Hintergründe

Projekt Eiswurm: Amerikas geheime Stadt unter Grönlands Eispanzer

Projekt Eiswurm: Amerikas geheime Stadt unter Grönlands Eispanzer
Eine Schneeeisenbahn transportierte Ende der 1950-Jahre Versorgungsgüter zur US-amerikanischen Militärforschungsstation "Camp Century" in Grönland.

Offiziell galt das US-amerikanische Camp Century in Grönland als Forschungsstation. In Wirklichkeit aber war es ein streng geheimes militärisches Großprojekt.

von Hans Christof Wagner

Der Film ist bis heute auf Youtube zu sehen: “City under the ice” (“Stadt unter dem Eis”): 1961 gedreht, eine Reportage des amerikanischen Fernsehsenders CBS. Dessen Reporter Walter Cronkite war zu jener Zeit ein populäres Gesicht des US-amerikanischen TV-Journalismus.  

Cronkite wagte sich für die Reportage selbst ins grönländische Eis und berichtete über spektakuläre Pläne der US-Armee. “Stadt unter dem Eis” handelt von dem Projekt “Camp Century”. Der Plot: bis zu 70 Grad unter null, Eisstürme mit Tempo 160 und ein Dutzende Meter mächtiger Eispanzer – widriger könnten die Umstände nicht sein, und doch können sie den amerikanischen Pioniergeist nicht stoppen. 

Projekt Eiswurm: Amerikas geheime Stadt unter Grönlands Eispanzer
Captain Thomas C. Evans leitete das Camp Century. Öffentlich sprach er von “Research” und “Development,”, von Forschung und Entwicklung.

Die Kameras zeigen schwere Pistenraupen und Motorschlitten, die vom US-Küstenstützpunkt Thule in Richtung Inselmitte ausrücken. Flaggen weisen den 240 Kilometer langen Weg durch das weiße endlos scheinende Nichts.  

Die offizielle Version: Alles dient der Wissenschaft

Am Standort des Camps interviewt Cronkite den Kommandanten Captain Thomas C. Evans. Der spricht von “R” und “D”, “Research” und “Development,” von Forschung und Entwicklung also. Beidem diene das Projekt in der Arktis. Die Botschaft an den Zuschauer in den Vereinigten Staaten lautet: Wir sind zwar Soldaten, aber Camp Century hat keine militärische Bedeutung. “Wir sind hier im Dienst der Wissenschaft.” 

Das war das offizielle Bild. So wurde es auch den Dänen, zu deren Königreich Grönland auch zu jener Zeit schon gehörte, erläutert. Und – zum Teil – stimmte das auch. Camp Century sollte mittels Eiskernanalyse die Klimageschichte der Erde erforschen. Es sollte die Glaziologie, die Wissenschaft von den Formen und Eigenschaften von Eis und Schnee, voranbringen sowie ergründen, ob und wie sich Gletscher bewegen.

Noch ein Ziel nennt Kommandant Evans während des Drehs: mehr über die Nutzung der noch jungen Kernenergie herauszufinden. Dazu solle im Camp ein kleiner Atomreaktor in Betrieb gehen, welcher den bis zu 200 Bewohnern als Wärme- und Stromlieferant das Leben im ewigen Eis erträglicher machen werde. Im Film sieht man die beiden Männer gemütlich auf dem Sofa liegen, beim Steakessen und Schallplattenhören.  

Schneefräsen graben kilometerlange Korridore

Als der Film entstand, gab es die seit Mai 1959 erbaute Anlage in Form von Zelten und Containern oberirdisch bereits. Vermutlich hätte CBS für ein Containerdorf kein TV-Team nach Grönland entsandt. Aber das war eben noch nicht alles.

Nicht auf dem Eis sollte das Camp entstehen, sondern gemäß dem Filmtitel darunter. Schneefräsen Schweizer Herkunft – was der Film eigens erwähnt – sägten 21 teils hallengroße Korridore von drei Kilometer Länge acht Meter tief aus dem Eis. Darauf wurden Stahlbleche und zudem eine meterhohe Schneeschicht gepackt, sodass die Anlage komplett im Untergrund verschwand. 

Projekt Eiswurm: Amerikas geheime Stadt unter Grönlands Eispanzer
Eine in der Schweiz hergestellte Schneeräummaschine hebt den Hauptgraben für die unterirdische Stadt aus. Später wurden die Gräben mit Wellblechbögen ausgekleidet.

