Der börsennotierte Finanzdienstleister Wirecard ging 2020 bankrott – zuvor hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und eine Epstein-Elevin noch beim Marktzugang in China geholfen. Oberschurke Marsalek soll, wohin sonst, ins Reich von Wladimir Putin geflüchtet sein. Deutsche Medien stricken fortan kollektiv die Mär vom Kreml-Spion. Doch es könnte womöglich ganz anders gewesen sein. Schützt Russland gar keinen eigenen Agenten, sondern einen Überläufer des BND, den man absichtlich ins Ausland entkommen ließ, weil seine Aussagen der Bundesregierung und dem Nachrichtendienst hätten gefährlich werden können?
von Johann Leonhard
Wirecard – das war der größte Bilanzfälschungsskandal der Nachkriegszeit und eine der größten Insolvenzen, die Deutschland je gesehen hatte. Durch ein System aus Scheinumsätzen, Buchungstricks und Geldwäsche, das über Jahre unentdeckt blieb, verloren Anleger Milliarden, während clevere Spekulanten (sogenannte Shortseller) ordentlich am Kollaps des Giganten verdienten.
«Wenn es Ärger gab, verteilten Paules Boxer-Freunde wohl auch mal Ohrlaschen…» Bettina Weiguny
Der Tag des Jüngsten Gerichts brach im Juni 2020 über den 1999 gegründeten Zahlungsabwickler herein. Da gab der damalige CEO Markus Braun öffentlich zu, dass rund zwei Milliarden Euro auf philippinischen Treuhandkonten nie existiert hatten. Binnen Tagen wurde die Aktie des Unternehmens praktisch wertlos. 20 Milliarden Euro hatten knapp 50.000 Anleger in die Betrugsmaschinerie investiert.
Der Prozess gegen Ex-Chef Braun, der mittlerweile seit sechs Jahren in U-Haft sitzt, läuft seit Dezember 2022 am Landgericht München, das Urteil wird noch in der ersten Jahreshälfte 2026 erwartet. In Abwesenheit angeklagt ist auch Jan Marsalek – der ehemalige Chief Operating Officer (COO) –, der sich heute in Moskau aufhalten soll.
Schmutziges Geld
Was hat Wirecard überhaupt gemacht? Wussten Sie, dass sich der Zahlungsdienstleister (vergleichbar mit Paypal) im beginnenden Internet-Zeitalter besonders im sogenannten Hochrisiko-Segment tummelte? Heißt: Wirecard wickelte ab den 2000er Jahren Zahlungen für tausende große und kleine Porno-Webseiten (etwa Live Jasmin) und virtuelle Spielhöllen ab.

Wie die Financial Times in ihrer Enthüllungsserie «House of Wirecard» ab 2015 aufdeckte, versandte das Unternehmen das auf diesem Wege verdiente Geld an rund 175 Briefkastenfirmen in Großbritannien und Zypern – und behielt angeblich 15 Prozent Provision. Der Schwenk ins virtuelle Rotlichtviertel geschah, nachdem ein Österreicher namens Paul Bauer-Schlichtegroll – auch «Porno-Baron» genannt – das noch junge und von Insolvenz bedrohte Unternehmen 2002 für eine halbe Million Euro aufkaufte und mit seinem Adult-Entertainment-Geschäft verschmolz.
Fußnote: Der Baron soll «keinerlei Scheu vor der Halbwelt» gehabt haben, so die Wirtschaftsjournalistin Bettina Weiguny bei NTV im April 2021. «Man bewegte sich oft in einer rechtlichen Grauzone, und Wirecard ging immer ein Stück weiter als die Konkurrenz. Wenn es Ärger gab, verteilten Paules Boxer-Freunde wohl auch mal ”Ohrlaschen” an die Kritiker.» Weiguny will außerdem «Zahlungsabwicklungen für mit der Mafia verbundene Casinos in Italien und auf Malta» gefunden haben.
«Wahrscheinlich wird dieser Mann … einen Selbstmord im Epstein-Stil im Gefängnis haben.» Jan Marsalek
Vorwürfe wegen Geldwäsche, Betrugs und Bilanzfälschung gab es früh. Schon 2010 durchsuchten US-Behörden Geschäftsräume, doch es folgte keine Anklage. Im gleichen Jahr stellte ein anonymer Hinweisgeber erstmals Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München I und bei der Bundesfinanzaufsicht BaFin gegen Wirecard. Mit mäßigem Erfolg. Das war zehn Jahre vor dem großen Knall! Der Vorwurf: Das Unternehmen leiste Zahlungsabwicklungen für illegales Glücksspiel und betreibe Geldwäsche über seine Tochterfirma Click2Pay, so das Medium Capital damals. 2012 – also zwei Jahre später – wird das Verfahren eingestellt. Nochmal drei Jahre später – 2015 – finden auf Ersuchen von US-Behörden erneut Ermittlungen gegen Marsalek, den Geschäftsführer von Click2Pay, und weitere Wirecard-Manager statt. Während einer zweitägigen Razzia sicherten die Beamten Beweismaterial – unter anderem auch Marsaleks E-Mails sowie Kreditkartendaten. Erst als sich 2019 – wieder vier Jahre später! – die Verdachtsmomente ausweiten und auch Behörden in Singapur die Ermittlungen aufnehmen, steigt die leitende Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl für die Staatsanwaltschaft München in die Ermittlungen mit ein. Kritiker meinen: Viel zu spät! Denn während das Fin-Tech-Betrugsunternehmen, das gerade noch von der Bundesregierung politisch gefördert worden war, wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach, konnte sich einer der Hauptverantwortlichen, Jan Marsalek, gemütlich ins Ausland absetzen.
Epsteins Talent im Einsatz
Politisch verantwortlich für den Wirecard-Fall war ab 2017 das Bundesfinanzministerium unter Olaf Scholz (SPD). Zu der Finanzaufsicht in seinem Haus gehörte ab 2018 auch eine gewisse Philippa Sigl-Glöckner. Sie unterhielt E-Mail-Kontakt zu Jeffrey Epstein und kannte ihn auch persönlich (siehe Infobox). Sexualstraftaten werden ihr in keiner Weise vorgeworfen. Aber sie könnte für den Frauenhändler interessant gewesen sein, weil dieser eben auch ein großes Rad im globalen Casino drehte, denn sie war (und ist es bis heute) auch die Lebensgefährtin des damaligen SPD-Finanzstaatssekretärs Wolfgang Schmidt. Er wurde ab Oktober 2021, als Scholz zum Regierungschef aufstieg, dessen Kanzleramtsminister und koordinierte unter anderem die Arbeit der Geheimdienste.

In einer Mail vom 23. Juni 2018 an Epstein schrieb dessen Assistentin Melanie Walker über eine ihrer «wunderbaren jungen Mitarbeiterinnen» (sie war Sigl-Göckners Vorgesetzte bei der Weltbank gewesen): «Philippa schloss ihr Masterstudium in Informatik ab, trat dem superelitären deutschen Geheimdienst bei und wurde dem Finanzministerium zugeteilt, um Geldflüsse zu verfolgen.» Das Zitat ist deshalb so brisant, weil die Ökonomin und spätere Young-Leader-Absolventin der Atlantik-Brücke tatsächlich genau zu diesem Zeitpunkt (Mitte 2018) ins Bundesfinanzministerium wechselte – schwer vorstellbar, dass es noch eine weitere Philippa gab, auf die das Lob zutreffen könnte. Sigl-Glöckner war es auch, die als Chef-Unterhändlerin noch 2019 im Auftrag der Bundesregierung den Wirecard-Zugang zum chinesischen Markt verhandelte – also kurz bevor das Betrugsunternehmen krachen ging. Sie arbeitete noch bis 2020 als persönliche Referentin und Büroleiterin ihres Gatten im Finanzministerium, bis sie – zufällig nach Ausbruch des Wirecard-Vulkans – beurlaubt wurde.
Marsalek und der BND
Der «superelitäre deutsche Geheimdienst», dem Sigl-Glöckner angeblich beigetreten war, wird in der E-Mail an Epstein nicht genannt. Neben dem BND wäre auch die Financial Intelligence Unit (FIU) ein heißer Kandidat, die tatsächlich verdächtige Geldflüssige verfolgt – und diese unterbindet oder eben nicht. Bekanntlich hatte Epstein 2018 insgesamt 40 Konten bei der Deutschen Bank, ohne dass die FIU – oder Finanzminister Scholz, Staatssekretär Schmidt oder dessen Freundin – dagegen vorgegangen wären.
Der BSW-Europaabgeordnete Fabio De Masi bezeichnet Sigl-Glöckner jedenfalls als «Key» – also Schlüssel – für den Wirecard-Komplex. Er vermutet: Bei dem Unternehmen handelt es sich um eine Frontorganisation des BND. Auf X schrieb er Mitte Februar 2026: «Sollte der Vorwurf gegenüber der rechten Hand von Wolfgang Schmidt also stimmen, würde sich ein Bild weiter verdichten: Der BND nutzte Wirecard-Kreditkarten, hat laut Kommunikation von Marsalek mit ihm kooperiert. Es würde die These erhärten, dass Wirecard ein Trojanisches Pferd war, um in die Zahlungsabwicklung in Fremdstaaten zu gelangen.»
Der getürmte Wirecard-Manager wird heute international gesucht. Medien wie der Spiegel behaupten, er lebe mittlerweile unter russischem Schutz in Moskau und sei ein langjähriger Agent Putins – was von britischen Behörden (also MI5 und MI6) bestätigt wird. Ob es stimmt? Wie aus den sogenannten «Marsalek-Files» österreichischer Ermittler deutlich wird, hat er sich selbst ganz anders zugeordnet. Laut den veröffentlichten Chat-Protokollen schrieb er an einen Komplizen im November 2020 (nach seiner Flucht): «Meine einzige Sorge ist, dass einer meiner ehemaligen Vorstandskollegen, der von einigen Aspekten unserer Arbeit mit dem BND und der CIA wusste, etwas zugeben könnte. Wahrscheinlich wird dieser Mann dann einen Selbstmord im Epstein-Stil im Gefängnis haben.» Ein Zitat, das man so wohl nicht erwartet hätte… Sorgen machte sich Marsalek laut den Chats keine: «Die Wahrheit wird sowieso nicht ans Licht kommen. (…) Alle werden einfach leugnen, leugnen, leugnen.»
Beim Epstein-Friseur
Aus den Epstein-Mails ersichtlich ist, dass Philippa Sigl-Göckner von Epstein Jeffrey 2014 einen Termin bei einem Nobel-Friseur auf der 5th Avenue spendiert bekam. Eine Mail von Epsteins Assistentin Leslie Groff berichtet davon, wie «süß» Epstein zu Philippa gewesen sei und dass sich die beiden schon «ein paar Mal» getroffen hätten.
Im April 2021 schreibt er an einen Kontakt: «Hast Du immer noch die Kontrolle über die deutsche Mobilfunknummer, die wir für den BND-Chat genutzt haben?» 2022 schließlich soll er über vom BND überlassene Super-Laptops geschrieben haben: «Ich habe jemanden gefunden, den der BND tatsächlich ausspionieren will, sodass sie uns buchstäblich zum Kauf der Laptops gedrängt haben.» Der Auslandsnachrichtendienst bestreitet natürlich vehement, jemals mit Marsalek kooperiert oder Wirecard-Kundendaten abgegriffen zu haben. Solche Daten – also die sensiblen Informationen über teils zwielichtige Kunden – habe er nie angefordert, so das Dementi. Sie gingen «wahrscheinlich nach Moskau». Österreichische Ermittler glauben dagegen, dass «Marsalek mit dem BND in Kontakt steht sowie dass der BND die Möglichkeit besitzt, über SINA-Geräte Benutzer auszuspionieren».

Medien wie das Handelsblatt zitieren ab Mitte 2020 aus den geleakten Chat-Protokollen und schreiben: «Im Chat prahlt er unverblümt mit seinen Kontakten zur CIA, zum Mossad und anderen Nachrichtendiensten – und mit seinem angeblichen Vermögen in Millionenhöhe.»
Staatsanwältin im Schlafrock
Dass der Doppel- oder Dreifach-Agent der deutschen Justiz entkommen und deshalb nie ausführlich befragt werden konnte, legen Kritiker auch der leitenden Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl zur Last. Als sie sich Mitte 2020 endlich dazu entschließt, Anklage zu erheben und Haftbefehle auszustellen, schreibt die Financial Times schon seit geschlagenen fünf Jahren über die Wirecard-Abgründe.
Wir erinnern uns: Erste Vorermittlungen hatte die Staatsanwaltschaft München schon 2010 gegen Wirecard eingeleitet. Über Jahre liefen sie ins Leere, weil angeblich immer ein ausreichender Anfangsverdacht fehlte, Hinweise «zu vage» seien und ohnedies vieles einfach «verjährt».

Mitte 2020 wurde die «Wirecard-Jägerin» (Welt über Bäumler-Hösl) dann aber doch noch aktiv und prüfte tatsächlich Strafanzeigen – aber in die entgegengesetzte Richtung, nämlich gegen die Enthüllungsjournalisten der Financial Times! Diese (und ihre Informanten) waren nämlich von Wirecard angezeigt worden. Das Unternehmen warf ihnen vor, durch falsche Berichterstattung den Börsenkurs zu manipulieren. Marsalek soll diese Situation ausgenutzt und selbst Infos an die Behörden gefaxt haben – um eine falsche Fährte zu legen und Spuren zu verwischen. Als am 18. Juni 2020 der Haftbefehl gegen CEO Markus Braun vollstreckt wird, ist Marsalek schon mit einem Flugzeug auf dem Weg auf die Philippinen – so will es jedenfalls die Legende. Seine Flucht soll er mit Hilfe eines österreichischen Ex-Geheimdienstlers bewerkstelligt haben.
«Die Wahrheit wird sowieso nicht ans Licht kommen.» Jan Marsalek
BSW-Politiker De Masi meint: Bäumler-Hösl habe Marsalek «entwischen lassen». Im Untersuchungsausschuss des Bundestages habe sie ihm zufolge keine gute Figur gemacht: Sie glänzte durch Gedächtnislücken und habe sich «um Kopf und Kragen geredet». Das Vernehmungsprotokoll zeigt, worauf er wohl damit anspielte: Tatsächlich hatte Bäumler-Hösl den Anwalt von Marsalek – Frank Eckstein – vor der geplanten Festnahme angerufen und dem gesuchten Betrüger ausrichten lassen: «Er soll sofort kommen.» Das könnte der als Signal zur Flucht verstanden haben.

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