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Putin und die entführten Kinder

Putin und die entführten Kinder
Der Krieg trifft die Kleinsten: Eine Mutter hält ihr Baby bei der Räumung aus dem Dorf Kushuhum in der Saporischschja-Region am 8. Januar 2026.

In Kriegszeiten wird schnell geurteilt. Schwarz oder weiß, Täter oder Opfer, gut oder böse. Doch dazwischen gibt es Geschichten, die sich nicht so leicht einordnen lassen. Die Erzählung, Wladimir Putin würde Kinder entführen und sich deshalb Kriegsverbrechen schuldig machen, ist so eine.

von Marie Wiesner

Als Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, flohen viele Menschen und ließen ihre Kinder allein zurück: in zerstörten Heimen, ohne Eltern, ohne Strom, ohne Wasser. Die russischen Truppen brachten sie aus dem Kampfgebiet in Sicherheit. War das ein Akt der Gewalt, eine Entführung? Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev: Russland verschleppt ukrainische Kinder. Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen Putin und seine ”Beauftragte für Kinderverschleppung” erlassen.» Die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen verglich die Rettung der Kinder mit der Terrorherrschaft im Dritten Reich: «Es ist eine schreckliche Erinnerung an die dunkelsten Zeiten unserer Geschichte, was dort geschieht, die Deportation von Kindern.»

Die USA evakuierten 50.000 Kinder aus Vietnam.

Die Emma stellte die wichtige Frage, warum die USA Kinder aus gefährlichen Gebieten wegbringen dürfen und dies als human gilt, während man auf der anderen Seite Russland vorwirft, Kriegsverbrechen zu begehen, wenn es den selben Versuch startet. Ihr Autor Helmut Scheben schrieb Ende August 2025: «Ich weiß nicht, wie viele Kinder die USA in all ihren Kriegen verfrachtet haben: aus Lateinamerika, Asien und Afrika, vom Balkan, aus dem Irak, aus Libyen oder Syrien. Allein im Vietnam-Krieg waren es laut Medienberichten mehr als 50.000, und dort, wie auch in anderen Fällen, waren viele fromme und weniger fromme christliche Hilfswerke beteiligt. Keine Journalistin, kein Journalist einer großen westlichen Zeitung kam bei all diesen Transporten auf die Idee, von ”Kinderraub” oder ”Deportationen” zu reden.» Übrigens: Beim ersten Kindertransport stürzte das US-Flugzeug bei Saigon ab, es gab viele Tote.

Ein Shitstorm von Nicht-Lesern

Gegen die Emma-Publikation hagelte es Kritik auf der Plattform X – hauptsächlich aus Kreisen, die sich früher dem feministischen Blatt verbunden gefühlt hatten. Die Grüne Katrin Göring-Eckardt postete: «Geschichtsverdrehung besonderer Art. Kinder werden entführt und Emma behauptet, sie würden in Sicherheit gebracht. Welch ein Abgrund. Der Kreml freut sich.» Die WDR-Trans-Journalistin Georgine Kellermann ergänzte: «Die Kinder waren in Sicherheit, als sie {von den Russen} entführt wurden. Emma heißt diese menschenverachtende Aktion der russischen Kriegstreiber gut? Wie verblendet sind Sie? Ungeheuerlich.» Ähnlich Fridays for Future Berlin: «Ihr seid sowas von fucking ekelerregend, es ist kaum auszuhalten». Man muss sich ins Gedächtnis rufen, dass der ganze Aufruhr nur dadurch entstand, weil die Emma einen Artikel geschrieben und Fragen gestellt hatte. Doch es scheint, als dürfte man als Medium eine bestimmte Linie nicht überschreiten.

«”Emma” … macht sich zum russischen Komplizen…» Botschafter Oleksii Makeiev

Die Redaktion reagierte auf die Anfeindungen: «Den Emma-Post zum ”Kinderraub” der Russen in der #Ukraine haben 374.470 UserInnen registriert – aber nur 5.332 haben den Artikel auch gelesen, also jedeR 68. Fakten? Uninteressant. Gerade rast ein ”Shitstorm” . Zwei Drittel beschimpften uns.»

Doch auch die Vorwürfe in Richtung Russland verschärften sich weiter: Mindestens zwei der ukrainischen Kinder sollen nach Nordkorea gebracht worden sein. Das zumindest sagt Kateryna Rashevska, Rechtsexpertin des ukrainischen Regionalen Zentrums für Menschenrechte, gegenüber einem Unterausschuss des US-Kongresses.

Bei den Entführungsopfern soll es sich um den 12-jährigen Mischa aus der Region Donezk und die 16-jährige Liza von der Krim handeln. Die Kinder sollen in das Ferienlager Songdowon gebracht worden sein, wo sich auch viele Funktionssöhnchen in Schwimmbädern und beim Fußballspielen den Sommer vertreiben. Frau Rashevska erklärte, dass ihnen dort angeblich beibracht werde, «japanische Militaristen zu vernichten». Zudem sollten sie koreanische Veteranen kennenlernen, die 1968 das US-Marineschiff «Pueblo» angriffen und dabei neun amerikanische Soldaten töteten und verwundeten.

«Eine schreckliche Erinnerung an die dunkelsten Zeiten». Ursula von der Leyen

Dass der Krieg in der Ukraine auch unschuldige Opfer trifft, ist weder von der Hand zu weisen noch sonderlich überraschend. Doch den Russen sprichwörtliche «Deportationen» zu unterstellen, ist äußerst gewagt. Natürlich wird es ihnen, neben der Rettung der Kinder, gelegen kommen, sie nach russischem Maßstab zu erziehen. Aber dieser Versuch, den vermutlich jedes andere Land im Kriegsfall ebenso unternehmen würde, steht in keinem Verhältnis zu den Vorwürfen. Schließlich geht es hier nicht um Gewalt, Einweisung in den Gulag oder sogar die Ermordung von Kindern, wie die hysterischen Ankläger unterstellen.

Das Internationale Rote Kreuz hat jedenfalls sowohl mit den ukrainischen Behörden als auch mit den russischen zusammengearbeitet. Vier Millionen Ukrainer sollen allein 2022 nach Russland geflohen sein. Von diesen Flüchtlingen waren 730.000 Minderjährige – allerdings soll ein großer Teil in Begleitung von Erziehungsberechtigten gewesen sein. Außerdem waren unter ihnen auch einige Waisen oder Behinderte aus Kinderheimen. Ungefähr 2.000 Kinder wurden in russischen Einrichtungen untergebracht – 380 Kinder kamen in Pflegefamilien. Die Regierung in Kiew ging übrigens 2023 von über 19.500 verschleppten Kindern und Jugendlichen aus.

First Ladys im Einsatz

Der Clou: Auch die Ukraine brachte Kinder über die Grenze. Ab Februar 2022 organisierte die von Selenskis Frau Olena gegründete Initiative Kindheit ohne Krieg die Evakuierung Tausender Kinder aus frontnahen Regionen. Darunter waren 510 Kinder, zumeist Waisen, die in die Türkei gebracht wurden. Das Projekt verschlang über zehn Millionen US-Dollar an Spendengeldern. Ein Betrag, von dem Kritiker behaupten, dass ein Großteil nicht bei den Kindern ankam, sondern in den Händen von Frau Selenski und den Verantwortlichen der Stiftung verschwand. In der Türkei verschlechterte sich angeblich ihre Lebensqualität zunehmend, immer wieder erfolgten Verlegungen in andere Hotels, die stets überfüllt waren und immer heruntergekommener wurden. Doch damit nicht genug: Zwei der Mädchen kehrten schwanger aus der Türkei zurück. Die 14- und 16-Jährige wurden laut russischer Medien von zwei Hotelmitarbeitern vergewaltigt.

Das Weiße Haus mischte sich ebenfalls in den Konflikt um die angeblichen Entführungen ein. Melania Trump schrieb anlässlich des Alaska-Gipfels im August 2025 einen Brief an Putin, in dem sie an sein Mitgefühl gegenüber Kindern in Kriegsgebieten appellierte – ohne die Ukraine explizit zu erwähnen: «Indem Sie die Unschuld dieser Kinder schützen, werden Sie mehr tun, als nur Russland zu dienen – Sie werden der Menschheit dienen.» Präsident Selenski informierte im September 2025 über die Rückkehr von 1.625 Minderjährigen in Gebiete unter ukrainischer Kontrolle.

Kirill Dmitriev, Ukraine-Sonderbeauftragter des Kreml sagte Mitte Oktober, man arbeite «weiterhin in verschiedenen Bereichen mit den Vereinigten Staaten zusammen, auch im humanitären Bereich». Über Melania Trump sagte er, Russland schätze ihre «humanitäre Führung».

Das Geschäft mit den Babys

Während die internationalen Vorwürfe gegen Russland oft auf Spekulationen beruhen und die Komplexität von Kriegshandlungen ignorieren, existiert in der Ukraine tatsächlich ein florierendes Geschäft mit Kindern. Die Publizistin Birgit Kelle schrieb in ihrem Buch Ich kauf mir ein Kind: Das unwürdige Geschäft mit der Leihmutterschaft: «Es war ausgerechnet die Ukraine, die in den vergangenen Jahren bereits zweimal ein böses Schlaglicht auf ein neues Millionengeschäft mitten in Europa warf, denn dort herrschte nicht nur Krieg, sondern auch Kinderstau. Bereits in den Corona-Lockdowns 2020 warteten Hunderte von Babys wegen der globalen Reisebeschränkungen und Lockdowns vergeblich in Massenunterkünften in Kiew – bestellt und nicht abgeholt von den Auftraggebern, die nun ihre Eltern sein sollten.» Sie berichtete, dass sich ein ähnliches Problem im Frühling 2022 abspielte, weil auch hier die Kinder nicht abgeholt werden konnten. Die Babys kosteten zwischen 40.000 und 70.000 Euro. Die größte ukrainische Fertilitätsklinik BioTexCom alarmierte daraufhin, ausländische Botschaften und Politiker. Immerhin hatten die Auftraggeber ein kleines Vermögen für ihre menschliche Ware ausgegeben.

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