Hintergründe

Terror, Turbane, Totalitarismus: Der beste Feind des Westens

Terror, Turbane, Totalitarismus: Der beste Feind des Westens
IS-Terrorist Ahmed al-Sharaa und Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue in Berlin.

Der IS-Terrorist Ahmed al-Sharaa wurde im März mit allen Ehren in Deutschland empfangen. Die Medien bezeichnen ihn schlicht als „umstrittenen Gast“. Viele Beobachter macht das wütend. Doch der Westen hat dem radikalen politischen Islam schon immer gern die Hand gereicht – von Ägypten über Saudi-Arabien bis Syrien und Iran.

von Liza Ulitzka

Anzug, Krawatte, der für Islamisten charakteristische lange, schwarze Bart sorgfältig getrimmt und gewachst. Ahmed al-Sharaa hat sich in den besten Zwirn geworfen für seinen Besuch in Deutschland. Da steht er neben dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, groß, selbstbewusst, in sich ruhend. Steinmeiers Miene und Körperhaltung wirken leicht verkrampft. Neben einem Mann zu posieren, der für Al-Qaida im Irak gekämpft hat, einer Splittergruppe, die selbst von der Führung der Al-Qaida damals wegen des Ausmaßes an Blutvergießen getadelt wurde, verlangt dem Bundespräsidenten einiges an diplomatischer Contenance ab.

Die deutschen Medien thematisieren zwar die islamistische Vergangenheit und die aktuellen Pogrome gegen Minderheiten in Syrien, bezeichnen al-Sharaa aber lediglich als „umstritten“, so als hätte sich der Djihadist in der Vergangenheit lediglich ein paar rhetorische Fehltritte geleistet. US-Präsident Donald Trump sagte über den syrischen Präsidenten er sei ein „attraktiver, junger, harter Kerl mit einer starken Vergangenheit“. Al-Sharaa tingelt durch die Regierungssitze und TV-Studios der westlichen Welt. Er ist vom Terroristen, auf den 10 Millionen Dollar Kopfgeld ausgesetzt waren, zum Staatsmann und Partner des Westens avanciert. Weil er eines seiner „Produkte“ ist?

Kritiker betonen, dass der Islam im Kern fundamentalistisch ist und der radikale Islam daher bereits darin „angelegt“ sei. „Was ist das Wesen des Islam? Abseits aller Differenzen, ob kultureller, nationaler oder auch konfessioneller Art, fordert der ‚Islam‘ schon seinem Namen nach eine Unterwerfung unter den Willen Gottes, eine vollkommene Hingabe des Gläubigen. Er trägt also in sich bereits den Keim des Fundamentalismus“, so der deutsche Journalist Helge Buttkereit in der November-Ausgabe von 2025 der österreichischen Monatszeitung Die Krähe in einer Rezension des Buches „Die fehlgeleitete Islam-Debatte und ihre Folgen – Ein notwendiger Realitäts-Check“ von Teseo la Marca.

Betrachtet man die jüngere Geschichte des Islams, liegt dieser Schluss durchaus nahe – spätestens seit dem 1. Februar 1979, als Ajatollah Ruhollah Khomeini nach dem Sturz des Shahs in den Iran zurückkehrte und dort eine religiöse Diktatur errichtete. Im iranischen System gibt es zwar einen Präsidenten und einen Ministerpräsidenten. „Während aber in einem republikanischen System das Parlament das höchste Organ ist, ist es in der Islamischen Republik der Rahbar, der Revolutionsführer bzw. Faqih“, erläutern Katajun Amirpur und Reinhard Witzke in ihrem Buch „Schauplatz Iran“ das dortige politische System.

Wilfried Buchta präzisiert in seinem Artikel „Fundamentalismus im Iran“: „Gemäß Artikel 56 (der iranischen Verfassung, Anm.) geht die Souveränität nicht vom Volke, sondern von Gott bzw. dem verborgenen Imam als dessen rechtmäßiger Stellvertreter aus. In der Abwesenheit des Zwölften Imam liegen, so Artikel 5, die Regierungsgewalt und die Leitung der Gemeinde in der Hand des frommen, gerechten, auf der Höhe der Zeit stehenden und zur Leitung befähigten Rechtsgelehrten“, also ab 1979 Khomeini. Sittenwächter und eine katastrophale Menschenrechtslage sind bis heute prägend für die iranische Theokratie. Auch wenn der Kopftuchzwang durch die Protestbewegung der iranischen Frauen im Jahr 2024 gelockert wurde.

