Zehntausende Menschen in Berlin sind mitten im Winter tagelang ohne Strom und Heizung. Nicht in einem Krisen- oder Kriegsgebiet, sondern in den besseren Vierteln der deutschen Hauptstadt. Linksextremisten beweisen, wie leicht sich Deutschland ausknipsen lässt.
von Peter Grimm
Die linksextreme „Vulkangruppe“ hat erneut bewiesen, dass nicht erst der Russe kommen muss, um ganze Stadtviertel der deutschen Hauptstadt lahmzulegen. Das war zwar sicher nicht die Absicht ihres Anschlags, das deutsche Krisenmanagement einem peinlichen Härtetest zu unterziehen, doch genau das ist den linksextremen Kämpfern gelungen. In einem Statement der „Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen“ heißt es:
„Wir haben heute Nacht das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde erfolgreich sabotiert. Es kam zu Stromausfällen in den wohlhabenderen Stadtteilen Wannsee, Zehlendorf und Nikolassee. Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft. Bei den weniger wohlhabenden Menschen in dem Südwesten Berlins entschuldigen wir uns. Bei den vielen Besitzern von Villen in diesen Stadtteilen hält sich unser Mitleid in Grenzen.“
Die Medien berichten gerade oft, viel und ausführlich über das, was die vom Stromausfall Betroffenen erleiden und erdulden müssen. Zehntausende Menschen sind jetzt mitten im Winter für einige Tage ohne Strom und damit zumeist auch ohne Heizung. Nicht in einem Krisen- oder Kriegsgebiet, sondern in den besseren Vierteln der deutschen Hauptstadt. Dass es sich dabei um die Folgen eines linksextremistischen Anschlags handelt, wird zwar berichtet, spielt in der veröffentlichten Wahrnehmung eine Nebenrolle.
Für die Betroffenen ist verständlicherweise die vordringlichere Frage, wann sie wieder Strom haben. Heute am Sonntag, dem zweiten Tag des Stromausfalls, wird berichtet, die Wiederherstellung der Stromversorgung könne noch bis Donnerstag dauern. Damit dürfte dieser Blackout wohl der neue Rekordhalter als längster Stromausfall in Berlin seit der Nachkriegszeit werden. Der bisherige Rekord von 60 Stunden ohne Strom im vergangenen September in den Stadtteilen Adlershof, Johannisthal und Altglienicke im Berliner Südosten dürfte eingestellt werden. Auch dieser Stromausfall wurde übrigens durch gezielte Brandstiftung mutmaßlich linksextremer Täter erzeugt. Ein Anschlag, der erstaunlich schnell wieder vergessen wurde. Weil sich deutsche Meinungsbildner nicht gern an linksextreme Anschläge erinnern?
Selbstverständlich fragt sich jeder Beobachter, warum die Wiederherstellung der Stromversorgung so lange dauert? Es ist sicher ein schwerer Schaden entstanden und keine leichte Aufgabe, die Stromversorgung für ein solch großes Gebiet wieder herzustellen. Aber Berlin liegt doch andererseits – so denken viele seiner Bewohner – in einem technisch hochentwickelten Land, in dem kein Krieg und keine Naturkatastrophe jemanden an Reparaturarbeiten hindert. Wie kann es sein, dass die Wiederherstellung der Stromversorgung in Berlin nach dem Anschlag einer linksextremen Gruppierung länger dauert als beispielsweise in Kiew nach russischen Luftangriffen? Sind die Genossen von der Vulkangruppe effektiver im Lahmlegen städtischer Infrastruktur als Putins Militär? Oder beweist das neue Deutschland einmal wieder, wie wenig resilient es trotz aller Kriegstüchtigkeits-Rhetorik ist?
Die Frage sollte uns alle umtreiben, denn offenbar kann das jeden treffen. In Lichterfelde, Wannsee und Zehlendorf in Berlins Südwesten haben die meisten Bewohner wohl kaum mit einem solch langen Blackout gerechnet. Die Bürger in Adlershof und Johannisthal vor dem September 2025 wahrscheinlich auch nicht. Und immer weniger Bürger dürften darauf vertrauen, dass die zuständigen Staatsorgane die nötigen Lehren aus diesen Vorfällen ziehen. Aber irgendwo werden wegen Tiefbauarbeiten immer mal wichtige Kabelverbindungen zeitweise oberirdisch liegen und damit der Gefahr einer gezielten Brandstiftung ausgesetzt sein. Um besseren Schutz solch sensibler Stellen, wie die jetzt in Brand gesetzte Kabelbrücke, scheint sich niemand hinreichend gekümmert zu haben, obwohl es solche Anschläge seit Jahren gibt.
Linksextremismus als Randnotiz?
Unter dem Label „Vulkangruppe“ zündeln Linksextremisten an Kabelanlagen bereits seit 2011. Die Täter des aktuellen Anschlags sollen sich in einem Bekennerschreiben laut Welt in diese Tradition gestellt haben:
„In dem Schreiben beziehen sich die Verfasser ausdrücklich auf frühere Angriffe auf zentrale Infrastruktur in Berlin und Brandenburg – darunter den Technologiepark Adlershof, Teslas Gigafactory in Grünheide, das Steinkohlekraftwerk Reuter von Vattenfall sowie einen zentralen Vodafone-Knotenpunkt in Adlershof. Diese Orte werden nicht zufällig genannt, sondern als ‚Referenzpunkte unserer Aktion‘ bezeichnet. Die mutmaßlichen Täter stellen ihren aktuellen Sabotageakt bewusst in eine Reihe vorheriger Angriffe auf Energie-, Industrie- und Kommunikationsinfrastruktur und reklamieren diese Schauplätze als Teil eines zusammenhängenden, politischen Kampfes.“
Neben Anschlägen auf das Stromnetz gibt es auch immer wieder gezielte Brandanschläge auf Signalkabel und Signalanlagen der Bahn, die teils zu erheblichen Störungen führten. Bei solch einer Reihe fragt sich sicher so mancher Beobachter, ob der Ermittlungsdruck in diesen Fällen wirklich groß genug ist. Politisch ist der Focus auf linksextremische Anschläge und ihre Gefährlichkeit von vielen Verantwortungsträgern nicht gewollt. Was extremistische Gefahren angeht, ist die Rangreihenfolge für politische Amtsträger klar. Vor allem soll der Rechtsextremismus bekämpft werden, etwas leiser spricht man von den Islamisten, während der Linksextremismus oftmals nur als Randnotiz erscheint.
Vielleicht wendet der eine oder andere nun in altlinker Argumentation ein, dass der Terror der Vulkangruppe „nur“ die harmlosere „Gewalt gegen Sachen“ wäre und keine „Gewalt gegen Menschen“. Aber wer mitten im Winter Wohnsiedlungen Zehntausender über Tage von der Stromversorgung abschneidet, spielt ebenfalls mit Menschenleben.
Warum gibt es offenbar kaum nachhaltige Ermittlungserfolge in Sachen linksextremer Brandstifter? Es handelt sich bei den Tätern offensichtlich um Menschen mit einer gewissen Fachkenntnis, denn sie wissen augenscheinlich genau, wo sie zuschlagen müssen, um maximalen Schaden anzurichten. Wie es scheint, herrscht bei der Vulkangruppe bzw. den Vulkangruppen kein Fachkräftemangel. Bei den Ermittlungsbehörden vielleicht schon? Oder müssen die Beamten einfach zu sehr mit unzureichender personeller und technischer Ausstattung kämpfen? Das wäre in Berlin natürlich alles andere als überraschend.
Weder beabsichtigt noch kalkuliert
Irgendwie wirkt dieser rekordlange Stromausfall im Berliner Südwesten wie ein Menetekel. Nicht nur was auch ohne Anschläge künftig drohende Blackouts angeht. Sowohl der Schutz kritischer Infrastruktur als auch die Verfolgung linksextremistischer Täter erscheinen beängstigend mangelhaft. An dieser Stelle ist vielleicht angebracht, statt eines abrundenden und wahrscheinlich nicht gerade stimmungsaufhellenden Schlusssatzes von mir, mit einem Blick in die Geisteswelt der Vulkangruppen zu schließen. In der bereits oben zitierten veröffentlichten Erklärung der „Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen“ zum aktuellen Anschlag heißt es:
„Wir haben heute das Gas- und Dampfturbinen-Heizkraftwerk in Lichterfelde angegriffen. Das Kraftwerk produziert auf Erdgasbasis eine elektrische Gesamtleistung von 300 MW. Ziel waren die Starkstromleitungen, um bei dem Unternehmen einen hohen Schaden zu verursachen. Die Kabelbrücke, die nicht öffentlich verzeichnet ist und vom Kraftwerk Lichterfelde über den Teltowkanal geführt wird, haben wir zur Seite der Grünanlagen hin in Brand gesetzt. Wir haben die angeschmorten Kabelstränge mit herumliegenden Stahlstangen zusätzlich kurzgeschlossen.
Das Energieunternehmen wird auf dem freien Markt Strom in Echtzeit kaufen müssen, um die Vertragsverpflichtungen zu erfüllen, die sie mit der Auslieferung des Stroms eingegangen sind, sobald der Ausfall der Lieferung bemerkt wird. Wir gehen nicht davon aus, dass wir dadurch 100.000 Haushalte vom Netz abgetrennt haben, sondern dass wir diese nur vom Netz des Gaskraftwerks abgetrennt haben. Das mehrfach gesicherte Energienetz wird über andere Wege der Energieleitungen die Haushalte in kürzester Zeit wieder über das weit verzweigte Stromnetz anschließen. Der kurzfristige Kauf von Energie zu den marktüblichen Preisen ist möglicherweise teurer als zu dem Zeitpunkt, als das Energieunternehmen den Strom an der Leipziger Strombörse (EEX) gekauft hat. Um nicht hohe Vertragsstrafen an die einzelnen Energieabnehmer zu zahlen bleibt ihnen kein anderer Weg. Wir haben über zwanzig 110 KV Leitungen kurzgeschlossen und die Fernwärmerohre nicht in den Anschlag einbezogen. Aber wir können Auswirkungen auf die Fernwärme nicht ausschließen.
Unsere Aktion unterscheidet sich im Praktischen von der Aktion in Adlershof am 9.9.2025 gegen das Technologiezentrum. Dort handelte es sich um eine Zuleitung, die redundante Absicherung vernachlässigte. Bei der „Vulkangruppe Tesla ausschalten“, die Tesla mit der Zerstörung einer Zuleitung vom Netz nahm und um die 5000 privaten Haushalte mit traf, war die Situation ähnlich. In unserem Fall wird nicht vor einem Objekt wie dem Technologiepark oder der Gigafactory der Strom abgetrennt, sodass dieses Objekt in den Blackout kommt, sondern das Kraftwerk mit seiner weiten Verzweigung der Kabel wird von Stromnetz abgetrennt. Es produziert noch Strom, kann aber diesen nicht mehr in dasNetz einspeisen und somit nicht mehr liefern. Die Versorgungsfähigkeit der privaten Haushalte über andere Kraftwerke bleibt aber erhalten und ist auch so von den Behörden und Energieriesen beabsichtigt. Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass unsere Aktion einzelne Trafostationen in größerer Mitleidenschaft zieht.
Die Versorgung mit Fernwärme (thermische Leistung um 690 MW) ist durch uns nicht unterbrochen worden. Die einzelnen Haushalte sind nicht Ziel der Aktion. Ziel der Aktion ist es, der Gaswirtschaft und der Gier nach Energie einen hohen Schaden zuzufügen. Wenn es zu längeren Ausfällen in privaten Haushalten kommt, wollen wir hiermit deutlich machen, sie sind nicht Ziel des Angriffs. Und dieser Effekt war von uns weder beabsichtigt noch kalkuliert. Wir haben zu jedem Zeitpunkt die Gefährdung von Menschenleben ausgeschlossen.
Da wir keine hundertprozentige Sicherheit darüber haben, welche Kettenreaktionen, die nicht in unserem Verantwortungsbereich liegen, unsere Abschaltung der Gaswerks zur Folge haben könnten, haben wir folgende Bitte an eventuell in Mitleidenschaft gezogene Haushalte: Klingeln Sie bei Ihren Nachbar:innen an. Bedenken Sie, ältere oder hilfsbedürftige Menschen bei einem Ausfall des Stroms mitzuversorgen. Versorgen Sie sich und andere Menschen, indem Sie solidarische Unterstützung geben. Informieren Sie sich untereinander.“
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