Gesundheit

Zecken als Biowaffen

Zecken als Biowaffen
Zecken: Lebensgefährliche Waldbewohner

Während des Kalten Krieges forschten die Großmächte an Biowaffen. Unter anderem wollte man mit Krankheitserregern verseuchte Flöhe und Zecken in feindliches Gebiet einschleusen. Nun soll in den USA geklärt werden, ob diese Experimente auch Nachwirkungen bis in die Gegenwart haben. Stammt etwa die mitunter tödliche Infektionskrankheit Borreliose aus solchen Bioterror-Labors?

von Bert Ehegartner

2017 und 2019 wurden seine ersten beiden Versuche abgelehnt. Doch diesmal klappte es. Kurz vor Weihnachten 2025 unterzeichnete Präsident Donald Trump einen Antrag des Republikanischen Abgeordneten Chris Smith, der Licht in ein finsteres Kapitel der US-Militärgeschichte bringen soll. Es geht um die Frage, ob in der Zeit des Kalten Krieges Zecken als mögliche Biowaffen betrachtet und entsprechend manipuliert worden sind. Besonders interessiert Smith die Frage, ob die in den USA noch immer stark verbreitete Lyme-Borreliose eine Folge dieser Bioterror-Experimente war. Das überparteiliche „Government Accountability Office“ (GAO) – eine Art US-Rechnungshof – muss nun die geheimen Protokolle prüfen und einen Bericht erstellen.

Smith beruft sich in seinem Antrag vorwiegend auf Recherchen der Autorin und Journalistin Kris Newby, die für ihr Buch „Bitten – The Secret History of Lyme Disease and Biological Weapons“ („Gebissen: Die geheime Geschichte der Lyme-Borreliose und biologischer Waffen“) ein letztes Interview mit dem Zeckenforscher Willy Burgdorfer geführt hatte. Der aus der Schweiz stammende Wissenschaftler räumte darin ein, dass er während des Kalten Kriegs für die Biowaffenforschung der USA tätig war.

„Die Untersuchung ist längst überfällig“, zeigte sich Newby erfreut. „Immer mehr Beweise deuten darauf hin, dass Zecken manipuliert und als Überträger für biologische Kampfstoffe eingesetzt wurden. Und diese Zecken könnten vom US-Militär sowohl absichtlich als auch unabsichtlich auf eine ahnungslose Bevölkerung losgelassen worden sein.“

„Geheimhaltung kostete unzählige Menschenleben“

Newby ist im Jahr 2002 selbst an Borreliose erkrankt – ebenso wie ihr Ehemann Paul. „Es kostete uns enorm viel Geld und mehr als fünf Jahre, um uns von diesen Krankheiten zu erholen“, schrieb sie in einem im Januar 2026 erschienenen Artikel für das Magazin Spectator. „Die Epidemie der Lyme-Borreliose hätte durch frühzeitige Maßnahmen zur Zeckenbekämpfung und eine nachhaltige Aufklärungskampagne eingedämmt werden können. Stattdessen verhinderte die Geheimhaltung rund um das Biowaffenprogramm eine rechtzeitige Untersuchung und Reaktion, was unzählige Menschenleben kostete.“

Die Bezeichnung Lyme bezieht sich auf die gleichnamige Stadt im Bundesstaat Connecticut, wo das Phänomen erstmals untersucht wurde. Auslöser waren die Aktivitäten von Polly Murray, deren beiden Kinder während der 1970er Jahre an juveniler Arthritis erkrankt waren. Sie litten an immer wieder kehrenden Entzündungsschüben und geschwollenen Gelenken, so dass sie zeitweise kaum gehen konnten. Murray sammelte die Fälle weiterer betroffener Kinder in der Umgebung und alarmierte die Behörden. Der Rheumatologe Allen Steere von der Harvard University nahm sich der Sache an und veröffentlichte Fallberichte von 39 Kindern. Die Ursache war zunächst unbekannt, man vermutete Viren, Bakterien oder eine Vergiftung als Auslöser.

Etwa ein Drittel der Betroffenen berichteten von eigenartigen Hautrötungen, was auf die Bisse von Insekten oder Spinnen hinwies. Ein europäischer Kollege wies Steere darauf hin, dass in Europa die Auslöser dieser Wanderröte (erythema migrans) bereits seit langem bekannt sind: es handelt sich dabei um Zecken. Die Wanderröte tritt etwa eine Woche nach dem Stich der Tiere auf. Die Presse berichtete über diese Untersuchung und zahlreiche weitere Personen meldeten sich mit ähnlichen Beschwerden.