Viele Beobachter markieren mit der Machtergreifung Khomeinis den Beginn der Ära des politischen Islams, obwohl der schon viel früher, in den 1950er Jahren in Ägypten seinen Anfang nahm. Ein historischer Überblick zeigt zudem, dass der politische Islam und seine radikalen Strömungen kein „religiöser Sachzwang“ sind, sondern dass hinter dieser Entwicklung in verschiedenen islamischen Ländern gezielte politische Interessen standen – zumeist westlicher Mächte.

Terror, Turbane, Totalitarismus – Der Anfang vom Ende des moderaten Islams

Es ist bis heute kaum bekannt, dass die Entstehung des radikalen politischen Islams auf das traumatische Erlebnis eines Mannes in einem der berüchtigtsten Gefängnisse Ägyptens zurückzuführen ist. Sein Name ist Sayyid Qutb. Er war Journalist und Chefideologe der islamistischen Muslimbruderschaft, die mit ihm zu einem internationalen „Exportschlager“ wurde. „Wissenschaftler, Journalisten und andere Beobachter schreiben es generell Sayyid Qutb zu, die theoretische Basis des Islamismus in der post-kolonialen sunnitischen Welt formuliert zu haben“, schreibt John Calvert in seinem Buch „Sayyid Qutb and the origins of radical Islam“. Kein anderer islamistischer Ideologe hätte einen gleichwertigen Einfluss auf dieses Phänomen gehabt, sowohl zu Lebzeiten als auch für die nachfolgenden Generationen, so Calvert.

Der Ägypter Hassan al-Banna war der Gründer der Muslimbruderschaft und schuf mit ihr eine Bewegung, „die die Bedrohung des Islams durch europäischen Imperialismus, Zionismus und die kulturelle Invasion des Westens bekämpfte“, schreibt Calvert:

„Qutb änderte den Fokus. Obwohl er al-Bannas Spuren folgte, indem er die westliche Hegemonie über die muslimischen Länder verurteilte, drängte er die Muslime auch dazu, sich dem, was er als korrupte kulturelle und politische Grundlagen ihrer eigenen Länder betrachtete, zu stellen. Muslime müssten, sagte er, die säkulare Regierung durch Gottes Urteil, wie es in der Sharia festgelegt ist, ersetzen. Er drängte Muslime in Ägypten und auf der ganzen Welt dazu, sich um dieses Ziel herum zu vereinigen.“

Diese Ideologie entstand nicht aus dem Nichts. Sie wurzelte in einer grausamen Gewalterfahrung Qutbs und dient wie kaum ein anderes als Lehrbeispiel für das viel zitierte Sprichwort „Gewalt erzeugt Gegengewalt.“ Im Jahr 1955 wurde Sayyid Qutb gemeinsam mit hunderten anderen Muslimbrüdern zu 15 Jahren schwerem Arbeitslager im berüchtigten Tora-Gefängnis verurteilt. Der Grund dafür war ein gescheitertes Attentat auf den Offizier und Präsidenten Ägyptens Gamal Abd al-Nasser, an dem Qutb jedoch weder beteiligt war noch, laut seinem Biographen Calvert, im Vorfeld davon gewusst habe. Doch das zählte für die Militärregierung nicht. Für sie bot sich die Chance, die islamistische Muslimbruderschaft endlich los zu werden, die die „Freien Offiziere“ zuvor noch gebraucht hatten, um die britischen Kolonisatoren zu bekämpfen.

So schmorte also Qutb, wütend wegen der als ungerecht empfundenen Haft, unter Folter, ohne fließendes Wasser und neben Kakerlaken im Tora-Gefängnis. Dort kam es zum Schlüsselerlebnis. Calvert berichtet, dass es an einem Tag im Jahr 1957 zu Gerüchten unter den inhaftierten Muslimbrüdern kam. Die Wärter würden planen, sie im Steinbruch neben dem Gefängnis, wo die Insassen Zwangsarbeit verrichten mussten, massakriert werden sollten. Die Häftlinge weigerten sich daraufhin zur Arbeit auszurücken. Die Wärter beantworten diesen Streik mit einem entsetzlichen Blutbad. Sie feuerten direkt in die Gefängniszellen und töteten so 21 Muslimbrüder und verletzten doppelt so viele. Sayyid Qutb war selbst gerade in der Krankenstation wegen seines schlechten gesundheitlichen Zustands, als die Wärter die Verletzten hereinbrachten.

„Der Boden war bedeckt mit dem Blut seiner Kameraden. Dieses Massaker löste schreckliche Emotionen in Qutb aus. (…) Qutb trug heftigen Ärger und Bitterkeit gegenüber den ‚Freien Offizieren‘ in sich,“ beschreibt Calvert die Situation. Für Qutb, der ohnehin schon wütend auf den Verrat der „Freien Offiziere“ war, wurde dieses Massaker zum Funken, der seine radikalen Ideen entzündete. Es enthüllte seiner Ansicht nach „den wahren, nackten Charakter der Nasseristischen Revolution. Qutb war voller Empörung und Wut – der gerechte Ärger, der Feuer in der Magengrube entfacht und die Seele mit Eisen verhärtet.“ Er wurde zum radikalen Islamisten. „Qutb änderte seine Betonung von einer Gleichsetzung des Islams mit sozialer Gerechtigkeit hin zu dem fundamentalen Thema der politischen Legitimation.

Dementsprechend verlor sein Anspruch für die Konstruktion einer „islamischen Ordnung“ seine zurückhaltende Nuance und wurde betont mit starken Aufrufen zu Kerndoktrinen und Prinzipien,“ erklärt Calvert. Das oberste Prinzip dabei: „Der Koran als Ausganspunkt und als ‚erste Quelle‘ für die Anordnung der praktischen und spirituellen Belange des Individuums und der Gesellschaft. Qutbs strenger Ansicht nach, ändern sich die fundamentalen Prinzipien des Islams nicht, noch entwickeln sie sich weiter. Sie sind vielmehr konstant, unverändert durch historische Transformation und Variationen der Umwelt,“ erklärt Calvert Qutbs Ideologie.

Insofern sind die koranischen Prinzipien in Qutbs Augen universell und können nicht von Politik und Gesellschaft getrennt betrachtet werden. Der Islam wurde so de facto zu einer politischen Partei. Dazu gehörte unter anderem die absolut wörtliche Auslegung des Korans in Bezug auf den „Jihad“, den heiligen Krieg, den Qutb ausschließlich als aggressiven Krieg gegen die Ungläubigen, Juden und Christen verstanden wissen wollte. „In seinen Gefängnis-Schriften (…) sagt Qutb explizit, dass der Islam in seiner Essenz expansionistisch ist. Jihad, schreibt er, ist das Instrument der universellen islamischen Revolution – das Instrument mit dem Völker ihre Freiheit gewinnen. (…) Muslime kämpfen nicht, um militärische Ehren zu erlangen oder für Nationen, Territorien oder Könige. Viel eher kämpfen sie um ‚Gottes universelle Wahrheit‘ zu realisieren,“ beschreibt Calvert die Ideen des islamistischen Vordenkers.

Seine Gefängnis-Schriften würden auch den rationalen Austausch von Argumenten für die Wahrheitsfindung und -verbreitung komplett ablehnen. Dazu gehörten in Qutbs Augen selbst philosophische Betrachtungen und Interpretationen des Korans und des Willen Gottes. Laut Calvert lehnte Qutb muslimische Philosophen wie Ibn Rushd, Ibn Sina (auch bekannt als Avecinna) und al-Farabi als „bloße Imitatoren“ ihrer griechischen Vorgänger ab. „Qutbs Ansicht nach ist jedes System (nizam) des Glaubens und der Praktiken, das seine Grundlange im Menschlichen hat und im Gegensatz zum göttlichen Urteil steht, fehlerhaft und unzuverlässig, weil es auf der volatilen und unperfekten Natur des menschlichen Verstandes beruht,“ erklärt Calvert.

