Meinung

Auf Autopilot

Auf Autopilot
Viele offene Fragen: Was geschah wirklich am 11. September 2001 in New York?

Welches Ausmaß an Unehrlichkeit ist die Gesellschaft bereit zu akzeptieren? Ein Aufsatz über eine depressive Bevölkerung, einstürzende Türme und abgeriegelte Themen.

von Paul Schreyer

Manchmal sind es Alltagsdetails, die mehr über den Zustand des Landes verraten als jede Statistik. Die Postfiliale, die plötzlich nur noch halbtags geöffnet hat, und in deren langer Warteschlange man kurz vor Schließung um 12 Uhr Mittags mit anhört, wie eine Mitarbeiterin einem IT-Fachmann, der gerade im laufenden Kundenbetrieb eine Panne am Computersystem der Filiale zu beheben versucht, zur Erklärung für Schließung und Warteschlange zutuschelt: „Wir haben drei Dauerkranke“, worauf der IT-Mann mit abgeklärter Miene und leiser Stimme antwortet: „Die haben wir auch.“ Die Gesichter der Wartenden spiegeln eine Mischung aus Frustration und Ergebenheit. Niemand spricht miteinander.

Besucht man nach dem Gang zur Post nach vier Wochen sommerlicher Nachrichtenabstinenz erstmals wieder die Onlineausgaben der großen Nachrichtenportale, sind nicht nur die exakt gleichen Themen wie vor einem Monat vorzufinden, sondern auch der gleiche Sachstand bei nahezu jedem Thema. Nichts hat sich getan. Es stagniert – das aber wird gründlichst protokolliert, Tag für Tag. Wer vier Wochen aus der Nachrichtenmühle aussteigt, verpasst nichts als das Gefühl, die tägliche Nachrichtendosis helfe noch bei der Orientierung.

Die Gesichter in der Innenstadt erschrecken durch ihren depressiven Grundcharakter, der überall durchschimmert, die ständige Anspannung, die Erschöpfung. Alles geht immer weiter, nichts wird besser. Die Situation nicht abwenden, ja überhaupt gar nichts dagegen tun zu können, ausgeliefert zu sein – eigentlich ist es ein Krankheitsbild, das sich in diesen Stimmungen ausdrückt. Nur, was genau ist die schlimme Situation, worin besteht das Problem?

Es ließen sich wieder Statistiken bemühen und politische Entscheidungen analysieren. Alles daran wäre richtig, doch irgendwie trifft es auch nicht den Kern. Zu fragen wäre, wie das angefangen hat, wie lange es schon so geht. Eine Frage, die jeder anders beantworten wird, vor dem Hintergrund von eigenem Lebensalter und Erfahrung. Ein möglicher Startpunkt wäre 9/11, verstanden nicht als politisches Ereignis, sondern als Veränderung einer Grundkonstante: Welches Ausmaß an Unehrlichkeit ist die Gesellschaft bereit zu akzeptieren? Wieviel Falschheit wird schweigend mitgetragen?

„Krieg gegen den Terror“, „Schläfer mitten unter uns“, „unsere Freiheit in Afghanistan verteidigen“, „harsche Verhörmethoden“, die Verhörten „gestehen ihre Schuld“, „WTC 7 ist durch Feuer kollabiert“. Und natürlich: „Nichts ist mehr wie es war“.

Die Falschheiten hatten Bestand, die Wortverdreher kamen damit durch. Erst bei 9/11, später dann, noch viel massiver, bei Corona. Unehrlichkeit als Grundrauschen der Politik, das die Dauerdepression unterfüttert und positive Zukunftsvisionen lächerlich erscheinen lässt. Außer natürlich, man akzeptiert die Falschheiten als wahr.

Der Einsturz der Türme im Lichte der Baustatik – noch heute, 24 Jahre später, schweigt jeder mit Sachverstand und einer hochdotierten Anstellung zu diesem Thema. Noch immer ist der Hinweis auf eine Sprengung der Türme karrieregefährdend. Die Fachleute, die es besser wissen, und ungefähr verstehen, was am 11. September 2001 passiert ist, schweigen, auch deshalb, kennen genau die Anpassungszwänge, die den Preis für Ehrlichkeit hochtreiben, sehr hoch.

Die Themen sind dabei eigentlich austauschbar: 9/11, Corona, Russland. Wer will anecken? Und wozu überhaupt noch? Eine Gesellschaft auf Autopilot, die Wegpunkte auf der abzufliegenden Route haben andere programmiert. Manifestiert solche Ergebenheit, Mutlosigkeit, Bequemlichkeit nicht überhaupt erst die schlimme Situation? Oder anders gefragt: Wenn geglaubt wird, dass es sich nicht länger lohne, für Wahrheiten, von denen man privat überzeugt ist, öffentlich zu streiten, wird dann nicht genau dies, selbsterfüllend, auch zur Realität? Und führt das dann nicht zum bekannten Ergebnis: kollektive Ohnmachtsgefühle, kompensiert durch vereinzelten Sarkasmus, da wo es noch geht, wo die Gefühle nicht bereits in stumpfe Depression umgeschlagen sind?

Die widerspruchslos hingenommenen Falschheiten lähmen auf jeden Fall. Alles und jeden. Am Ende ist 9/11 dann doch wieder ein lohnendes Beispiel, auch nach 24 Jahren, weil so viele Details dieses Tages das Fehlen, das Verhindern des notwendigen öffentlichen Streits illustrieren. Man kann beinahe eine beliebige Einzelheit herausgreifen, einen „unpassenden“ Puzzlestein und schauen, wie damit umgegangen worden ist und weiter umgegangen wird.

Ein konkretes Beispiel: 9/11 war bekanntlich eine Operation mit entführten Flugzeugen. Falls diese Flugzeuge von Passagieren entführt wurden, die über die – nicht gerade triviale – Fähigkeit verfügen, eine große Linienmaschine zu steuern, dann ist selbstverständlich auch deren Einchecken am Flughafen dokumentiert. Es gibt einen Nachweis, dass sie an Bord waren. Sollte man meinen. Beim Flugzeug, das ins Pentagon gesteuert wurde – das technisch anspruchsvollste Flugmanöver an jenem Tag, bei dem, wie auch bei den Flügen in die Twin Towers, mit plausiblen Argumenten eine Fernsteuerung diskutiert wird – ist gerade das aber nicht der Fall. Es ist nicht dokumentiert, dass der vermeintliche Entführer Hani Hanjour überhaupt an Bord war. Was, vorsichtig ausgedrückt, doch erklärungsbedürftig ist.

Denn wenn er nicht an Bord war, wer lenkte dann die Maschine ins Hauptquartier des US-Militärs?