In Berlin mit der U-Bahn zur Arbeit zu fahren, verspricht jeden Tag aufs Neue große Abenteuer. Vorbei an schlafenden Schnapsleichen, beißenden Harngerüchen und aufgedrehten Junkies bahnt sich der Hauptstädter jeden Morgen seinen Weg durch den Verfall. Die Belästigungen sind mittlerweile zur Dauerbelastung geworden – und werden immer mehr. Ein Erlebnisbericht aus der Berliner Unterwelt.
von Eric Steinberg
Eigentlich ist an diesem Montagmorgen alles perfekt. Der Frühling zeigt sich in der Hauptstadt, die Sonne scheint bei einem fast wolkenlosen Himmel und sowohl U-Bahnen als auch S-Bahnen fahren nach zuletzt zwei Streiktagen wie gewohnt. Der Blick auf die sonnengetränkten Fassaden ist fast ein bisschen idyllisch. Bis zum Bahnhof Möckernbrücke soll das auch so bleiben.
Erinnerungen an Rumpelstilzchen
Dort nimmt der Schrecken seinen Anfang. Die „Dame“, die von dort aus in die U3 Richtung Warschauer Straße steigen will, lässt sich schon aus zehn Metern Entfernung in der Kategorie „schwer zugedröhnt“ verorten. Weil die Türen aber schon im Begriff sind zu schließen und eigentlich nur zwei Stationen bis zu meiner Endhaltestelle Prinzenstraße auf dem Fahrplan stehen, steige ich mit ihr in denselben Wagen – ob sich das noch rächen soll? Im Waggon selbst greift sich die Mitreisende immer wieder hektisch an die Nase und springt auf einem Bein von links nach rechts, ähnlich wie man sich den Tanz des Rumpelstilzchens in den Grimmschen Märchen vorstellt.
Da Menschen in diesem Zustand unberechenbar sein können, schaue ich mich kurz nach dem Ausstieg noch einmal um, vergewissernd, dass die Dame genügend Abstand einhält, damit man sorglos die Musik der Kopfhörer genießen kann – ohne mit einer plötzlichen Attacke rechnen zu müssen. Ich wähne mich also in Sicherheit, gehe einige Meter Richtung Ausgang der Bahnstation und muss dann im Augenwinkel plötzlich erkennen: Die Frau stürmt direkt auf mich zu!
Schreiend versucht sie, mich mit ausgestrecktem Arm zu erhaschen. Will sie mich anrempeln? Wegstoßen? Vielleicht sogar umarmen? Ich muss Gott sei Dank nicht erfahren, welche der drei Optionen mir gegolten hätte, und kann noch im letzten Moment einen Schritt zurückweichen. Die Dame läuft unbeirrt weiter, als sei nichts vorgefallen. Zwei Bahnmitarbeiter, die die Szene beobachtet haben, fangen an zu lachen. Wie oft sie ähnliche Szenen schon beobachtet haben müssen?
Das Lachen kann man ihnen jedenfalls nicht verübeln. Nicht nur muss mein persönlicher Schreckmoment wohl ziemlich amüsant ausgesehen haben, auch die mit Drogen vollgepumpte Frau dürfte im Kurzsprint durchaus ihren Unterhaltungswert geboten haben.
Die Schreckenserlebnisse werden häufiger
Erlebnisse wie diese hat man nicht jeden Tag – aber immer häufiger. Die Obdachlosen und Drogenabhängigen haben die Bahnen längst zu ihrer Wohlfühloase eingerichtet. Fahrten verlaufen für sie ohne Ticket, werden höchstens mal von einem kräftigen „Raus hier!“ der Sicherheitsmitarbeiter beendet. Ansonsten herrscht, im wahrsten Sinne des Wortes – Freifahrtsschein. Ich bleibe an diesem Tag in der Bahn sitzen und schreibe das Erlebte auf – sofern es sich nicht sowieso festgebrannt hat.
Vom Bahnhof Prinzenstraße geht es weiter zum Kottbusser Tor – immerhin nur eine Station entfernt. Dort angekommen, lässt das Elend nicht lange auf sich warten. Direkt am Eingang zur Station sitzen drei Männer auf dem Boden. Vor jedem von ihnen liegt eine Crackpfeife. Sie wird nicht versteckt, nicht eingesteckt, nicht einmal halbherzig abgeschirmt. Als sei es das Selbstverständlichste der Welt, hier, wo Touristen, Kinder oder sonstige Passanten unmittelbar vorbeilaufen, den nächsten Schuss vorzubereiten.
Schon einmal dort, beschließe ich, die berüchtigten Biotoiletten am Kottbusser Tor zu besuchen – ursprünglich einmal als Vorzeigeprojekt gedacht, sogar mit Regenbogenfarben verziert, rotten sie nun vor sich hin. Bunt ist das Treiben in der Nähe der Toilette zwar tatsächlich – allerdings im Zusammenhang mit Drogen.
Drogenzubehör, so weit das Auge reicht
Rund um die Bahnstation findet man Drogenzubehör, so weit das Auge reicht. Zwei Putzmänner sind gerade dabei, die Gegend rund um Toilette und Bahnhofsvorplatz sauber zu halten. Dieses Mal haben sie sechs Spritzen gesammelt, erzählen sie. Mal ist es nur eine Spritze, mal sind es viele, die mehrmals täglich weggeräumt werden.
An der Spichernstraße, ebenfalls auf der Bahnlinie U3 gelegen, dann das nächste Trauerspiel. Dort liegt ein zusammengesackter Obdachloser auf einer Bank. Zwei junge Männer tippen ihn an, weil er ebenso gut bewusstlos sein könnte. Er regt sich langsam, schaut wortlos hoch. Die beiden gehen weiter. Er bleibt sitzen, zieht ein Zigarillo aus der Tasche und zündet es mit der Hülle seines Handys an. Wenig später steigt eine junge Frau ein und fragt nach etwas zu essen. Dass sie Drogen konsumiert, sieht man ihr an. Ihre Haut ist dreckig, ebenso wie ihre Bekleidung.

Begegnungen wie diese dauern nur Sekunden und zählen zu den angenehmsten. Keine Aggression, kein Geschrei, keine Aufdringlichkeiten: Dass es auch anders geht, musste ich schmerzlich vor einer Woche erfahren. Weil ich einem Obdachlosen, der sich auf Knien robbend durch den Zug flehte, kein Geld in seinen Beutel warf, drehte er sich beim Ausstieg um und spuckte mich an. Glücklicherweise traf er durch knapp drei Meter Entfernung nur noch die Hose, am liebsten hätte ich jedoch gänzlich auf diese Begegnung verzichtet.
Die Zahl der Wohnungslosen steigt
2024 lebten bereits über 53.000 Wohnungslose in Berlin, 47.000 davon waren untergebracht – in Wohnheimen, Trägerwohnungen oder Notunterkünften. 6.032 Menschen lebten auf der Straße oder in Behelfsunterkünften. Ein Jahr später, Anfang 2025, waren es bereits über 53.500 untergebrachte wohnungslose Menschen.
Und die können sich in der Hauptstadt dank des Bahnnetzes schnell bewegen. Berlin zählt zu den wenigen europäischen Städten, deren Bahnsystem keine Kontrollstellen für den Einlass hat. Das muss man sich leisten können. Kann man aber aufgrund der hohen Zahl an Obdachlosen im Fall von Berlin nicht.
Die Bahnen und Bahnhöfe gelten daher mittlerweile nicht nur als kostenlose Schlafstätte. Sie sind ebenso Rückzugsraum und Drogenkulisse. Sicherheitspersonal, das sich eigentlich um die Ordnung kümmern sollte, sieht man durchaus. Doch wie sollen einige Mitarbeiter die Masse bewältigen? An großen Knotenpunkten ballen sich die Probleme täglich neu.

Am Abend wächst die Anzahl derer, die sich in den Bahnhöfen niederlässt und dort versucht, etwas Geld zu erbetteln. In der berüchtigten Bahnlinie U8, direkt am Hermannplatz, versucht eine ältere deutsche Drogenabhängige um 23 Uhr ihr Glück; nicht wenige der Mittellosen sind ansonsten migrantisch.
Ihr beladenes Fahrrad parkt die Dame zunächst in der Tür, um von dort zu einem Bettelmarsch durch den gesamten Wagen aufzubrechen. Auf dem Rückweg macht sie es sich neben zwei Frauen gemütlich, die mit angewidertem Blick schleunigst das Weite suchen. Viel Geld kann sie nicht erbeuten, zu abschreckend vermutlich das Erscheinungsbild.

In der Boddinstraße steigt eine Station später ein arabischer junger Mann zu, maximal dreißig Jahre alt. Die Turnschuhe sind löchrig, über der Nase hat er eine offene Wunde – Drogenkonsum. Seine Mission liegt allerdings nicht im Betteln. Vor Aufregung lässt er an der nächsten Haltestelle sein Sturmfeuerzeug zum Drogenaufkochen fallen und verlässt die Bahn dann auch schon wieder.
Peinlich, aber hoffnungslos?
Mittlerweile muss man sich als Berliner für die Zustände schämen. Wer Verwandtschaft in der Hauptstadt begrüßt, muss dieser besser raten, bestenfalls nicht die U-Bahn zum Transport zu nehmen. Zu groß wäre der Kulturschock – und möglicherweise auch die Angst, selbst aus dem Nichts attackiert zu werden. Ob am Ende tatsächlich etwas passiert, sei dahingestellt. Aber auch das subjektive Gefühl von Angst sollte bei einer routinemäßigen Fahrt mit der Bahn nicht der Normalzustand sein.
Dass sich in kurzer Zeit etwas an den Zuständen ändert, ist äußerst unwahrscheinlich, aber nicht ganz hoffnungslos. Würde Kai Wegner statt Chauffeur und Dienstwagen öfter selbst die U-Bahn nehmen – etwa auf dem Weg zu einem seiner Tennistermine –, würde er die Realität dieser Stadt sehr schnell kennenlernen. Und möglicherweise auch den politischen Willen entwickeln, sie zu verändern.
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