Damit widersprach Qutb ironischerweise fundamentalen Prinzipien des Koran. Zum einen, weil er damit eine der wichtigsten göttlichen Schöpfungen, nämlich den Menschen, als fehlerhaft bezeichnet hat. Zum zweiten, weil an mehreren Stellen im Koran dazu aufgefordert wird, Wissen zu sammeln, vor allem um Gott in seiner Schöpfung zu erkennen. Wissen zu erlangen und seinen eigenen Verstand zu benutzen ist eines der wichtigsten Prinzipen im Koran. Nicht zuletzt war dies die Grundlage für die großen wissenschaftlichen und literarischen Errungenschaften der Muslime im goldenen Zeitalter.

Doch beseelt von der koranischen Darstellung des idealen Lebens meinte Qutb, Glaube sei genug für alles, was es im Leben brauche. Qutb prägte auch die Ansicht, dass moderne Muslime keine „richtigen Muslime“ seien, selbst wenn sie beten, fasten und die Pilgerfahrt machen. Denn „so lange ihr Leben nicht auf der „kompletten Unterordnung unter Gott alleine beruht“ seien sie von der jahiliyya (die Zeit vor der Offenbarung des Korans auf der arabischen Halbinsel, allgemein mit dem Begriff „Unwissenheit“ übersetzt, Anmerkung) durchdrungen und könnten nicht als Muslime angesehen werden.

Qutbs Theorien fielen in den anti-kolonialen Befreiungskriegen im Nahen und Mittleren Osten auf fruchtbaren Boden und nähren bis heute islamistische Gruppierungen wie Al-Qaida, den islamischen Staat, salafistische Gruppierungen oder Hizb ut-Tahrir, die in Deutschland vor allem junge Muslime stark anspricht. Überall sind dieselben Grundsätze zu finden. Doch die Muslimbruderschaft ist bis heute laut dem Ägypter Mohammed Abd al-Gelil al-Sharnoby, einem ehemaligen Mitglied der extremen Gruppierung, die mächtigste von allen – international bestens vernetzt und straff durchorganisiert. Er sieht auch al-Qaida nur als kleines Rädchen im islamistischen Getriebe.

Die Muslimbruderschaft zeichnet sich durch eine detaillierte Struktur aus, die an ein sektenhaftes System erinnert: „Die Struktur der Muslimbruderschaft ist pyramidenförmig aufgebaut. Der oberste Führer und das Leitungsbüro stehen an der Spitze und kontrollieren die gesamte Struktur bis in die kleinste Zelle. Das Leitungsbüro ist die dominierende Einheit, die kontrolliert, alle Entscheidungen trifft, plant und mit Außenstehenden verhandelt,“ erklärt al-Sharnoby in einem Interview mit der Zeitung „Welt“ aus dem Jahr 2013:

„Eine der wesentlichen Pflichten eines Mitgliedes ist es, an den Treffen dieser Zelle teilzunehmen. Wenn ein Mitglied befördert wird oder in eine hohe Position kommt, wird es angehalten, seine Beziehung zur Bruderschaft geheim zu halten. Letzten Endes ist das eine internationale Geheimorganisation. Die Mitglieder in Ägypten, in Amerika, in Afrika – sie haben alle einen Führer und das Leitungsbüro, die sie kontrollieren. In einer Zelle ist man normalerweise unter Leuten desselben Alters oder eines ähnlichen Bildungsniveaus. So wird die Muslimbruderschaft organisiert und geleitet.“

Das macht es für die Strafverfolgungsbehörden im Westen so schwierig, die Netzwerke der Muslimbruderschaft auszuforschen und gegen sie zu ermitteln. Sie sind in Moscheeverbänden und karitativen Organisationen im Westen organisiert und finanzieren so ihre Aktivitäten. Dabei bleiben sie so gut wie unsichtbar, denn sie geben sich nie als Mitglieder der Muslimbruderschaft zu erkennen und bekommen so großen Einfluss auf die muslimische Community in den jeweiligen Ländern.

Der politische Islam als Machtinstrument

Der politische Islam und die radikalen Bewegungen lassen sich kaum als isolierte Phänomene betrachten. Sie waren und sind immer praktische Werkzeuge, um herrschaftspolitische und imperialistische Interessen und Ziele durchzusetzen. Die Muslimbruderschaft wurde, wie bereits erwähnt, von den „Freien Offizieren“ Ägyptens dazu benutzt, um gegen die britische Kolonialherrschaft zu kämpfen. Sie hat sich seitdem über die ganze Welt ausgebreitet.

2011 und in den darauffolgenden zwei Jahren nach dem arabischen Frühling, ließ sie sich in Ägypten wieder vom ägyptischen Militär einspannen. Als die jungen Revolutionäre noch am Tahrir-Platz die Stellung hielten, weil sie eine aus ihrer Sicht echte Demokratie wollten, liefen längst Verhandlungen zwischen der Muslimbruderschaft und dem SCAF (Supreme Council of Armed Forces). Die Folge war die Machtergreifung des Muslimbruders Mohammed Mursi. Mit dem Hass, den die Bevölkerung gegen die Religiösen entwickelten und der medial auch gezielt geschürt wurde, konnten die Militärs dann erfolgreich ihre Konterrevolution inszenieren und am Ende wieder die Herrschaft für sich beanspruchen.

Die zweite große islamo-politische Ideologie ist der Wahhabismus mit seinen absolutistisch regierenden Herrschern des saudischen Königshauses. Ihre Ideologie geht laut Askar H. al-Enazy, einen Forscher zu internationalen Beziehungen und Autor des Buches „The Creation of Saudi Arabia“, auf die Rechtsschule der Hanbaliten zurück. Der Wahhabismus beruft sich, ähnlich wie Sayyid Qutb, auf eine strikte und wörtliche Auslegung des Koran und der Sunna (Worte und Taten des Propheten Mohammed) und seiner Gefährten und die der beiden nachfolgenden Generationen.

Diese ersten drei Generationen werden die „al-salaf-al-salih (die rechtgeleiteten Vorreiter)“ genannt und praktizierten ihrer Ansicht nach als einzige in der Geschichte den Islam in seiner „wahrhaftigsten und reinsten Form,“ den es nachzuahmen gilt, so al-Enazy. Einer, der die Lehre der Hanbaliten wesentlich ausformuliert hat, war der islamische Theologe und Rechtsgelehrte Ibn Taymiyyah (1263-1328), der festlegte, dass der Herrscher „Der Schatten Gottes auf dieser Erde“ ist. Er alleine kenne den Willen Gottes und seine Untertanen seien zu absolutem Gehorsam verpflichtet, erklärt al-Enazy die Grundlagen des Wahhabismus in seinem Buch. Die Wahhabiten waren laut al-Enazy, sehr hilfreich für die Briten, um Palästina annektieren zu können, die Balfour-Deklaration umzusetzen und den jüdischen Staat Wirklichkeit werden zu lassen.

In einem Artikel für das „Middle East Institute“ beschreibt al-Enazy, wie der britische Offizier Harry St. John Philby bei seiner Mission in Zentralarabien zwischen 1917 und 1918 in seinen Tagebüchern von zahlreichen „Interviews“ mit Ibn Saud, dem Begründer des saudischen Königshauses, erzählt. „Er kam zu dem Schluss, dass die neu aufkommende Wahhabi-Bewegung unter Ibn Saud, mit britischer politischer und militärischer Unterstützung, den britischen Zielen auf der arabischen Halbinsel sehr dienlich sein würde,“ so al-Enazy. Der Wissenschaftler meint, dass die Entstehung des modernen Saudi-Arabien nicht allein auf eine aggressive Wahhabitische Ideologie mit einem expansionistisch denkenden und religiös inspirierten Ibn Saud an der Spitze zurück zu führen sei:

„Die territoriale Ausdehnung des saudischen Staates zwischen 1914 und 1927 war das Ergebnis der Implementierung von Britanniens imperialer Politik, die darauf abzielte, seine militärischen und politischen Ziele im Mittleren Osten zu erreichen. Die Persönlichkeit von Ibn Saud und der Wahhabismus dienten beide als Instrument, um diese Ziele zu verfolgen. Die Expansion wurde initiiert durch den anglo-saudischen Protektoratsvertrag von 1915 und endete formal 1927 mit der Unterzeichnung des Vertrages von Jeddah, der Ibn Saud einen quasi unabhängigen Staat mit Grenzen zusicherte, die er sich nicht selbst aussuchen konnte, und der mit späteren, kleineren Anpassungen, die permanenten politischen Grenzen des heutigen Saudi-Arabien schuf.“

100 Jahre Einfluss auf den Iran

Die gezielte Förderung radikal-islamischer Strömungen durch den Westen hat demnach eine lange Tradition, die sich bis heute fortsetzt. Auch im Kaukasus fördern und unterstützen westliche Staaten bereits seit rund 200 Jahren immer wieder militante muslimische Aufständische in ihrem Kampf gegen Russland – vom Imam Schamil im 19. Jahrhundert bis zu tschetschenischen Separatisten im 21. Jahrhundert.

Die Mujahedin in Afghanistan wurden durch die USA groß gemacht, um die damalige Sowjetunion zu bekämpfen. Daraus entstand die Terror-Herrschaft der Taliban, die eine besondere Form der „Gender-Apartheid“ pflegen, wie das unterdrückerische System für Frauen von Aktivistinnen bezeichnet wird.

Auch die Entstehung der fundamentalistischen Theokratie in Iran war kein Zufall. Der Westen spielte dabei eine wichtige Rolle. „Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der von den Shahs der Qajaren-Dynastie beherrschte Iran zunehmend zum Spielball der politischen und wirtschaftlichen Interessen miteinander rivalisierender europäischer Großmächte, allen voran Russland und Großbritannien. Europäische Mächte zwangen Iran fortan Konzessionen ab, die nicht nur seine Souveränität in der Finanz-, Außenwirtschafts-, und Verteidigungspolitik erheblich einschränkten, sondern ihm auch die De-Facto-Kontrolle über die Ausbeutung seiner Naturressourcen entwanden,“ beschreibt Wilfried Buchta die damalige Situation.

Laut Buchta versuchte sich der damalige König Reza Shah in den 30er Jahren vor allem vom Würgegriff Großbritanniens zu befreien und baute dazu „intensive Kontakte zum nationalsozialistischen Regime in Deutschland auf.“ Reza Shahs Sympathien für Deutschland „boten den russischen, britischen und amerikanischen Alliierten im Zweiten Weltkrieg den willkommenen Vorwand, den Iran 1941 zu besetzen, zumal er als Transitland für alliierten Nachschub bedeutsam war,“ erklärt Buchta. So lösten schlussendlich die USA Großbritannien als wirtschaftliche Schutzmacht ab und der Iran geriet zunehmend in die Abhängigkeit des Westens.

Der liberale Nationalist Mohammad Mosaddeq wollte das ändern. Er wurde Premierminister und begann die Ölindustrie zu verstaatlichen. Das schmeckte dem Westen nicht. Mosaddeq wurde 1953 durch einen Putsch, organisiert und durchgeführt von der amerikanischen CIA, dem britischen MI-6 und pro-monarchistischen Militärs gestürzt. „Zwischenzeitlich ins italienische Exil geflohen, kehrte Mohammad Reza Shah im August 1953 zurück und begann, gestützt auf massive Wirtschaftshilfe und politische Protektion der USA, mit der Restauration seiner Herrschaft,“ so Buchta:

„Seine wichtigsten Herrschaftsinstrumente waren dabei die von US-Militärberatern ausgebildete und von US-Rüstungsschmieden belieferte Armee und der iranische Geheimdienst, der SAVAK, bei dessen Aufbau 1957 der CIA und der israelische MOSSAD unentbehrliche Hilfe leisteten.“

Das unterdrückerische und vom Westen gesteuerte Shah-Regime erregte großen Widerstand in der Bevölkerung, was 1978 in eine ideologisch breit gefächerte Massenbewegung gegen den Shah mündete, die Khomeini aus seinem Pariser Exil zu nutzen und beeinflussen wusste. Ihm gelang es, sich zum Führer dieser Protestbewegung zu machen, die schließlich in die islamische Revolution von 1979 mündete. In der islamischen Republik, die danach errichtet wurde, war der Hass auf die USA und Israel eine der politischen Konstanten.

Doch die Mullahs blieben zugleich ideologisch flexibel, wie sich bei der Iran-Contra-Affäre zeigte. Gleich in den 80ern kauften sie trotz Embargo Panzer- und Flugabwehrsysteme von den USA. Die CIA organisierte diesen geheimen Deal, vorbei am US-Kongress, um die Contras in Nicaragua zu finanzieren.

Syrien und IS: Der Kreis schließt sich

Die Iran-Contra-Affäre hat auch die ideologische Flexibilität der USA hinsichtlich des Islamismus bewiesen. Doch dieses Beispiel mutet noch harmlos an im Vergleich zur Operation „Timber Sycamore“. Unter dem demokratischen Präsidenten Barack Obama hob 2012 die CIA gemeinsam mit arabischen Geheimdiensten, Saudi Arabien und dem ebenfalls wahhabitischen Katar die Terrorgruppe „Islamischer Staat“, kurz IS, aus der Taufe, um den syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad zu stürzen. Der IS zog junge Muslime weltweit in seinen Bann. Tausende zogen in den Krieg in Syrien und im Irak, im Glauben für eine gute Sache zu kämpfen.

Die Medien nahmen für ihre Berichterstattung dankbar das gratis Videomaterial des IS an. So verfestigte sich mit der Macht der Bilder die Macht des IS in den Köpfen der Zuseher. Der IS mordete, vergewaltigte und versklavte Minderheiten und andere Zivilisten, zerstörte Kulturgüter von unschätzbarem Wert wie die Nuri-Moschee von Mossul aus dem 12. Jahrhundert oder die Ruinen von Palmyra. Der IS war insbesondere auch ein Medienphänomen. Die Videos, die die Kämpfer von sich und ihren Gräueltaten machten, waren Hochglanz-Produktionen. In einer aktuellen Dokumentation über den IS auf 3Sat, wird deutlich, wie der IS in seinen Medienproduktionen filmische Stilmittel aus Hollywood verwendete und Influencer, wie den deutschen Rapper Dennis Cuspert, gezielt für die Rekrutierung einsetzte. Dass der IS vom CIA „erfunden“ wurde und hier wohl auch die Quelle für die „filmische Trickkiste“ zu suchen wäre, wird in der Dokumentation nicht thematisiert.

Wie es der Zufall will, spielte auch der jetzige syrische Präsident Ahmad al-Sharaa eine gewichtige Rolle im IS-Gruselkabinett. Laut einem Artikel über al-Sharaa in der Onlineversion der Encyclopedia Britannica wurde er 2005 von US-Soldaten im Irak, als er dort für die örtliche al-Qaida-Splittergruppe kämpfte, gefangen genommen und ins Camp Bucca gebracht. Das war bekannt dafür, dass dort „viele der berüchtigsten irakischen Militanten und Terroristen sich vernetzten, Ideen austauschten und Strategien entwickelten. Sharaa verbrachte die meiste Zeit damit, zu recherchieren und Umsturzpläne gegen Assads Syrien zu entwickeln.“ Im März 2011, unmittelbar vor Beginn des arabischen Frühlings in Syrien, wurde er frei gelassen und gründete wenig später die al Nusra-Front, eine Teilgruppe des IS, mit der er schließlich den Präsidenten stürzte.

Al-Assad war ein Verbündeter des Iran. Dass der zwei Jahre vor dem Angriffskrieg der USA und Israel gegen Iran aus dem Weg geräumt war, könnte man als glückliche Fügung für die Amerikaner betrachten. Mit der eben beschriebenen Vorgeschichte sind diese politischen Ereignisse jedoch schwerlich auf Fügungen zurückzuführen. Bis vor kurzem hatten die USA noch Militärbasen in Syrien, offiziell um den IS zu bekämpfen. Die Militärbasen wurden an strategisch wichtigen Orten errichtet – laut der Journalistin und Syrien-Expertin Karin Leukefeld im sehr fruchtbaren Teil Syriens in Raqqa, in Remilan und Al-Omar, wo die größten Ölfelder Syriens liegen sowie in Tanf, dem Grenzübergang zu Jordanien und Irak. Am 16. April 2026 zogen die US-Truppen von all ihren Stützpunkten in Syrien ab. Weil die USA nun mit al-Sharaa einen willfährigen Verbündeten haben, der ihnen die strategischen Vorteile der ehemaligen US-Basen nicht streitig machen wird?

Iran, der letzte Dominostein

Westasien (das ist die ethnologisch korrekte Bezeichnung für die Region, die meist als „Naher Osten“ oder im englischsprachigen Raum als „Middle East“ bezeichnet wird, Anm.) ist von amerikanischen Militärbasen übersät und die autoritären Regime dort sind den USA zumeist treu ergeben. Das ist das Ergebnis jahrhundertelanger westlicher Machtpolitik, die von den Briten in Palästina und Saudi-Arabien begonnen und später von den USA übernommen und erweitert wurde. Der radikale politische Islam wurde dabei gezielt gefördert, nicht erst seit 9/11. Damit die Bevölkerung in der Heimat auch zustimmt, wurde einerseits über die Filmindustrie das Bild des bösen Muslims in den Köpfen einzementiert, andererseits der politische radikale Islam als der große Feind des Westens propagiert, während man ihn im Geheimen mit Waffen und politischer Macht ausstattete.

Palästina soll ebenfalls von der Landkarte verschwinden. Mit den von Trump initiierten „Abraham Accords“ sollten arabische Staaten Frieden mit Israel schließen und mit den USA gemeinsam eine starke Front gegen Iran bilden, damit dieser als letzter Dominostein fallen kann. Doch vielleicht geht die Rechnung dieses Mal nicht auf. Laut dem Iran-Experten Patrick Ringgenberg von der EPFL-Universität in Lausanne war es ein großer Fehler, den Iran anzugreifen: „Ich hätte nie gedacht, dass der Iran jemals angegriffen werden würde. Denn wenn man sich bewusst macht, was der Iran ist, seine Geschichte, seine Kultur, seine militärische Expertise und Stärke, dann realisiert man ‚Nein, du kannst keinen Krieg gegen den Iran gewinnen.“ Ringgenberg erklärt weiter:

„Offenbar hat der Iran die militärische Infrastruktur im ganzen Land, die ihm erlaubt, immer und überall Rückschläge zu machen, und weil er wirklich das Herz des Mittleren Ostens ist, kann er großen Einfluss auf die regionale Wirtschaft und auf die Weltwirtschaft nehmen und alle diese Fakten waren sehr gut bekannt. (…) Es ist sehr offensichtlich, dass der Iran zu groß ist, um zu fallen, du kannst ihn nicht einnehmen, ganz einfach.“

Mehr lesen über
ANTV auf YouTube

🆘 Unserer Redaktion fehlen noch 92.500 Euro!

Um auch 2026 kostendeckend arbeiten zu können, fehlen uns aktuell noch 92.500 von 110.000 Euro. Wenn Ihnen gefällt, was wir tun, dann zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Mit Ihrer Spende von heute ermöglichen Sie unsere investigative Arbeit von morgen: Unabhängig, kritisch und ausschließlich dem Leser verpflichtet. Unterstützen Sie jetzt ehrlichen Journalismus mit einem Betrag Ihrer Wahl – einmalig oder regelmäßig:

🤍 Jetzt Spenden

ANTV auf TikTok – Jetzt folgen!

Teilen via