Ein gigantischer Aufwand für eine Forschungsstation. War es wirklich erforderlich, sich für wissenschaftliche Zwecke metertief und unsichtbar einzugraben? Tatsächlich war das wohl nur ein Teilaspekt, womöglich gar ein Täuschungsmanöver.  

Denn hinter der Fassade von Camp Century als Wissenschafts- und Forschungszentrum existierte ein zweites Projekt. Sein Name: “Iceworm” (“Eiswurm”). So deckte es vor 30 Jahren das Dänische Institut für Internationale Studien auf. 

Die Insel soll zum “Flugzeugträger” der USA werden

Nach einer Sperrfrist frei gegebene Geheimdokumente belegten, dass Camp Century in Wirklichkeit militärischen Zwecken diente. Das Ziel der USA: ein Tunnelsystem von insgesamt 4000 Kilometer Länge auf einer Fläche so groß wie Griechenland, mit Raum für 600 Atomraketen.  

Sogar eine Bahnlinie war vorgesehen, um die Raketen unterirdisch und verborgen vor dem Radar des Gegners hin und her zu bewegen, damit ihr Standort stets unklar blieb. Der Feind hätte sie nie allesamt in einem nuklearen Erstschlag vernichten können. Und der Feind der USA war 1961 die Sowjetunion.

Projekt Eiswurm: Amerikas geheime Stadt unter Grönlands Eispanzer
Durch eine Notluke steigen US-Oberst Walter H. Parsons (Mitte), Leiter der Forschungseinrichtung für Schnee, Eis und Permafrost, und einige Besucher in das unterirdische Tunnelsystem ein.

Die Insel Grönland sollte gewissermaßen zum “Flugzeugträger” der Amerikaner werden. Zwischen den beiden Atommächten gelegen, konnten von dort aus abgefeuerte Raketen auch mit geringeren Reichweiten Ziele in Russland treffen. 

Den Beteiligten war klar: Das Projekt musste vor den Dänen streng geheim bleiben. Sie hatten den US-Amerikanern im Zweiten Weltkrieg zwar erlaubt, im Kampf gegen Nazideutschland auf Grönland Basen einzurichten. Doch 1951 verankerten sie die Zusammenarbeit in einem Vertrag, der es ausdrücklich verbot, Atomwaffen auf der Insel zu stationieren. 

Die Eisdrift verformt die Anlagen

Doch dazu kam es auch gar nicht mehr. “Iceworm” erledigte sich bald von selbst. Bereits 1960 nahmen die USA mit der “USS George Washington” das erste nukleargetriebene U-Boot mit ballistischen Bordraketen in Dienst. Nun kamen aus der Tiefe des Ozeans sämtliche sowjetischen Ziele in Reichweite. Der militärische Zweck von Camp Century hatte sich damit überholt.  

Aber in Grönland erwies sich auch die Eisdrift als ein zu großes Problem. Das Eis, das die Gänge umgab, bewegte sich, verformte die Anlagen und ließ Wasser eindringen. Zudem war die vom Reaktor ausgehende Strahlung zu hoch. Wie lange das Camp tatsächlich existierte, ist bis heute unklar. Der inzwischen 80-jährige US-Amerikaner Austin Kovacs, der sich als Armeetechniker mehrmals in Camp Century aufgehalten hat, gab in einem Bericht an, es sei 1966 aufgegeben worden.

Der Eispanzer über dem Camp wurde im Laufe der Jahrzehnte immer mächtiger. Eher zufällig wurden die verfallenen Anlagen nach vielen Jahren beim Blick aus einem Jet wiederentdeckt. Das geschah im April 2024 bei einem Testflug der NASA über Grönland, bei dem ein neues Radarverfahren zur Untersuchung von Eis erprobt wurde. 

Es zeigte sich, dass die US-Amerikaner den Reaktor mitgenommen, aber tonnenweise radioaktiven, biologischen und chemischen Müll zurückgelassen hatten. Das Militär war wohl davon ausgegangen, dass das Eis die Bauten mitsamt dem Müll ewig einschließen werde. Ein Trugschluss, wie man heute weiß.  

Schon 2016 veröffentlichte William Colgan, Glaziologe an der York-Universität in Toronto, eine Studie, die nahelegt, dass aufgrund des Klimawandels Camp Century gegen Ende dieses Jahrhunderts vom Eis befreit sein könnte – mitsamt seiner Abfälle.

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