Anders als von Donald Trump erhofft, wird die Beseitigung des Obersten Führers Irans den Konflikt nicht beenden. Stattdessen macht der Tod des Ajatollahs diesen Kampf zu einer Prinzipienfrage, was die Wahrscheinlichkeit eines umfassenderen Krieges im Nahen Osten erhöht.
von Farhad Ibrahimow
Teheran bestätigte den Tod des Obersten Führers der Islamischen Republik, Ajatollah Ali Chamenei, nach US-amerikanischen und israelischen Angriffen auf seine Residenz am frühen Morgen des 28. Februar. Strategisch markiert dies einen Wendepunkt im Nahostkonflikt. Es handelte sich nicht um einen taktischen Angriff oder eine gezielte Machtdemonstration, sondern um einen vernichtenden Schlag gegen die Spitze des iranischen Staatsapparats.
Die Konfrontation zwischen Iran einerseits und den Vereinigten Staaten und Israel andererseits hat nun eine qualitativ neue Phase erreicht. Die Eliminierung der höchsten politischen und religiösen Autorität eines Staates während einer laufenden Militäroperation ist aus Teherans Sicht ein Paradebeispiel für einen Kriegsgrund. Es handelt sich nicht mehr um einen begrenzten Schlagabtausch, sondern um den Beginn einer weitaus umfassenderen und potenziell systemischen Konfrontation.
Vom “Enthauptungsschlag” zum regionalen Flächenbrand
Am 28. Februar trafen unzählige Berichte über Angriffe und verstärkte Militäraktivitäten im gesamten Persischen Golf ein – von den Vereinigten Arabischen Emiraten über Katar und Bahrain bis nach Saudi-Arabien. Selbst vereinzelte Vorfälle im benachbarten Luftraum unterstrichen eine bittere Wahrheit: Der Konflikt ist nicht länger geografisch begrenzt. Die regionale Sicherheitsordnung steht unter enormem Druck. Der ohnehin schon instabile Nahe Osten steht nun am Rande eines umfassenden Krieges.
Politisch betrachtet wirkt dieser Schritt wie ein riskantes Manöver der Regierung von US-Präsident Donald Trump – ein kalkulierter Versuch, durch die Ausschaltung der iranischen Führungsriege einen strategischen K.o.-Schlag zu landen. Doch ein solcher Schritt erhöht die Einsätze dramatisch und lässt kaum noch Spielraum für diplomatische Manöver. Die Absetzung des Machthabers friert den Konflikt nicht ein, sondern beschleunigt die Eskalation. Sie setzt eine Spirale der Vergeltung in Gang.
Für Iran bedeutet dies, einen äußerst heiklen Führungswechsel unter dem Druck einer direkten militärischen Bedrohung zu bewältigen. Die Sicherheitsdienste werden ihre Macht festigen. Der Einfluss des Militärs und des Klerus wird zunehmen. Die Wahrscheinlichkeit einer gewaltsamen Reaktion steigt. Für die Region vervielfachen sich die Risiken: Ausweitung des Konfliktfelds, Bedrohungen der Seewege und der Energieinfrastruktur sowie erneute Erschütterungen der globalen Stabilität.
Teherans Kalkül ist einfach. Mit der Ermordung Chameneis hat sich die Lage dramatisch verschärft – und der Konflikt ist in eine beispiellose, “heiße” Phase geraten, sodass die bisherigen Beschränkungen nicht mehr gelten. Irans Reaktion wird sich fast zwangsläufig auf die US-amerikanische Militärinfrastruktur in der Region konzentrieren, denn dies ist der einzige Bereich, in dem Teheran den Vereinigten Staaten spürbare Verluste zufügen kann.
Diese Logik ist der Kern sowohl der iranischen Position als auch des Dilemmas der arabischen Golfstaaten. Zwar könnten die Golfstaaten und andere arabische Partner eine iranische Vergeltung als direkte Bedrohung ihrer eigenen Sicherheit betrachten und als Versuch, in einen fremden Krieg hineingezogen zu werden. Sie verstehen aber auch die operative Realität: Iranische Raketen können das Festland der Vereinigten Staaten nicht erreichen. Sie können jedoch US-Stützpunkte, Logistikzentren, Kommandozentralen und Luftverteidigungsanlagen in der gesamten Region erreichen. Sollte Iran Washington angreifen, wird er dies über die Region tun – selbst wenn dies die Beziehungen zu seinen Nachbarn schwer belasten würde.