Nachdem Zecken ins Visier geraten waren, schloss sich der Wissenschaftler Willy Burgdorfer der Suche an. Er arbeitete seit 1952 am Rocky Mountain Laboratory in Montana, wo Zecken und die von ihnen übertragenen Krankheiten Teil seiner Forschung waren. Als Auslöser identifizierte Burgdorfer – zusammen mit dem Kollegen Alan Barbour – schließlich Bakterien, die im Darm der Tiere lebten. Die Bakterien hatten eine charakteristische korkenzieher-ähnliche Form und gehörten zur Gattung der Borrelien. Sie erhielten die Bezeichnung Borrelia burgdorferi. Im Zuge des Saugprozesses nehmen die Zecken über mehrere Tage Blut auf. Ab dem zweiten Tag beginnt der Verdickungsprozess und sie pumpen Wasseranteile aus dem Darm – inklusive der Borrelien – durch den Saugkanal zurück in ihren Wirt. Dabei kommt es zur Infektion.

Doch Borreliose war schon kompliziert, lange bevor sie mit Bioterror in Verbindung gebracht wurde. Das liegt zum einen am Verhalten der Borrelien. Sie gehören, ebenso wie die Erreger der Syphilis, zur Familie der Spirochäten – und wären damit an sich gut mit Antibiotika therapierbar. Das gilt jedoch nur für die erste Zeit nach der Infektion. Sobald sie länger im Körper sind, tarnen sie sich gut und sind oft nicht mehr erreichbar, weder für das Immunsystem noch für Medikamente.

Ärzte oft überfordert

Das zweite Problem liegt in der Vielfalt der Beschwerden, die sie auslösen können. Denn wenn das Immunsystem doch auf sie aufmerksam wird, greift es die ganze Umgebung des Bereichs an, in dem sich die Borrelien aufhalten. Je nach Region können Rheumaschübe, Schmerzen, Lähmungen und sonstige Symptome auftreten. Eine eindeutige Diagnose über Biomarker, PCR-Tests oder ähnliche Methoden ist schwierig, da keine standardisierten Tests existieren, die chronische Fälle klar abgrenzen. Die Ärzte sind oft überfordert und mit Phänomenen konfrontiert, die sie in den Bereich der Autoimmunerkrankungen einordnen, als Fibromyalgie, Chronisches Fatigue-Syndrom oder als Hypochondrie.

Der US-Gesundheitsbehörde CDC werden jährlich rund 90.000 Fälle gemeldet. Die Zahl der insgesamt behandelten Fälle wird mit 475.000 Personen jedoch deutlich höher angegeben. Ähnlich ist die Lage in Deutschland. 2025 wurde mit 16.500 Fällen ein Allzeithoch an das Robert Koch-Institut gemeldet.

Zecken als Biowaffen
Borreliose-Meldezahlen in Deutschland 2001-2025 | Quelle: RKI

Einen Einbruch bei den Neuerkrankungen gab es während der Covid-Zeit. Karin Sander, die Vorsitzende des Borreliose Bundes Deutschland vermutet, dass die Patienten fortan unter Long Covid geführt wurden. „Die Symptome von Long-Covid und Long-Lyme sind nahezu identisch. Das lässt spekulieren, dass jene Beschwerden überschnell in den Corona-Topf geworfen werden, zumal es für beide Infektionen weder zuverlässige Marker noch sichere Therapien gibt.“ Die relativ niedrigen Meldezahlen stehen laut Sander in starkem Widerspruch zu den Kassenleistungen. „Allein in Bayern werden von den Ärzten 65.000 Leistungen mit Bezug auf Borreliose abgerechnet – deutschlandweit sind es fast eine halbe Million.“ Viele Patienten seien jahrelang in Behandlung.

Der Borreliose-Pionier Allen Steere veröffentlichte bereits in den 90er Jahren Artikel, in denen er davor warnte, dass die Krankheit überdiagnostiziert und überbehandelt werde. Als Standard wird eine kurze Antibiotika-Therapie empfohlen, wenn sich die Wanderröte zeigt, oder ein positiver Test vorliegt. Wenn die Symptome jedoch über Monate und Jahre anhalten, müsse man über andere Ursachen nachdenken. Selbst Patienten mit einer positiven Serologie für die Borrelieninfektion werde – durch die ständige Gabe enormer Mengen an Antibiotika und anderer Mittel – „mehr geschadet als genutzt“.

