Annalena Baerbock hat die bundesdeutsche Außenpolitik auf Abwege geführt. Ihr Nachfolger Johann Wadephul trampelt diese Pfade hemmungslos fest und weicht keinem Fettnäpfchen aus.
von Sven Eggers
Nein, ein Wohlfühlort ist das hier nicht! Wir befinden uns auf dem WDR-Europaforum in Berlin. Die 27. Ausgabe dieses Vernetzungstreffens zwischen Mainstream und hoher Politik wird in diesem Jahr unter dem Dach der Digital- und Gesellschaftskonferenz re:publica veranstaltet. Das Event kommt wie der Ludwig-Erhard-Gipfel des Wolfram Weimer daher, allerdings ohne Heimatfilm-Panorama. Alle Teilnehmer haben sich mächtig herausgeputzt, ein beißender Chanel-Parfümgeruch durchflutet die Säle. Der Bundeskanzler ist zu sehen, ebenso sein langjähriger Vertrauter Johann Wadephul, neuerdings in der Rolle des BRD-Außenministers.
Dass deutsche Interessen massiv beschädigt sind, juckt ihn nicht.
Dem Baerbock-Nachfolger ist eine große Bühne bereitet. WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni interviewt ihn zum neuen antirussischen Sanktionspaket. Es ist mittlerweile das achtzehnte. Wadephul betont, dass vor allen Dingen Deutschland darauf gedrängt habe. Er schwärmt von den geplanten Schikanen, darunter die ausdrückliche Absage an jede Wiederinbetriebnahme der Nord-Stream-Pipelines. Dass solche Fesseln deutsche Interessen massiv beschädigen, weiß er sehr wohl, doch es juckt ihn nicht. Er sagt an diesem Abend, es ist der 27. Mai 2025, in aller Öffentlichkeit: «Auf deutsche Ansprüche muss da jetzt keine Rücksicht genommen werden.» Keine drei Wochen war es zu diesem Zeitpunkt her, dass er bei seinem Amtsantritt «so wahr mir Gott helfe» geschworen hatte, Schaden vom deutschen Volk zu wenden.
Im Sinne Annalenas
Nochmals fürs Protokoll: Dieser erste CDU-Außenminister seit sechs Jahrzehnten verkündet, kaum im Amt, deutsche Interessen seien zweit- oder gar drittrangig. Wie schläft der nachts? Was empfindet er beim Blick in den Spiegel? Da ist es auch kein Zufall, dass eben dieser Politiker zu Beginn des Jahres «für herausragenden Verdienste» mit dem ukrainischen Verdienstorden 2. Klasse ausgezeichnet worden ist. Es scheint, als hätte Baerbock ihren Nachfolger persönlich ausgesucht. Der Erwählte hatte sie bei der Amtsübergabe denn auch überschwänglich gelobt: «Liebe Annalena Baerbock, für deinen Einsatz für den Auswärtigen Dienst Deutschlands, für deinen Einsatz als Bundesaußenministerin der Bundesrepublik Deutschland, für deinen persönlichen Einsatz – ganz herzlichen Dank. Mit Dalli Dalli würde ich sagen: Das war spitze!» Ein Fremdscham-Moment.

Geboren wurde «der Jo» 1963 in Husum an der Nordsee. Seine Stationen auf dem Weg an die Macht sind typisch für eine CDU-Parteikarriere: Vier Jahre war er Zeitsoldat bei der Bundeswehr, hat es – 2023 von Verteidigungsminister Boris Pistorius höchstpersönlich befördert – zum Oberstleutnant der Reserve gebracht. CDU-Mitglied seit 1982, engagierte er sich zunächst bei der Jungen Union Schleswig-Holstein. 1997 war er Generalsekretär der dortigen CDU und saß ab 2000 im Kieler Landtag, Fraktionschef ab 2005. Von 2009 bis 2025 hockte er als Abgeordneter im Bundestag. Im Juni 2017 stimmte er dort, anders als die große Mehrheit seiner Fraktion, für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Johann Wadephul ist verheiratet und hat drei Töchter, eine davon ist ebenfalls bei den Christdemokraten aktiv und war – erfolglos – Kandidatin zur Europawahl 2024.
Der blasse Norddeutsche leistet sich regelmäßig folgenschwere Klopse.
Dass Merz ihn mit dem Amt des Bundesaußenministers schmückte, verwundert nicht. Die Herren kennen sich seit Jahrzehnten, und gesucht wurde gerade auf diesem Posten ein klassischer Ja-Sager, der dem Chef bitte keinen Kummer bereiten möge. Die Rechnung geht allerdings nur bedingt auf, denn der blasse Norddeutsche leistet sich regelmäßig folgenschwere Klopse.
