Nach der Schließung der Wahllokale am heutigen 12. April um 19.00 Uhr beginnt unverzüglich die Auszählung der Stimmen, die ersten Ergebnisse werden gegen 20 Uhr erwartet.
von Rainer Ackermann
Wenngleich mehrere Meinungsumfragen klare Sieger sehen, verweist das Nationale Wahlbüro (NVI) auf einen wichtigen Umstand: Sollte es zu einem engen Wahlausgang kommen, wird das endgültige Ergebnis erst am Samstag der darauffolgenden Woche feststehen. Parallel beginnt beim NVI die Auszählung der Briefwahlstimmen.
Warum es eventuell knapp wird
Die bei Außenvertretungen (rund 90.000) sowie in vom Wohnort abweichenden Wahllokalen abgegebenen Stimmen (max. 220.000 Wähler) werden den zuständigen örtlichen Wahlbüros übergeben und am kommenden Freitag ausgezählt. Das bedeutet, dass laut NVI am Abend des Wahltags tatsächlich nur ca. 95% der auf die Landeslisten und max. 97% der auf die Kandidaten in den einzelnen Wahlkreisen abgegebenen Stimmen ausgezählt werden können. Wo es eng wird, könnte sich das offizielle Wahlergebnis bei 100% der ausgezählten Stimmen nochmals verändern – pro Wahlkreis können 1.-3.000 Stimmen von „auswärts“ hinzukommen. Bis zum Donnerstagmorgen wurden bereits 192.000 Briefwahlstimmen registriert, darunter mehr als 163.000 Stimmen in Außenvertretungen. Insgesamt haben sich jedoch nahezu 500.000 Wähler für eine Briefwahl registrieren lassen, was bis Mitte März möglich war.
Tisza mit besserem Schnitt
Unter den maßgeblichen Meinungsforschungsinstituten sehen zwei Drittel einen Sieg der Tisza von Péter Magyar voraus, lediglich vier Institute halten eine Fortsetzung der Orbán-Regierung für das wahrscheinlichste Szenario. Interessant: Fidesz-KDNP werden maximal 50% der Wählerstimmen zugetraut, weshalb eine neuerliche Zweidrittelmehrheit für die seit 16 Jahren amtierenden Regierungsparteien praktisch ausgeschlossen erscheint. Die Tisza würde im arithmetischen Mittel aller Umfragen mit 48% die Oberhand behalten, was mit einer Mehrheit von etwa 110 Sitzen im nächsten Parlament gepaart wäre. Zwei Institute (Medián und 21KK) halten sogar eine Zweidrittelmehrheit des Herausforderers für möglich.
Roma ja, Deutsche nein
Das Mandat für die Landesvertretung der Roma (MROÖ) scheint gesichert, die deutsche LdU wird nach dem Erfolg von 2022 dieses Mal sehr wahrscheinlich leer ausgehen. Nur ein einziges Institut (Nézőpont) traut einem unabhängigen Kandidaten den Sieg in seinem Wahlkreis zu – und zwar dem radikalen Regierungskritiker Ákos Hadházy, der mit seinen Dienstag-Demos und den Kundgebungen am Wohnort der Familie des Ministerpräsidenten für Schlagzeilen sorgte. Die linksalternative Satirepartei MKKP wird vermutlich scheitern, nachdem sie bei allen aktuellen Sonntagsfragen nur auf 2-4% kam. Die linksliberale DK der Europaabgeordneten Klára Dobrev wird merkwürdigerweise von den meisten Instituten noch hinter der MKKP gemessen, könnte aber laut drei Umfragen die 5%-Hürde gerade so meistern. Umgekehrt traut genau das nur ein einziges Institut der rechten Mi Hazánk nicht zu, die bei den meisten Umfragen als sicherer Teilnehmer im nächsten Parlament gewertet wird, mit voraussichtlich 6 Mandaten.
Fidesz auf den harten Bänken?
Fidesz-KDNP müssten sich in den schrillsten Umfragen mit den harten Oppositionsbänken und kaum mehr als 50 (!) Sitzen abfinden, also weit weniger als der Hälfte der heutigen Fraktionsstärke. Auch im Schnitt aller Umfragen wären knapp 85 Mandate selbst für eine Koalition mit der Mi Hazánk zur Weiterführung einer nationalkonservativ ausgerichteten Regierung nicht ausreichend. Die Tisza hätte ihrerseits im Umfragemittel 105-110 Stimmen sicher und könnte eigenständig die nächste Regierung bilden.

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