Öl und Gas sind erst der Anfang. Die Preissteigerungen werden sich durch alle Bereiche unseres Lebens fressen. Am Ende drohen Massenelend und soziale Unruhen.
Seit Beginn des Irankriegs ist der Ölpreis um mehr als 40 Prozent gestiegen. Kostete ein Barrel der Sorte Brent im Februar noch um die 70 Euro, waren es Mitte März knapp 100 Euro. Die Deutschen haben das zuerst an der Tankstelle zu spüren bekommen. Benzin und Diesel haben die Zwei-Euro-Marke weit hinter sich gelassen – und es könnte weiter nach oben gehen oder zumindest für längere Zeit auf diesem Niveau bleiben. Das gilt ebenso für Erdgas. Die niederländischen TTF-Futures – Europas Referenzpreis – kletterten Anfang März auf 50 Euro pro Megawattstunde. Das sind nahezu 60 Prozent mehr als vor Beginn der Blockade der Straße von Hormus, über die etwa ein Fünftel des Ölhandels und rund 20 Prozent des Handels mit verflüssigtem Erdgas (LNG) abgewickelt werden.
Seit Beginn des Irankriegs ist der Ölpreis um mehr als 40 Prozent gestiegen.
Die Meerenge, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet, ist zudem eine wichtige Transportstraße für zahlreiche Komponenten, die in der Flugzeug-, Automobil- und Chemieindustrie, aber auch bei der Mikrochip-Produktion benötigt werden, was die strategische Bedeutung des Nadelöhrs noch unterstreicht. Experten, die die New York Times zitiert, weisen darauf hin, dass «der Verlust von Düngemitteln die globale Landwirtschaft ernsthaft beeinträchtigen könnte, was zu höheren Lebensmittelpreisen führt».
Die Wirtschaft bricht ein
Europas und damit auch Deutschlands Abhängigkeit von den Energieströmen vom Golf hat sich erheblich erhöht, seit 2022 russische Öl- und Gaslieferungen weitgehend sanktioniert und damit erheblich reduziert wurden. Deckte die EU im Jahr vor dem Ukrainekrieg noch 45 Prozent des Gasbedarfs durch Lieferungen aus Russland ab, waren es 2025 nur noch knapp 13 Prozent – eine Reduktion um 70 Prozent. Ähnlich sieht es beim Rohöl aus: 2021 kamen 27 Prozent der Importe aus dem Osten, im vergangenen Jahr nur noch etwa drei – 90 Prozent weniger. Die Bundesrepublik ist besonders betroffen, denn sie hat ihre Lieferungen in beiden Bereichen auf null reduziert. Stattdessen spielen die Golfstaaten eine immer größere Rolle. Rund 15 Prozent der LNG-Einfuhren in die EU kommen inzwischen aus Qatar, der Anteil der Öllieferungen aus Saudi-Arabien, Kuwait, Irak und den Vereinigten Arabischen Emiraten beträgt ungefähr zehn Prozent.

Während diese Produktionsländer über genügend freie Kapazitäten verfügen, um Lieferausfälle aus dem Iran auszugleichen, können alternative Schifffahrtsrouten nur etwa ein Drittel des Öls transportieren, das sonst durch die Straße von Hormus transportiert wird. Bridget Payne, Leiterin der Energieprognoseabteilung bei Oxford Economics, geht davon aus, dass die Versorgung mit dem schwarzen Gold daher im kommenden Quartal um gut vier Millionen Barrel pro Tag einbrechen wird. Eine Verknappung droht auch bei LNG, wobei die Lage jetzt schon schwierig ist. Anfang März waren die Gasspeicher EU-weit nur zu dreißig Prozent befüllt, in Deutschland – der größten Volkswirtschaft des Kontinents – nur zu 21,6 Prozent. «Die schwindenden Gasreserven Europas und die Abhängigkeit von Transportrouten über den Nahen Osten deuten auf ein erhöhtes Risiko eines inflationären Angebotsschocks hin», so Oliver Rakau, Chefökonom für Deutschland bei Oxford Economics. Die Folge: Steigende Inflation – für dieses Jahr wird mit rund 2,3 Prozent gerechnet.
