach dem folgenschweren Anschlag auf das Berliner Stromnetz, zu dem sich Linksextremisten bekannten, läuft eine groteske Verschleierungswelle an. Grüne Politiker vermuten die wahren Täter im Kreml. Oder war es doch die AfD?
von Manfred Ulex
Der Stromausfall im Berliner Südwesten nach dem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde gefährdet Menschenleben – denn er trifft in der Winterkälte auch Alte und chronisch Kranke zu Hause oder in Pflegeeinrichtungen. Der gezielte Schlag richtet sich gegen 45 000 Haushalte und 2200 Gewerbebetriebe, viele von ihnen bleiben voraussichtlich noch bis Donnerstag ohne Elektroenergie, und damit in vielen Fällen auch ohne Wärme.
Das macht die Frage nach den Tätern um so drängender. Denn hier handelt es sich zweifelsfrei um Terrorismus, und zwar allen bisherigen Erkenntnissen zufolge um linksextremen Terror: Die Polizei stuft das Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“ als authentisch ein, die schon für eine ganze Reihe ganz ähnlicher Anschläge verantwortlich zeichnete. Aber gerade deshalb, weil vieles für Linksaußen-Täter spricht, springt bei Grünen, Linkspartei und einem großen Teil der Medien die übliche Vernebelungs- und Beschwichtigungsroutine an, nach dem Motto: Linker Terror? Kann nicht sein.
Das große Ablenkungsmanöver begann mit der ARD-Tagesschau: die öffentlich-rechtliche Hauptnachrichtensendung erwähnte in ihrer Meldung vom 4. Januar mit keinem Wort das Bekennerschreiben der „Vulkan-Gruppe“, obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon vorlag.
Der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz zeigte sofort auf Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, also von ihm aus gesehen nach rechts, und machte ihn für die ungenügende Sicherheit der Stromleitungen im Land Berlin verantwortlich. Irgendeinen Verweis auf die mutmaßlichen Täter unterließ von Notz.
Ebenso sein Fraktionskollege Janosch Dahmen, der düster von „autoritären Regimen“ und „Wegwerfagenten“ raunte, und damit die Täter beziehungsweise deren Lenker in Russland verortete. Irgendwelche Belege? Keine.
Besonders wild erging sich der Altgrüne Volker Beck in Spekulationen: er verbreitete auf X einen Post weiter, dessen Urheber behauptet, bei dem Bekennerschreiben-Text handle es sich um eine Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche. Als Beweis dient ihm ein KI-Programm. Dumm nur: andere Nutzer von X, die Programme der künstlichen Intelligenz bemühten, erhielten keinen heißen Tipp in Richtung Moskau.
Bei Tagesschau, Grünen und anderen scheint das Dogma festzustehen: Bekennerschreiben hin oder her – Linke können und dürfen es nicht gewesen sein. Auch ganz ähnliche von linken Aktivisten bejubelte Anschläge – etwa auf die Stromversorgung des Tesla-Werks in Grünheide nahe Berlin – können sie in dieser Überzeugung nicht erschüttern. Am Montag gab dann eine Welle von Posts dem Auf-keinen-Fall-Linke-Narrativ einen neuen Dreh: vermutlich steckt die AfD dahinter. Dafür präsentieren Linkstwitterer einen schlagenden Beweis: ein AfD-Parlamentarier des Abgeordnetenhauses habe sich _ allerdings schon im Juni 2024 – in einer Anfrage an die Landesregierung nach der Sicherheit der Stromversorgung erkundigt.
Die Anfrage bezog sich allerdings erstens auf ein völlig anderes Gebiet als den Berliner Südwesten. Und dafür, wo die Stromleitungen in Berlin verlaufen, braucht niemand Anfragen der AfD, sondern nur einen Blick auf die Webseite von Stromnetz Berlin. Dort findet sich auch mühelos ein Plan der Kabelbrücke, die durch den Brandanschlag zerstört wurde.
Warum eine strategisch derart wichtige Zuleitung, an der mehrere Stadtteile hängen, nicht gesichert war, weder durch Kameras noch einen Zaun, ist eine sicherlich wichtige Frage. Aber eine Antwort gibt es jetzt schon: die AfD zeichnet für diesen lässigen Umgang mit kritischer Infrastruktur garantiert nicht verantwortlich. Ganz Gewiefte verzichteten auf alle Verrenkungen dieser Art, sondern erklärten die „Vulkan“-Gruppe kurzerhand zu Rechtsextremen:
Dann müsste es sich allerdings um Rechtsextreme (oder russische Agenten) handeln, die sich als Linksextremisten tarnen. Erstens findet sich in dem Bekennerschreiben Täterwissen („haben wir zur Seite der Grünanlagen hin in Brand gesetzt…wir haben die angeschmorten Kabelstränge mit herumliegenden Stahlstangen zusätzlich kurzgeschlossen“).
Außerdem endet das Schreiben mit der Parole: „Freiheit für alle Antifas, Klimaaktivist:innen und all die anderen Widerspenstigen“. Der Bekennertext nennt außerdem mehrere „Referenzpunkte unserer Aktion“, er nahm also Bezug auf Anschläge gegen die Stromleitungen des Technologieparks Adlershof, der Teslas Gigafactory Grünheide, des Steinkohlekraftwerks Reuter von Vattenfall und einen zentralen Vodafone-Knotenpunkt in Adlershof. Erst im September 2025 führte ein Brandanschlag an zwei Hochspannungsmasten zu einem mehrtägigen Blackout in Berlin-Köpenick. Der Anschlag auf die Stromversorgung der Tesla-Fabrik im März 2024, zu dem sich ebenfalls die „Vulkan-Gruppe“ bekannte, ereignete sich parallel zu einer Aktion linksradikaler Gruppen, die seinerzeit einen Erweiterungsbau des Werks verhindern wollten. Die zentrale Figur dort: Carola Rackete, damals Spitzenkandidatin der Linkspartei für die Europawahl. Aber vielleicht arbeitet Rackete ja im Zweitjob für den russischen Geheimdienst, und im Drittberuf für die AfD.
🆘 Unserer Redaktion fehlen noch 108.500 Euro!
Um auch 2026 kostendeckend arbeiten zu können, fehlen uns aktuell noch 108.500 von 110.000 Euro. Wenn Ihnen gefällt, was wir tun, dann zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Mit Ihrer Spende von heute ermöglichen Sie unsere investigative Arbeit von morgen: Unabhängig, kritisch und ausschließlich dem Leser verpflichtet. Unterstützen Sie jetzt ehrlichen Journalismus mit einem Betrag Ihrer Wahl – einmalig oder regelmäßig:
