Deutschland

Cem Özdemir: Karriere eines Sitzenbleibers

Cem Özdemir: Karriere eines Sitzenbleibers
Immer in der ersten Reihe: Der Grünen-Politiker Cem Özdemir beim Gebet auf der Straße vor der Mevlana-Moschee in Berlin-Kreuzberg.

Der Sitzenbleiber Cem Özdemir hat es bis an die Spitze der Grünen geschafft. Dabei jammert er die ganze Zeit über die angebliche völkische Ausgrenzung in Deutschland. Oder macht man genau damit Karriere?

von Lion Edler

Nicht allzu häufig bekommt der als Medienliebling geltende Grünen-Parteichef derartig kritische Fragen gestellt. Warum er denn Deutschland für ein «ungerechtes Land» für Migranten und Nicht-Akademiker halte, wollte der UniSpiegel von Cem Özdemir wissen. Schließlich sei er doch, wie das Magazin betonte, «in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen» und habe es trotz türkischer Abstammung zu etwas gebracht: Abitur, abgeschlossenes Hochschulstudium, und dann auch noch der erste türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Deutschlands.

Die Leiden des jungen Cem

«In Deutschland reproduziert sich der Status der Eltern», meinte daraufhin Özdemir. Die Selektion beginne «schon im Kreißsaal». Zum Beleg führt der 1965 im schwäbischen Urach geborene Politiker eine alte Geschichte an, die er schon öfters erzählt hat: Als er als Schüler in der vierten Klasse angegeben habe, dass er aufs Gymnasium wolle, da habe «die ganze Klasse schallend gelacht, einschließlich des Lehrers». Diesen Moment, so Özdemir, «werde ich nie vergessen». Ein Fall von Türkenfeindlichkeit?

«Beim Cem ist es ja eh egal, ob der sitzenbleibt oder nicht.» Lehrerin

Allerdings hatte diese Szene eine kleine Vorgeschichte, die er in einem Welt-Interview erklärte: «In Deutsch hatte ich bis zur vierten Klasse immer eine Fünf. Die schlechtesten Diktate haben immer ich und José, der Portugiesenjunge, geschrieben.» Er habe bis zu diesem Zeitpunkt zu Hause kein Deutsch gesprochen, sagt Özdemir der Welt. José auch nicht. Im Interview mit dem UniSpiegel erfährt man von diesem Hintergrund leider nichts.

Viel von Kränkungen liest man auch in seiner Autobiographie Ich bin Inländer – ein anatolischer Schwabe im Bundestag, die Özdemir drei Jahre nach seinem Einzug in das Hohe Haus 1994 verfasste. Kindheit und Schulzeit scheinen für Özdemir der reine Horror gewesen zu sein, wenn man seinen Schilderungen Glauben schenkt. Schon die Zeit im Kindergarten stand offenbar unter keinem guten Stern: Özdemir wurde verdächtigt, einem anderen Kind die Wasserpistole gestohlen zu haben.