«Volkswagen stand lange für Deutschlands Wohlstand. Jetzt steht Volkswagen für Deutschlands Siechtum.» NOZ
Je länger der Krieg andauert, desto schwerwiegender werden auch die Folgen für uns. Deutschlands führende Ökonomieinstanzen haben daher ihre Prognosen für dieses Jahr deutlich nach unten korrigiert. Sowohl das Ifo-Institut als auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnen nur noch mit einem Wachstum von 0,8 Prozent. Das gilt jedoch nur bei kurzer Dauer des Konflikts und einer zeitnahen Erholung der Öl- und Gaspreise – wonach es derzeit nicht aussieht. Sollten diese jedoch längerfristig auf dem aktuellen Niveau bleiben, könnte die Inflation in Deutschland laut Ifo-Institut einen Höchststand von etwa drei Prozent erreichen und das Wirtschaftswachstum auf 0,6 Prozent sinken.
Alles wird noch teurer
Für die Verbraucher drohen beileibe nicht nur höhere Spritpreise und Heizkosten. Auch bei Lebensmittel und Getränken ist eine massive Verteuerung zu erwarten. Die Transportkosten der Waren machen einen großen Teil des Endpreises aus. Güter, die lange Wege zurücklegen und dabei gekühlt werden müssen – etwa importiertes Fleisch, Obst und Gemüse –, werden als erstes teuer, dann folgen Kühl- und Tiefkühlprodukte wie Milch, Eis und Fisch. Für Urlaube werden die Deutschen künftig auch wesentlich mehr hinblättern müssen. Schon jetzt gehen die Kosten für Flugreisen in Richtung Asien durch die Decke, weil global bedeutende Drehkreuze wie Dubai, Abu Dhabi und Doha wegen des Beschusses durch iranische Raketen und Drohnen ausfallen und die Gesellschaften daher viele Flüge streichen müssen. Aber auch hier spielt natürlich der Ölpreis eine große Rolle – bei Airlines macht er rund 30 Prozent der Kosten je Flug aus. Der internationale Luftfahrtverband IATA meldete Anfang März bereits einen Preisanstieg von fast 60 Prozent für Kerosin.
Neue Welle?
Nach UN-Angaben sind seit der Luftangriffe Israels und der USA gegen den Iran mehr als drei Millionen Menschen auf der Flucht. Sollten sie sich gen Westen bewegen, wäre Deutschland das Zielland Nummer eins. Das geht aus einer aktuellen Studie der Rockwool Foundation Berlin hervor. Diese beruft sich unter anderem auf eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Gallup von 2024. Danach gaben 28 Prozent der damals befragten Iraner an, in die Bundesrepublik migrieren zu wollen. Mit weitem Abstand folgen Kanada (13 Prozent), die Türkei (zehn Prozent) sowie Großbritannien und Frankreich (jeweils sechs Prozent). Diese Absichten stimmen weitgehend mit den tatsächlichen Ansiedlungsmustern jüngerer iranischer Migranten überein, so die Rockwool Foundation. Bis Ende 2025 lebten 29 Prozent von ihnen in Deutschland. Aktuell seien «keine größeren Bewegungen in Richtung der Außengrenze des Irans» zu beobachten, so EU-Migrationskommissar Magnus Brunner. Doch zu rechnen sei damit durchaus, meint Heiko Teggatz, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Und er sagt: «Es ist zu befürchten, dass sich die Solidarität anderer EU-Staaten bezüglich der Aufnahme von Personen, dann auch in Grenzen halten wird.» Damit dürfte er kaum falsch liegen.
Ebenfalls stark erdölabhängig sind Düngemittel. Bislang sind die Preise hier um etwa fünf Prozent gestiegen, was in erster Linie die Landwirte betrifft, deren Betriebskosten dadurch in die Höhe gehen. Im Supermarkt merkt dies dann auch der Endverbraucher. Der Versand von Online-Bestellungen wird teurer, Möbel sind als nächstes dran, denn diese enthalten oft – erdölbasierte – Kunststoffteile, von Schaumstoffen zur Polsterung bis zu Lacken, Klebern und Füllungen von Bettdecken. Baustoffe wie Zement, Glas, Ziel und Keramik werden unter hohen Temperaturen in Öfen hergestellt, die mit Erdgas betrieben werden, wodurch auch hier die Kosten steigen, während petrochemische Produkte wie Kosmetika, Farben oder Reinigungsmittel wiederum am Ölpreis hängen. Selbst wenn jemand kein eigenes Auto hat, wird er die Folgen des Irankriegs zu spüren bekommen – und die ÖPNV-Tickets werden natürlich auch teurer.
Ein Höllenszenario droht
Dies alles kommt zu einem Zeitpunkt, da die Lebenshaltungskosten ohnehin schon so hoch wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik sind – und die Industrie in einer tiefen Krise steckt. Wichtigster Indikator ist die Automobilbranche – das Herzstück unserer Ökonomie mit den Buchstaben V und W als Leuchtstern. «Volkswagen stand lange für Deutschlands Wohlstand. Jetzt steht Volkswagen für Deutschlands Siechtum», schrieb die Neue Osnabrücker Zeitung am 11. März ziemlich treffend. Schon seit den Corona-Jahren kämpft das Unternehmen mit größtenteils hausgemachten Problemen – Stichwort E-Mobilität. Doch nun eskaliert die Lage komplett – der Gewinn ist um 44 Prozent eingebrochen. Besonders schwer getroffen hat es die Tochter Porsche. 2024 erzielte der Sportwagenbauer noch einen Gewinn von 5,3 Milliarden Euro, 2025 waren es nur schlappe 90 Millionen Euro. Und besser wird es in diesem Jahr nicht – im Gegenteil.
Das Gespenst der Stagflation geht um.
Rund 50.000 Stellen will der Volkswagen-Konzern nun in Deutschland abbauen. Bei VW selbst sollen 35.000 Arbeitsplätze wegfallen, bei Audi und Porsche 7.500 beziehungsweise rund 4.000. Bei Zulieferern wie Bosch sieht die Lage ähnlich düster aus. Knapp 6.000 Stellen wurden schon gestrichen, bis 2032 sollen 22.000 weitere Jobs wegfallen. Continental baute bereits ab 2023 im Rahmen eines Restrukturierungsprogramms über 7.000 Arbeitsplätze ab, bis 2026 sollen weitere 3.000 Stellen wegfallen, vor allem in der Automotive-Sparte (Displays und Fahrassistenzsysteme). Im Bereich Conti-Tec (technische Produkte aus Gummi, Kunststoff und Verbundmaterialien) könnten noch einmal 1.500 Jobs dem Rotstift zum Opfer fallen.
Möglicherweise ist das aber nur ein Vorbote dessen, was noch auf uns zukommt. Kurz nach Ausbruch des Irankrieges warnte der US-amerikanische Ökonom und Wirtschaftsanalyst Ed Yardeni, dass durch den Ölpreisschock das Risiko eines Börsencrashs ähnlich dem der frühen 2000er Jahre um 35 Prozent gestiegen sei. Vor Beginn der Kämpfe am Golf taxierte die Beratungsgesellschaft des Kapitalmarktexperten dieses auf 20 Prozent. Demgegenüber liegt die Chance auf einen sogenannten Meltup, also einen starken und schnellen Anstieg der Aktienkurse, laut Yardeni Research lediglich bei fünf Prozent. Historisch seien Ölpreisschocks oft mit Rezessionen und Bärenmärkten verbunden gewesen, so der Top-Stratege. Yardeni verweist dazu auf die Lage nach der Machtübernahme der Mullahs im Iran 1979, der die US-Inflation im Folgejahr auf 14 Prozent ansteigen ließ, bevor die Wirtschaft – nicht nur in Amerika, sondern in der gesamten westlichen Welt – in eine starke Abwärtsbewegung rutschte.

Der steile Anstieg der Rohölpreise hat auch das Risiko einer Stagflation erhöht – also einer Situation, in der die Inflation steigt, während sich das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamt. Diese Kombination ist brandgefährlich für die Wirtschaft, quasi ein ökonomisches Höllenszenario, und droht auch in Deutschland. Bei einer Stagflation sinken die Reallöhne, während die Arbeitslosenzahlen steigen. Dann treffen hohe Lebenshaltungskosten auf Einkommensunsicherheit – ein Szenario, das Sparen erschwert und Schulden erhöht. Wenn dann auch noch die von vielen befürchtete neue Migrationswelle aus Nahost (siehe Infobox) auf uns zurollt, wird dies die sozialen Spannungen enorm erhöhen. Kurzum: Wir sitzen auf einem Pulverfass, das jederzeit hochzugehen droht.

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