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Kampf um Thule – Warum die USA nach Grönland greifen

Kampf um Thule – Warum die USA nach Grönland greifen
Der Privatjet des Präsidentensohns Donald Trump Jr. landet in der Hauptstadt Nuuk, 7. Januar 2025.

Donald Trump sorgt mit seiner Ankündigung, Grönland kaufen respektive annektieren zu wollen, für Aufsehen. Ähnlich hatte er sich auch schon in seiner ersten Amtszeit geäußert. Doch dieses Mal legt er sich mit einem mächtigen Gegner an.

von Bernhard Tomaschitz

Trumps Interesse an der Insel als Besessenheit eines Verrückten abzutun, wie es die linksgepolten Mainstream-Medien tun, wäre grundlegend falsch. Vielmehr sind die Ambitionen des US-Präsidenten, die er übrigens mit der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten begründet, aus seiner Sicht rational. Denn in Grönland, das über eine weitreichende Autonomie verfügt und zu Dänemark gehört, gibt es starke Sezessionstendenzen. In einer Umfrage 2016 sprachen sich 64 Prozent der Befragten für eine Unabhängigkeit aus. In einer anderen Erhebung aus dem Jahr 2017 votierten allerdings 78 Prozent dagegen, sofern damit ein Rückgang des Lebensstandards verbunden ist. Genau letzteres könnte aber im Falle einer Unabhängigkeit, zumindest kurz- und mittelfristig, eintreten, denn dann entfiele der «bloktilskud» («Blockzuschuss») aus Kopenhagen, der rund die Hälfte der Einnahmen von Kalaallit Nunaat – so der Name des Eilands in der Sprache der Autochthonen – ausmacht.

Von der Kolonie zur Autonomie

Nicht zuletzt aufgrund der riesigen Rohstoffvorkommen könnte sich die Bevölkerung eines Tages aber dennoch für die Unabhängigkeit von Dänemark entscheiden – eine Option, die die Mehrheit dem Beitritt zu den USA klar vorzieht. Ihr Premierminister Mute Egede formulierte es noch recht diplomatisch-verklausuliert in Richtung Trump: «Lassen Sie es mich wiederholen – Grönland gehört den Grönländern. Unsere Zukunft und unser Kampf für die Unabhängigkeit ist unsere Sache.» Klarer ist das Ergebnis einer Ende Januar 2025 veröffentlichten Umfrage. Darin sprachen sich 85 Prozent gegen einen Beitritt zu den USA aus.

«Grönland gehört den Grönländern.» Premier Mute Egede

Offenkundig zieht die überwiegende Mehrheit der rund 57.000 Inselbewohner, von denen über 90 Prozent Inuit («Eskimos») sind, Freiheit der Fremdbestimmung vor. Das ist verständlich: In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Grönland von Dänemark kolonialisiert, und die Kolonialzeit dauerte bis 1979, als die Insel weitreichende Autonomie erhielt. Aber trotz der seitherigen Selbstverwaltung fühlt man sich ungerecht behandelt vom Mutterland. In seiner Neujahrsansprache 2025 sagte Premier Egede – der ironischerweise denselben Familiennamen trägt wie der im 18. Jahrhundert auf der Insel tätige und als «Apostel der Grönländer» bezeichnete Missionar Hans Egede –, dass Dänemark keine «vollständige Gleichberechtigung» geschaffen habe.

Und Egede fügte hinzu: «Es ist jetzt an der Zeit, den nächsten Schritt für unser Land zu tun. Wie andere Länder der Welt müssen wir daran arbeiten, die Hindernisse der Zusammenarbeit – die wir als Fesseln der Kolonialzeit bezeichnen können – zu beseitigen.» Nach einem Abkommen mit Dänemark aus dem Jahr 2009 kann Grönland seine Unabhängigkeit erklären, wenn zuvor in einem Referendum dafür eine Mehrheit erzielt wurde.

Festungen im Eis

Ein solcher Schritt hätte weitreichende geopolitische Folgen. Weil dann die Insel nicht mehr zu Dänemark gehören würde, wäre sie auch nicht mehr NATO-Territorium, was, wie der geopolitische Analyst Alex Gorka bereits 2018 betonte, «das Schicksal des US-Luftwaffenstützpunkts in Thule, der Bestandteil von NORAD {Nordamerikanisches Luftverteidigungskommando} und des Frühwarnsystems für ballistische Flugkörper ist, in Frage stellt».

Der US-Luftwaffenstützpunkt Thule wäre bei einer Unabhängigkeit bedroht.

Umgekehrt ist ein unter US-Kontrolle stehendes Grönland aufgrund seiner geografischen Lage von besonderer Bedeutung, wie der Geopolitical Monitor erklärt: «Nach russischer geostrategischer Denkweise ist die Kontrolle über die Arktis ein entscheidender Schritt zur Erlangung der globalen Hegemonie, wenn man bedenkt, dass sie eine riesige Menge an natürlichen Ressourcen enthält und vor allem eine Position als potenzieller Korridor bietet, der schließlich eine Vernetzung bieten kann, der die nördlichen Teile Europas, Ostasiens und die amerikanische Hemisphäre sowohl in der militärischen als auch in der kommerziellen Schifffahrt verbinden kann.

