Meinung

Narziss und Narzissmus

Narziss und Narzissmus
Narzissmus: Noch nie war es so einfach, Kritik abzuschmettern wie heute

Narzissmus gilt als Krankhaftigkeit eines Einzelnen – ein Unheil, das jedermann in Beziehungen, Wirtschaft und Politik zu spüren bekommt. Eine narzisstische Aufblähung ist jedoch der Versuch, mittels einer Rolle zu gesellschaftlicher Anerkennung und Bedeutung zu kommen. Diese Rolle ist ein Kompromiss zwischen dem Wunsch, als eigenständiger Mensch anerkannt zu werden und den Erwartungen, die in einer auf Herrschaft gründenden Gesellschaft an den Einzelnen gestellt werden. Die Pathologisierung des Einzelnen behindert die Erkenntnis, dass der Diener den Mächtigen bezeugt.

von Jeannette Fischer

Die Figur des Narziss tauchte ursprünglich in der griechischen Mythologie auf und wurde vom römischen Dichter Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. Bis 17 n. Chr.), kurz Ovid, im dritten Buch seiner Metamorphosen ausführlich beschrieben, eingebettet in eine wortgewaltige Poesie. Es ist der Jüngling, der im Teich sein Spiegelbild sieht und sich in dieses verliebt. Er kann es jedoch weder berühren noch küssen, weil sein Spiegelbild sich ihm zwar auch nähert, im Moment der Berührung jedoch entzieht. Das Begehren ist also gegenseitig.

Dass das Begehren des Narziss – wie von Ovid beschrieben – ihm selber gilt, wird heutzutage von vielen Menschen genüsslich zitiert und bissig kommentiert; der Narziss ist zum Objekt einer permanenten Stigmatisierung geworden. Die Rede ist von einem narzisstischen Zeitalter, in dem führende Politiker und Politikerinnen, wichtige Player in Wirtschaft und Gesellschaft dank dieser Eigenschaft zu Macht gelangen – oder erst dank ihrer so genannten narzisstischen Veranlagung in solche Positionen hineingewählt beziehungsweise hineinbefördert werden.

Moderne Bösewichte

Ein Narzisst, so der gängige Kanon, ist ein Selbstverliebter und ein tendenziell rücksichtsloser Mensch, weil er das Gegenüber verkennt, es in seiner Eigenheit und Eigenständigkeit nicht wahrnimmt, missachtet und für seine eigenen Zwecke missbraucht, sodass andere Menschen für ihn nur interessant sind, wenn er sie instrumentalisieren kann. Narzissten sind die modernen Bösewichte.

Jahrzehnte vor Ovid ist von dem griechischen Dichter Parthenios von Nikaia, der 73 v. Chr. als Kriegsgefangener nach Rom kam, eine Narziss-Erzählung überliefert, die aufzeigt, dass sich der junge Narziss dem Dasein als Geliebter erwachsener Männer – eine nicht unübliche Praxis im alten Athen – verweigert hat. Bei Ovid heißt es (zirka 1 bis 8 n. Chr.):

„So hatte Narziss diese (die Nymphe Echo, Anm. JF) enttäuscht, so auch andere Wasser- und Bergnymphen, so vorher den Umgang mit Männern gemieden. Daher hatte einer von ihnen, der verschmäht worden war, die Hände zum Äther erhoben und gesagt: ‘So soll es auch ihm in der Liebe ergehen, so soll auch er, was er liebt, nicht bekommen.’ Sprach’s, und Rhamnusia (Göttin des Zornes, Anm. JF) gewährte die gerechte Bitte.“

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