Nach dem Porno-Skandal der sozialistischen Jugendorganisation „Falken“ an einer sächsischen Schule wird immer klarer: Es war kein Ausrutscher. Eine Recherche zeigt, dass zwei „Falken“-Kitas sexuelle Aktivitäten schon für Kleinkinder propagieren. Als nachgefragt wird, werden plötzlich Dokumente gelöscht.
von Sandro Serafin
Ein Versehen sei es gewesen: Als alternative Medien in der vorvergangenen Woche aufdeckten, dass zwei Vertreter der „Falken“ Schülern einer neunten Klasse in Sachsen während einer Projektwoche ein Heft mit Homo-Pornos ausgeteilt hatten, stellte die sozialistische Jugendorganisation alles als ein großes Missverständnis dar. Das Material sei im Vorfeld ungenügend gesichtet worden; man bedauere den Vorgang. Frühsexualisierung? Doch nicht mit den Falken.
Nicht mit den Falken? Doch mit den Falken. Wie die Redaktion nun herausgefunden hat, treiben mindestens zwei Kindertagesstätten der Falken eine verstörende Sexualisierung von Kleinkindern voran. Es geht um die Kita „Neuland-Falken“ und um die Kita „Nestfalken“ in Bielefeld. Beide Einrichtungen befinden sich in Trägerschaft des Falken-Vereins „Falken Kindertagesstätten Bielefeld e.V.“. Und das bedeutet konkret: Sie folgen „den Grundsätzen der Falken“, wie es auf der Website der Kita „Neuland-Falken“ heißt.
Was die „Falken“ unter Pädagogik verstehen, hatte die Redaktion bereits in der vergangenen Woche aufgearbeitet: Für den Jugendverband geht Kindererziehung Hand in Hand mit Politik, alles mit dem Ziel, eine sozialistische Gesellschaft zu errichten. Die „Falken“ machen auch keinen Hehl daraus, dass Sexualität dabei aus ihrer Sicht eine wichtige Rolle spielt. So heißt es in einer Broschüre des Bundesverbandes, Sexualität müsse „Teil der sozialistischen Erziehung und Bildung sein“.
Pädagogik soll „möglichst sexualfreundlich“ sein
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Blick auf die beiden Kitas in Bielefeld. Nach Selbstauskunft der Einrichtungen werden in ihnen 40 Kinder unter drei Jahren und 116 Kinder über drei Jahren betreut. Bis Mittwoch hatten die Kitas auf ihren Internetpräsenzen ganz unverblümt Auskunft über ihr jeweiliges „sexualpädagogisches Konzept“ gegeben. Beide Dokumente ähneln sich, sind zum Teil wortgleich. Im Folgenden wird aus dem Konzept der „Neuland-Falken“ zitiert.
Darin wirbt die Kita offensiv für eine „möglichst sexualfreundliche und geschlechtersensible“ Pädagogik bei den Kindergartenkindern. Sie betont zwar, dass kindliche Sexualität etwas anderes sei als Sexualität bei Erwachsenen. Zugleich ist das gesamte Dokument aber geprägt von der Überzeugung, dass die Sexualentwicklung „bereits im Säuglingsalter“ beginne. So seien etwa kindliches Lutschen und Berühren „mit Lust“ besetzt und würden daher „als sexuell begründet“ gelten.
„Rollenspiele mit sexuellem Inhalt“
Was bedeutet das für den Kita-Alltag? „Durch Selbstbefriedigung entdecken Kinder ihren Körper“, heißt es in dem Papier. Dies zuzulassen, sei „für den Aufbau der Ich-Identität von Bedeutung“. Deswegen hält die Kita ausdrücklich fest, dass sie Kinder bei der Selbstbefriedigung unterstützen will, indem sie ihnen dafür „eine alternative Umgebung“ anbiete. Zugleich müsse man „liebevoll die Grenzen aufzeigen, ohne das Tun zu verurteilen“, und klarstellen, „dass Masturbation nicht in die Öffentlichkeit gehört“.

Auch „Rollenspiele mit sexuellem Inhalt“ hält die Kita für „ein wichtiges Übungsfeld“ für ihre Schützlinge. „Doktorspiele, Vater-Mutter-Kind-Spiele oder andere Rollenspiele ermöglichen zum einen, gemeinsam auf Körperentdeckungsreisen zu gehen, und zum anderen, aktiv mediale Einflüsse zu verarbeiten und spielerisch umzusetzen.“ Hier sollen die Erzieher unterstützen, indem „wir darauf achten, dass Kinder eine Rückzugsmöglichkeit haben“, wobei man aber „unsere Aufsichtspflicht“ wahrnehme.

Als Einschränkung benennt die Einrichtung unter anderem, dass sich ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene nicht beteiligen dürften. Und: „Kein Kind steckt sich oder anderen etwas in Körperöffnungen oder leckt an Körperteilen!“ Dafür sollen die Kinder wiederum „in der Findung ihres eigenen Geschlechts“ unterstützt werden, wie an anderer Stelle im Konzept zu lesen ist.
„Besser auf das Thema vorbereitet“
Dass diese Sexualpädagogik zutiefst verstörend wirkt, ist der Kita offensichtlich bewusst, und so versucht sie dem so entstehenden Eindruck in der Broschüre direkt entgegenzuwirken. Darin heißt es, Eltern hätten „oft die Sorge, dass ihre Kinder durch das Ansprechen des Themas sexualisiert werden“. Dies sei aber nicht der Fall. „Im Gegenteil: Sie sind besser auf dieses Thema vorbereitet, das über die Medien allerorts an sie herangetragen wird. Zudem kann Sexualpädagogik vor sexuellen Übergriffen schützen.“
Dennoch wurden die Dokumente am Mittwoch eilig von der jeweiligen Website entfernt, als die Redaktion anfing, zu den Konzepten zu recherchieren, und dafür sowohl die Einrichtungen selbst als auch die Falken in Bochum, das Landesfamilienministerium und das Jugendamt mit Fragen kontaktierte. Der Redaktion liegen die Konzepte aber weiterhin vor. Bis Donnerstagnachmittag antwortete keine der angefragten Stellen inhaltlich; die Stadt Bielefeld stellte eine Antwort für nächste Woche in Aussicht. Land und Stadt finanzieren große Teile des Kita-Betriebs freier Träger.
Andere Kitas sorgten für Aufregung
In der Vergangenheit hatten bereits andere Kindergärten mit ähnlichen „sexualpädagogischen Konzepten“ für Aufregung gesorgt. 2023 etwa geriet eine Kita der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Hannover in den Fokus. Sie verkündete die Einrichtung eines „Körper-Erkundungsraums“ für Kinder, damit diese „sexuelle Spiele“ ausüben könnten. Das Landesjugendamt erklärte daraufhin, dass durch die Räume „Kindeswohl in Gefahr“ sei und sie deshalb keinen Bestand haben könnten.
Auch das Konzept einer römisch-katholischen Kita in Kerpen in Nordrhein-Westfalen zog mediales Interesse auf sich. Es war in Teilen deckungsgleich mit dem Konzept der Falken-Kitas. Unter anderem hieß es darin, Kinder dürften sich „in einen geschützten Raum zurückziehen, um sich körperlich zu entdecken und zu befriedigen“. Die Landesregierung teilte dazu mit, „separate Räume allein zur sexuellen Selbsterkundung in Kindertageseinrichtungen“ seien nicht vorgesehen. Ein derartiges Vorhaben würde im Rahmen der Aufsicht „auch unterbunden werden“.
Auf allen Ebenen fließt Geld
Was nun die „Falken“ angeht, so dürfen die Kitas und die dort vertretene Pädagogik nicht als Zu- oder Einzelfälle missverstanden werden. Sie sind vielmehr im Rahmen einer größeren politischen Gesamtstrategie des Verbandes zu sehen. Die lässt sich in einer Broschüre des Bundesverbands zur „Jugendpolitik unseres Verbandes“ nachlesen. Darin analysierte ein Thüringer „Falken“-Funktionär vor einiger Zeit zunächst nüchtern, dass die Organisation nicht an den Hebeln der Macht sitze.
Sodann präsentierte er mehrere Ansätze, über die sich die eigenen Ziele dennoch umsetzen ließen. Einer davon: Bündnispartner in Parteien und „innerhalb der Verwaltung“. Wer sich mit den „Falken“ beschäftigt, dem wird schnell deutlich, dass sie in diesem Bereich ganze Arbeit geleistet haben. Denn egal auf welcher Ebene, im Bund, in den Ländern oder in den Kommunen: Überall sind sie als Partner staatlicher Kinder- und Jugendpolitik akzeptiert.
Und sie werden dafür mit Millionengeldern überhäuft. So überwies die Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren fast zwölf Millionen Euro an den „Falken“-Bundesverband. Das Land Nordrhein-Westfalen stellte allein für 2025 mehr als 2,7 Millionen Euro im Kinder- und Jugendförderplan für die „Falken“ ein. Und im Kinder- und Jugendförderplan der Stadt Bielefeld für die vergangenen drei Jahre tauchten ebenfalls gleich mehrere Projekte der „Falken“ auf.
„Falkenpädagogik weit über den Verband hinaus“
Doch der erwähnte „Falken“-Funktionär präsentierte in seiner strategischen Analyse noch einen anderen Einflusshebel: die Gründung von Trägervereinen. Zwar sei das Betreiben einer Kita „eigentlich kein klassisches Tätigkeitsfeld eines Jugendverbandes“, stellte er in der Broschüre fest. Abe Trägervereine böten die „erweiterte Möglichkeit“, die Inhalte des Verbandes „und die Falkenpädagogik weit über den Verband hinaus zu betreiben“.
Und so nähmen am Ende mehr Kinder „an unserer politischen, emanzipatorischen und sozialistischen Bildung“ teil. Genau das ist es, was in Einrichtungen wie den Kitas in Bielefeld geschieht – Frühsexualisierung für den Sozialismus inklusive.

🆘 Unserer Redaktion fehlen noch 93.000 Euro!
Um auch 2026 kostendeckend arbeiten zu können, fehlen uns aktuell noch 93.000 von 110.000 Euro. Wenn Ihnen gefällt, was wir tun, dann zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Mit Ihrer Spende von heute ermöglichen Sie unsere investigative Arbeit von morgen: Unabhängig, kritisch und ausschließlich dem Leser verpflichtet. Unterstützen Sie jetzt ehrlichen Journalismus mit einem Betrag Ihrer Wahl – einmalig oder regelmäßig:









