Ein Glas Wein am Abend – für viele ein normales Ritual. Doch kann genau das beeinflussen, wie schnell unser Körper biologisch altert? Eine große italienische Studie mit 22.000 Teilnehmern liefert eine überraschende Antwort!
von Manfred Ulex
Eine große italienische Studie deutet darauf hin, dass der moderate Weingenuss bei Männern biologisch gesehen ein verjüngendes Effekt zu haben scheint. Demzufolge weisen Männer, die moderat Wein konsumieren, im Durchschnitt eine um etwa fünf Monate geringere biologische Alterung auf als jene, die keinen Alkohol konsumieren. Der positivste Effekt wurde bei einer täglichen Aufnahme von ein bis zwei kleinen Gläsern beobachtet.
Der Effekt scheint jedoch nicht auf dem Alkohol selbst zu basieren. Die Studie wurde im Fachjournal “International Journal of Public Health” publiziert. Die Daten entstammen der umfassenden italienischen Moli-sani-Studie, die 22.495 Teilnehmer ab einem Alter von 35 Jahren umfasste. Der Name steht dabei für die Region Molise in Süditalien und bedeutet sinngemäß “gesunde Menschen aus Molise”.
Das wollten die Forscher wissen
Die Forscher:innen wollten eruieren, ob Wein, ein fester Bestandteil der mediterranen Ernährung, in diesem Kontext eine Rolle spielt. In dieser Ernährungsweise wird Wein jedoch typischerweise regelmäßig, jedoch in geringen Mengen und vorwiegend zu den Mahlzeiten konsumiert – dies wird auch in der Studie berücksichtigt. Bisher wurde in der Forschung meist lediglich eine allgemeine Untersuchung des Alkoholkonsums vorgenommen, die den Konsum von Wein nicht explizit einbezog.
Die Probanden führten detaillierte Angaben zu ihrer Ernährungsweise, einschließlich ihres Weinkonsums, in einem Fragebogen ein. Auf dieser Grundlage wurden die Teilnehmer*innen in Gruppen eingeteilt, die sich in ihrem Alkoholkonsum voneinander unterschieden. Als moderat wurde eine Menge definiert, wie sie typisch für die mediterrane Ernährung ist – bei Männern ungefähr ein bis zwei kleine Gläser Wein pro Tag. Dies bezeichnet ein Trinkmuster, das fest in eine insgesamt gesunde Ernährungsweise eingebettet ist, nicht jedoch isolierter Alkoholkonsum.
Im Rahmen der Untersuchung wurde mittels des “biologischen Alters”, das auf 36 verschiedenen Blutwerten basierte (darunter Blutzucker, Entzündungswerte und Lebermarker), das tatsächliche Alter des Körpers der Probanden ermittelt. Gemäß der vorliegenden Forschung wird ein dem tatsächlichen Alter des Körpers überlegenes biologisches Alter als Indikator für ein verzögertes Altern interpretiert.
Ergebnisse des „Verjüngungseffekts“ im Detail
Die Resultate präsentieren ein eindeutiges, jedoch differenziertes Bild. Zunächst ist festzustellen, dass der Effekt statistisch nur bei Männern signifikant nachweisbar war. Bei Frauen hingegen konnte kein klarer Zusammenhang festgestellt werden.
Bei der männlichen Versuchsgruppe wurde ein signifikant niedrigeres biologisches Alter bei den moderaten Weintrinkern beobachtet, das etwa fünf Monate unter dem der Kontrollgruppe lag. Der Effekt manifestierte sich bei einer Weinmenge von 170 bis 200 Millilitern pro Tag am deutlichsten. Dies entspricht etwa ein bis zwei kleinen Gläsern. In diesem Bereich wurde das biologische Alter am niedrigsten quantifiziert.
Die vorliegende Studie beschreibt eine “J-förmige” Kurve: Ein moderates Maß an Alkoholkonsum bietet einen Vorteil, während ein übermäßiger Alkoholkonsum (über 30 bis 60 Gramm Ethanol pro Tag) den Alterungsprozess im Vergleich zu Nicht-Trinkern sogar beschleunigt.
Warum ausgerechnet Wein?
Die vorliegenden Befunde legen nahe, dass der Effekt nicht auf dem Alkohol (Ethanol) selbst beruht. Für Bier oder Spirituosen konnte kein vergleichbarer Vorteil für das biologische Alter festgestellt werden. Forschungsergebnissen zufolge könnten die im Wein enthaltenen Polyphenole (sekundäre Pflanzenstoffe aus der Traube) eine entscheidende Rolle spielen, da sie Entzündungen reduzieren und Zellen schützen können.
Die vorliegende Studie kommt zu dem Schluss, dass Wein nicht als isoliertes “Wundermittel” zu betrachten ist, sondern seine potenziell verlangsamende Wirkung auf das biologische Altern nur im Zusammenspiel mit der mediterranen Lebensweise entfaltet. Die vorliegende Hypothese wird durch drei Punkte gestützt.
Es sei zunächst Folgendes angeführt: In der mediterranen Tradition wird Wein nicht unkontrolliert, sondern regelmäßig, in geringen Mengen und fast ausschließlich zu den Mahlzeiten konsumiert. Die Forscher legen besonderen Wert auf die Feststellung, dass genau dieses Muster – die Kombination aus moderater Menge und dem Verzehr mit Nahrung – für die gesundheitlichen Effekte von entscheidender Bedeutung sein kann.
Des Weiteren lässt sich der biologische Vorteil nicht auf den Alkohol (Ethanol) selbst zurückführen, da sich ein positiver Effekt auf das biologische Alter durch den Konsum von reinem Alkohol über andere Getränke wie Bier oder Spirituosen nicht nachweisen lässt. Stattdessen werden Polyphenole als potenzielle Wirkstoffe vermutet. Diese finden sich im Wein, aber auch in zahlreichen weiteren Basis-Lebensmitteln der Mittelmeerküche wie Obst, Gemüse und Olivenöl. Der Wein stellt somit lediglich eine von zahlreichen Quellen dieser schützenden Stoffe innerhalb dieses Ernährungsstils dar.
Der „Healthy-User-Effekt“
Zuletzt wurde in der Studie darauf hingewiesen, dass moderate Weintrinker oft ein gesünderes Profil aufweisen. Es konnte beobachtet werden, dass die Probanden eine erhöhte Bewegungsaktivität aufwiesen, eine reduzierte Rauchfrequenz aufwiesen und eine verbesserte Ernährungsweise aufwiesen. In den genannten Fällen fungiert der Wein eher als Indikator für einen bewussten Lebensstil als als dessen alleinige Ursache.

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