Das ehemalige Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” will in Zukunft noch regierungsfreundlicher berichten. Sagen, was Sache ist und Kritik an den Herrschenden in Berlin nütze angeblich den Systemfeinden. Damit meint man wohl die Opposition und den denkenden Teil der Bevölkerung. So ähnlich rechtfertigen sich Journalisten in allen Totalitarismen.
Sagen, was ist! Das war das Motto von Rudolf Augstein, seinerzeit Gründer des größten deutschen Magazins namens Spiegel. Dass es der Wahrheitsfindung dient, wenn man sagt, was ist, hatte schon vor Augstein und seinem Spiegel Anklang gefunden: denn bereits Rosa Luxemburg empfand es als »revolutionärste Tat«, wenn man sagt, was ist – sie wiederum bediente sich beim SPD-Gründer Ferdinand Lasalle, der »alle große politische Aktion« mit dem Aussprechen, was ist, verband. Ja, mehr noch, für ihn begann »alle politische Kleingeisterei« mit »dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist«.
Wie sehr sich Rudolf Augstein durch diese Koryphäen deutscher Politikgeschichte beeinflussen ließ, als er sein Motto formulierte, ist mindestens umstritten. Doch das Credo stand dem Magazin, ja überhaupt aller journalistischen Arbeit, gut an. Sagen, was ist! ist ein Bekenntnis zur Wahrhaftigkeit. Dem Journalisten steht es nicht an, die Wirklichkeit zu formen, ihr seinen Stempel aufzudrücken – auch wenn er es freilich unbewusst immer tut, schon deswegen, weil seine bloße Existenz die Dynamiken von Ereignissen verändert. Gleichwohl sollte er seine Einflussnahme auf ein Minimum reduzieren. Das ist die Haltung, die Journalismus benötigt – dezidierte Meinungsbeiträge sind hiervon ausgeschlossen. Beim Spiegel sieht man all das heute ganz offenbar anders.
Sagen, was sein soll
Augsteins Magazin hat in den letzten Jahren eine Transformation durchlitten – oder sagen wir lieber: die Leser und Abonnenten, so es noch gelesen und abonniert haben, haben schwere Zeiten durchgemacht. Ihr Magazin hat sich selten damit begnügt, das zu sagen, was auch wirklich ist. Sicher, da war die Episode Claas Relotius – ein Journalist, der sich Geschichten ersann. Und da er wusste, was sein Publikum und seine Kollegen, die deutsche Öffentlichkeit an sich, gerne liest, kam er zu großen Ehren: 2013, 2015, 2016 und 2018 gewann er den Deutschen Reporterpreis für seine Reportagen. Ein beschwingter Wortkünstler war Relotius nie. Aber er traf den Zeitgeist, man lag ihm zu Füßen, er kannte den Spirit – vereinfacht formuliert: Relotius schrieb aus der Warte des anständigen Justemilieu gegen jene an, die man als »kritische Masse« betrachtete – später würde man sie als »Querdenker«, »Schwurbler« oder »rechtsoffen« bezeichnen.
Von Relotius musste sich der Spiegel natürlich trennen, nachdem sich der Anfangsverdacht, angestoßen vom Spiegel-Reporter Juan Moreno, erhärtete. Der Spiegel war aber deswegen noch lange nicht von der Haltung befreit, die man offenbar für notwendig erachtete, um sich von dem, was wirklich ist, gekonnt abzusetzen. Die Wahrheit hatte es schwer in den Jahren nach Relotius – sie fand auch während der Pandemie nur wenige Einträge in jenem Nachrichtenmagazin. Aber schon vor dem Skandalreporter glänzte der Spiegel durch Anbiederung an die politischen Machtverhältnisse. Die breite Kritik der Öffentlichkeit, als die Agenda 2010 etabliert wurde, fand im Spiegel erstaunlich wenig Anklang. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte in seinem unnachahmlich knorrigen Stil, dass er zum Regieren nur »Bild, BamS und Glotze« brauche – dabei vergaß er den Spiegel zu erwähnen, der ihm auf dem Reformkurs nachhaltig behilflich war. Offenbar ideologisch eingefärbt sprach man sich seinerzeit für Privatisierungen und Sozialstaatsabbau aus. Heute verbindet man den Fall von »Florida-Rolf« mit der Bildzeitung – aber auch der Spiegel stürzte sich auf diese Story und weidete sie aus. Man sprach sogar mit dem psychologischen Gutachter des Sozialhilfeempfängers und freute sich an dessen Aussage, dass jener Rolf auch bestens im polnischen Klima aufgehoben gewesen wäre – dass er »Staatsknete« – so schrieb der Spiegel wirklich – in Florida verprasste, sei nicht Gegenstand des Gutachtens seinerzeit gewesen.
Das lag vor der Zeit, da Relotius zum prämierten Starreporter aufstieg, beflügelt durch eine Klientel, die es mochte, was der Journalist da zu Papier brachte. Es passte einfach so gut zur eigenen Wahrnehmung – richtete sich gegen den Argwohn, den es in der Bevölkerung gab, auch gegen Donald Trump, der damals schon als Sinnbild für einen globalen Rechtsruck gehandelt wurde. Seine Story, wonach irgendwelche Rednecks an der mexikanischen Grenze auf Menschenjagd gingen, las die Mehrheit unreflektiert – so stellte man sich die Vereinigten Staaten doch vor. Dort werden Mexikaner durch die Wüste gejagt und erschossen – und Relotius bestätigte dies. Moreno wies ihm nach, dass er nie mit den Beteiligten seiner Story gesprochen habe. Die Menschenjagd: erfunden! Man mochte nicht zimperlich mit Mexikanern umgehen, die die Grenze passierten. Aber erschießen wie Wild? Relotius schrieb nicht, was ist – er formulierte, was sein soll. In gewisser Weise stand er damals schon in einer Kontinuität seines Magazins, denn der Spiegel hatte Jahre zuvor – und auch während der Jahre, da Relotius das wichtigste Zugpferd war – schon mehr auf das gesetzt, was sein soll – wie gesagt, wie das Magazin den neoliberalen Reformkurs begleitete, ließ die Frage aufkommen, nach welchen Kriterien man der Wirklichkeit auf die Spur kommen wollte.
»Können wir so weitermachen?«
Man fokussierte sich auf die »Erkenntnisse« der herrschenden Ökonomie und ihrer Thinktanks – man tut das im Grunde bis heute. Diese vom Big Business finanzierten Einrichtungen, so schien man sich beim Spiegel zu beruhigen, sagten ja durchaus, was ist. Benötigte man da noch eine Gegenstimme? Irgendeinen sozialromantischen Gewerkschaftler, dem man nicht abnahm, sagen zu können, was tatsächlich ist? Die Nachfrageökonomie hatte einen schlechten Stand, man hielt die Löhne für zu hoch, die Arbeitslosen für abgrundtief faul und die Reichen für zu sehr belastet – die Chicago Boys galten als Quelle der Wahrheit. Reichte das nicht? Die Rolle des Magazins in jenen Jahren wurde nie aufgearbeitet – täte man dies, müsste man einen wesentlichen Punkt attestieren: Die damaligen Reformjahre haben maßgeblich zur gesellschaftlichen Spaltung beigetragen, sie haben das alte Vertrauensverhältnis vieler Bundesbürger in ihren Staat erodieren lassen – es entstand ein politisches Vakuum, in das letztendlich die AfD vorstieß. Kein Wunder, dass der Spiegel eine solche Nachschau nicht zur Priorität erheben möchte. Auch er hat sein Scherflein zur heutigen Gemengelage der Republik beigetragen.
Dann entschloss man sich, einen aggressiveren Grippevirus mit einer Pandemie zu küren. Gegenstimmen zum Kurs der Bundesregierung im Spiegel? Fehlanzeige! Man verließ sich auf die Expertenriege der Politik, kritische Stimmen am Rande des Regierungsdunstkreises wurden ignoriert – das war noch die rücksichtsvolle Form – oder sie wurden gleich öffentlich vorgeführt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Wieder schrieb man gegen jene an, die schon in Relotius‘ Geschichten dumm aussehen sollten: die widerständischen Massen, die nicht für bare Münze nehmen wollen, was Medien und Politik, Politik und Medien, als alternativlose Szenarien zeichneten. Vor Jahren hatte man sie noch spöttisch als »besorgte Bürger« tituliert. Jetzt etikettierte man sie als »Rechte«, als Menschen, die keine Scheu hätten, mit teuflisch agierenden Extremisten zusammenzukommen. Um das abzukürzen: Corona verging, zeitgleich begann der Ukrainekrieg – oder sagen wir: wurde aus dem Bürgerkrieg in der Ostukraine ein russisch-ukrainischer Krieg – und wieder fand sich der Spiegel auf der Seite der politischen Funktionseliten im Lande. Kritiker werden nun seit vier Jahren vorgeführt und zu Agenten des Kremls umgedichtet. Der Spiegel ist Teil einer Kraft im Lande, die es geschafft hat, Angst und Schrecken zu verbreiten: immer weniger im Lande trauen sich noch zu sagen, was ist – oder was sie als gegeben erachten. Meinungsfreiheit nannte man das einst.
