Meinung

Wie ernst ist es Ihnen mit dem Auswandern?

Wie ernst ist es Ihnen mit dem Auswandern?
Kaprun Hochgebirgsstauseen in Österreich

Jeder Fünfte in Deutschland denkt über Auswanderung nach – vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem jene, die längst angekommen sind und dieses Land tragen. Deutschland ist längst kein Magnet mehr für Fachkräfte – sondern hält nur noch jene, die Sozialleistungen abstauben wollen.

von Ahmet Refii Dener

Jeder Fünfte in Deutschland erwägt laut einer Kurzstudie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), das Land zu verlassen. Insgesamt denken 21 Prozent der Bevölkerung über das Auswandern nach – bei Deutschen ohne Migrationshintergrund sind es 17 Prozent. Bei Menschen, die selbst eingewandert sind, sind es sogar 34 Prozent, bei ihren Nachkommen sogar 37 Prozent. Und wer glaubt, das sei nur ein diffuses Stimmungsbild, wird am Ende der Meldung mit einer Zahl wachgeklingelt: 2024 verließen tatsächlich bereits 1,2 Millionen Menschen Deutschland. Das ist nicht mehr „Meckern auf hohem Niveau“. Das ist eine Form von Absetzbewegung – leise, aber massiv.

Doch natürlich wird Berlin auch diesmal erst einmal nichts sehen. Oder sagen wir es höflich: Berlin sieht sehr viel – nur leider grundsätzlich in die falsche Richtung. Man arbeitet dort mit einer Art politischem Weitwinkelobjektiv: Ukraine gestochen scharf, Weltklima in 8K – aber die Realität vor der eigenen Haustür bleibt ein unscharfer Fleck. Und wenn sie doch auftaucht, wird sie gerahmt: als „komplex“, als „Herausforderung“, als „Transformationsprozess“. Früher nannte man so etwas schlicht: Problem.

Denn die Demografie kippt. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Und das Kippen hat Folgen, die man nicht mit guten Absichten bekämpfen kann. Wer in Deutschland heute noch glaubt, das Land werde in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wie gestern, glaubt vermutlich auch, dass man Stromnetze mit Haltung stabilisieren kann. Das Entscheidende an dieser Studie ist nicht, dass „jeder Fünfte“ mal kurz vom Auswandern träumt. Entscheidend ist, wer es realistisch tun kann – und wer es tatsächlich tun wird.

Bei vielen Deutschen ist Auswanderung nämlich oft genau das: ein Gedanke. Ein Spruch. Eine Drohung beim Abendbrot. „Wenn das so weitergeht, dann bin ich weg!“ – ja klar. Und dann fragt der Nachbar: „Wohin denn?“ Und plötzlich herrscht Schweigen, gefolgt von der deutschen Kernkompetenz: Bedenken. Denn Auswandern ist kompliziert. Man müsste entscheiden, loslassen, Risiko tragen, sich neu erfinden. Das ist nicht die deutsche Lieblingsdisziplin. Das deutsche Auswanderungsprojekt endet häufig schon am Satzanfang. Ganz anders bei Menschen mit Migrationsgeschichte – vor allem bei denen, die sich hier eingelebt haben, die gearbeitet haben, die Steuern zahlen, die Betriebe führen, die dieses Land im Alltag wirklich tragen. Ausgerechnet sie haben das, was dem durchschnittlichen Deutschen fehlt: einen Plan B.

Und so wird es am Ende sehr wahrscheinlich die große Abwanderungswelle derer geben, die man eigentlich halten müsste: Türkeistämmige, die sich längst als Teil Deutschlands verstanden haben, werden zurückgehen – nicht aus Nostalgie, sondern aus rationaler Selbstverteidigung. Weil sie die Lage bewerten können. Weil sie Familie und Netzwerke haben. Weil sie im Zweifel sagen können: Es reicht.

Der Sozialstaat als Bindemittel

Und hier kommt der bitterste Punkt – der in keiner Studie offen ausgesprochen wird, aber in Deutschland längst zur stillen Wahrheit geworden ist: Der Sozialstaat ist nicht mehr nur Sicherheitsnetz, er ist Bindemittel. Der einzige Grund, Deutschland die Treue zu halten, ist in vielen Fällen nicht mehr Begeisterung, sondern Bequemlichkeit – oder Notwendigkeit.

Bitter genug: Deutschland ist das Land, in dessen Schoß man zurückkehrt, wenn es nicht geklappt hat. Nicht mehr der Ort, an dem man aufsteigen will, sondern der Ort, an dem man weich fällt. Früher kam man nach Deutschland, um sich ein Leben aufzubauen. Heute bleibt man, weil man sich woanders keines mehr leisten kann. Das ist keine Erfolgsgeschichte. Das ist das Stadium, in dem ein Land anfängt, seine Attraktivität zu verlieren – und nur noch durch Absicherung zusammengehalten wird.

Richtig Auswandern und besser leben - Hörbuch

Und das Tragische: Dieser Sozialstaat, der alles zusammenklebt, ist nicht mehr oder nur noch schwerlich finanzierbar. Genau deshalb wandern Leistungsträger ab, genau deshalb kippt die Demografie weiter, genau deshalb wird das System noch teurer, noch ungerechter – und genau deshalb wandern noch mehr aus. Es ist ein Kreislauf, nur ohne Ausstieg. Man kann ein Land nicht dauerhaft attraktiv halten, wenn es sich gleichzeitig angewöhnt, Leistung zu bestrafen, Verantwortung zu verdächtigen und Realität als „rechts“ zu klassifizieren.

Aber keine Sorge: Berlin wird reagieren. Spätestens dann, wenn das Kind im Brunnen liegt, wird es eilig ein „Sondervermögen Abwanderung“ geben, einen „Runden Tisch Demografie“ und eine Studie darüber, warum Menschen das Land verlassen. Ergebnis: Es fehlt an „positiven Narrativen“. Vermutlich auch an „Willkommenskultur für Auswanderer“.

Und so rutscht Deutschland weiter, mit schönem Vokabular und leerer Substanz. Während draußen das passiert, was in Statistiken nie pathetisch klingt, aber historisch ist: Die Guten gehen. Die Realistischen gehen. Die, die können, gehen. Und die, die bleiben, bleiben immer häufiger nicht aus Hoffnung, sondern aus Abhängigkeit. Das ist die demografische Zeitenwende. Und Berlin? Berlin wird sie erst bemerken, wenn irgendwann nicht mehr genug Leute da sind, um die nächste „Strategie“ zu finanzieren.

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