Meinung

Es war eine bessere Zeit

Es war eine bessere Zeit
Milleniumssilvester 2000: Als Deutschland noch lebenswert und normal war


Deutschland ging es zur Jahrtausendwende gut, vielleicht sogar zu gut. Damals sprach man sogar von einer „Spaßgesellschaft“, vom “kollektiven Freizeitpark”. Ein derart unbeschwertes Lebensgefühl haben diejenigen, die dieses Jahr zum ersten Mal an die Wahlurne treten dürfen, vermutlich nie erfahren.

von Lukas Mihr

Der nächste Kanzler heißt voraussichtlich Friedrich Merz. Offenbar halten ihn viele Bürger für fähig – obwohl man der CDU nach 16 Jahren Angela Merkel eigentlich nicht mehr vertrauen sollte. Klar; Merz hat sich von der „Großen Vorsitzenden“ immer wieder in homöopathischen Dosen distanziert, aber das kann als Erklärung kaum ausreichen. Wichtiger ist vielmehr, dass Merz aktuell der einzige Spitzenpolitiker aus der „guten alten Zeit“ ist. Sicher, auf ein Schlachtschiff wie Gregor Gysi würde dies auch zutreffen, aber dieser war eben nie aus der ersten Reihe verschwunden, wurde also gewissermaßen schleichend zum Teil der Moderne. Merz hingegen war auf „Tauchstation“ gewesen und verdiente lieber in der freien Wirtschaft gutes Geld. Als er 2018 wieder zurück ins Rampenlicht drängte, war er von den neueren Entwicklungen gänzlich unbefleckt.

Wer heute Merz sieht, der fühlt sich wieder an die Zeit zurückerinnert, als das Leben einfacher und die Welt noch nicht verrückt geworden war. Das “Ende der Geschichte”, das Francis Fukuyama ausgerufen hatte, währte nur kurz. Der amerikanische Politologe datierte es auf 1991, den Zusammenbruch der Sowjetunion. Laut ihm würde nun der Siegeszug der Demokratie anstehen: Nicht mehr lange, und auch alle anderen Diktaturen würden fallen. Spätestens am 11. September 2001 begriff allerdings jeder, dass Fukuyamas Thesen etwas zu optimistisch ausgefallen waren.

Undenkbar um die Jahrtausendwende

Deutschland ging es gut, vielleicht sogar zu gut. Damals sprach man sogar von einer „Spaßgesellschaft“, vom “kollektiven Freizeitpark”. Ein derart unbeschwertes Lebensgefühl haben diejenigen, die dieses Jahr zum ersten Mal an die Wahlurne treten dürfen, vermutlich nie erfahren. Um die Jahrtausendwende glaubte man noch, dass der technische Fortschritt von ganz allein alle Probleme der Menschheit im Handumdrehen lösen würde. In mancher Hinsicht fühlte man sich im Jahr 2000 eher in der Zukunft als 2025. Niemand, den man damals gebeten hätte, eine Horrorversion der nahen Zukunft zu zeichnen, hätte erahnt, was sich tatsächlich ereignen würde. Gut; wer einen neuen Krieg in Europa gesehen hätte, wäre spätestens mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 bestätigt worden. Alle anderen Auswüchse unserer Clownswelt jedoch wären völlig unbegreiflich gewesen. Tatsächlich sind die Schlagzeilen über den Krieg in Osteuropa die einzigen, die ein Mensch des Jahres 2000 intuitiv verstanden hätte.

Den Skandal um einen Party-Schlager von Gigi D’Agostino, das Verbot von Plastikstrohhalmen und die Debatte darüber, ob es mehr als zwei Geschlechter gibt, hätten damals eher wie eine Folge der „Versteckten Kamera“ angemutet