Nun also legt Christoph Hickmann, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, ein Bekenntnis ab. Vollmundig titelt er: »Nach 20 Jahren als Journalist frage ich mich: Können wir so weitermachen?« Fast möchte man vor Verzückung gratulieren – endlich nimmt sich einer der Misere an! Aber weit gefehlt. Hickmann moniert lediglich, dass seine Zunft gerne »negativ über Politik und Politiker« berichte. Man »kritisiere, meckere, prangere an«. Und was das bedeutet, scheint ihm klar zu sein: »Man könnte meinen, damit spielten wir den Systemfeinden in die Hände. Vielleicht sollten wir etwas ändern.«
Mit Pseudojournalismus gegen die Systemfeinde
Von was spricht dieser Mann? Seit Jahr und Tag ist der Spiegel nun als Magazin bekannt, das den Mächtigen in Berlin zur Seite springt, wann immer es notwendig ist – Augsteins Druckerzeugnis formierte sich über viele Jahre als Stimme gegen all jene, die der Bundesregierung Schritt für Schritt weniger über den Weg trauten. Den Kurs der offiziellen Politik zu kritisieren: Für das Magazin war das stets ein Grund, nach der großen Verschwörung zu forschen, die ein – für den Spiegel – so abwegiges Verhalten wie Regierungskritik erklärbar machen sollte. Und nun kommt ausgerechnet ein solches Bekenntnis des Leiters des Spiegel-Hauptstadtbüros, in dem man sich regelrecht dafür entschuldigt, zu hart mit Politik und Politikern umgegangen zu sein! Schlimmer noch: Zu dieser Erkenntnis kommt man lediglich, weil man sich davor zu fürchten scheint, »Systemfeinden in die Hände« zu spielen. Schon diese Wortwahl: Systemfeinde! Das ist vermutlich die hausinterne neue Bezeichnung für »Querdenker« und »Rechte« – nun erklärt man jeden kritischen Menschen, vom Pazifisten bis zum ostdeutschen AfD-Wähler, zum Feind des Systems und damit zum Gefährder.
Um diesen Schergen nicht dienstbar zur Hand zu gehen, scheint es offenbar im Hause Spiegel nun geboten zu sein, die ganze Wahrheit auf den Tisch zu packen. Sie lautet: Lieber nicht sagen, was ist – besser sagen, was sein soll. Damit kennt man sich freilich aus, man hält es schon sehr lange so. Nun aber spricht man es endlich mal ungeniert aus, ganz frei von der Leber weg. Wenn ein Politiker eine rüde Kritik verdient, dann ist es nach Hickmanns Bekenntnis offenbar viel besser für Land und Leute, wenn man sie als Journalist hinunterschluckt und ganz bieder und sehr zurückhaltend einige Fakten – oder das, was man dafür hält – nennt, aber nicht einordnet – Lieblingswort der Zeitgeist-Journaille! – und das Verhalten des betroffenen Politikers thematisiert. Dass sich der Spiegel dann überhaupt noch dazu herablässt, über gewisse Vorfälle zu berichten, soll der Leser und Abonnent dann vermutlich voller Dankbarkeit auffassen.
Nochmal, um es sich auf der Zunge zergehen zu lassen: Zu sagen, was ist, gilt also für den Spiegel der Zeitenwende als ausgemachtes Problem. Denn mit Fakten würde man das System destabilisieren – besser ist es also, dass man nicht sagt, was ist, um systemfeindlichen Subjekten nichts an die Hand zu geben. Mit dieser Einschätzung der eigenen Arbeit befindet sich der Spiegel nun auf dem Kurs der Europäischen Union, die mit ihrer Kampagne gegen sogenannte Desinformation ganz deutlich auf so eine Art von Journalismus setzt. Natürlich muss man sich als Rezipient an dieser Stelle nicht davor fürchten, dass der Spiegel nun nicht mehr sagt, was ist – denn das tut er ohnehin schon lange nicht mehr. Verwegen genug von Hickmann, so zu tun, als käme sein Magazin dieser Aufgabe noch nach. Aber nun gut, jeder auf dieser Welt braucht eine Lebenslüge – besonders in der Berliner Blase. Dass seine Ausführungen aber kaum Beachtung finden, spricht auch Bände. Es scheint mittlerweile angekommen zu sein in der Branche, dass Journalismus so betrieben werden sollte, wie Hickmann es ausformulierte: Systemstabil und nicht zu negativ. Denn Aufgabe der Presse ist es, die Stimmung hochzuhalten und bloß keine kritischen Fragen aufzuwerfen. Man könnte auch sagen: Hickmann hat kurz festgehalten, wie Presse im Ernstfall stattfinden soll. Oder im Totalitarismus.

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