Mit dieser Aussage wurden Steere und weitere Mediziner zu Feindbildern der diversen Selbsthilfegruppen und Patientenverbände. Zumal die Krankenkassen oft ausstiegen und die Behandlung – aufgrund der von den Experten erstellten Leitlinien – nicht mehr übernehmen wollten. Viele Mediziner wurden deshalb von zornigen Patienten öffentlich attackiert und sogar mit dem Tod bedroht.

Militärische Zeckenforschung

Dass sich nun auch noch eine Verbindung zur militärischen Biowaffen-Forschung auftut, gibt dem alten Streit neuen Schwung. Zumal Zecken tatsächlich als gut geeignet für diese Art der Kriegsführung angesehen wurden. Dies war auch der Grund, warum der Bakteriologe Willy Burgdorfer, der sich am Schweizer Tropeninstitut in Basel mit Zecken beschäftigte, über Vermittlung Anfang der 1950er Jahre in die USA gelangte – mitten ins Zentrum der militärischen Zeckenforschung am Rocky Mountain Laboratory und später in Verbindung mit dem US-Militär, unter anderem am Fort Detrick in Maryland, sowie auch in der berüchtigten „Naval Forschungseinheit 3“ (NAMRU-3) in Kairo. Burgdorfer entwickelte Methoden, um Insekten wie Flöhe und Moskitos, aber auch Zecken mit Krankheitserregern zu infizieren, um sie als potenzielle Vektoren für biologische Waffen zu testen.

Zecken als Biowaffen
Willy Burgdorfer bei seiner Arbeit mit Zecken, 1954 | Bild: Gary Hettrick, Rocky Mountain Laboratories

Über seine konkreten Tätigkeiten hielt sich Willy Burgdorfer Zeit seines Lebens zurück. Nur ab und an entkamen ihm – im höheren Alter – Andeutungen. So auch in einem kurz vor seinem Tod im Jahr 2014 geführten Interview mit Kris Newby, aus dem sie in ihrem Buch ‘Bitten’ zitiert. Burgdorfer war damals schon gesundheitlich schwer angeschlagen und litt an fortgeschrittenem Parkinson. Auf die Frage, was er im Labor NAMRU-3 in Kairo gemacht habe, antwortete er: „Ich habe Dinge getan, die früher die Nazis getan haben.“ Newby bat um nähere Erläuterung. „Ich habe an der Suspension für Flöhe gearbeitet. Ich habe ermittelt, wie viel des genetischen Materials in Flöhen verwendet werden kann.“ Die Frage, ob damit Flöhe gemeint waren, die mit den Erregern der Pest infiziert waren, bejahte Burgdorfer.

Zecken sollten mehr als nur eine Krankheit übertragen

Er erwähnte auch Versuche, die Fruchtbarkeit weiblicher Zecken zu erhöhen, damit sie mehr Eier produzieren können sowie das Colorado Zeckenfieber-Virus, eine laut Burgdorfer „harmlose Krankheit“. Auf die Frage, was das Ziel dieser Tests war, sagte er: „Das Virus senkt das Antigen.“ Die virale Infektion mache es in der Folge schwer, die wesentlich problematischere Infektion mit Bakterien zu erkennen. Zecken sollten demnach mehr als nur eine Krankheit übertragen. „Willy erzählte mir, dass ihm aufgetragen wurde, einen weiteren Keim in den Blutproben und Zecken zu verstecken“, erklärt Kris Newby gegenüber Multipolar. „Ich vermute, dass es sich dabei um Rickettsien handelte, die in Burgdorfers Laborbüchern als ‘Swiss Agent’ bezeichnet waren.“ Auf skurrilen Fotos aus diesen Laboren sieht man Zecken, die festgebunden sind und über Glaskapillaren mit Lösungen zwangsernährt werden, welche die unterschiedlichen Krankheitserreger enthalten.

