Steakhaus-Erbin Christina Block aus Hamburg soll die Entführung ihrer beiden jüngsten Kinder in Auftrag gegeben haben. Die Nacht-und-Nebel-Aktion leitete ein israelischer Mossad-Agent.
von Johann Leonhard
Es ist die Silvesternacht 2023, exakt 0:17, das neue Jahr hat gerade begonnen. Im süddänischen Gravenstein rasen plötzlich zwei Geländewagen mit heulenden Motoren aus dem Dunkel heran. Aus den Fahrzeugen mit deutschen Kennzeichen springen acht maskierte Personen, stürmen auf die Terrasse eines Restaurants, ringen einen Mann zu Boden und versetzen ihm Schläge und Tritte, bevor sie sich seine beiden Kinder greifen und mit quietschenden Reifen in der Nacht verschwinden.
Die Zielpersonen der Aktion: Klara (13) und Theodor (10) Block – und Stephan Hensel, Ex-Mann der Block-House-Erbin Christina Block. Hensel schaute gerade mit den Kids das Feuerwerk, als das Rollkommando durch die Büsche sprang. Die Kinder wurden in die Autos geworfen und, eingeklemmt im Fußraum der Fluchtfahrzeuge, über die nur wenige Kilometer entfernte Grenze zu Deutschland verfrachtet.
Untereinander unterhielten sich die Kidnapper auf Hebräisch.
Gefesselt und mit Klebeband vor dem Mund, um ihre Schreie zu ersticken, so sagt die Hamburger Staatsanwaltschaft, seien die Kinder dann zu Fuß durch ein Waldstück getrieben worden, bevor man die Fahrt in einem Wohnmobil Richtung Baden-Württemberg fortsetzte. Das Ziel: ein abgelegener Bauernhof in der Nähe von Stuttgart.
Auf Tonaufnahmen der Schreckensnacht, aufgezeichnet von einem Alarmsender, den der kleine Theo (als Vorsichtsmaßnahme gegen Entführungen, dazu später mehr) um den Hals trug, ist zu hören, wie einer der Dunkelmänner sagt: «Wir bringen euch jetzt nach Hause, zu Mama.» Was das Mikrofon des Peilsenders auch mitschneidet: Untereinander unterhalten sich die Kidnapper auf Hebräisch: «Fahr los, fahr schneller, bieg hier nicht ab.»
Codename «Doris White»
Christina Block hat ihre beiden Kinder zu diesem Zeitpunkt schon seit fast zwei Jahren nicht mehr gesehen. Ihr Ex-Mann hatte Klara und Theodor nach einem ganz normalen Wochenendbesuch in Dänemark einfach «einbehalten». Der seither tobende Rechtsstreit füllt Aktenschränke und hinterlässt gebrochene Herzen.
Nachdem Mama Block in jener Silvesternacht im Hotel ihrer Eltern, dem Grand Elysée in Hamburg, aufs neue Jahr angestoßen hatte, wird ihr gegen drei Uhr morgens der Hinweis zugeflüstert, ein bestimmtes Zimmer aufzusuchen. Dort liegt ein Telefon für sie bereit. Es klingelt. Am anderen Ende ist eine gewisse Olga: «Geh nach Stuttgart, schnell! Es geht um deine Kinder», habe diese gesagt. Sie habe ihr Telefon nicht mitnehmen und niemandem davon erzählen sollen. Am Neujahrstag erhält die Mutter, die sich mittlerweile im Zug Richtung Süden befindet, einen weiteren Anruf von ihrer sogenannten Freundin. «Ich habe ein Neujahrsgeschenk für dich.»

«Olga» ist, wie sich mittlerweile herausgestellt hat, eine Frau mit vielen Gesichtern. Im 5-Sterne-Hotel der Blocks quartierte sie sich unter dem Alias «Doris White» ein, doch eigentlich heißt sie Keren Tennebaum und ist eine ehemalige Soldatin des israelischen Militärs, wie Spiegel und Bild schreiben. Als Mitarbeiterin der scheinbar harmlosen IT-Firma Cyber Cupula zeigte sie laut Blocks Aussage reges Interesse an der familiären Situation und hatte immer ein offenes Ohr. Am 31. Dezember, einige Stunden vor der Entführung von Klara und Theo, habe Olga überraschend bei ihr angerufen – und sich «nach den Silvesterplänen der Kinder» erkundigt.
Block antwortet ihr, dass frühere Silvesterfeiern an einem Hafen im dänischen Gråsten, dem Wohnort des Ex-Mannes Hensel, stattgefunden hätten. Die israelische Ex-Soldatin fragt daraufhin nochmal nach und erkundigt sich «explizit nach dem «kleinen Hafen».
Cyber-Kuppel und schwarzer Würfel
«Olga» und ihr israelisches Spezialteam von Cyber Cupula hatten das Wiedersehen für Klara und Theo mit ihrer Mutter organisiert – und zwar offenbar in Zusammenarbeit mit einem weiteren Israeli namens Alon K. «Ermittler stellten eine Visitenkarte sicher, die ihn als Geschäftsführer von Black Cube ausweist – jener Firma, die 2017 Schlagzeilen machte, weil der Sexualstraftäter und Hollywood-Produzent Harvey Weinstein sie engagierte, um seine Opfer und investigative Journalisten zu diskreditieren», dokumentiert die Zeit einen seltsamen Zusammenhang.
«Man kann erkennen, wohin die Spur führt: zu einer verzweifelten Mutter (…).» Die Zeit
Dass die Entführer überhaupt aktiv wurden, lag daran, dass Christina Blocks Ex-Mann, der Unternehmer Stephan Hensel, zwei Jahre lang jeden Kontakt systematisch verhinderte – «zum Schutz» der Kinder vor ihr, wie er sagt. Christina Block ging vor Gericht – und bekam mehrfach Recht, was ihr aber nichts nützte. Hensel ignorierte die Urteile der deutschen Gerichte und die dänische Regierung gab ihm dabei Rückendeckung, denn – man staunt – Dänemark ist das einzige Land Europas, in dem Urteile deutscher Gerichte in Sorgerechtsfällen nicht anerkannt werden. Firmenpatriarch Eugen Block meint dazu im Spiegel-Interview: «Die Dänen haben sich nicht nur gegen Christina gestellt, sondern auch gegen Deutschland. Sie schützen einen Mann, der seiner Tochter einen Alarmknopf gegen die Mutter verpasst hat».
Der Rosenkrieg ist lang, schmutzig und schwer durchschaubar. Was wichtig erscheint: Stephan Hensel, laut seinem Chef und Schwiegervater Eugen Block ein Unsympath, der «vor allen Dingen Leute manipulieren» kann und jetzt «Rache» will, steigt nach seiner Karriere als Bankier und der Eheschließung mit Tochter Block in den Steakhaus-Betrieb ein – und schreibt dabei nur selten schwarze Zahlen. Drei Millionen seien insgesamt geflossen, um sein Carpaccio-Business über Wasser zu halten. Als man Paletten mit Gammelfleisch aus Namibia auf dem Gelände seiner Meat Factory findet, platzt dem Alten die Hutschnur. Er trennt sich von dem Fleisch-Vertriebler, aber stellt ihm – um des lieben Friedens Willen – doch noch ein glänzendes Arbeitszeugnis aus.

Bei der Scheidung kommt er gut weg und erhält unter anderem ein Haus auf Sylt (geschätzter Wert: zwei Millionen Euro). Gereicht hat ihm das wohl nicht. Mehrfach soll er seiner Frau und anderen Familienmitgliedern gedroht haben, sie persönlich «fertig zu machen». Die Drohung ist sogar aktenkundig: «Laut Gerichtsurteil habe Block mit mehreren eidesstattlichen Versicherungen die Richtigkeit dieser Aussage “hinreichend glaubhaft gemacht“», schreibt die Welt.
Die Staatsanwaltschaft zeichnet ein anderes Bild. Sie hält Christina Block für die Auftraggeberin einer hollywoodreifen Entführung. Die 148-seitige Anklageschrift der Staatsanwaltschaft gegen sie, ihren neuen Lebensgefährten, den bekannten Sportmoderator Gerhard Delling, sowie fünf weitere Angeklagte «liest sich durchaus schlüssig», kommentiert n-tv süffisant. Und weiter: «Allerdings – und hier liegt der springende Punkt – basiert sie nur auf Indizien. Handfeste Beweise, die Christina Block zweifelsfrei als Auftraggeberin überführen würden, gibt es im Prozess zu diesem Zeitpunkt nicht.»
