Meinung

35 Jahre Augustputsch: Wie Gorbatschow Russland verzockte

35 Jahre Augustputsch: Wie Gorbatschow Russland verzockte
Straßenszene am 19. August 1991 in Moskau, rechts Michail Gorbatschow (eingefügt).

Es waren drei Tage, die die Welt veränderten: Im August 1991 rollten Panzer durch Moskau, Michail Gorbatschow wurde entmachtet und die Sowjetunion stand vor dem Abgrund. Was bis heute als gescheiterter „Putsch“ erzählt wird, erscheint 35 Jahre später in einem anderen Licht. War der Aufstand tatsächlich ein Angriff auf Gorbatschow – oder der letzte verzweifelte Versuch, den Zerfall einer Weltmacht aufzuhalten?

von Alexej Danckwardt

Am 19. August 1991, 35 Jahre ist es inzwischen her, wachte die Sowjetunion mit einer besorgniserregenden Nachricht auf: Präsident Gorbatschow sei erkrankt und nicht in der Lage, die Amtsgeschäfte zu führen, ein “Staatliches Komitee für den Ausnahmezustand” habe die Macht übernommen.

Der Sowjetbürger war inzwischen Glasnost und hitzige Debatten im Fernsehen gewöhnt und so war der betont ernste und düstere Ton, mit dem Nachrichtensprecherinnen die Neuigkeit verkündeten, ein nicht zu überhörender Anachronismus. Statt der üblichen Programme lief zwischen den Nachrichtensendungen Tschaikowskis “Schwanensee” – dieses Werk ist seitdem in Russland Symbol für Putsche und sonst Außergewöhnliches auf Staatsebene.

Ich, gerade 16 Jahre alt geworden, war damals zu Besuch bei meinen russischen Verwandten. Sofort lief ich zum Zeitungsstand, wollte mehr erfahren. Die Zeitungen demonstrierten, dass etwas Außergewöhnliches vor sich ging – einige waren mit einer leeren ersten Seite erschienen, andere betonten demonstrativ die hölzerne Sprache längst vergangener Zeiten. Kehrt die Zensur zurück? Ein Wolgograder Lokalblatt gab sich besonders mutig und vorklug, titelte statt Sonntag (“Woskresenje”) Auferstehung (“Woskresenie”) – auch im kyrillischen Alphabet ist es nur ein einziger Buchstabe, der einen gigantischen Unterschied ausmacht.

Schnell machte das Wort “Putsch” die Runde, auch ich griff es auf. Heute schäme ich mich vor meinem fünfzehn Jahre älteren Cousin Sergei dafür. Seine Worte: “Welcher Putsch, es sind doch alles Leute, die bereits an der Macht waren.” Juristisch hat er Unrecht, aber in allem anderen war er um ganze Dimensionen weiser als ich.

Es stank nach Inszenierung, und man hätte es merken müssen. Den “Putschisten” mache ich heute vor allem eines zum Vorwurf: Keiner von ihnen hat es uns in verständlichen Worten erklärt, dass es um die Existenz der Sowjetunion ging, dass das die letzte Chance war, sie zu retten. Nicht nur ich wäre dann mit Leib und Seele auf deren Seite. So aber war kaum jemandem klar, worum es wirklich ging.

Stattdessen war ihr in geschwollener Funktionärssprache verfasstes Manifest voll von angesichts des unfassbaren Unheils historischen Ausmaßes, das an die Tür klopfte, Nebensächlichem und Banalem: Ernte einfahren, Kriminalität bekämpfen, für Sicherheit sorgen, Gesetzlichkeit achten. Ihre Pressekonferenz am Abend des Tages war tragikomisch: Sabotierende Techniker hatten das Licht so gesetzt, dass die Kragen der Anzüge der Männer, Staatsmänner in hohen Ämtern, Schatten auf sie selbst warfen. “Schwarzkragen” nannte sie ab dem Moment jeder im Land. 

Gennadi Janajew, Vizepräsident der Sowjetunion und “Oberputschist”, fand keine staatstragenden Worte, erging sich stattdessen in Witzen über seine Potenz und die Zufriedenheit seiner Ehefrau. Blamage, Farce, Clownerie. Die Reporter im Saal amüsierten sich köstlich, Angst hatte ab dieser Minute niemand mehr. Der “Putsch” war gescheitert, bevor er beginnen konnte.

Ü