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Magyars Rachefeldzug: Flüchtet Orbán aus Ungarn?

Magyars Rachefeldzug: Flüchtet Orbán aus Ungarn?
Gezeichnet: Der ehemalige Regierungschef Ungarns, Viktor Orbán

Die politische Lage in Ungarn ist weiterhin angespannt. Die Hinweise verdichten sich, dass der neue Ministerpräsident Péter Magyar seinen Vorgänger mit allen Mitteln strafrechtlich verfolgen lassen will. Personen aus dem engsten Kreis um Viktor Orbán haben sich bereits ins Ausland abgesetzt oder treffen entsprechende Vorbereitungen. Nun soll ausgerechnet der Schwager von Péter Magyar den Posten als Justizminister zugeschanzt bekommen.

von Felix Hagen

Geht er oder bleibt er? Das ist die Frage, die sich im Moment viele Ungarn stellen, wenn die Rede von Viktor Orbán ist. Seine Abwahl und der Machtverlust seiner Partei, Fidesz, markiert eine politische Zäsur in Ungarn. Vor allem aber löst er offenbar Schockwellen in jenem Netzwerk aus, das über Jahre hinweg direkt oder mittelbar von Orbáns Herrschaft profitierte. Einerseits zeigt er selbst demonstrative Gelassenheit und kündigt den Neuaufbau der Opposition außerhalb des Parlaments an. Andererseits verdichten sich Hinweise darauf, dass Teile seines engsten Umfelds längst die Flucht ins Ausland vorbereiten.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei ein Klientelsystem, welches von Orbáns Gegnern als „System der Nationalen Zusammenarbeit“ verspottet wird. Dabei handelt es sich um ein enges Geflecht aus Politik, Wirtschaft und loyalen Oligarchen, das über Jahre hinweg als Machtbasis der Fidesz fungierte und mit dem über Jahre hinweg eine heimische „nationale Bourgeoisie“ aufgebaut werden sollte. Nach der Wahlniederlage vom 12. April 2026 gegen Péter Magyar mehren sich Berichte über hektische Aktivitäten innerhalb dieses Kreises – insbesondere über massive Kapitalbewegungen in andere Länder.

Magyar selbst machte die Entwicklungen in den sozialen Medien öffentlich und sprach von „Transfers in Milliardenhöhe“ in Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate, die USA oder Uruguay. Zudem warnte er vor gezielten Fluchtbewegungen von Personen, die sich möglichen Ermittlungen entziehen wollten. Seine Forderung an die Behörden, entsprechende Ausreisen zu unterbinden, deutet bereits auf den politischen Kurs der kommenden Regierung hin: den Versuch der konsequenten Aufarbeitung mutmaßlicher Korruptionsfälle.

Ungarns Steuerbehörde soll bereits Transfers gestoppt haben

Magyars Darstellung wird auch durch internationale Medienberichte gestützt. Demnach sollen mehrere einflussreiche Figuren aus Orbáns Umfeld unmittelbar nach der Wahl begonnen haben, Vermögen umzuschichten und Ausweichoptionen im Ausland zu prüfen.

Besonders auffällig ist dabei die Rolle von Lőrinc Mészáros. Der ehemalige Klempner und Jugendfreund Orbáns wurde nach dessen Wahl zum Premier 2010 zu einem der reichsten Männer Ungarns – dank Infrastrukturaufträgen aus dem Regierungsumfeld. Zuletzt schätzte die Finanzzeitschrift Forbes sein Vermögen auf 5,2 Milliarden US-Dollar. Neben Baufirmen und Hotels besitzt er unter anderem den einflussreichen ungarischen Fernsehsender TV2. Berichte über hohe Dividendenausschüttungen und mögliche Ausreisepläne seiner Familie nach Dubai nähren den Eindruck eines organisierten Rückzugs ehemaliger Günstlinge der Regierung.

Auch staatliche Stellen scheinen inzwischen alarmiert. Die ungarische Steuerbehörde soll Berichten zufolge bereits verdächtige Transaktionen gestoppt haben, während Ermittlungen wegen möglicher Geldwäsche laufen. Der Verdacht: Die Vermögenswerte könnten gezielt dem Zugriff einer neuen Regierung entzogen werden. Verantwortlich für die plötzliche Aktivität der staatlichen Stellen dürfte auch die Sorge sein, nach der Machtübernahme Magyars plötzlich wegen Strafvereitelung belangt zu werden. Wer nun einmal zuviel ermittelt – so das Kalkül einiger Beamter –, kann nachher wenigstens nicht wegen Untätigkeit angegriffen werden.

Orbán will Fidesz-Parteichef bleiben

Ohnehin sind Teile von Orbáns Familie längst international aufgestellt und wirtschaftlich vernetzt. Seine Tochter Ráhel Orbán und ihr Ehemann István Tiborcz leben bereits seit dem vergangenen Jahr in den USA und verfügen dort über beste Verbindungen ins Umfeld des US-Präsidenten Donald Trump. Ob diese mehr als nur eine private Entscheidung, sondern auch als strategische Absicherung gedacht waren, ist im nachhinein schwer zu klären. Allenfalls verfügt der abgewählte Regierungschef über ein weites internationales familiäres Netzwerk.

Orbán selbst bemüht sich derweil um politische Kontinuität. Zwar verzichtet er auf sein Parlamentsmandat, kündigt aber an, als Parteichef von Fidesz bleiben zu wollen und als solcher das „nationale Lager“ von außen neu aufzustellen. Ein geplanter US-Aufenthalt im Sommer 2026 wird offiziell mit familiären und privaten Gründen erklärt. Spekulationen über einen möglichen dauerhaften Rückzug weist er bislang zurück.

Die Dynamik in Ungarn erinnert in Teilen an andere Umbrüche in anderen Weltgegenden, in denen Machtwechsel nicht nur politische, sondern auch ökonomische Verschiebungen auslösen. Netzwerke, die über Jahre gewachsen sind, reagieren sensibel auf den Verlust staatlicher Kontrolle – insbesondere dann, wenn neue Regierungen mit juristischer Aufarbeitung drohen.

Magyars Schwager könnte Justizminister werden

Noch ist die Lage in Ungarn unübersichtlich, viele Berichte über Ausreisen oder Vermögenstransfers bleiben unbestätigt. Einige zentrale Akteure, etwa der scheidende Außenminister Peter Szijjártó, bleiben im Land. Der junge Hoffnungsträger der Fidesz kündigte an, sein Mandat als einfacher Parlamentsabgeordneter auszuüben. Doch das Gesamtbild ist klar: Der Machtwechsel hat eine Phase der Neuordnung eingeläutet, die auch wirtschaftliche Auswirkungen in der gesellschaftlichen Elite haben wird.

Für die neue Regierung unter Magyar wird entscheidend sein, ob sie ihre angekündigte Anti-Korruptionsagenda konsequent umsetzen kann, bevor die alte und die neue Elite über gemeinsame geschäftliche Aktivitäten zusammenfinden. Die politische Geschichte Ungarns ist voller gescheiterter Korruptionsbekämpfer, auch Orbán begann seine politische Laufbahn nach der Wende einst als Anti-Korruptionsaktivist.

Brisant: Magyars neuer Justizminister sollte ursprünglich sein Schwager Márton Melléthei-Barna werden. Dieser zog seine Kandidatur allerdings am Freitag nach breiter Kritik zurück, „um den Regierungswechsel nicht im Geringsten zu beeinträchtigen“.

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