«Das Herz Deutschlands schlägt in Preußen. Hier liegt der Ursprung der Krankheit, die stets neu ausbricht», erklärte Winston Churchill am 21. September 1943 im britischen Unterhaus – eine Steilvorlage für die Auslöscher Preußens.
von Gero Hagen
Henning von Tresckow, deutscher Generalmajor und später Mitglied des Widerstandes vom 20. Juli 1944 formulierte es so: «Wahres Preußentum heißt Synthese zwischen Bindung und Freiheit, zwischen selbstverständlicher Unterordnung und richtig verstandenem Herrentum, zwischen Stolz auf das Eigene und Verständnis für andere, zwischen Härte und Mitleid.»
«Das Herz Deutschlands schlägt in Preußen». Winston Churchill
So schien es denn auch aus Sicht der Alliierten nur konsequent, dass sie Preußen am 25. Februar 1947 durch das Kontrollratsgesetz Nr. 46 auslöschten. Damit setzte der Alliierte Kontrollrat den Schlusspunkt unter eine Reihe von Maßnahmen zur Entmachtung Preußens, die mit Reichskanzler von Papens Preußenschlag vom 20. Juli 1932 begonnen hatte und durch das auf Hitlers Geheiß erlassene «Gesetz über den Neuaufbau des Reiches» vom 30. Januar 1934 fortgeführt worden war.
«Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker und erfüllt von dem Wunsche, die weitere Wiederherstellung des politischen Lebens in Deutschland auf demokratischer Grundlage zu sichern, erlässt der Kontrollrat das folgende Gesetz: Artikel 1: Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst. (…)» So der Wortlaut des Kontrollratsgesetzes Nr. 46. In Artikel 2 wurde angeordnet, dass die Teile Preußens, die «der Oberhoheit des Kontrollrats unterstehen», die Rechtsstellung von Ländern erhalten oder Ländern hinzugefügt werden sollen. Diesen Ländern mögen gemäß Artikel 3 Funktionen, Vermögen und Verbindlichkeiten Preußens übertragen werden, vorbehaltlich von der Alliierten Kontrollbehörde getroffener Abkommen. Doch war Preußen wirklich «Träger des Militarismus» – und sogar Transmissionsriemen für Hitlers Politik? Oder gab es für die Besatzer vielleicht ganz andere Gründe, weshalb sie Preußen von der Landkarte und aus dem Bewusstsein der Deutschen tilgen wollten?
Der Missbrauch Preußens
Richtig ist, dass die Nationalsozialisten den Mythos Preußen ausgiebig für ihre Zwecke nutzten und die preußische Idee nicht selten so lange bogen, bis es passte. Ein anschauliches Beispiel dafür war der 21. März 1933, der «Tag von Potsdam». Nicht umsonst produzierte auch die Ufa unter Goebbels’ Ägide Preußenfilme, cineastische Meisterwerke, beinahe wie am Fließband.
SA-Führer Wolf-Heinrich von Helldorf hatte Friedrich schon 1932 in einer Rede als «ersten Nationalsozialisten» vereinnahmt. Doch kann man Preußen und seinen großen Gestalten ebenso wenig vorwerfen, dass sie von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht wurden, wie man ihnen nicht vorhalten kann, dass auch die DDR spätestens seit Ende der siebziger Jahre die Preußen-Karte zückte.
Der wohl profundeste Preußen-Kenner außerhalb Deutschlands, der Historiker Christopher Clark, meinte 2007 in einem Interview: «Preußen und der Nationalsozialismus standen in einem absoluten Gegensatz. Preußen steht für die Hoheit des Staates, für die Idee, dass der Staat die gesamten Interessen der Zivilgesellschaft in sich aufnimmt. Für die Nazis war das unvorstellbar, sie wollten ein völkisches Gebilde an die Stelle des Staates setzen.»
