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Parlamentswahl in Ungarn: Deutsche Konzerne setzen auf Orbán

Parlamentswahl in Ungarn: Deutsche Konzerne setzen auf Orbán
Mercedes, Audi, BMW: Deutsche Autobauer fühlen sich Ungarn pudelwohl

Niedrige Steuern, gute Infrastruktur, wenig Einmischung der Politik. Deutsche Konzerne fühlen sich in Ungarn pudelwohl und das soll auch nach der anstehenden Parlamentswahl so bleiben. Warum die deutsche Industrie auf Viktor Orbán setzt.

von Michael Thoma

Am 12. April 2026 finden in Ungarn Parlamentswahlen statt, die für Viktor Orbán die wohl größte Herausforderung seiner nunmehr 16-jährigen ununterbrochenen Regierungszeit darstellen. Wichtigster Herausforderer ist die Partei Tisza unter der Führung von Péter Magyar – dem ehemaligen Schwiegersohn eines engen Vertrauten Orbáns, der ins Oppositionslager gewechselt ist und einen grundlegenden politischen Neuanfang verspricht. Die deutsche Industrie hofft bei auf Viktor Orbán als Wahlsieger – nicht aus politischer Sympathie, sondern aus pragmatischer Kosten-Nutzen-Rechnung: Während die Oppositionspartei Tisza mit einem Programm aus Vermögensteuer, Subventionskürzungen und einer Abkehr von russischer Energie eine systemische Kehrtwende verspricht, steht Orbáns Modell für niedrige Steuern, günstige Arbeitskosten und einen privilegierten Status für Großinvestoren. Genau dieses Umfeld hat Ungarn zu einem zentralen Produktionsstandort für die deutsche Automobilindustrie gemacht.

Mehrere unabhängige Umfragen sehen die Tisza unter den entschlossenen Wählern mit einem Vorsprung von 8 bis 16 Prozentpunkten vorne. Regierungsnahe Institute hingegen verzeichnen weiterhin einen Vorsprung für Fidesz, während ein erheblicher Teil der Wählerschaft (bis zu 30 Prozent) noch unentschlossen ist. Einige Beobachter bezeichnen die bevorstehenden Wahlen daher als potenziellen Wendepunkt für die wirtschaftspolitische Ausrichtung des Landes.

Für die deutsche Volkswirtschaft ist der Ausgang dieser Wahl keineswegs von bloß abstrakter Bedeutung. Ungarn zählt zu den zentralen Produktionsstandorten der deutschen Industrie, und der politische Kurs in Budapest bestimmt maßgeblich die Rahmenbedingungen, unter denen Hunderte deutscher Unternehmen operieren.

Das Ausmaß der deutsch-ungarischen Wirtschaftspartnerschaft

Deutschland ist für Ungarn nicht bloß der wichtigste Handelspartner, sondern einer der zentralen externen Stützpfeiler der gesamten ungarischen Wirtschaft. Dies zeigt sich bereits im Volumen des bilateralen Handels: Im Jahr 2023 überstieg der Warenaustausch zwischen beiden Ländern die Marke von 70 Milliarden Euro; der deutsche Export nach Ungarn belief sich 2024 auf 33,67 Milliarden US-Dollar. Eine besondere Bedeutung erhält diese Abhängigkeit durch die Struktur des Handels. Dessen Grundpfeiler ist die Automobilindustrie – der Schlüsselsektor des ungarischen Exports und gleichzeitig das Hauptinstrument der Integration des Landes in die deutschen Produktionsketten. Fast ein Viertel der ungarischen Exporte nach Deutschland entfällt auf die Automobilbranche, und über 40 Prozent aller aus Ungarn ausgeführten Autokomponenten gehen auf den deutschen Markt. Dies bedeutet, dass es sich nicht um einen einfachen Handel zwischen zwei Staaten handelt, sondern um eine enge industrielle Verflechtung, in der ungarische Betriebe als Teil eines größeren deutschen Industriekreislaufs fungieren.

Diese Logik setzt sich bei den Investitionen fort. Die deutschen Direktinvestitionen in Ungarn haben ein Volumen von rund 20 Milliarden Euro erreicht und machen etwa 21 Prozent aller ausländischen Investitionen im Land aus. In Ungarn sind rund 3.000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung aktiv, die zwischen 250.000 und 300.000 Arbeitsplätze sichern. In den letzten neun Jahren erhielten 187 deutsche Unternehmen staatliche Förderungen für ihre Projekte. All dies verdeutlicht, dass die deutsche Präsenz in Ungarn längst keinen punktuellen, sondern einen systemischen Charakter hat. Am deutlichsten zeigt sich dies in der Industrie. Die großen deutschen Konzerne – Audi, BMW, Mercedes-Benz, Bosch – sind im Land nicht nur präsent, sondern bauen dort große Produktions- und Technologiestandorte auf. Es geht um Milliardeninvestitionen, tausende Arbeitsplätze, die Fertigung von Fahrzeugen, Motoren und Komponenten sowie den Ausbau von Forschungskapazitäten. Ungarn agiert in diesem Modell nicht als peripherer Absatzmarkt, sondern als eine tief in die Wirtschaftsstrategie der deutschen Unternehmen eingebettete Produktionsbasis.

Die wirtschaftliche Anatomie

Für die deutsche Wirtschaft ist Ungarn längst zu einem Standort geworden, an dem man näher am westeuropäischen Markt produzieren kann – aber deutlich günstiger, mit einer geringeren Steuerlast und einer weitaus großzügigeren staatlichen Förderung. Das Hauptargument sind die Arbeitskosten. Laut Eurostat lag der durchschnittliche Stundenlohn in Ungarn im Jahr 2024 bei 14,1 Euro, während er in Deutschland bei etwa 43,4 Euro lag. Mit anderen Worten: Die ungarische Arbeitskraft kommt deutsche Unternehmen ungefähr drei Mal so günstig. Trotz des rasanten Lohn- und Kostenanstiegs in Ungarn selbst bleibt diese Differenz gewaltig. Für die Automobilindustrie, in der die Personalkosten einen erheblichen Teil der Gesamtkosten ausmachen, ist dieser Unterschied nicht zweitrangig, sondern von strategischer Bedeutung.

Genauso wichtig ist das Steuersystem. Ungarn bietet Unternehmen einen Körperschaftsteuersatz von 9 Prozent – den niedrigsten in der EU. In Deutschland nähert sich die effektive Belastung der 30-Prozent-Marke. Die Differenz ist zu groß, um sie zu ignorieren. Hinzu kommen weitere Anreize: erhöhte Forschungsförderung (F&E), mehrjährige Steuererleichterungen für Großinvestitionen, spezielle Ausgleichsprogramme und Sonderzonen mit Vergünstigungen für Unternehmen. Das Ergebnis ist, dass Ungarn für große Industriekonzerne nicht einfach nur ein Land mit niedrigeren Kosten ist, sondern eine Jurisdiktion, in der der Staat den Industrieinvestor bewusst zu einem privilegierten Partner macht.

Ansiedlungsprämien und verlässliche Energie

Diese Logik wird durch direkte Subventionen untermauert. Der ungarische Staat begnügt sich nicht mit niedrigen Steuern, sondern beteiligt sich aktiv an der Finanzierung der Ansiedlung großer Produktionsstätten. Deutsche Automobilhersteller haben seit dem Jahr 2004 direkte Förderungen in Höhe von über 871 Millionen US-Dollar erhalten; für den Bereich der Elektromobilität und der damit verbundenen Komponenten wurden weitere Milliarden bewilligt oder reserviert. Für den Investor bedeutet dies eine einfache Rechnung: Ungarn ist nicht nur grundsätzlich günstiger als Deutschland, sondern auch bereit, die Markteintrittskosten durch staatliche Mittel zusätzlich zu senken.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Standortqualität selbst. Ungarn nimmt eine wichtige Position in Mittel- und Osteuropa ein und ist über Verkehrswege eng mit den benachbarten Märkten verbunden. Für Automobilkonzerne ist besonders relevant, dass sich in der Nähe auch die wichtigsten Batterielieferanten konzentrieren, während das Land selbst qualifizierte Arbeitskräfte und eine enge Kooperation zwischen Wirtschaft und technischen Hochschulen bietet. Es handelt sich somit nicht mehr um ein bloßes Niedriglohnland, sondern um ein industrielles Ökosystem, das gezielt auf die Bedürfnisse großer Produzenten ausgerichtet ist. Und Schließlich spielt der Energiesektor eine wesentliche Rolle. Für energieintensive Fertigungen – vom Gießerei- und Lackierbetrieb bis zur Batteriemontage – sind stabile Versorgung und planbare Strompreise von entscheidender Bedeutung. Der langfristige Gasliefervertrag mit Gazprom sowie das Kernkraftwerk Paks, das etwa ein Drittel des Landesstroms erzeugt, machen dieses Modell für die Industrie besonders attraktiv. Das Projekt Paks II soll diese Basis noch weiter stärken. Daher ist die Frage der Energiestabilität in Ungarn für Investoren kein abstraktes Thema, sondern ein fester Bestandteil ihrer Produktionskalkulation.

Das Programm der Tisza-Partei versus „Orbanomics„

Die Aussicht auf einen Machtwechsel in Budapest wird von der deutschen Wirtschaft nicht nur als politisches, sondern durchaus als handfestes praktisches Risiko wahrgenommen. Der Hauptgrund dafür ist einfach: Die „Orbanomics“ bieten deutschen Unternehmen ein klares und vorteilhaftes Umfeld – niedrige Basissteuern, ein lineares Steuersystem, gezielte Vergünstigungen, direkte Subventionen und die staatliche Bereitschaft, die Regeln an die Bedürfnisse strategischer Produktionen anzupassen.
Der Kern dieses Modells besteht darin, dass Ungarn nicht auf einen starken Sozialstaat setzt, sondern auf Kostengünstigkeit und Planbarkeit für Unternehmen. Die Körperschaftsteuer von 9 Prozent bleibt die niedrigste in der Europäischen Union, die lineare Einkommensteuer von 15 Prozent gilt gleichermaßen für Arbeiter und hochbezahlte Manager, und es gibt weder eine Vermögensteuer noch eine Erbschaftsteuer für nahe Verwandte. Für deutsche Expatriates, Führungskräfte und Industriekonzerne bedeutet dies ein Umfeld, das dem deutschen nicht nur bei den Produktionskosten, sondern auch beim allgemeinen Steuerregime deutlich überlegen ist. Orbán hat die niedrige Besteuerung faktisch nicht zu einer technischen Maßnahme, sondern zu einem Teil der Staatsideologie gemacht.

Vor diesem Hintergrund bedeutet das Programm der Tisza-Partei keine Korrektur, sondern einen Paradigmenwechsel. Die Partei schlägt eine Vermögensteuer, einen stärker umverteilenden Ansatz, eine Überarbeitung des Subventionssystems, eine Kürzung der Unterstützung für bestimmte Produktions- und ökologisch umstrittene Projekte sowie eine Überprüfung der Tätigkeiten großer Batteriehersteller vor. Für die Innenpolitik mag dies wie der Versuch erscheinen, das System sozialer und „europäischer“ zu gestalten. Für die deutschen Investoren stellt sich die Frage jedoch anders: Wird das bisherige Modell erhalten bleiben, das Ungarn gerade für die große Industrie zu einem besonders attraktiven Standort gemacht hat? Und die Antwort, basierend auf dem erklärten Programm, fällt eher negativ aus.

Zweifel an Tisza-Konzepten

Genau hier verläuft die entscheidende Trennlinie zwischen den Interessen der Finanzmärkte und denen des Industriekapitals. Die Märkte mögen die Tisza zwar begrüßen, in der Hoffnung auf die Freigabe der eingefrorenen EU-Gelder und eine Entschärfung des politischen Konflikts zwischen Budapest und Brüssel. Für Banken, Fonds und Anleihegläubiger bedeutet dies ein geringeres Länderrisiko, eine mögliche Stärkung des Forint und die Rückkehr Ungarns in einen berechenbareren gesamteuropäischen Kontext. Doch für Industrieunternehmen gilt eine andere Rechnung. Sie profitieren nicht von einer politischen Normalisierung an sich, sondern von niedrigen Steuern, einer schwachen Währung, Subventionen, günstigen Arbeitskräften und einem Sonderstatus für große Produktionsstätten. Was für einen Finanzinvestor gut ist, muss nicht zwangsläufig einem Automobilkonzern oder einem Zulieferer nützen.