Es gab nicht allzu viele Whistleblower, die nähere Auskunft über die geheimen Tätigkeiten in der Biowaffenforschung der USA gaben. Ab und zu durchbrach aber doch jemand die Nachrichtensperre. Und diese Zeugen klingen ähnlich wie Burgdorfer. Etwa James Oliver, der es später zum angesehen Zeckenexperten und Professor an der Universität von Georgia brachte. Im Zuge seiner Einberufung zum Korea-Krieg wurde der junge Biologe – statt an die Front – ins Forschungszentrum für biologische Kriegsführung nach Frederick in Maryland geschickt. „Es war ein wirklich interessantes Lager mit Beamten und 500 Soldaten wie mir, die eine spezielle Ausbildung hatten. Und das faszinierte mich: Zecken, Mücken und die von ihnen übertragenen Krankheitserreger zu untersuchen.“ Viele Kollegen waren mit bakteriellen Experimenten auf Pflanzenkulturen befasst. „Wenn man eine Nation wie Russland in die Knie zwingen will, muss man ihre Landwirtschaft zerstören.“ Logisch.

Zecken als Biowaffen
James Oliver in seinem Labor, 1982

Oliver konzentrierte sich auf die Arbeit mit Zecken. „Ich habe untersucht, wie man sie in großer Zahl züchtet. Wir führten alle möglichen Verteilungstests durch, um herauszufinden, wohin diese Tiere fliegen, wenn man sie freilässt, und welche Faktoren ihre Wanderung beeinflussen. Können wir sie aus Flugzeugen abwerfen und wie bringen wir die Insekten zum Feind?“ Oliver war zum Zeitpunkt des Interviews für die Zeitschrift ‘American Entomology’ bereits 85 Jahre alt und dennoch zurückhaltend: „Ich bin immer noch vorsichtig, wenn ich darüber spreche, weil ich glaube, dass sie mich ins Gefängnis stecken könnten, weil ich Geheimnisse preisgebe.“

Zeckenterror gegen Kuba

Abgeworfen wurden die infizierten Zecken dann beispielsweise 1962 auf Zuckerrohr-Arbeiter in Kuba, als Teilprojekt der ‘Operation Mongoose’, deren Ziel es war, die kubanische Regierung zu stürzen, unter anderem in dem man Fidel Castros Position in Kuba durch die Sabotage der kubanischen Wirtschaft schwächte.

Biowaffenforschung auch in der Sowjetunion

Auch die Sowjets betrieben auf zahlreichen Stützpunkten Biowaffenforschung. Ein wichtiges Zentrum war seit den 1930er Jahren die Stadt Kantubek auf der ‘Insel der Wiedergeburt’ (Ostrow Wosroschdenija) im Aralsee. Der an der Grenze von Kasachstan und Usbekistan liegende abflusslose Steppensee ist mittlerweile großteils ausgetrocknet und in kleinere Seen aufgeteilt. Die Insel gehört längst zum Festland und Kantubek, das einst 1.500 Einwohner zählte, ist heute eine Geisterstadt.

Doch während der 1980er Jahre herrschte noch großer Betrieb. Kanatjan Alibekov, Vizedirektor des sowjetischen Biowaffen-Programms ‘Biopreparat’ (‘Biovorsorge’), war häufig auf der Insel. Er testete die Eignung verschiedener Keime als Biowaffen, darunter die bakteriellen Auslöser der Pferdekrankheit Rotz, die auch auf den Menschen übertragbar ist, das hämorrhagische (zu Blutungen führende) Marburg-Virus oder Milzbrand- (Anthrax-) Bakterien. Speziell getestet wurden „Tularämie Bomben“. Diese Bakterien, die hauptsächlich durch Zecken übertragen werden, können hohes Fieber, Hautgeschwüre und Sepsis auslösen und unbehandelt tödlich verlaufen. In „Tularämie-Bomben“ wurden die auf Nährmedien gezüchteten Bakterien hoch konzentriert geladen und sollten nach dem Abwurf als Aerosole möglichst weitflächig verteilt werden.

Etwa 150 Wissenschaftler, Techniker und Soldaten verbrachten den Sommer in den Baracken des Biowaffen-Labors. Bei brütender Hitze fanden in der Abgeschiedenheit der militärischen Sperrzone schreckliche Versuche statt. In seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch „Bioterror – Tod aus dem Labor“, beschrieb Alibekov die gespenstische Szenerie: „Dutzende Menschenaffen waren an Pfähle gebunden. Als wenn sie bemerkt hätten, in welch tödlicher Gefahr sie sich befunden hatten, haben die Tiere gekreischt und an den Ketten gezerrt, versuchten mit den Händen Mund und Nase zu schützen. Aber die tödlichen Erreger erreichten die Atemwege und der Todeskampf der Affen begann.“