Verheerend waren beispielsweise seine Aussagen während eines Syrien-Besuchs im Herbst vergangenen Jahres. Es ging um die Begutachtung der Lage nach Ende der Assad-Herrschaft. Die Erkenntnis des Merz-Intimus: Der Bürgerkrieg habe in mehreren Regionen Schäden angerichtet, die ein menschenwürdiges Leben dort verunmöglichten. Auch eine Rückkehr von Syrern aus Deutschland in deren Heimat sei unrealistisch. Das Gesülze musste als Pull-Faktor für Asylsuchende wirken. Und natürlich hält eine solche Schilderung auch Syrer in unseren Städten davon ab, endlich ihre Koffer zu packen. Innenminister Alexander Dobrindt soll genervt die Augen verdreht haben, schließlich lief doch hierzulande gerade seine Migrationswende-Show. Wieder in der BRD, versuchte sich Wadephul vor der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu rechtfertigen, indem er die Lage rund um Damaskus als «schlimmer als Deutschland 1945» bezeichnete; eine Verhöhnung des millionenfachen Leids unseres damals aus tausend Wunden blutenden Landes.
Mit historischen Vergleichen steht der Baerbock-Erbe ohnehin auf Kriegsfuß. In einem Interview mit der türkischen Tageszeitung Hürriyet ließ er sich am 17. Oktober 2025 wie folgt ein: «Es waren ganz entscheidend auch Frauen und Männer aus der Türkei, die mit harter Arbeit unter teils sehr schwierigen Umständen das sogenannte Wirtschaftswunder möglich gemacht haben – sie haben das moderne Industrieland Deutschland mit aufgebaut.» Ein schlechter Witz?! Sogar der Welt platzte der Kragen: «Das ist historisch betrachtet grober Unfug. Ist das Auswärtige Amt mit seinen aktuell mehr als 13.000 Beschäftigten wirklich nicht in der Lage, den eigenen Minister vor solchen Falschaussagen in einem vorbereiteten, keineswegs spontanen Pressegespräch zu bewahren?»
Russland wird «immer ein Feind und eine Gefahr für unsere europäische Sicherheit sein».
Zum Mitschreiben: Das Anwerbeabkommen mit der Türkei stammt aus dem Jahr 1961, trat also 16 Jahre nach Kriegsende in Kraft. Es war eine Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs, nicht die Ursache. Der Wiederaufbau Deutschlands aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, die größte Friedensleistung eines Volkes im 20. Jahrhundert, war allein das Verdienst der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration. Gastarbeiter kamen erst, als die wesentliche Arbeit verrichtet war und unser Land einen der vordersten Ränge unter den stärksten Industrienationen eingenommen hatte.
Wadephul im Porzellanladen
Wer heutzutage noch immer aktiv in der CDU mitmischt, dem sei dieser Typ als Parteifreund von Herzen gegönnt. Unions-Lautsprecher, die etwa im Wahlkampf Parolen wie «Wir stoppen die Afghanen-Flieger» hinausposaunten, die grätscht er einfach um. In unschöner Regelmäßigkeit werden nämlich weiterhin «Ortskräfte und Gefährdete» mit Wadephuls Segen vom Hindukusch an die Spree geflogen. Er verteidigte das auch ausdrücklich im Bundestag: «Wo wir Aufnahmezusagen in rechtlich verbindlicher Form gegeben haben, halten wir die selbstverständlich ein.»
Sein Herzblut und sein Engagement gehören neben Afghanen auch Linkskriminellen. Die mittlerweile in Ungarn zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilte Figur aus dem Milieu der Hammerbande, die offenbar daran mitgewirkt hatte, Andersdenkenden die Schädeldecken einzuschlagen, rührte unseren Außenminister. Jedenfalls gab er sich in großer Sorge angesichts der Haftbedingungen für Maja T. im ungarischen Knast und strengte diesbezüglich auch diplomatische Schritte an.

Mindestens undiplomatisch war auch die kurzfristige Absage einer Peking-Reise des Außenministers im Oktober 2025. Er war augenscheinlich beleidigt, weil China ihm zu wenig Aufmerksamkeit schenken wollte – was natürlich Gründe hat, vor denen man im Auswärtigen Amt allerdings hartnäckig die Augen verschließt. Nur ein einziger Termin war für ihn vorgesehen. Die wirtschaftliche Verzwergung der Bundesrepublik, per Deindustrialisierung hausgemacht, ist auch dem Ausland nicht verborgen geblieben. «Kein gutes Signal», kommentierte das Handelsblatt.
