Hintergründe

Die Tegernsee-Connection – Minister Weimer und seine Amigos

Die Tegernsee-Connection – Minister Weimer und seine Amigos
Wolfram Weimer und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Bundestag. Dem Kulturstaatsminister steht das Wasser bis zum Hals, nachdem seine Betrügereien aufgeflogen sind.

Polit-Korrupte treiben es immer ungenierter, schachern mit Unsummen um Einfluss und Posten. Wolfram Weimer ist als Machtdealer aufgeflogen, weil alternative Medien diesen Darkroom ausgeleuchtet haben.

von Sven Eggers

Im Bundeskanzleramt brennt noch Licht. Der Kulturstaatsminister brütet. Sein Problem ist beim morgendlichen Blick in den Spiegel rasch erfasst. Er hat es zu toll getrieben! Jetzt ist der Druck hoch. Gerade hat ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung doch glatt als «Windbeutel» betitelt. Wenn sich jetzt auch noch die Nadelgestreiften abwenden, wird die Luft dünn. Das weiß er natürlich. Was also tun? Vielleicht sollte er die Anteile seiner zwielichtigen Firma einem «Treuhänder» übertragen, dazu eine hübsche Presseerklärung verfassen und um ein solidarisches Wort seines Kumpanen Friedrich Merz via Fernsehen bitten? Bekäme er so den Kopf aus der Schlinge? Weimer lächelt, erstmals seit Tagen. Ja, so wird es gemacht.

Korruption und Erpressung gehören zum politischen Alltag dieses Establishments.

Es war schon im Mai rätselhaft, warum der 61-Jährige zum Staatsminister beim Bundeskanzler und Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufsteigen konnte, ohne der Postenverteilungsmaschine CDU anzugehören. Inzwischen sind wir schlauer: Er ist ein Falschspieler. Seine Firma hat systematisch Abhängigkeiten geschaffen, exklusive Kontakte vorgetäuscht und «Einfluss auf politische Entscheidungsträger» verkauft. Dabei hat man eine Dreistigkeit an den Tag gelegt, die selbst nach heutigen Maßstäben bemerkenswert ist.

Wir haben es mit einem entlarvenden Sittengemälde der heutigen Bundesrepublik Deutschland zu tun. Korruption und Erpressung gehören ganz offensichtlich zum politischen Alltag eines Establishments, das jedes Maß verloren hat und glaubt, die eigenen Schweinereien nicht einmal mehr vertuschen zu müssen. Bei Franz Josef Strauß waren es einst augenzwinkernde Hinterfotzigkeiten, mit denen seine Amigos und er sich listig manchen Vorteil verschafften, heute aber hat die ganze Sache System. Friedrich Merz räumt das indirekt ein, wenn er im ARD-Interview auf die Praktiken des hochproblematischen Weimer-Events am Tegernsee angesprochen wird und lapidar zum Besten gibt: «Das ist eine Veranstaltung, wie übrigens zahlreiche andere Medienverlage sie im gleichen Format regelmäßig machen.»

Die Journaille als Netzwerk

Wolfram Weimer, Jahrgang 1964, hat sich möglicherweise schon früh in Lebenslaufkosmetik geübt. Der Journalist Alexander Wallasch wirft ihm jedenfalls gezielte Fake-Angaben zu seiner Jugendzeit vor, die ihn als frühen Konservativen in Szene setzen sollten, sowie massive Überhöhungen in der Darstellung seines beruflichen Erfolges. Ab 1990 war er Journalist bei der FAZ, stieg ab 1998 dick bei Springer ein, agierte sogar zeitweise gleichzeitig als Chefredakteur von Berliner Morgenpost und Welt. 2004 gründete er das Magazin Cicero, später wurde er neben Helmut Markwort auch noch Focus-Chefredakteur. Lange galt er als klassischer Hauptstadtjournalist, also als Vertreter jener Berufsgruppe, die sich spätestens seit Merkel an den Rockzipfel der Herrschenden klammert und eine Gefälligkeitsschreibe an den Tag legt, die eher an das Wirken einer staatlichen Presseabteilung erinnert.