Zusätzliche Besorgnis in der Industrie löst nicht nur der steuerliche, sondern auch der energiepolitische Teil des Programms aus. Die Absicht, bis 2035 vollständig von der russischen Energieabhängigkeit loszukommen und den Übergang zu einem anderen Energieversorgungsmodell zu beschleunigen, wirkt politisch nachvollziehbar, wirft aber in der Produktionslogik die Frage nach Preis und Versorgungssicherheit während der Übergangsphase auf. Für energieintensive Branchen ist dies kein nebensächliches Thema, sondern einer der grundlegenden Wettbewerbsfaktoren. Wenn man gleichzeitig das Steuersystem, die Subventionen und die Energiearchitektur überarbeitet, bedeutet das für Industrieinvestoren keine Aktualisierung der Regeln, sondern deren gleichzeitige Neujustierung.

Entscheidung mit konkreten Folgen

Dabei ist Orbán natürlich nicht gerade der ideale Partner für die Wirtschaft. Seine Regierung führte Sondersteuern ein, verstärkte den Druck auf einzelne Sektoren und agierte nicht selten nach dem Prinzip von Einzelfallentscheidungen. Doch der Unterschied, auf den die Wirtschaft hinweist, liegt woanders: Diese Maßnahmen waren in der Regel punktuell und sektoral begrenzt und zerstörten nicht die eigentliche Grundlage des Modells – den niedrigen Basissteuersatz und den privilegierten Status strategischer Investoren, vor allem in der Industrie. Das Programm der Tisza hingegen wird als eine grundlegendere Kehrtwende wahrgenommen: Weg von einem Staat, der maximalen Komfort für großes Kapital schafft, hin zu einem Staat, der umverteilen, prüfen, einschränken und neu bewerten will.

Daher stellt sich für die deutschen Unternehmen nicht die Frage, wer in den Augen Brüssels oder der Märkte besser dasteht, sondern unter welcher Regierung Ungarn der Standort bleibt, der es bisher war. In diesem Sinne ist die Wahl zwischen Orbán und der Tisza für die Industrie eine Wahl zwischen dem Erhalt eines vorteilhaften Investitionsmodells und dem Übergang zu einem weniger privilegierten, politisierteren und potenziell teureren Umfeld. Genau deshalb ist ein möglicher Machtwechsel in Ungarn für die deutschen Investoren keine abstrakte politische Hypothese, sondern eine Entscheidung mit konkreten Folgen auf künftige Produktionskosten, Steuerlast und die eigene Fertigungsstrategie.

Das Kalkül der deutschen Wirtschaft

Die wirtschaftliche Logik, warum die deutsche Industrie in Ungarn den Erhalt des Status quo unter Viktor Orbán präferiert, basiert nicht auf politischer Sympathie, sondern auf einer durchaus pragmatischen Rechnung. Genau deshalb erscheint ein möglicher Sieg der Tisza für die deutschen Produktionskonzerne nicht als eindeutig positives Szenario, sondern als Quelle erheblicher Unsicherheit. Sollte die neue Regierung beginnen, das Steuersystem zu überarbeiten, Subventionen zu kürzen, Batterieprojekte zu überprüfen und die Energiestrategie zu ändern, gerieten die grundlegenden Standortvorteile Ungarns für die deutschen Konzerne ins Wanken. Für Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf kostengünstiger, planbarer und subventionierter Produktion beruht, bedeutete dies eine Verschlechterung des Umfelds, nicht dessen Verbesserung.

Je problematischer Orbán aus Sicht Brüssels und des liberalen Teils des europäischen Establishments erscheint, desto komfortabler mag sein Modell für das große Industriekapital bleiben. Die deutschen Konzerne ermöglichen es Orbán faktisch, sie als Legitimationsquelle zu nutzen. Indem er an der Seite deutscher Unternehmenslenker auftritt, demonstriert er, dass sein wirtschaftlicher Kurs aufgeht. Doch für die Unternehmen selbst ist dieses Bündnis durchaus rational. Niedrige Steuern, schwache Gewerkschaften, direkte Subventionen und eine stabile Energiebilanz – genau diese Bedingungen erklären, warum die deutsche Industrie ihre Produktion in Ungarn weiter ausbaut, anstatt sie nach Deutschland zurückzuverlagern.

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