Ungarn unter Viktor Orbán ist das am meisten kritisierte und mit Strafen belegte Land innerhalb der Europäischen Union. Ein Besuch in dem Land, das der Nomenklatura der Europäischen Union ein immer größerer Dorn im Auge ist, weil seine Politik auf traditionelle Werte wie Christentum und Familie ausgerichtet ist.
von Chaim Noll
Beim Abendessen in Gyor, einer Stadt in Süd-Ungarn, begegnete ich Zoltan, einem Studenten am Corvinus Collegium, der Bildungsanstalt für besonders engagierte und motivierte junge Leute, die „Führungsaufgaben“ in der ungarischen Wirtschaft, Politik und medialen Öffentlichkeit anstreben. Zoltan will Ingenieur für Eisenbahnbau werden und sich dem Schienenverkehr seines Landes widmen. Er erklärte rundheraus, es ginge ihm nicht um Eisenbahnen im Allgemeinen, sondern um die in Ungarn.
Für die meisten Westeuropäer seines Alters, junge Briten, Holländer oder Deutsche, wäre das eine Einschränkung, die sie nicht akzeptieren würden. Ihnen geht es um größere, möglichst globale Projekte, etwa um die Bewahrung der Welt vor einer Klimakrise. Wenn ich sie fragen würde: Warum widmest du dich nicht dem Verkehrswesen in Berlin oder Nordrhein-Westfalen, es liegt sichtlich im Argen, würden sie mich für geistig beschränkt halten. Und meinen Vorschlag, sich zunächst um ihr eigenes Land zu kümmern, für ein reaktionäres Ansinnen. Wie jedes Bekenntnis zum Eigenen, zum eigenen Land, zum eigenen Volk.
Eine Betonung nationaler Interessen gilt in Westeuropa als „Nationalismus“. Das Wort mit der gefährlichen Endung -ismus soll das Ideologische solcher Regungen betonen. Jedes Bekenntnis zur eigenen „Nation“ ist seit dem Zweiten Weltkrieg in Verruf geraten, besonders in Deutschland, wo der Nationalstolz damals ins Aggressive, Bösartige ausgeartet war, und noch heute, drei, vier Generationen später, jeder, der das Wort im Munde führt, aggressiver Absichten verdächtigt wird. Dabei ist es eigentlich ein harmloses Wort, abgeleitet vom lateinischen natio, einer Substantivierung des Verbs nasci, geboren werden. „Nation“ meint also Geburt, Herkunft, Abstammung und ist verwandt mit dem Wort „Natur“, das sich gleichfalls aus dem Verb nasci herleitet – eine heute strikt verleugnete Verwandtschaft, da die politische Linke in Westeuropa vorgibt, „Nation“ sei etwas Unnatürliches, geradezu Perverses.
Renitenz der ungarischen Mehrheit
In Ungarn wird dieses Wort als etwas Selbstverständliches angesehen, auch die dahinterstehende Bedeutung eines auf das Eigene, das Naheliegende konzentrierten Vorgehens. Das bedeutet, dass darüber nachgedacht wird, was „Nation“ eigentlich mit Sinn erfüllt, auf welche Größen sich der nationale Zusammenhalt stützen kann. Zunächst auf Tradition. Erstens gründet sich Nation auf Herkunft, gemeinsame Abstammung und andere weit zurückliegende Größen, zweitens wächst eine Nation, bildet und festigt sich in gemeinsam durchlebter Geschichte. Das starke Nationalgefühl der Ungarn entstand und festigte sich in Jahrhunderten der Fremdherrschaft. Die heutige Renitenz der ungarischen Mehrheit gegen die Bevormundungen durch Funktionäre der Europäischen Union in Brüssel gehört zum tradierten Selbstverständnis einer Nation, die zuvor der türkischen Okkupation, der Dominanz des Habsburger Herrscherhauses in Wien und dem Politbüro der Kommunistischen Partei in Moskau getrotzt hat.