Ein leichtes Opfer
Die Millionärstochter, so heißt es, soll 220.000 Euro für die Operation bezahlt haben – in bar. Wer hat das behauptet? Ein Mann namens David Barkay (68). Er ist der Chef der Cyber Cupula GmbH und Veteran des israelischen Geheimdienstes Mossad. Völlig überraschend präsentiert ihn die Anklage Anfang November als Kronzeugen gegen Frau Block. Einen gegen ihn laufenden Haftbefehl ließ man zuvor aufheben und sicherte ihm «freies Geleit» aus Tel Aviv nach Hamburg zu, damit er dort «vier Tage lang unter strenger Geheimhaltung» (Bild) aussagen könne. Seine Einlassungen füllen 327 Aktenseiten. Sie landeten offenbar – trotz strengster Geheimhaltung! – postwendend bei Zeit, Spiegel, Bild und Co., wo sie zur medialen Vorverurteilung der angeblich eiskalten Rabenmutter ausgeschlachtet wurden.
Etwas faul im Staate Dänemark
Die Sache mit dem «Alarmknopf» muss man sich so vorstellen: Aufgrund von Annäherungsversuchen der verzweifelten Mutter rief Stephan Hensel mehrfach die Polizei. Seinen Kindern soll Hensel daraufhin Peilsender umgehängt haben, was manche als psychologische Beeinflussung «gegen die Mama» verstanden wissen wollen. Im Spiegel-Interview sagt der Firmengründer Eugen Block dazu: «In Dänemark scheint es relativ leicht zu sein, einer Zehnjährigen einen Alarmknopf um den Hals zu hängen, was eine Katastrophe ist, finde ich. Und das noch mit dem Hinweis, wenn deine Mutter sich nähert, diesen Knopf zu drücken, obwohl die Mutter das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht hat. Das geht schon ganz schön komisch zu im Staate Dänemark.»

Wie Barkay, der Kopf der Entführerbande und Komplize von «Olga», gearbeitet hat, lässt sich daran erkennen, dass er – nach jetzigem Wissensstand – im Herbst 2023 frei erfundene Gerüchte über Christina Blocks Ex-Mann konstruierte und gefälschte Dossiers an die verzweifelte Mutter weiterreichte. Der Vorwurf: Kinderpornographie! Wie aus den Ermittlungsakten hervorgeht, hatten die israelischen Spione ihr weisgemacht, der Ex-Gatte betreibe in seinem Haus auf Sylt «eine Art Bordell zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger». Die Staatsanwaltschaft habe laut Zeit geprüft, ob da was dran sein könnte. «Die Antwort: nein.» Barkay weist im Verhör alle Schuld von sich: Er habe damals «einen russischen Hacker beauftragt, im Darknet zu stöbern», sagt er.
«Ich war das perfekte Opfer», sagt Christina Block vor Gericht. «Mit meiner Angst konnte man perfekt Geschäft machen.» Ihre Familie habe sich von Cyber Cupula, der israelischen Briefkastenfirma für Spezialaufträge, wie eine Weihnachtsgans ausnehmen lassen. Deshalb gilt: Augen auf beim Geheimdienst-Plausch! Dieser Artikel erschien im COMPACT-Magazin 01/2026. Diese Ausgabe können Sie hier bestellen.
🆘 Unserer Redaktion fehlen noch 109.500 Euro!
Um auch 2026 kostendeckend arbeiten zu können, fehlen uns aktuell noch 109.500 von 110.000 Euro. Wenn Ihnen gefällt, was wir tun, dann zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Mit Ihrer Spende von heute ermöglichen Sie unsere investigative Arbeit von morgen: Unabhängig, kritisch und ausschließlich dem Leser verpflichtet. Unterstützen Sie jetzt ehrlichen Journalismus mit einem Betrag Ihrer Wahl – einmalig oder regelmäßig:


