Die Rhetorik zwischen Russland und dem Westen wird immer schärfer. Der russische Außenminister Sergei Lawrow wirft USA und NATO “nukleare Panikmache” vor. Ein einziger Fehler in diesem hochriskanten Vabanquespiel reicht aus und der atomar geführte Dritte Weltkrieg ist nicht mehr zu verhindern.
Am frühen Nachmittag des achten Kriegstags, des 3. März 2022, meldete n-tv: „Mariupol ist umzingelt, ohne Wasser und ohne Strom“. Die Hafenstadt am Asowschen Meer liegt keine 100 Kilometer westlich der russischen Grenze! Sie hätte somit auch zusätzlich von der Wasserseite angegriffen und leicht eingenommen werden können. Bei den russischen Militäroperationen handelt es sich also anscheinend nicht um eine Invasion und schon gar nicht um einen Blitzkrieg. Bei BILD Live hatte der Historiker Michael Wolffsohn allerdings einen völlig anderen Blick auf den Ukraine-Krieges. In der ersten Phase würde Putin versuchen, die Städte zu blockieren, ähnlich wie es Hitler mit dem damaligen Leningrad gemacht hat (fast auf den Tag drei Jahre lang und mit 1,1 Millionen Hungertoten).
Nun, Putin ist in Leningrad geboren und kennt die grauenhaften Schicksale, die sich dort abspielten. In einer zweiten Phase, die ähnlich lang dauern könnte wie der Kampf der Taliban in Afghanistan, würde Russland in einem erbarmungslosen Guerillakrieg aufgerieben. Eine mögliche Eskalation des Konflikts mit der NATO erwähnte Wolfssohn nicht, obwohl die militärische Aufrüstung Osteuropas seit 2014 auf Hochtouren läuft: Ausbau der Infrastruktur von West nach Ost (Pesco), Stützpunkte, Waffendepots und jährlich gesteigerte Manöver.
Am 3. März um 16:02 Uhr begannen neue Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine. Eine knappe Stunde später machte sich nach dem Macron-Telefonat mit Putin Ernüchterung breit. Putin geht es zuvorderst um die Demilitarisierung der Ukraine und um deren neutralen Status. Er warnte, Versuche, Zeit zu gewinnen, indem die Verhandlungen in die Länge gezogen werden, würden nur zu zusätzlichen Forderungen an Kiew führen. Man „müsse das Schlimmste befürchten“, meinte abschließend der französische Präsident.
Am Ende der Verhandlungen einigten sich Kiew und Moskau nach ukrainischen Angaben auf die Schaffung humanitärer Korridore, um Zivilisten aus besonders umkämpften Kriegsgebieten herausholen zu können. Gleichzeitig soll Russland die Luftangriffe auf mehrere Großstädte intensiviert haben. In Moskau zeigte sich Putin mit dem Einsatz zufrieden und führte bei einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats, deren Beginn im Staatsfernsehen gezeigt wurde, aus:
„Ich möchte sagen, dass die militärische Spezial-Operation streng nach Zeitplan und nach Plan verläuft. Alle gesetzten Aufgaben werden erfolgreich gelöst.“
Den Angehörigen der in der Ukraine getöteten russischen Soldaten (bis Mittwochabend 498) sprach er sein Beileid aus und legte eine Schweigeminute ein. Die Dramaturgie der Abläufe seit der Münchner Sicherheitskonferenz (SiKo) ist beklemmend. Am Tag vor Beginn der SiKo wurde einen Angriff auf den ukrainischen „Kindergarten No. 21 Märchen“ in Stanyzja Luhanska, nur etwa 20 km nordöstlich von der Großstadt Luhansk, gemeldet. BILD titelte:
„Putins Schergen beschießen ukrainischen Kindergarten. Kreml-Chef Wladimir Putin (69) scheine vor nichts zurückzuschrecken, wenn es darum geht, einen Krieg mit der Ukraine anzuzetteln.“
Das war Wasser auf die Mühlen von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Im Fall eines Einmarschs warnte er:
„Wenn das Ziel des Kremls ist, weniger NATO an seinen Grenzen zu haben, wird er nur mehr NATO bekommen“.
Doch die Aufstockung der US- und NATO-Präsenz läuft seit Monaten und wurde im neuen Jahr deutlich gesteigert. Drei Tage nach Putins Angriff auf die Ukraine entschied sich die SPD-geführte Bundesregierung, so schnell wie möglichPanzerabwehrwaffen sowie 500 Boden-Luft-Raketen vom Typ “Stinger” aus Bundeswehrbeständen in die Ukraine zu schicken.
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