Die barbarische Gewalt an Schulen hat nun auch den Osten Deutschlands erreicht. In Leipzig gründen Eltern bereits Fahrgemeinschaften, um ihre Kinder zu schützen. An der Maria-Montessori-Schule in Leipzig ist es besonders schlimm. Hier ist die Polizei inzwischen im Dauereinsatz.
von Hinrich Rohbohm
Die beiden jungen Mütter stehen vor ihren Autos. Ihr Blick ist auf das vor ihnen liegende Gebäude gerichtet. Die Bischöfliche Maria-Montessori-Schule in Leipzig. Die Frauen warten. Darauf, dass ihre Söhne vom Schulgelände zu ihnen hinüber gelaufen kommen, beide zwölf Jahre alt. Ihre Namen wollen sie nicht sagen. „Wir müssen unsere Kinder schützen“, sagt eine von ihnen. Die andere nickt zustimmend. Denn dafür, dass die Frauen hier vor der Schule stehen, um ihre Kinder abzuholen, gibt es einen guten Grund.
Seit einem halben Jahr treibt eine eher lose organisierte Kinderbande in Leipzig ihr Unwesen, „bis zu zwanzig Leute stark“, berichten die Mütter. Die Polizei bestätigt das und spricht von bis zu 14 mutmaßlichen und zumeist minderjährigen Tätern. Einige aus dieser Gruppe lauerten ab Herbst vorigen Jahres Schülern vor Unterrichtsbeginn und Unterrichtsende vor dem Gebäude auf, würden sie schlagen, ihnen Fahrräder und Handys abnehmen.
„Irgendwann haben wir uns dann gesagt, jetzt reicht’s“, erzählen die beiden, stellen dabei jedoch klar: „Mit der Schule selbst hat das nichts zu tun.“ Aber bei den Angreifern handele es sich eben schon um Kinder im schulfähigen Alter. Kinder, von denen einige aufgrund ihres aggressiven Verhaltens vom Schulunterricht ausgeschlossen worden seien und nun ihr Unwesen in der Stadt treiben würden.
Eltern bringen ihre Kinder aus Angst persönlich zur Schule
Die Konsequenz: Eltern von Schülern der Montessori-Schule riefen eine Fahrgemeinschaft ins Leben, weil sie ihre Kinder nicht mehr den Gefahren des Schulwegs aussetzen möchten. „Wir lassen unsere Kinder nicht mehr aus den Augen, bis sie sicher im Schulgebäude sind“, sagen die Betroffenen. „Gott sei Dank ist es jetzt zum Frühjahr hin besser geworden, aber im Herbst und Winter war es ganz schlimm“ erinnern sich die beiden Mütter im Gespräch.
Mittlerweile würde die Bande eher im Norden Leipzigs aktiv sein. Die Täter sind Kinder im Alter zwischen zehn und dreizehn Jahren. „Damit sind sie strafunmündig, und die Polizei darf nichts gegen sie unternehmen“, beschreibt eine der Mütter das Dilemma. Unweit der Schule befindet sich die Straßenbahn-Haltestelle Allee-Center. „Das ist der Weg, auf dem sie die Leute abziehen“, bestätigen gleich mehrere Schüler. Eine Situation ähnlich der in Ludwigshafen, wo vergleichbare Vorfälle zu beobachten waren. Es ist der Weg, den zahlreiche Schüler in der sächsischen Metropole nutzen, um nach Hause zu fahren. Und den Teile der Bande nutzen, um bei ihren potentiellen Opfern Beute zu machen.
„Die haben ihren Treffpunkt im Einkaufszentrum“, erzählt ein 16jähriger Montessori-Schüler auf Nachfrage. Wer „die“ eigentlich sind, wissen sie hier nur zu genau. Auch wenn darüber in der Öffentlichkeit eher weniger geredet wird. „Ja, das sind Ausländer“, sagt der Schüler. Die meisten würden „aus Afrika oder dem Nahen Osten“ kommen. Ein Teil von ihnen seien aber auch deutsche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund. „Die haben sich jetzt in einen anderen Stadtteil verzogen, weil die Polizei die Gegend aufgrund der Überfälle rund um die Schule jetzt stärker kontrolliert.“ Jedoch würde sich die Gruppe nach wie vor in einem nahe gelegenen Einkaufszentrum treffen, schildert der Schüler die Situation.
