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Viehdiebe in Brandenburg: „Das ist eine Katastrophe“

Viehdiebe in Brandenburg: „Das ist eine Katastrophe“
Bauer Michael Jänsch in seinem Stall in Brandenburg: Hier wurden ihm im April dieses Jahres 71 Jungrinder gestohlen.

In Brandenburg verschwinden innerhalb weniger Wochen mehr als 230 Rinder. Der Schaden für die betroffenen Bauern geht in die Hunderttausende. Die Landwirte sprechen von einer „Katastrophe“ und vermuten straff organisierte Täterbanden hinter den Taten. Behörden und Polizei geben sich ahnungslos. Eine Reportage.

von Martina Meckelein

Die Nacht vom 20. auf den 21. April dieses Jahres ist sternenklar. Sie ist kalt. Nur drei Grad über Null. Alles scheint ruhig in Langennaundorf, einem kleinen Ortsteil von Uebigau-Wahrenbrück im Kreis Elbe-Elster. Die Menschen schlafen. Eine trügerische Ruhe. Denn irgendwann in dieser Nacht wird ein Sattelschlepper über eine dieser engen landwirtschaftlichen Straßen, mit steinigem Asphalt, an den großen abgelegenen Stall heranrollen. Am nächsten Morgen sind 71 junge Rinder verschwunden. Kein Einzelfall in Brandenburg. Seit Monaten leiden die Landwirte unter Viehdiebstählen. Rund 240 Rinder sind verschwunden. Der Schaden beträgt um die 340.000 Euro.

„Es waren 71 weibliche Jungrinder“, sagt Michael Jänsch, der Bevollmächtige der Agrargenossenschaft Gräfendorf. „Die Tiere wären Milchkühe geworden.“ Wenn Jänsch da so sitzt, an seinem Schreibtisch im ersten Stock im Verwaltungsgebäude in Gräfendorf, zu der der Stall in Langennaundorf gehört, erinnert er an einen Verwalter eines hinterpommerschen Ritterguts. So schnell haut ihn nichts aus den Pantinen.

Ihm ist es wichtig, dass Laien verstehen, worum es hier in Brandenburg gerade geht. Die Jungtiere seien bereits von der Milch entwöhnt. In dieser Zeit fressen sie enorm viel Rauhfutter und wiegen zwischen 150 und 250 Kilogramm. Der Wert eines jeden Tieres beträgt so ungefähr 700 Euro. „Morgens um fünf Uhr, als der Mitarbeiter nach den Tieren schaute, bemerkte er, dass sie weg waren“, sagt Jänsch. „In dem Laufstall standen nur noch rund zehn sehr kleine Kälber. Die haben die Viehdiebe nicht mitgenommen.“

Derzeit ermittelt die Polizei in vier Fällen

Der Diebstahl bei der Agrargenossenschaft ist nur einer von vielen aus der jüngsten Zeit allein in Brandenburg. Zwar werden alle Delikte, die seitens der Polizei hinreichend konkretisiert sind, in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) aufgenommen, allerdings gibt es einen kleinen Haken. Ein vollständiges Lagebild ergibt sich aus diesen Zahlen nur schlecht. „In der bundeseinheitlichen PKS gibt es derzeit keinen Tatörtlichkeitswert ‘Landwirtschaftlicher Betrieb’“, erklärt Hanna Echle vom Landeskriminalamt. Es bestehe im Land Brandenburg jedoch die Möglichkeit, derartige Tatörtlichkeitswerte fakultativ im Vorgangsbearbeitungssystem (VBS) zu erfassen.