«Polit-ökonomische Prostitution». Stern

2009 gründete Weimer mit seiner Frau Christiane die Weimer Media Group (WMG), deren Alleingesellschafter das Ehepaar bis zuletzt war. Unter dem Dach dieser Gruppe erscheint das Magazin und «seriöse Debattenportal» The European, das über einen langen Zeitraum mit einer riesigen Autorenriege Anzeigenkunden sowie Sponsoren anlockte – bis herauskam, dass hunderte Beiträge geklaut und prominente Namen ohne deren Wissen als Verfasser geführt wurden. AfD-Chefin Alice Weidel, Plagiatsjäger Stefan Weber und andere Persönlichkeiten zwangen die Plattform zu peinlichen Unterlassungserklärungen. Die Staatsanwaltschaft München prüft den Verdacht der gewerbsmäßigen Urheberrechtsverletzung.

In funktionierenden Demokratien wäre an diesem Punkt Feierabend gewesen. Ein Rücktritt Weimers hätte der politischen Kultur in der BRD insgesamt gut zu Gesicht gestanden. Stattdessen wurden Kritiker der geschmacklosen Praktiken kurzerhand als rechtsextrem markiert. Doch die segensreichen Alternativmedien, in diesem Falle besonders Apollo News, blieben am Ball und richteten die Scheinwerfer sodann auf unanständige Kuppelspiele mit Akteuren der höchstrangigen bundesdeutschen Politclique.

Das Polit-Bordell am Tegernsee

Das Ehepaar hatte in den vergangenen Jahren ein Imperium aus Netzwerkveranstaltungen aufgebaut, zu denen etwa der Frankfurt Finance und Future Summit zählt, erst im Oktober unter Schirmherrschaft des hessischen CDU-Ministerpräsidenten Boris Rhein prunkvoll ausgerichtet. Aushängeschild aber ist der nunmehr berühmt-berüchtigte Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee, der seit 2014 sozusagen als Polit-Bordell ein Anbandeln mit den Mächtigen ermöglicht. Politiker der ersten Reihe werden als Redner und Entscheidungsträger angepriesen, Lobbyisten und solche, die es werden wollen, zahlen fünf- bis sechsstellige Summen für «Premium-Vernetzung in entspannter Atmosphäre» und – Zitat aus dem Original-Flyer – «Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger». Dass am Ende mutmaßlich nicht korrekt abgerechnet wurde, sondern auch noch Bilanzfälschung hinzukommen könnte (siehe Infobox), krönt das ganze Schmierentheater.

Da bleibt selbst der FAZ die Spucke weg: «Das klingt nach käuflichem Zugang zur Macht.» Zum Mitschreiben: Der Herr Kulturbeauftragte verkauft politische Dates mit BRD-Ministern und ähnlich hohen Tieren. Offen ist bislang die Frage: Was haben die Politiker eigentlich selbst daran verdient?

Um seine Haut zu retten, behauptete Weimer zunächst, er habe kurz nach der Berufung als Merzens Mann für Kultur seine Firma verlassen, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Der Blick ins Handelsregister überführte ihn auch in dieser Frage der Lüge. Dass er jetzt in der Not nachlegte und den erwähnten «Treuhänder» ins Spiel brachte, ist eine Farce, weil ja seine Gattin weiter als Geschäftsführerin agiert und die Kohle damit in der Familie bleibt.