„Es war der absolute Horror“

Als ich ihn – aus Anlass der Milzbrand-Attacken in den USA im Oktober 2001 zum Interview traf – hieß Kanatjan Alibekov bereits Ken Alibek. Er war 1992 in die USA ausgewandert. Im Gepäck hatte er seine Informationen über die Aktivitäten der Gegenseite im Kalten Krieg. Beim Gespräch mit mir saß Alibek – schwitzend und ungesund aussehend – in einem winzigen Büro der George Mason University in Virginia. Er gab sich wenig überzeugt, dass sich die von seiner Abteilung entwickelten Biowaffen tatsächlich für den militärischen Einsatz eignen: „Es war der absolute Horror. Und es dauerte meist ewig, bis die Tiere starben. Wenn sie überhaupt starben.“ Einmal war der Wind zu stark, dann wieder die Hitze. „Die Keime wurden verweht oder sie verloren durch die UV-Strahlung viel von ihrer Toxizität“, sagte Alibek. „Die Biowaffen, die wir zur Verfügung hatten, waren unzuverlässig. Und wir haben uns selbst damit genauso vergiftet – viele, ich inklusive, haben heute noch Nachwirkungen.“

Auch in den USA gab es zunehmend Kritik an dieser Form der biologischen Kriegsführung. Nicht so sehr wegen Tier- und Menschenquälerei, sondern wegen der geringen Präzision dieser Waffen. Die alten Konzepte mit verseuchten Flöhen und Zecken waren zu aufwändig und schlichtweg nicht tauglich für den Masseneinsatz. Nachdem tausende von Experimenten durchgeführt worden waren stellte Präsident Richard Nixon im Jahr 1969 die offensive Biowaffenforschung ein.

Verbotene Biowaffenforschung wird fortgeführt

Inoffiziell ging es in Teilbereichen natürlich weiter. Mit mikrobiologischen Techniken, die immer ausgefeilter wurden. Bakterien und Viren konnten in Militärlabors nun genetisch kombiniert oder modifiziert werden, um die Kampfstoffe virulenter, unauffindbarer und für den Feind unbehandelbarer zu machen. Eine Entwicklung, die schließlich in den Labor-Experimenten in Wuhan gipfelte und – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – die Covid-Pandemie auslöste.

Doch zurück zur Ausgangsfrage, ob die Experimente von Willy Burgdorfer und seinen Kollegen etwas mit der Entstehung der Lyme-Borreliose zu tun haben. Kann es sein, dass die berühmten ‘Borrelia burgdorferi’ im Labor entwickelt, oder aus dem Ausland in die USA eingeführt worden sind?

Da derartige Gerüchte bereits kurz nach der Entdeckung dieser Bakterien kursierten, sind einige Studien dazu durchgeführt worden. Eine Arbeit aus dem Jahr 1994 untersuchte 280 Präparate von Weißfußmäusen, die in der Zeit von 1870 bis 1919 gesammelt und in Museen gelagert worden waren. Bei allen Tieren wurden Zellen aus den Ohren entnommen und mit Hilfe eines PCR-Tests auf die DNA dieser Borrelien untersucht. Bei zwei Mäusen, die 1894 in Dennis, Massachusetts gefangen worden waren, lieferte der Test ein positives Resultat. „Diese Studien legen nahe, dass der Erreger der Lyme-Borreliose bereits vor der Jahrhundertwende in einem Reservoir-Wirt in den Vereinigten Staaten vorhanden war, und liefern Belege gegen die Hypothese einer kürzlichen Einschleppung dieses zoonotischen Erregers nach Nordamerika.“

Alan Barbour, Professor für Evolutionsbiologie an der Universität von Irving in Kalifornien, war Willy Burgdorfer zu Beginn der 80er Jahre bei der Entdeckung der Borrelien im Rocky Mountain Laboratory behilflich. Sie waren Nachbarn und auch privat freundschaftlich verbunden. „Ich kann ehrlich sagen, dass Willy genauso überrascht war wie alle anderen über den unerwarteten Fund von Spirochätenbakterien in Zecken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er in irgendeiner Weise an der Entwicklung einer Biowaffe beteiligt war.“ Die Kontakte, die er zu Regierungswissenschaftlern hatte, die möglicherweise in diesem Bereich tätig waren, lagen bereits Jahre zurück, so Barbour. „Sie hatten zudem nichts mit der Lyme-Borreliose zu tun, die zu dieser Zeit noch nicht einmal bekannt war.“

Zecken als Biowaffen
Alan Barbour und Willy Burgdorfer in den Rocky Mountain Laboratories, 1982 | Bild: Rocky Mountain Laboratories