Insofern könnten auch hier die vorliegenden Informationen nur Trends der Kriminalitätsentwicklung im konkreten Phänomenbereich widerspiegeln und hätten keinen Anspruch auf Vollständigkeit. „Zur Orientierung kann ich Ihnen mitteilen, dass es sich seit 2023 um rund 350 Diebstahlsdelikte, im Sinne ihrer Anfrage, pro Jahr handelt und die Zahlen rückläufig sind.“

Nach derzeitigem Stand ermittelt die Polizei Brandenburg in vier Fällen wegen des Diebstahls von Rindern. Darunter gab es drei Diebstähle in der Polizeidirektion Süd und einen Diebstahl in der Polizeidirektion West. Insgesamt wurden über 200 Rinder entwendet. Zur Bearbeitung der Ermittlungsverfahren wurde die Ermittlungsgruppe (EG) „Weide“ im LKA eingerichtet.

Jeder vierte im ländlichen Raum wurde Opfer von Diebstahl

Brandenburg ist nicht zum ersten Mal in den Fokus von Viehdieben geraten. Die Sonderkommission „Koppel“ wurde im März 2017 zur zentralen kriminalpolizeilichen Bearbeitung von Verdachtsfällen des bandesmäßig organisierten und grenzüberschreitenden Diebstahls von Großvieh eingerichtet, so das LKA. „Die Ermittlungen haben zur Aufklärung von 14 Fällen des bandenmäßig organisierten und grenzüberschreitenden Diebstahls von Großvieh geführt.“ Die Sonderkommission wurde im April 2019 aufgelöst. Die Täter stammten damals aus Polen, waren gut organisiert. Mit ihrer Ergreifung hörten die Diebstähle schlagartig auf. Sieben Jahre später schlagen wieder Viehdiebe zu.

Kriminalität im ländlichen Raum scheint lange nicht ernst genommen worden zu sein. Es wird noch heute oft unter Mundraub abgehandelt. Vielleicht liegt es daran, dass Gesetze von städtischem Milieu erlassen werden? Professor Kirstin Drenkhahn von der Freien Universität Berlin untersuchte erstmals die Kriminalität auf dem Lande. Die Strafrechtlerin, selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen, untersuchte in ihrer Studie Straftaten gegen Landwirtinnen und Landwirte. Ihr Titel: „Kriminalität und Viktimisierung auf dem Lande in Deutschland – Die Berliner Farm Crime-Untersuchung“.

Und die Ergebnisse waren überraschend. „Die Befragten in der Farm-Crime-Studie – sämtlich Bauern und Bäuerinnen – waren sich dessen bewusst, dass ganz allgemein und abstrakt statistisch im urbanen Raum überproportional viele Straftaten und im ländlichen unterproportional viele verzeichnet werden“, heißt es von der Freien Universität Berlin. Eine Ausnahme ist der Diebstahl: „Während ganz allgemein gesprochen nur rund die Hälfte der Befragten antwortete, überhaupt je Opfer einer Straftat geworden zu sein, sagten, wenn es konkret um Diebstahl ging, rund 62 Prozent aller Befragten, sie seien bereits Opfer eines Diebstahls auf ihrem Hof geworden. 25 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten.“

„Das größte Problem ist die Versicherung“

Drenkhahn schließt daraus, dass Diebstahl von vielen Bäuerinnen und Bauern „nicht wirklich“ als Kriminalität wahrgenommen wird. Sie vermute, so die FU weiter, dass auf einem ländlichen Betrieb naturgemäß sehr viele Gegenstände, seien es landwirtschaftliche Erzeugnisse wie reife Früchte auf dem Feld oder Tiere wie Schafe oder Kühe oder Werkzeug und Maschinen mehr oder weniger ungesichert vorhanden sind.

Bei Verschwinden eines Heuballens oder von Maiskolben von einem Feld wird nicht die Polizei gerufen, der Diebstahl taucht dann auch in keiner Kriminalitätsstatistik auf. Diebstähle seien demnach keine „echte Kriminalität“. Dabei ist die „von den befragten Bäuerinnen und Bauern berichtete Quote von 25 Prozent derer, die in den vergangenen zwölf Monaten Opfer eines Diebstahls geworden sind, deutlich höher als der Durchschnitt aller Bürger, der laut einer umfangreichen und repräsentativen Umfrage bei knapp 17 Prozent liegt.“