Wohl nirgendwo sonst zeigt sich die Verkommenheit der BRD-Politkultur deutlicher als bei diesem «deutschen Davos», wie das zynische Event von der ARD schon abgefeiert wurde. Allein Bayern hat in der Vergangenheit satte 700.000 Euro Steuergelder über der Weimer Media Group ausgeschüttet. Schirmherr der Tegernsee-Veranstaltung ist Ministerpräsident Markus Söder höchstselbst, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den angeblich so Freien Wählern, weist das Programm für 2026 als einen der Redner aus. Auch CSU-Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Duz-Freundin der Familie vom Tegernsee, ist für die nächste Sause angekündigt. Die Herrschaften sind allerdings derzeit nervös, die Rede ist von einer internen Prüfung der schwelenden Vorwürfe. Gut möglich, dass die Staatsregierung künftig dort nicht mehr ganz so breitbeinig auftreten wird. Bezeichnend: Frau Weimer sollte gerade mit reichlich Tamtam den Verdienstorden des Freistaats erhalten. Sie hat vorsorglich abgelehnt – zu viele Blitzlichter.

Die Tegernsee-Connection – Minister Weimer und seine Amigos
Die Teilnehmer der Executive Night des Ludwig-Erhard-Gipfels 2020 von links nach rechts: Michael Sen (Unternehmensführung Siemens), Christiane Goetz-Weimer (Gastgeberin), Karl-Theodor zu Guttenberg (ehemaliger Bundesminister und Gastgeber) sowie der Verleger Wolfram Weimer.

Sogar die Treuesten der Treuen werden unruhig. Die Süddeutsche Zeitung wagt sich an die entscheidenden Fragen: «Wieso sponsert der Freistaat überhaupt ein Treffen, bei dem Vorstände und Firmengründer gegen einige Zehntausend Euro an einer “Executive Night“ teilnehmen dürfen, wo laut WMG “Spitzenpolitiker und Top-Manager in informeller Atmosphäre die drängenden Fragen unserer Zeit“ verhandeln? Und wieso treten gleich mehrere Kabinettsmitglieder dort auf?»

Kritiker der geschmacklosen Praktiken werden kurzerhand als rechtsextrem markiert.

Die ausgerufene Summe von 80.000 Euro für politische Einflussnahme hat viele Menschen wachgerüttelt. Das System – Steuergeld plus Prominenz plus private Gewinnabschöpfung – funktionierte so reibungslos, weil die gesamte politische Klasse mitzumachen bereit war. CDU, CSU, SPD, FPD, Grüne – alle waren sie da, haben geredet, gelacht und sich fotografieren lassen. Das Treiben war und ist der Inbegriff jener schamlosen Filzokratie, die sich seit Jahrzehnten in diesem Land auf Kosten der Bürger eingenistet hat.

Entlarvende Normalität

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Zwar geben sich nun einige Medien empört, der Stern erkennt sogar eine «polit-ökonomische Prostitution», und der FAZ fiel plötzlich auf, dass ihr Logo ohne Erlaubnis als Fake-Medienpartner verwendet worden ist; der Economist und US-Sender CNBC verschwanden still und heimlich von der Webseite, nachdem alternative Journalisten dort nachgehakt hatten. Der Kanzler aber verkündet: «Die Vorwürfe haben sich alle als falsch erwiesen.» Und Weimer selbst mimt den Macker: Er werde sich «rechten Trollen nicht beugen». Sie pochen also auf ihre eigene Unantastbarkeit, Kritiker werden kurzerhand als Gefahr für «unsere Demokratie» gebrandmarkt.

Wir halten fest: In der Bundesrepublik Deutschland 2025 darf ein Politiker lügen, betrügen, sich bereichern, solange er nur die richtigen Freunde hat. Wolfram Weimer beherrscht dieses System der politischen Verlotterung perfekt, über Jahre gab er das gut geschmierte Scharnier zwischen Geld und Macht. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Götz Frömming traf auf der Suche nach dem Grund, warum so lange an diesem Täter festgehalten wurde, möglicherweise voll ins Schwarze: «Man fragt sich, warum entlässt der Kanzler die Randfigur Weimer nicht einfach? Vielleicht liegt die Antwort darin begründet, dass Herr Weimer gar keine Randfigur ist? Vielleicht gehört er zum Zentrum dieser Bundesregierung, vielleicht gehört die halbe Bundesregierung zur Tegernsee-Connection.» Dieser Artikel erschien im COMPACT-Magazin 01/2026. Diese Ausgabe können Sie hier bestellen.

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