In Brandenburg verschwinden innerhalb weniger Wochen mehr als 230 Rinder. Der Schaden für die betroffenen Bauern geht in die Hunderttausende. Die Landwirte sprechen von einer „Katastrophe“ und vermuten straff organisierte Täterbanden hinter den Taten. Behörden und Polizei geben sich ahnungslos. Eine Reportage.
Die Nacht vom 20. auf den 21. April dieses Jahres ist sternenklar. Sie ist kalt. Nur drei Grad über Null. Alles scheint ruhig in Langennaundorf, einem kleinen Ortsteil von Uebigau-Wahrenbrück im Kreis Elbe-Elster. Die Menschen schlafen. Eine trügerische Ruhe. Denn irgendwann in dieser Nacht wird ein Sattelschlepper über eine dieser engen landwirtschaftlichen Straßen, mit steinigem Asphalt, an den großen abgelegenen Stall heranrollen. Am nächsten Morgen sind 71 junge Rinder verschwunden. Kein Einzelfall in Brandenburg. Seit Monaten leiden die Landwirte unter Viehdiebstählen. Rund 240 Rinder sind verschwunden. Der Schaden beträgt um die 340.000 Euro.
„Es waren 71 weibliche Jungrinder“, sagt Michael Jänsch, der Bevollmächtige der Agrargenossenschaft Gräfendorf. „Die Tiere wären Milchkühe geworden.“ Wenn Jänsch da so sitzt, an seinem Schreibtisch im ersten Stock im Verwaltungsgebäude in Gräfendorf, zu der der Stall in Langennaundorf gehört, erinnert er an einen Verwalter eines hinterpommerschen Ritterguts. So schnell haut ihn nichts aus den Pantinen.
Ihm ist es wichtig, dass Laien verstehen, worum es hier in Brandenburg gerade geht. Die Jungtiere seien bereits von der Milch entwöhnt. In dieser Zeit fressen sie enorm viel Rauhfutter und wiegen zwischen 150 und 250 Kilogramm. Der Wert eines jeden Tieres beträgt so ungefähr 700 Euro. „Morgens um fünf Uhr, als der Mitarbeiter nach den Tieren schaute, bemerkte er, dass sie weg waren“, sagt Jänsch. „In dem Laufstall standen nur noch rund zehn sehr kleine Kälber. Die haben die Viehdiebe nicht mitgenommen.“
Derzeit ermittelt die Polizei in vier Fällen
Der Diebstahl bei der Agrargenossenschaft ist nur einer von vielen aus der jüngsten Zeit allein in Brandenburg. Zwar werden alle Delikte, die seitens der Polizei hinreichend konkretisiert sind, in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) aufgenommen, allerdings gibt es einen kleinen Haken. Ein vollständiges Lagebild ergibt sich aus diesen Zahlen nur schlecht. „In der bundeseinheitlichen PKS gibt es derzeit keinen Tatörtlichkeitswert ‘Landwirtschaftlicher Betrieb’“, erklärt Hanna Echle vom Landeskriminalamt. Es bestehe im Land Brandenburg jedoch die Möglichkeit, derartige Tatörtlichkeitswerte fakultativ im Vorgangsbearbeitungssystem (VBS) zu erfassen.
Insofern könnten auch hier die vorliegenden Informationen nur Trends der Kriminalitätsentwicklung im konkreten Phänomenbereich widerspiegeln und hätten keinen Anspruch auf Vollständigkeit. „Zur Orientierung kann ich Ihnen mitteilen, dass es sich seit 2023 um rund 350 Diebstahlsdelikte, im Sinne ihrer Anfrage, pro Jahr handelt und die Zahlen rückläufig sind.“
Nach derzeitigem Stand ermittelt die Polizei Brandenburg in vier Fällen wegen des Diebstahls von Rindern. Darunter gab es drei Diebstähle in der Polizeidirektion Süd und einen Diebstahl in der Polizeidirektion West. Insgesamt wurden über 200 Rinder entwendet. Zur Bearbeitung der Ermittlungsverfahren wurde die Ermittlungsgruppe (EG) „Weide“ im LKA eingerichtet.
Jeder vierte im ländlichen Raum wurde Opfer von Diebstahl
Brandenburg ist nicht zum ersten Mal in den Fokus von Viehdieben geraten. Die Sonderkommission „Koppel“ wurde im März 2017 zur zentralen kriminalpolizeilichen Bearbeitung von Verdachtsfällen des bandesmäßig organisierten und grenzüberschreitenden Diebstahls von Großvieh eingerichtet, so das LKA. „Die Ermittlungen haben zur Aufklärung von 14 Fällen des bandenmäßig organisierten und grenzüberschreitenden Diebstahls von Großvieh geführt.“ Die Sonderkommission wurde im April 2019 aufgelöst. Die Täter stammten damals aus Polen, waren gut organisiert. Mit ihrer Ergreifung hörten die Diebstähle schlagartig auf. Sieben Jahre später schlagen wieder Viehdiebe zu.
Kriminalität im ländlichen Raum scheint lange nicht ernst genommen worden zu sein. Es wird noch heute oft unter Mundraub abgehandelt. Vielleicht liegt es daran, dass Gesetze von städtischem Milieu erlassen werden? Professor Kirstin Drenkhahn von der Freien Universität Berlin untersuchte erstmals die Kriminalität auf dem Lande. Die Strafrechtlerin, selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen, untersuchte in ihrer Studie Straftaten gegen Landwirtinnen und Landwirte. Ihr Titel: „Kriminalität und Viktimisierung auf dem Lande in Deutschland – Die Berliner Farm Crime-Untersuchung“.
Und die Ergebnisse waren überraschend. „Die Befragten in der Farm-Crime-Studie – sämtlich Bauern und Bäuerinnen – waren sich dessen bewusst, dass ganz allgemein und abstrakt statistisch im urbanen Raum überproportional viele Straftaten und im ländlichen unterproportional viele verzeichnet werden“, heißt es von der Freien Universität Berlin. Eine Ausnahme ist der Diebstahl: „Während ganz allgemein gesprochen nur rund die Hälfte der Befragten antwortete, überhaupt je Opfer einer Straftat geworden zu sein, sagten, wenn es konkret um Diebstahl ging, rund 62 Prozent aller Befragten, sie seien bereits Opfer eines Diebstahls auf ihrem Hof geworden. 25 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten.“
„Das größte Problem ist die Versicherung“
Drenkhahn schließt daraus, dass Diebstahl von vielen Bäuerinnen und Bauern „nicht wirklich“ als Kriminalität wahrgenommen wird. Sie vermute, so die FU weiter, dass auf einem ländlichen Betrieb naturgemäß sehr viele Gegenstände, seien es landwirtschaftliche Erzeugnisse wie reife Früchte auf dem Feld oder Tiere wie Schafe oder Kühe oder Werkzeug und Maschinen mehr oder weniger ungesichert vorhanden sind.
Bei Verschwinden eines Heuballens oder von Maiskolb