Das Nationalgefühl der ungarischen Mehrheit ist nach Außen dezent und bemessen, dennoch spürbar, als etwas Starkes, Selbstverständliches. Abgesehen von einigen radikalen Gruppen gibt es keine aufdringlichen Bekundungen von Nationalstolz. Die „Ungarische Garde“, eine ultra-nationalistische, antisemitische Vereinigung, deren Armbinden und Symbole an die der berüchtigten „Pfeilkreuzler“ erinnerten, wurde 2009 von der Regierung Orbán verboten. Die Ungarn sind bei allem unterirdisch vibrierenden Temperament eine höfliche Nation, betont korrekt, sogar mit Neigung zu bürokratischer Pedanterie. Der lange Umgang mit fremden Mächten auf ihrem eigenen Gebiet, denen sie gelegentlich mit offenem Widerstand, aber auch mit diplomatischem Geschick und Kompromisspolitik begegneten, hat einem ursprünglich etwas wilden Reiter- und Kriegervolk den nötigen Schliff verliehen, um auf Fremde einladend, gelegentlich bezaubernd zu wirken. Die ungarischen Umgangsformen sind auffallend geschmeidig und heiter. Frauen behandeln sie mit einer altmodischen Galanterie, Fremde mit Freundlichkeit.
Ihre gut bewachten Landesgrenzen sorgen jedoch dafür, dass es nicht – wie in Westeuropa – zur Überflutung mit unkontrollierbaren Einwanderern kommt. Auch das tun sie mit Raffinesse. Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Polizei-Gewerkschaft, Manuel Ostermann, war begeistert vom hohen technischen Standard der ungarischen Polizei an der „europäischen Außengrenze“. Auf Facebook erklärte er, es sei „bemerkenswert, mit welchem technischen Know-how, mit welcher Innovation, mit welchem vielseitigen polizeitaktischen Vorgehen (…) sie die Sicherheit der ungarischen Bevölkerung garantieren, aber auch die Sicherheit in Europa.“
Das am meisten kritisierte und mit Strafen belegte Land innerhalb der Europäischen Union
Die meisten westeuropäischen Regierungen sehen es anders. Ungarn unter Viktor Orbán ist das am meisten kritisierte und mit Strafen belegte Land innerhalb der Europäischen Union. Diese Institution, eigentlich zur Versöhnung, zum Ausgleich und zum inner-europäischen Frieden gedacht, hat sich längst zu einer despotischen Macht entwickelt, die sich von Brüssel aus in die Angelegenheiten der einzelnen Nationen einmischt. Die EU-Administration betrachtet Europa nicht als Verbund freier Nationalstaaten, sondern als einen bürokratisch und ideologisch gleichgeschalteten gigantischen Verwaltungsbezirk. Zunehmend sind die Politiker West-Europas abhängig von der Stimmung der muslimischen Minderheiten, die sie millionenfach in ihre Länder eingeladen haben.
Ungarn ist ihnen ein Ärgernis, weil es sich Vorgaben aus Brüssel widersetzt, unter anderem der verordneten Massenimmigration junger Muslime. In Ungarn gibt es nur eine Handvoll Moscheen für die etwa 8.000 Muslime im Land. Dafür sieht man überall Kirchen. Es gibt Kirchen, die ursprünglich als Moscheen gebaut wurden wie die Gasi Kazim Moschee in Pecs, heute Kirche der Gesegneten Jungfrau Maria – in Westeuropa erlebt man meist das Gegenteil: Moscheen in den Gebäuden ehemaliger Kirchen und Synagogen. Hier, den symbolischen Charakter durchaus betonend, die Konversion einer Moschee ins Christliche. Der türkische Eroberer Kazim Pascha hatte die Moschee im 16. Jahrhundert auf den Trümmern der zerstörten St. Bartholomäus-Kirche erbauen lassen, die Ungarn stellten im 18. Jahrhundert die ursprünglichen Verhältnisse wieder her.
Die ungarische Regierung erklärt offiziell, Ungarn sei ein christliches Land. Die Anzahl der Kirchen, auch auf dem Land, ist erstaunlich. Ich habe noch nirgendwo, auch nicht in Italien, so viele Gotteshäuser in freier Landschaft stehen sehen: Überall, in den Weinbergen, auf Feldern, in grünen Wiesen leuchten die meist weiß getünchten kleinen Kirchen. Viele Dörfer und Kleinstädte haben deren mehrere, weil überall in Ungarn Christen verschiedener Konfessionen zusammenleben, meist Katholiken (überwiegend römisch-katholisch) und Reformierte (überwiegend der calvinistischen Richtung). Die Gebäude sind in auffallend gutem Zustand, gerade die auf dem Land wirken wie frisch renoviert – es ist ersichtlich, dass sowohl der Staat als auch die Gläubigen die Kirchen massiv unterstützen. In Ungarn gibt es keine Kirchensteuer, die Spenden erfolgen freiwillig.
Christentum als Symbol nationaler Selbstbehauptung
Das Christentum ist für viele Ungarn ein Symbol ihrer nationalen Selbstbehauptung, so überliefert aus den 150 Jahren der türkischen Besatzung. Anders als die meisten Nationen Westeuropas haben die Ungarn erlebt und verinnerlicht, was islamische Fremdherrschaft bedeutet. Sie teilen nicht die Naivität der westeuropäischen Eliten, die den grundsätzlich expansiven, nach unseren Maßstäben inhumanen Charakter des religiösen Islam ignorieren. Auch im Widerstand gegen den Kommunismus und die sowjetische Besatzungsmacht spielten die ungarischen Kirchen eine bedeutende Rolle, inkarniert im legendären Erzbischof von Esztergom, Kardinal Joszef Mindszenty, der 1944 mit den ungarischen Bischöfen gegen die Juden-Deportation protestierte, dafür ins Gefängnis kam und 1949 erneut, diesmal von der kommunistischen Regierung verhaftet, im berüchtigten „Haus des Terrors“ gefoltert und in einem Schauprozess zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde. Während des ungarischen Volksaufstandes 1956 vorübergehend befreit und im Triumph mach Budapest geholt, entging er neuerlicher Verhaftung – nach Einmarsch sowjetischer Truppen, die den Aufstand niederschlugen – nur durch Flucht in die amerikanische Botschaft in Budapest, wo er die nächsten 16 Jahre in selbstgewähltem Hausarrest verbrachte und weiterhin als Primas der ungarischen Kirche vorstand. 1971 wurde er nach langwierigen Verhandlungen des Vatikans mit der sowjetischen Führung nach Rom ausgeflogen.
Kardinal Mindszenty steht als Symbol für die Standhaftigkeit der Ungarn in den Jahren der kommunistischen Unterdrückung. Kein osteuropäisches Volk widersetzte sich der sowjetischen Herrschaft so heftig wie die Ungarn, und kein anderer Kirchenfürst nahm ein solches Martyrium auf sich. Die Verbundenheit von Kirchen und Volk ist in Ungarn bewährt und gefestigt durch gemeinsamen Widerstand in dunklen Zeiten. Bis heute erweist sich das Christentum als integrierende Komponente der nationalen ungarischen Identität. Kaum jemand in diesem Land, nicht einmal die ungarische Linke, profiliert sich betont antichristlich. Christliche Gemeinden wirken zugleich als sozialen Zusammenhalt schaffende Einrichtungen.
Ungarn ist das einzige europäische Land, das ein Staatssekretariat zur Hilfe verfolgter Christen unterhält, als Abteilung seines Außenministeriums. Diese Regierungsstelle arbeitet derzeit in 370 Projekten weltweit zur Unterstützung verfolgter Christen in Ländern wie Iran, Syrien, Ägypten und einigen afrikanische Staaten. Das Geld geht direkt vom ungarischen Finanzministerium an die Bischöfe der Kirchen vor Ort. Um die Ziele der Zuwendungen zu ermitteln und die Verwendung der Mittel zu beobachten, reist der ungarische Staatssekretär Tristan Azbej selbst in die betreffenden Kirchenbezirke, auch wenn sie in gefährlichen, von Bürgerkrieg, Terrorismus oder bösartigen Regierungen heimgesuchten Regionen liegen. Er erklärte mir, sein Einsatz für bedrängte Christen anderer Länder sei in Ungarn „populär“, die Bevölkerung befürworte mehrheitlich die Verwendung von Steuermitteln zu diesem Zweck. Offensichtlich ist das Verhältnis der Ungarn zum Christentum weit weniger gestört als das der Deutschen oder anderer westeuropäischen Nationen.
Massive Steuervorteile und finanzielle Anreize für junge Familien
Eine Nation realisiert sich in Individuen, die untereinander in funktionierenden Strukturen verbunden sind. Im privaten Bereich meint das vor allen die Struktur Familie. Ich will nicht behaupten, dass die klassische Mutter-Vater-Kinder-Familie das einzige tragende, kreative Element einer Gesellschaft ist, es gibt seit jeher auch andere Formen des Zusammenlebens, seien es eremitische, klösterliche oder gleichgeschlechtliche, seien es lose verbundene Gruppen oder andere Arten zwischenmenschlicher Symbiose, die in einer wirklichen Demokratie respektiert werden, doch die klassische Familie ist ohne Frage die vorherrschende. Auch das erwiesenermaßen seit Jahrtausenden. Deshalb muss der Staat sie schützen. Wie er andere lebenswichtige Strukturen unseres Überlebens schützt.
Die Struktur Familie muss nicht erzwungen werden, sie bildet sich von selbst, aus den natürlichen Bedürfnissen der meisten Menschen. Die in West-Europa verbreitete Demolierung der Struktur Familie hat keine Zukunft, sie führt zu Massen vereinsamter alter Menschen, zur Überlastung der Sozialsysteme und einer pessimistischen Stimmung unter der Jugend. Die modische Single-Existenz ist – im Wortsinn – zum Aussterben verurteilt. Eine gewisse Einsamkeit im Alter ergibt sich ohnehin, nicht zuletzt von den alternden Menschen selbst verursacht, durch wachsendes Ruhebedürfnis und einen wieder einsetzenden reziprok-infantilen Egozentrismus, doch sie ist unvergleichlich leichter zu ertragen mit Kindern und Enkeln im Hintergrund. Teure Pflegedienste und Seniorenheime werden entbehrlich, wenn es eine Familie gibt, die an ihre Stelle treten kann.
Eine sinkende Geburtenrate ist daher kein Zeichen von Freiheit oder modernen Alternativen, sondern ein Krankheitssymptom der Gesellschaft. Der durch zu wenige Geburten entstehende Rückgang der eigenen Bevölkerung lässt sich nach Ansicht der ungarischen Regierung nicht durch den Import fremder Jugend ausgleichen, wie man es in den geburtenschwachen Ländern Westeuropas versucht. Daher setzt die Regierung Orbán in der ungarischen Familie an, wenn sie die europäische Krankheit, die negative Demographie, zu überwinden versucht. Per Gesetz wurden massive Steuervorteile und finanzieller Anreize für junge Familien geschaffen. Noch ist auch in Ungarn die Bevölkerungsrate negativ, doch man arbeitet ernsthaft daran, die demographische Misere zu überwinden, und zwar nicht durch Einwanderung junger Muslime, sondern durch Unterstützung der eigenen Jugend bei der Gründung von Familien.
Von der Basis her versucht die ungarische Regierung ihre in den Wirren des Zwanzigsten Jahrhunderts erschütterte Nation neu aufzubauen, und sie tut es unter Einbeziehung der zur Verfügung stehenden traditionellen Komponenten, vor allem Christentum und Familie. Dieser elementar vernünftige Ansatz – zumal im Angesicht neuer Herausforderungen und Erschütterungen – wird von Medien und politischen Stimmen in Westeuropa als als „nationalistisch“ oder “rechtsextrem“ abgetan. In einigen Jahren wird sich zeigen, wie vorausschauend er war.

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