„Je mehr sie sind, desto stärker fühlen sie sich“
Als sich die Redaktion dort umhört, wird schnell klar: Die Bande ist hier bestens bekannt. „Anführer ist ein Zwillingspaar, die kommen ursprünglich aus dem Sudan – aber das haben sie nicht von mir“, erzählt ein Security-Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand, der schon mehrfach „Scherereien“ mit der Bande gehabt habe. Treffpunkt der jugendlichen Täter: eine Rolltreppe des Einkaufszentrums. „Das ist für die so eine Art Sport, die Rolltreppe runterzurutschen“, meint der Wachbedienstete. Besonders nach Schulschluss in den frühen Nachmittagsstunden würden sie kommen. „Aber im Moment eher weniger. Sie wissen, dass die Polizei jetzt ein Auge auf sie wirft, daher meiden die meisten von ihnen momentan den Ort.“
Unangenehm aufgefallen sei die Gruppe schon des öfteren. „Die hatten sich oftmals einen Spaß daraus gemacht, ältere Leute auf der Rolltreppe zu schubsen“, erinnert sich der Security-Mann. „Je mehr sie sind, desto stärker fühlen sie sich.“ Schlägereien seien dann „keine Seltenheit“, auch Geschäfte des Einkaufszentrums seien schon von Leuten aus den Reihen der Bande beschädigt worden. Und auch Schüler würden sie hier ebenfalls attackieren. „Manchmal reißen sie ihnen sogar Kleidungsstücke vom Leib, wenn ihnen die Sachen gefallen.“
Mittlerweile sei die Bande für die ganze Stadt zum Problem geworden. Mehr als 200 Straftaten wurden von ihr bereits begangen, zumeist Sachbeschädigungen, Diebstähle, Raubüberfälle und Körperverletzungen. Zwei 15jährige wurden mittlerweile festgenommen. Ein weiterer Täter landete hinter Schloss und Riegel, nachdem er das 14. Lebensjahr erreicht hatte. Und somit strafmündig wurde.
Das Vertrauen ist nicht mehr da
„Aber die meisten der Bande sind eben nicht strafmündig und sie sind sich dessen auch voll bewusst, dass sie da gegenüber der Polizei im Vorteil sind“, sagt der Sicherheitsbedienstete. Doch vollkommen machtlos ist der Staat auch wieder nicht. Sein schärftstes Schwert gegen minderjährige kriminelle Kinderbanden ist dabei die Möglichkeit einer geschlossenen Unterbringung. Eine Maßnahme, die Jugendämter und Staatsanwaltschaften jedoch nur äußerst selten zur Anwendung bringen. Was nicht zuletzt auch damit zusammenhängen dürfte, dass es im Freistaat Sachsen bisher überhaupt keine entsprechend darauf spezialisierten Einrichtungen gibt.
Mittlerweile habe sich die Lage weitestgehend beruhigt, nachdem die Polizei Anfang des Jahres eine Ermittlungsgruppe ins Leben gerufen hatte, die die Kinderbande stärker unter die Lupe nehmen soll. „Wenn die alle 14 werden, dürfte sich das Problem mit denen wohl von selbst erledigen“, meint der Wachmann. Ein Optimismus, den die beiden wartenden Mütter vor der Schule nicht so recht teilen mögen.
„Jetzt ist es gerade wieder ruhig. So lange, bis die nächste Problemgruppe jugendlicher Migranten heranwächst. Dann geht der ganze Spaß von neuem los“, befürchten die beiden Mütter vor der Montessori-Schule. Für sie steht fest: Auch wenn es jetzt länger keine Angriffe mehr auf Schüler gab, werden sie ihre Kinder zukünftig weiterhin von der Schule abholen. „Das Vertrauen in die Sicherheit ist bei uns einfach nicht mehr da.“

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