Das Sicherheitsrisiko
Baerbock wurde in ihrer Amtszeit eher belächelt und auch im Ausland nicht für voll genommen. Bei Wadephul ist davon auszugehen, dass er seine sieben Sinne beieinander hat, was ihn gefährlicher macht. Wie ungeeignet dieser Mann auf dem traditionsreichen Posten des Außenministeriums ist, unterstreicht zudem eine Begebenheit vom November 2024. Seinerzeit fiel Wadephul auf das russische Komiker-Duo Vovan und Lexus herein. Die hatten bei ihm denkbar leichtes Spiel. Einer der beiden gab sich am Telefon als Andrij Jermak aus, damals Büroleiter des ukrainischen Präsidenten Selenski, und schon plapperte der seinerzeitige Außenminister in spe drauf los und verriet Details zum Ausmaß der bundesdeutschen Ukraine-Unterstützung und zur sensiblen Frage von Taurus-Lieferungen. Über den damaligen Kanzler Olaf Scholz lästerte er, dieser wolle «von sich ein Bild als der Friedenskanzler zeichnen», und dies sei eben «eine sehr schlechte Situation». Was Moskau angeht, so versicherte er, Russland werde «immer ein Feind und eine Gefahr für unsere europäische Sicherheit sein».
Wirrer TV-Auftritt
ZDF-Interview mit Johann Wadephul am 2. März 2026. Es geht um Deutsche, die sich auch nach dem israelischen Angriff auf den Iran noch in der Golfregion befanden.
ZDF-Moderatorin Slomka: «Sie sagten gerade: Wir haben davor gewarnt. Aber das Auswärtige Amt hat ja nicht vor diesem Krieg vor Reisen in die Golfstaaten gewarnt (…).»
Wadephul: «Doch, doch, das gab’s schon. Wir haben natürlich schon seit Januar darauf hingewiesen (…).»
Slomka: «Aber es gab keine förmliche Reisewarnung, auf dessen Grundlage man…»
Wadephul: «Doch…»
Slomka: «Ja, am Samstag, als bereits die ersten Raketen flogen.»
Wadephul: «Doch, die gab es, die gab es. Es gab seit Januar Hinweise darauf, dass wir davon abraten, es gab auch eine förmliche Reisewarnung.»
Slomka: «Aber, für Israel und Teheran, aber nicht für Dubai zum Beispiel.»
Wadephul: «Doch, Frau Slomka, für die Region auch.»
Einen Tag später räumte er auf X recht kleinlaut ein: «Ich bedaure den Irrtum im Heute Journal gestern.» Die formelle Reisewarnung für die Golfstaaten habe in der Tat erst seit dem 28. Februar – dem Samstag, als die ersten Raketen flogen – bestanden.
Damit endet die Story allerdings noch nicht. Denn kurze Zeit nach dem Telefonstreich ist Wadephul in Kiew auf den echten Jermak getroffen. Der Jo hat dabei noch immer nicht bemerkt, dass er zuvor hereingelegt worden ist. Nach der Zusammenkunft schrieb er sogar nochmals an den Fake-Büroleiter und bedankte sich für das herzliche Treffen. Anschließend haben die beiden noch eine ganze Weile miteinander kommuniziert, ehe auch unser Freund aus Husum checkte, dass sein Kumpel ein falsches Spiel mit ihm getrieben hatte. Er sei «Opfer einer Desinformationskampagne geworden», jammerte er im Anschluss. Dass Wadephuls neue Bekanntschaft, also der echte Jermak, mittlerweile nach Verwicklung in den gigantischen ukrainischen Korruptionssumpf zurückgetreten ist, macht die Sache rund.

🆘 Unserer Redaktion fehlen noch 94.000 Euro!
Um auch 2026 kostendeckend arbeiten zu können, fehlen uns aktuell noch 94.000 von 110.000 Euro. Wenn Ihnen gefällt, was wir tun, dann zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Mit Ihrer Spende von heute ermöglichen Sie unsere investigative Arbeit von morgen: Unabhängig, kritisch und ausschließlich dem Leser verpflichtet. Unterstützen Sie jetzt ehrlichen Journalismus mit einem Betrag Ihrer Wahl – einmalig oder regelmäßig:












