International

Sex, Erpressung, Drogen: So schmutzig ist der Wahlkampf in Ungarn

Sex, Erpressung, Drogen: So schmutzig ist der Wahlkampf in Ungarn
Herausforderer Péter Magyar und präparierte Wohnung, auf dem Nachttisch daneben – erkennbar – ein Tablett mit einem weißen Pulver.

Top-Kino: Der Parteichef der größten ungarischen Oppositionspartei gesteht, dass er Sex mit einer Frau hatte, die ihn zuvor bereits erpresst hatte – in einer Wohnung mit offen herumstehenden Drogen. Péter Magyar sieht sich als Opfer einer geheimdienstlichen Operation.

von Boris Kálnok

Am 12. Februar veröffentlichte Ungarns Oppositionsführer Péter Magyar eine bizarr anmutende Videoansprache auf Facebook. Er war zu dem Zeitpunkt – und ist es immer noch – manchen Meinungsumfragen zufolge der Mann mit den besten Chancen, die Parlamentswahlen am 12. April zu gewinnen. Die Geschicke des ganzen Landes lägen in diesem Fall in seiner Hand.

Was er sagte, war atemberaubend. Mit forciert fester Stimme und offensichtlich von einem Teleprompter abgelesen, gab er bekannt, dass er am 2. August 2024 an einer Sommerparty seiner Partei für deren Anhänger teilgenommen habe. „Am Ende der Veranstaltung“, so fuhr er fort, „erschien Evelin Vogel und lud mich an einem Vergnügungsort zu einer privaten Party ein.“

Péter Magyar ist der geschiedene Ehemann der früheren Justizministerin Judit Varga. Evelin Vogel war nach der Scheidung eine zeitlang seine Freundin gewesen, aber dann kam es zum Zerwürfnis. Vogel hatte Magyar heimlich aufgezeichnet, mit peinlichen Kommentaren über seine eigenen Mitarbeiter.

Im Mai 2024, also lange vor der ominösen „Sommerparty”, beschuldigte Magyar Evelin Vogel öffentlich, ihn schon seit längerem zu erpressen. Im August, zum Zeitpunkt der Party, war er bereits mit einer anderen Dame liiert, die bis heute seine Freundin ist: Ilona Szabó. Die war aber an dem Abend nicht dabei.

Also: Der Oppositionschef nahm eine Einladung seiner Erpresserin an, gemeinsam Spaß zu haben. „Ich erkannte nicht, dass ich es mit einer Geheimdienstaktion zu tun habe,“ erzählt er in dem Video, „und ließ mich deswegen verführen.“

Offenbar war es eine lange Nacht. „Gegen fünf Uhr Morgens kamen wir in der Wohnung an“, erzählt er. „wo sich einige, mir unbekannte Personen aufhielten. Die erwähnten Personen saßen an einem Tisch nahe zur Wohnungstür. Auf dem Tisch war Alkohol und eine nach Drogen aussehende Substanz zu sehen. Ich rührte die Dinge auf dem Tisch nicht an. Ich habe keine Drogen konsumiert. Nach ein paar Minuten gingen wir mit Evelin Vogel in das Zimmer, das dem ganzen Land bekannt ist.“

Hier kommen wir zum Grund für das Video, dessen Inhalt wie ein politischer Selbstmord anmutet: Wenige Tage zuvor war auf einer bis dahin inaktiven Webseite radnaimark.hu (Mark Radnai ist der Name von Magyars engstem Weggefährten und Mitarbeiter), ein einziges Foto erschienen, mit dem englischen Titel „Coming soon”. Darauf ist ein Zimmer mit einem zerwühlten Bett zu sehen, auf dem Nachttisch ein Tablett mit einem weißen Pulver, das nach Droge aussieht.

Sofort explodierten die ungarischen Medien: Was, wann, wo? Schnell war klar, welche Partywohnung an welcher Adresse zu sehen war. Da trat Péter Magyar mit seinem Video die Flucht nach vorne an. Im Prinzip der richtige Weg, mit narrativen Katastrophen umzugehen: „Sag alles, sag es selbst, sag es sofort“, so lautet die Zauberformel der Krisenkommunikations-Profis.

Nicht sicher, ob das in diesem Fall eine gute Idee war, denn bis heute ist kein Video erschienen – nur Péter Magyars eigenes Eingeständnis. Der Skandal speist sich nur aus seinen eigenen Worten. Er ging also mit seiner früheren Freundin, die er seit zwei Monaten öffentlich beschuldigte, eine Verräterin zu sein und ihn erpressen zu wollen, in dieses Zimmer, obwohl er inzwischen bereits mit einer anderen Frau liiert war.

„Dort vollführten wir auf konsensueller Basis eine sexuelle Verbindung“, sagt er. Die Wohnung verließen sie dann ihm zufolge am folgenden Mittag „und gingen Mittagessen“. In der folgenden Zeit, so sagt er, sei ihm „natürlich klar geworden, dass ich in ein klassisches Kompromat nach russischem Muster hineinspaziert war“.

Ob ihm das gleich damals klar wurde, oder erst jetzt, als das Foto erschien, sei dahingestellt. Klar ist aber, dass – wenn man seine Darstellung als die reine Wahrheit betrachtet, und nicht noch etwas dazukommt – er seiner Kandidatur mit dieser Geschichte immensen Schaden zugefügt hat.

Wir rekapitulieren: Der Mann, der Ungarn führen will, gibt öffentlich zu, dass er sich von einer Erpresserin hat verführen lassen, von der er noch dazu bereits seit zwei Monaten öffentlich sagte, dass sie ihn erpresse. Das allein wirft die Frage auf, ob man einem so leicht erpressbaren Charakter die Geschicke des ganzen Landes anvertrauen möchte.

Nicht nur das: Für einen verantwortungsbewussten Politiker gibt es eigentlich nur eine denkbare Reaktion, wenn man in eine fremde Wohnung mit unbekannten Menschen kommt, und Drogen auf dem Tisch liegen: Nichts wie weg! Aber nein, es lockte der Geschlechtsverkehr.

So weit, so katastrophal. Aber es kommt schlimmer: Die Boulevard-Zeitung Blikk will einen Teilnehmer der Party in der Drogen-Wohnung gefunden haben. Ein Araber, dessen Vornamen die Zeitung nennt („Abdul“), nicht aber den Nachnamen. Seiner Darstellung nach nahm er zunächst an der Sommerparty teil, allerdings eher aus Versehen. Die Party stieg im „Lock“-Club, wo auch er mit seinen Freunden öfter feierte. Auch an jenem Abend.

„Sofort sah ich auf der Tanzfläche Péter Magyar tanzen“, zitiert ihn die Zeitung. „Wir kennen uns nicht besonders, aber ein paarmal traf ich ihn schon. Bald darauf kam Magyar einen in unserer Gruppe begrüßen, und blieb dann auch zum plaudern.“

Auch Evelin Vogel war da, erzählt er, „ich sah wie sie sich küssten“. Allerdings kannte er sie nicht, erst später wurde ihm aus den Nachrichten klar, wer die junge Frau war. Bald waren sie nur noch zu viert: Magyar, Vogel, eine Freundin und „Abdul“. Da schlug dem Bericht zufolge Magyar vor, irgendwo weiter zu feiern. Alle waren einverstanden, und „Abdul“ versuchte, ein Taxi zu bestellen – da hielt ein großer, schwarzer BMW, „ein Leibwächter-Typ stieg aus und hielt die Tür offen, Magyar stieg sofort ein“. Es war also wohl sein Wagen.

Sie fanden dann allerdings kein offenes Lokal, es war schon spät. Weil sie hungrig waren, gingen sie in der Nähe des Westbahnhofs Gyros essen. Danach wollten sie aber immer noch weiter feiern, nur hatte niemand eine Idee, wo – bis dann der Gedanke aufkam, zu einer „Hausparty“ zu gehen. Von wem die Idee kam, steht in dem Artikel nicht.

Das war dann in der ominösen Wohnung, wo die dortige Party „Abdul“ zufolge aber auch schon dem Ende zuneigte. Magyar Péter, so „Abdul“, kannte einen in der Wohnung anwesenden Mann, „der uns sehr freundlich empfing.“

Wenn das stimmt, dann würde Péter Magyars Behauptung nicht stimmen, niemanden in der Wohnung gekannt zu haben. Auch Abdul erzählt von Alkohol und einem „weißen Pulver auf einem Tablett“, das will er aber nicht angerührt haben, auch sonst habe niemand davon genommen. Der Leibwächter „ließ sich in der Küche nieder, von dort passte er auf“.

Wenig später seien Magyar und Vogel ins Schlafzimmer gegangen. Das weiße Pulver, so „Abdul“, sei aus dem Wohnzimmer verschwunden – auf dem ominösen Foto ist das Tablett im Schlafzimmer zu sehen.

Geheimdienstaktion? Abdul glaubt das nicht, weil die Idee mit der Hausparty zuletzt aufkam, als kein anderer Plan gelingen wollte. „Es war nicht Plan B, sondern Plan Z.“ Existiert Abdul, sagt er die Wahrheit? Ich kenne den Chefredakteur der „Blikk“ und halte es für sehr unwahrscheinlich, dass er bewusst eine erfundene Geschichte ins Blatt stellt. Dennoch enthält die Geschichte Unklarheiten – wer hatte die Idee mit der Wohnung?

Üblicherweise, wenn Politiker in solche Situationen geraten und auffliegen, sind sie danach zerknirscht und gestehen reuevoll, „Fehler“ begangen zu haben. Aber nicht Péter Magyar. Er sieht sich als Opfer einer geheimdienstlichen Operation (vielleicht war es das ja auch, aber seine Leichtsinnigkeit war auch dann ein klarer Fehler), er wirbt weiterhin um das Vertrauen der Bürger, um „Zusammenhalt“. Bleibt zu hoffen, dass er, falls er die Wahlen gewinnt, sich nicht ähnlich leicht verführen lässt – etwa in Brüssel, Kiew oder Berlin.

🆘 Unserer Redaktion fehlen noch 103.000 Euro!

Um auch 2026 kostendeckend arbeiten zu können, fehlen uns aktuell noch 103.000 von 110.000 Euro. Wenn Ihnen gefällt, was wir tun, dann zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Mit Ihrer Spende von heute ermöglichen Sie unsere investigative Arbeit von morgen: Unabhängig, kritisch und ausschließlich dem Leser verpflichtet. Unterstützen Sie jetzt ehrlichen Journalismus mit einem Betrag Ihrer Wahl – einmalig oder regelmäßig:

🤍 Jetzt Spenden

💥 Blackout: Schützen Sie sich!

Teilen via