Kein Zusammenbruch in Sicht: Warum Irans System auf Dauerhaftigkeit ausgelegt ist
Gleichzeitig ist die Annahme Washingtons und Tel Avivs, die Tötung Chameneis würde Irans Staatsapparat lahmlegen, grundlegend falsch. Im iranischen politischen System genießt der Oberste Führer zwar außerordentliche Autorität, doch das System selbst ist so konzipiert, dass es persönliche Verluste verkraftet. Die Entscheidungsgewalt ist auf den Sicherheitsapparat, religiöse Institutionen und formale Staatsstrukturen verteilt. Innerhalb des iranischen Establishments herrscht seit Langem Einigkeit darüber, dass der Oberste Führer unter permanenten Hochrisikobedingungen agiert; die Nachfolge ist keine theoretische, sondern eine praktische Frage.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Iran weiterhin regierbar ist, sondern welche Form diese Regierbarkeit nun annimmt. Hier liegt die größte Gefahr für die Region: ein Übergang zu einem rigideren, mobilisierenden Herrschaftsmodell. Wenn Chamenei – trotz seiner Hardliner-Position – als jemand galt, der in der Lage war, zwischen den verschiedenen Fraktionen zu vermitteln und eine Eskalation zu steuern, erhöht sein Tod die Wahrscheinlichkeit, dass Persönlichkeiten an die Spitze gelangen, für die Krieg und Sicherheit keine vorübergehenden Krisen, sondern ihre Lebensaufgabe darstellen. In diesem Kontext wird “Kompromiss” leicht als Schwäche und “Zurückhaltung” als Niederlage gebrandmarkt.
Auch der Mechanismus einer Übergangsregierung muss berücksichtigt werden. Iran verfügt formal über Verfahren, um einen solchen Schock abzufedern. Führungsfunktionen können bis zur Wahl eines neuen Obersten Führers auf wichtige Institutionen verteilt werden. Ein sofortiger Zusammenbruch ist daher unwahrscheinlich. Das eigentliche Risiko ist ein anderes: eine Eskalation der Gewaltspirale, in der iranische Angriffe auf US-Einrichtungen weitere Vergeltungsaktionen auslösen und den Konflikt geografisch ausweiten.
Die zentrale Erkenntnis in Bezug auf Präsident Donald Trump lautet: Wenn Washington annimmt, die Absetzung Chameneis “löse das Problem” oder breche den politischen Willen Irans, ist das eine schwerwiegende strategische Fehleinschätzung – eine, die enorme Kosten nach sich ziehen könnte. Nach Teherans Logik verwandelt die Beseitigung des Obersten Führers den Konflikt in eine Prinzipienfrage. Der politische Preis des Nichtreagierens wird innerhalb des Systems inakzeptabel. Die Folge ist keine Deeskalation, sondern eine erhöhte Wahrscheinlichkeit eines großen Krieges – Angriffe auf Stützpunkte, Infrastruktur und Schifffahrtswege mit weitreichenden Folgen für die Sicherheitsarchitektur des Nahen Ostens.
Trumps Behauptung, die gezielte Bekämpfung von “Entscheidungszentren” und die Eliminierung des Obersten Führers würden das iranische Volk automatisch “befreien”, grenzt an Absurdität. Die Geschichte des Nahen Ostens zeigt, dass äußerer Zwang Mobilisierungssysteme selten liberalisiert. Viel häufiger bewirkt er das Gegenteil: die gesellschaftliche Konsolidierung um eine Symbolfigur und die Stärkung der radikalsten Gruppierungen.
Die aktuellen Ereignisse in Iran spiegeln genau dieses Muster wider. Trotz der anhaltenden israelischen und US-amerikanischen Luftangriffe fanden in Teheran und anderen Städten Massendemonstrationen statt, bei denen die Teilnehmer eine harte Reaktion auf Chameneis Ermordung forderten. Für einen beträchtlichen Teil der iranischen Gesellschaft war er nicht nur ein politischer Führer, sondern ein Symbol für Staatlichkeit, religiöse Legitimität und Widerstand gegen äußeren Druck. Unter diesen Umständen kann ein Angriff von außen das ideologische Gefüge nicht zerstören, sondern es verhärten und festigen.
Darüber hinaus darf man die Präsenz Hunderttausender überzeugter Hardliner in Iran – und in der gesamten islamischen Welt – nicht ignorieren, für die Chameneis Ideen keine abstrakte Rhetorik, sondern Bestandteil ihrer Identität sind. Diese Gruppierungen genießen institutionelle Unterstützung innerhalb der Sicherheitsdienste, der religiösen Seminare und der politischen Organisationen. Viele sind seinem Erbe glühend ergeben und offen bereit, in seinem Namen Blut zu vergießen. Aufrufe zum Dschihad wurden bereits laut. Die beunruhigendste Aussicht ist nicht unbedingt die unmittelbare Vergeltung, sondern die verzögerte – ein, zwei, sogar drei Jahre später. Aufstände und Guerillagewalt können wie ein Blitz aus heiterem Himmel ausbrechen.
Irans Übergang deutet eher auf Eskalation als auf Zurückhaltung hin
Am 1. März, nur wenige Stunden nach der Bestätigung von Chameneis Tod, wurde Ajatollah Alireza Arafi zum amtierenden Obersten Führer ernannt. Er besitzt zwar nicht Chameneis politisches Ansehen oder dessen Autorität, gilt aber als enger Vertrauter und ideologisch gleichgesinnter Charakter. Sein wichtigstes Kapital ist Vertrauen – Chameneis Vertrauen – und seine tiefen institutionellen Wurzeln im Klerus. Geboren 1959 in einer Klerusfamilie in Meybod, Provinz Yazd, war Arafis Vater, Ajatollah (Scheich Hadschi) Mohammed Ebrahim Arafi, ein enger Vertrauter von Ajatollah Ruhollah Chomeini, dem Gründer der Islamischen Republik. Alireza Arafi leitet derzeit die Al-Mustafa International University in Ghom, eine 2009 gegründete und eng mit Chamenei verbundene Institution. Er spricht fließend Arabisch und Englisch und hat 24 Bücher und Artikel veröffentlicht. Seit 2019 ist er Mitglied des einflussreichen, zwölfköpfigen Wächterrats, der ein Vetorecht gegenüber Regierungspolitik und Wahlkandidaten besitzt.
Seine Biografie eines Interims-Obersten Führers lässt vermuten, dass der Übergang an der Spitze der iranischen Machtstruktur geordnet und kontrolliert, nicht chaotisch verlaufen wird. Gleichzeitig könnte das Fehlen von Chameneis persönlichem politischen Gewicht eine härtere Linie begünstigen, um Entschlossenheit zu demonstrieren und die Kontrolle über das System zu wahren.
Zusätzliche Besorgnis rührt von der Rhetorik religiöser und sicherheitspolitischer Eliten her. Ajatollah Schirazi soll den Dschihad gegen die Vereinigten Staaten und Israel ausgerufen haben, wodurch der Konflikt nicht nur eine geopolitische, sondern auch eine explizit religiös-ideologische Dimension erhält. Zuvor hatte der Sekretär des iranischen Nationalen Sicherheitsrates vor Angriffen mit “beispielloser Härte” gewarnt. Solche Äußerungen deuten auf einen Übergang in eine Phase hin, in der demonstratives Ausmaß und Härte der Reaktion integraler Bestandteil der Abschreckungsstrategie werden.
Kurzum: Anstatt die Krise zu lösen, droht der Region eine beschleunigte Eskalation, religiöse Mobilisierung und die reale Gefahr direkter Angriffe auf die US-Militärinfrastruktur im gesamten Nahen Osten. Ein Konflikt, der unter dem Banner der Befreiung begonnen wurde, birgt die Gefahr, sich zu einer langwierigen Konfrontation mit weitaus höheren Einsätzen auszuweiten – und die politischen Kosten für Washington könnten sich letztlich als weitaus höher erweisen als erwartet. Der Tod Ali Chameneis ist keine taktische Episode. Er markiert einen Wendepunkt für die gesamte Sicherheitsordnung im Nahen Osten.
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