Und wenn sich die Arktis auf lange Sicht erwärmt, dann wäre Russland in der Lage, Sibirien neu zu beleben und Warmwasserhäfen zu entwickeln.» Und zum Rohstoffreichtum Grönlands hält das Magazin fest, dass die Erderwärmung den Abbau der Bodenschätze, die unter anderem für militärische Hightech-Hardware wie Laser, Marinesonarsystemen, Nuklearwaffen, Lenkflugkörpern, Radargeräten, Satellitenkommunikation, fortschrittlicher optischer Ausrüstung und Kampfflugzeugen von entscheidender Bedeutung sind, erheblich erleichtern würde. Hinzu kommen noch vermutlich große Vorkommen an Erdöl und Erdgas.

Ein unabhängiges Grönland wäre aufgrund seiner Größe von mehr als zwei Millionen Quadratkilometern und seiner äußerst geringen Bevölkerungsdichte auf einen starken Partner angewiesen. Wenn sich die USA zu aggressiv verhalten – worauf die Äußerungen Trumps hindeuten –, könnten sich die Insulaner andere Partner suchen. In Betracht kommen dabei die beiden großen geopolitischen Gegenspieler der USA: Russland und China.

Washington will das verhindern. 2024, also während der Präsidentschaft von Joseph «Joe» Biden, veröffentlichte das Pentagon eine Arktis-Strategie. Darin wird gleich einleitend unmissverständlich festgehalten: «Die Arktis ist für die Vereinigten Staaten eine strategisch wichtige Region.» Außerdem umfasse der Nordpol wichtige maritime Engpässe wie die Beringstraße zwischen Russland und Alaska und die Barentssee nördlich von Norwegen, die wegen der Verringerung des Packeises aufgrund des Klimawandels immer besser befahrbar werden und deswegen an wirtschaftlicher und militärischer Bedeutung gewinnen.

Besonders sauer stößt Washington auf, dass Putin die militärischen Einrichtungen in der Arktis modernisiert, zumal Moskau bereits jetzt «über das größte arktische Territorium und die am stärksten entwickelte regionale Militärpräsenz aller Arktis-Nationen verfügt». Außerdem sei beängstigend, dass «Russlands Fähigkeiten in der Arktis das Potenzial haben, das Heimatland der USA sowie das Territorium von Verbündeten und Partnern zu gefährden. Hier könnte eine Militarisierung Abhilfe schaffen, wobei als Beispiel der Zweite Weltkrieg dienen möge: Nach der deutschen Besetzung Dänemarks gestattete Kopenhagen mit dem Hull-Kauffmann-Vertrag 1941 Washington die Errichtung militärischer Basen auf Grönland. Daraufhin errichteten die USA an dessen Ost- und Westküste mehrere «Bluie» genannte Militärstützpunkte. Ein solcher Stützpunkt war Bluie East Two, den die USA 1947 aufgaben und 200.000 Ölfässer zurückließen, die verrosten und die Umwelt verseuchen.

Die polare Großmacht

Bezüglich China kritisiert die Arktis-Strategie des Pentagon vor allem Pekings Vision einer Polaren Seidenstraße. So erklärte sich die Volksrepublik 2018 zu einem «arktisnahen Staat» und kündigte an, bis 2030 eine «polare Großmacht» werden zu wollen. Dabei versucht Peking unter anderem, mit Investitionen seinen wirtschaftlichen und vor allem auch politischen Einfluss zu vergrößern. Bereits 2013 schrieb Paula Briscoe vom Council on Foreign Relations, der einflussreichsten US-Denkfabrik auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik: «Wenn Grönland, ein arktisches Anrainergebiet, zunehmend von chinesischen Investitionen abhängig wird, wächst auch der Einfluss Pekings auf Grönland und arktische Angelegenheiten. Chinas Antrag auf einen ständigen Beobachterstatus steht 2013 auf der Tagesordnung des Arktischen Rates, und Grönlands Verwalter, Dänemark, unterstützt Chinas Antrag bereits.» Mittlerweile ist über den Antrag übrigens positiv entschieden worden. Briscoe ist davon überzeugt, dass Peking im Arktischen Rat mehr will als nur einen Beobachterstatus. Denn sollte Grönland ein eigener Staat werden, wäre es wahrscheinlich ständiges Mitglied in diesem Gremium und könnte zusammen mit Peking abstimmen.

«Die Arktis ist für die USA eine strategisch wichtige Region.»

Alles Paranoia? Der neue US-Außenminister Marco Rubio sagte, das Vorgehen von Trump sei von China und dessen Ambitionen getrieben. Und tatsächlich ist der rote Drache am Polarkreis für viele eine Alternative zu den USA. Zwar ist, wie das US-Magazin Newsweek am 19. Januar schrieb, die positive Einstellung der Insulaner zum Reich der Mitte gesunken, aber dennoch gaben in einer Umfrage 79,5 Prozent an, dass Grönland nicht der US-amerikanischen China-Politik folgen sollte. Das Blatt weist auch darauf hin, dass der fernöstliche Riese ein wichtiger Handelspartner sei und als zukünftiger Investor im Bergbau und in der Entwicklung des Tourismus eine bedeutende Rolle spielen werde. Der in London lehrende Professor für Geopolitik, Klaus Dodds, wird mit folgenden Worten zitiert: «Am Ende wird ein unabhängiges Grönland als Sorge für die Sicherheit der Vereinigten Staaten angesehen werden.» Deswegen will Trump diese Entwicklung unbedingt verhindern und die Insel kaufen. Übrigens: Sollte Kopenhagen seinem Wunsch nicht nachkommen, schloss er den Einsatz militärischer Gewalt nicht aus.

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