Annäherungen an Preußen
Der konservative Publizist Reinhold Wulle, der von den Nationalsozialisten ins KZ Sachsenhausen gesteckt und von den Alliierten nach dem Krieg mit einem politischen Betätigungsverbot belegt wurde, fasste seine Vorstellung von Preußentum 1935 in die Worte: «Preußentum ist eine Haltung geworden, ein Lebensstil, eine Ausdrucksform des Deutschtums, ist ein ewiges Bereitsein, ein ewiges Gefährdetleben. Es ist ein Auftrag, der nie zu Ende geht, der jeden Tag neu geboren wird. Nicht der Erfolg der Arbeit als Ruhm oder Genuss bestimmen das Leben, sondern der Rang. Der Lohn für Pflichterfüllung ist die Rangerhöhung, die Erhöhung der Verantwortung. Der Preuße nimmt die Arbeit als Auftrag und nicht als Last. Die Preußen tragen des Königs Rock. Welch eine Staatsauffassung liegt in diesem Wort. Diener des Staates sind alle, und der König ist der erste. Es ist eine Gemeinschaft, dieses Volk, ein ”Wir”.»
Spätestens seit Ende der siebziger Jahre spielte die DDR die Preußen-Karte.
Ähnlich schrieb bereits 1919 der berühmte Kulturphilosoph Oswald Spengler in seinem Werk Preußentum und Sozialismus: «Hier steht nicht jeder für sich, sondern alle für alle. Maximum und Minimum des überpersönlichen sozialistischen Staatsgedankens, Staat und Nichtstaat, das sind England und Preußen als politische Wirklichkeiten. Jeder für sich: das ist englisch; alle für alle: das ist preußisch.»
«Die Preußen sind nicht von Geblüt ein Volk, sondern sie sind ein von ihren Königen geschaffenes und erzogenes Volk (…) Preuße ist man nicht von Geblüt, sondern wird es durch Bekenntnis», stellte der deutsch-jüdische Historiker und Philosoph Hans-Joachim Schoeps, der in die Kategorie des «Bekenntnispreußen» fiel, fest. Er schließt seine Betrachtungen über den Staat Preußen: «Über seine Lebenszeit hinaus kann er Sinnbild und Leitbild sein, vor dem auch über Leerstrecken hinweg noch geistmächtige Impulse ausgehen können bis hinein in künftig zu gestaltende Aufgaben.»
Ernst von Salomon meinte in seinem berühmten Fragebogen: «Es gibt keinen Augenblick preußischer Geschichte, in welchem sich nicht, wer immer für Preußen verantwortlich war, mit dem Staate, mit der Idee des Staates befassen musste. Preußen hat jeden Tag vor harten Wirklichkeiten gestanden. Die Gefährdung war ebenso ungeheuer wie die Aufgabe. Da war ein Geheimnis um Preußen, welches eine so große Reihe von Dokumenten entstehen ließ, zu denen es sich wohl bekennen lässt, und die alle von dem eigentümlichen Bewusstsein der Pflichten handeln, durch die allein die innere, auf sich selber ruhende Ordnung zu gründen ist.
Preußen hat den Staat gelebt. Dies ist das Erstaunliche: Das preußische Staatsgefühl hatte dem Einzelnen nichts zu bieten als strenge Forderungen. Es verlangte vom Könige, der erste Diener des Staates zu sein, es wertete niemals Absichten, immer nur Leistungen, es wahrte nicht Interessen und Vorteile, sondern Ideen und Formen, es achtete nicht auf den Erfolg, sondern auf die Erfüllung.»
Die Alliierten wussten um die geistige Kraft, die aus der preußischen Idee erwuchs, und wollten daher mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 46 Preußen für immer aus der Lebenswirklichkeit des deutschen Volkes tilgen. Wenn heute noch immer vom angeblich so verheerenden preußischen Militarismus die Rede ist, so fällt Preußen hier einer beliebten bundesrepublikanischen Untugend zum Opfer: Man misst seine Vorfahren an der moralischen Elle von heute. Vergleicht man beispielsweise im Hinblick auf Uniformen im Alltag das Preußen um 1900 mit dem Frankreich derselben Zeit, so wird man kaum Unterschiede feststellen können.