Jänsch ist dafür ein gutes Beispiel, er nimmt die Diebstähle bitter ernst: 2017 wurde Technik aus der Werkstatt gestohlen – 50.000 Euro Schaden. 2021 Elektronik aus einem Schlepper ausgebaut und gestohlen – 40.000 Euro Schaden. 2025 ein Radlader aus dem Stall gestohlen – 50.000 Euro Schaden. Jetzt die Rinder mit 50.000 Euro Schaden. „Das größte Problem bei der Schadensquote ist doch, dass die Versicherung uns den Beitragssatz erhöht oder uns kündigt.“ Damit ist auch klar, dass die Diebstähle durch organisierte Banden, und davon sollte man ausgehen, durchaus für landwirtschaftliche Betriebe existenzgefährdend sind.

In Baden-Württemberg führten Einsparungen zu mehr Diebstählen

Polizeipräsenz in der Fläche könnte den Bauern helfen. Aber innerhalb von 20 Jahren reduzierte sich die Anzahl der Polizeibeamten in Brandenburg um 2.000 Mann auf noch 8.250 Bedienstete. In einem gemeinsamen Aufsatz veröffentlichten Sebastian Blesse, Stellvertretender Leiter des Ludwig Erhard ifo Zentrums für Soziale Marktwirtschaft und Institutionenökonomik, und André Diegmann, Forschungsgruppenleiter in der Abteilung Strukturwandel und Produktivität des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), die Auswirkungen der Schließung lokaler Polizeiposten auf die Kriminalität. In ihrer Studie kamen sie zu dem Schluss, dass die Reduzierung der Polizeipräsenz, also die Schließung von Wachen, „zu einem signifikanten Anstieg von Diebstahlkriminalität, insbesondere bei Wohnungseinbrüchen und Autodiebstählen, führt“, berichtet das Ifo-Institut.

Damit straft das Ergebnis im Grunde jeden Politiker Lügen, der Polizeistrukturreformen zur Effizienzsteigerung fordert und doch nur Lohnkosten-Einsparungen meint. Die Wissenschaftler untersuchten konkret die Auswirkungen des Rückgangs der Polizei am Beispiel einer Region in Baden-Württemberg. Danach sei es das erklärtes Ziel der Reform gewesen, durch die Professionalisierung der Polizei Effizienzgewinne zu erreichen. Die Daten hätten jedoch gezeigt, dass sich die lokalen Aufklärungsquoten im Zuge der Reform nicht verändert haben.

Die Reform hat also nicht dazu geführt, mehr Kriminelle „von der Straße“ zu holen. Im Gegenteil zeigen die Ergebnisse, dass die Reform eher zum Diebstahl verleitet hat und die Täter zudem ein gutes Verständnis der lokalen Gegebenheiten haben. Die subjektiv wahrgenommene Wahrscheinlichkeit, bei kriminellen Handlungen von Polizeikräften gefasst zu werden, ist gesunken. Auch Kriminelle lesen Zeitungen und informieren sich, zum Beispiel über Schließungen von Polizeiposten. Sie müssen schließlich eine Risikoabwägung vornehmen. Im ländlichen Raum scheint das Risiko, gefasst zu werden, für sie jedenfalls gering. Ob sich die Viehdiebe in Brandenburg allerdings auch über die Rassemerkmale ihres Diebesgutes zuvor kundig gemacht haben?

Bestimmte Viehsorten dienen als Genreserve

„Das ist eine Katstrophe“, sagt Reinhard Jung, Geschäftsführer des Bauernbundes Brandenburg. Damit meint er den Diebstahl der 71 Fresser in Langennauen. „Sie gehören nämlich zur Rasse Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind.“ Im Rasseschlüssel ist ihre Kennung mit der Ziffer 10 ausgewiesen. Die Rasse wird seit Mitte des 18. Jahrhunderts gezüchtet. 1878 gründete sich in Ostfriesland der erste Zuchtverband, in der Folge waren seine Hauptzuchtgebiete eben Ostfriesland und Ostpreußen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, Ende der fünfziger Jahre, wurden in Westdeutschland Holsteiner Rinder eingekreuzt. Im Osten Jerseyrinder. Allerdings konnte die Rasse hier auch erhalten werden – und zwar reinrassig. Ein besonderes Verdienst der Agrargenossenschaft Gräfendorf. „Wir haben Verantwortung unseren Altvorderen gegenüber“, sagt Jänsch. „Sie haben diese Tiere schon immer hier gezüchtet. Und wir werden, das muss man auch betonen, von den Behörden heute klar nach langen Kämpfen unterstützt.“

Die Zucht des DSN wird subventioniert. Was macht nun diese Rasse so besonders? Die Tiere sind robust, langlebig und fruchtbar. „Die Rasse dient als Genreserve“, sagt Jänsch. „Die Tiere nennt man Zweinutzungsrind. Sie sind zur Fleisch- und zur Milchproduktion nutzbar. Moderne Rinderrassen kennen nur das Entweder-Oder.“ Dennoch stehen die behörnten kleinen Rindviecher, Bullen wiegen bis 1.150, Kühe bis 600 Kilogramm, auf der Roten Liste gefährdeter Nutztierrassen der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH). 2021 gab es noch 2.514 Kühe und 27 Bullen. Um so klarer ist es, dass der Diebstahl von 71 Zuchttieren wirklich ein großer Verlust für die deutsche Rinderzucht ist.

Polizei verstärkt Grenzkontrollen wegen der Viehdiebe

Was wurde aus den gestohlenen jungen Kühen? „Es ist ja nun wirklich alles Spekulation“, erklärt Jänsch. Sicher ist für ihn folgendes: Die Täter kennen sich im Umgang mit Großtieren aus. Die kennen auch die Örtlichkeiten. Mit zwei Mann könne man solch eine große Gruppe zwar stehlen, aber schneller ginge es mit mehreren Leuten. „Sicher ist auch, dass das Fleisch nicht mehr, sollten sie geschlachtet worden sein, als Kalbfleisch durchgeht, weil sie ja schon Rauhfutter gefressen haben“, sagt Jänsch. „Dadurch dunkelt das Fleisch, das kann man nicht als weißes Kalbfleisch verkaufen.“

Sicher ist auch, die Tiere hatten alle Ohrmarken und einen Rinderpass. Spätestens sieben Tage nach der Geburt muss ein Kalb zwei gelbe Ohrmarken bekommen. Seine Daten und die seiner Mutter sind eingestanzt. Diese Daten werden vom Landwirt an das bundesweite Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere (HIT) gemeldet. Dann bekommt das Tier seinen Rinderpaß ausgestellt. Ohne ihn ist ein regulärer Transport über Landesgrenzen und/oder ein Verkauf unmöglich. Entweder wurden die Ohrmarken der kleinen weiblichen Jungtiere irgendwo abgeschnitten und durch neue ersetzt, samt gefälschter Pässe, „oder sie wurden in Regionen transportiert, wo Ohrmarken ohne Papiere keine Rolle spielen.“

Vor dem Hintergrund der laufenden Ermittlungen, gibt das LKA keine Auskunft zum aktuellen Stand, der Vorgehensweisen der Täter oder der Zusammenarbeit mit anderen Behörden. „Ich kann Ihnen jedoch mitteilen, dass wir in diesem Zusammenhang landesweit Schwerpunktkontrollen, unter anderem mit Beteiligung der Veterinärämter, durchführen“, so die LKA-Sprecherin Echle. „Im Fokus dieser Kontrollen stehen insbesondere Viehtransporte.“

Entsprechend gab es Ende Mai dieses Jahres eine größere Kontrolle auf der A15 Richtung Polen auf einem Rastplatz bei Forst (Spree-Neiße-Kreis), wobei stichprobenartig Lkw und Transporter untersucht wurden. Verstöße konnten dabei keine festgestellt werden.

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