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Angelegenheit durch die Involvierung von Gesundheitsminister Robert Kennedy, der bereits 2024 im Gespräch mit Kris Newby die Ansicht vertreten hatte, es sei „recht wahrscheinlich“, dass Lyme-Borreliose als militärische Biowaffe entwickelt worden ist. Bei seinem Senats-Hearing Anfang 2025 präzisierte er: „Was ich gemeint habe, ist, dass wir immer den Beweisen folgen sollten, egal was sie aussagen.“ Kennedy brachte als möglichen Ursprung der Krankheit Plum Island ins Spiel, wo das US-Heimatschutzministerium eine streng bewachte Tierforschungsanstalt betreibt, die seit 1954 besteht. Während des Kalten Krieges wurden an diesem Standort biologische Waffen für den Einsatz gegen Nutztiere erforscht.

Epizentrum der Lyme-Borreliose nahe an Plum Island

Kennedy bezog sich mit seinem Verdacht auf ein 2004 erschienenes Buch mit dem Titel „Labor 257: Die beunruhigende Geschichte des geheimen Keimlabors der Regierung auf Plum Island“. Dessen Autor, Michael Carroll, berichtet darin von Experimenten mit hunderttausenden von Zecken, die das Afrikanische Schweinevirus und viele andere Keime betrafen. „Die Wissenschaftler von Plum Island setzten ihre Forschung an infektiösen Viren in einer porösen Laboreinrichtung fort, von der sie wussten, dass sie für die sichere Eindämmung der Keime ungeeignet war”, schrieb er in seinem Buch. Tatsächlich sind mehrere Ausbrüche von Maul- und Klauenseuche auf der Insel dokumentiert. Bis heute verfügt die Einrichtung über Labore der Biosicherheitsstufe 3 und ist aufgrund ihrer risikoreichen Arbeit und der Nähe zum Großraum New York nach wie vor umstritten.

Zecken als Biowaffen
Plum Island | Bild: Lindsay Gabbert

Und noch etwas ist höchst auffällig. Plum Island liegt in der Bucht von Long Island. Und der nächstgelegene Ort, den man in Richtung Festland findet, ist tatsächlich das Städtchen Lyme, gerade mal 15 Kilometer Luftlinie entfernt. „Das offensichtliche Epizentrum der Lyme-Borreliose scheint zufällig zu nahe an Plum Island zu liegen”, sagt Carroll.

Zecken als Biowaffen
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Zecken als Biowaffen
Ausbreitung der Lyme-Borreliose in den USA 1992, 2002 und 2012

„Woher die Lyme-Borreliose konkret kommt, weiß ich nicht“, sagt Kris Newby im Gespräch mit Multipolar, „aber Ende der 60er Jahre tauchte eine Reihe sehr ungewöhnlicher virulenter Krankheiten auf.“ Sie vermutet, dass dafür nicht allein Borrelien verantwortlich waren. „Ich denke, dass künstlich hergestellte Rickettsien und vielleicht auch noch Viren dazu gemischt wurden, um das seltsame Symptomprofil zu erzeugen.“ Sie tippt auf RMSF-Rickettsien (Rocky Mountain-Fleckfieber-Bakterien) sowie das VEE-Virus (Venezolanische Pferde-Enzephalitis-Virus), die zu dieser Zeit vom Militär als Waffen eingesetzt wurden.

Alan Barbour teilt Multipolar dazu mit, dass er die Storys aus Plum Island für Verschwörungstheorien hält. „Ich arbeite gerade an einem Artikel, um das zu widerlegen.“

Wie auch immer: Der vom Abgeordneten Chris Smith eingebrachte – und von Präsident Trump bestätigte – Gesetzes-Antrag, beauftragt nun die Beamten des Government Accountability Office (GAO), alle Regierungs-Unterlagen vom 1. Januar 1945 bis zum 31. Dezember 1972 auf Experimente mit Zecken zu prüfen, welche die Bakterienarten Rickettsien und Spirochäten betrafen. „Die Hunderttausenden von Amerikanern, die in New Jersey an Lyme-Borreliose leiden – zusätzlich zu den Millionen im ganzen Land – haben das Recht, die Wahrheit über die Ursprünge ihrer Krankheit zu erfahren“, erklärt Smith. „Die GAO ist nun bemächtigt, jeden Stein umzudrehen und der Sache auf den Grund zu gehen.“ Binnen zwei Jahren müssen die Beamten ihre Ergebnisse vorlegen.

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