Verlust für die deutsche Seele
Die Auflösung Preußens durch die Alliierten war ein historisches Ereignis, das viele Deutsche als einen tiefen Einschnitt in ihre Geschichte empfanden. Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der BRD, schrieb 1947 in einem Brief an den preußischen Kronprinzen Wilhelm: «Die Auflösung Preußens ist ein schwerer Schlag für die deutsche Geschichte und Kultur. Es ist ein Stück unserer Vergangenheit, das unwiederbringlich verloren ist. Ich denke an die großen Zeiten Preußens, an die Zeiten Friedrichs des Großen, an die Befreiungskriege, an Bismarck und die Einigung Deutschlands. Es ist ein Stück unserer Seele, das mit Preußen stirbt.»
Der amerikanische Historiker Quincy Wright hat alle Landschlachten in Europa und von europäischen Mächten von 1480 bis 1940 zusammengetragen und einen martialischen Medaillenspiegel errechnet. Mit einer Beteiligung an 616 Bataillen bekommen die Preußen hier nur die Bronzemedaille. Sogar das um die Vorherrschaft in Deutschland konkurrierende Österreich lässt den Emporkömmling aus Deutschlands Osten hinter sich, denn die Weißgekleideten waren 807 Male dabei. Einsamer Spitzenreiter hingegen ist Frankreich, das mit 1.136 Waffengängen an fast jeder zweiten der insgesamt 2.659 Schlachten beteiligt war.
Der deutsche Historiker und Preußen-Fachmann Frank-Lothar Kroll zählte nur die Schlachten zwischen 1701 und 1933. Auch hier liegt Frankreich mit einer Beteiligung von 28 Prozent ganz vorne, gefolgt von den Briten mit 23 Prozent. Die Russen liegen mit 21 Prozent etwas dahinter, Preußen und Deutschland hingegen kommen auf gerade mal acht Prozent.
Die Fähigkeit zum Maßhalten
Nachdem die Siegermächte Preußen für aufgelöst erklärt hatten, dichtete Generaloberst Eberhard von Mackensen in einem alliierten Gefängnis: «Mögt Ihr den preußischen Staat zerschlagen, Preußen wird hoch aus den Trümmern ragen. Einer schon wollte uns Preußen stehlen, doch Preußen lebt zu tief in den Seelen: Preußen ist weder Volksstamm noch Rasse, Preußen ist Haltung und niemals Masse, Preußen ist Pflicht und Immanuel Kant, Preußen ist Treue zu Volk und Land, Dienen der Sache bis in den Tod, und Griff zu den Waffen, erst in der Not.»
Die Alliierten wussten um die geistige Kraft, die aus der preußischen Idee erwuchs.
Den wohl ergreifendsten Nachruf auf Preußen verfasste allerdings schon vor dem Ende des Krieges der Diplomat Ullrich von Hassell, wie der eingangs zitierte Henning von Tresckow Mitverschwörer des 20. Juli und nach dem Putsch als Außenminister vorgesehen war. Anfang Juli 1944, zwei Monate, bevor er in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, stattete er dem Grab Bismarcks in Friedrichsruh einen Besuch ab. Sein Tagebucheintrag ist geprägt von Bitternis: Zum Gewaltmenschen in Kürassierstiefeln hätte man den großen Kanzler und Schmied des Deutschen Reiches erhoben und dabei vergessen, dass ihn doch Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit zum Maßhalten ausgezeichnet habe – «genau umgekehrt wie heute». «Kaum zu ertragen», notierte von Hassell tief bewegt, «ich war dauernd an Tränen beim Gedanken an das zerstörte Werk.»
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