Er schlug die Moslems und die Langobarden. Weder Aufstände noch militärische Rückschläge halten den Aufstieg jenes Frankenherrschers auf, der als Karl der Große in die Geschichte eingehen wird. Stetig erweitert er die Grenzen seines Reiches, schmiedet Bündnisse und verwirft sie, wenn sie ihm nicht mehr nützen. Seinen Aufstieg krönt er im Jahr 800 mit einem sagenhaften Titel.
von Cay Rademacher
Der König der Franken spürt die Gefahr nicht, in die er seine Kämpfer führt. Karl aus dem Geschlecht der Karolinger, ein hochgewachsener Mann um die 30, ahnt nicht, dass in den Wäldern an den Hängen oberhalb des Bergpfads der Feind bereits lauert. Wie viele Augen mögen es sein, die an diesem Augusttag des Jahres 778 das fränkische Heer auf seinem Heimweg durch die Pyrenäen beobachten? Niemand kann es heute noch sagen. Eines aber ist sicher: Die verborgenen Krieger wollen sich rächen.
Den Ort für ihren Hinterhalt, den Pass von Roncesvalles, der rund 35 Kilometer nordöstlich von Pamplona über das Gebirge führt, haben sie gut gewählt. Auf schmalen Wegen zieht sich hier die gegnerische Kolonne noch mehr in die Länge als sonst. Während sich ihre Spitze wohl schon dem Scheitelpunkt des Gebirgsübergangs nähert, marschiert die Masse von Karls Männern noch durch das zerklüftete, dicht bewaldete Tal. Insgesamt misst die Heeressäule mehrere Kilometer. Die reichsten Franken auf ihren Pferden sind von Weitem zu erkennen: Sie tragen Helme, Lanzen und Panzerhemden aus eisernen Ringen, die im Sommerlicht funkeln. Die meisten Krieger, leichter bewaffnet, gehen zu Fuß. Ochsenkarren transportieren Nachschub und die Beute, die sie gemacht haben. Doch kehren sie nicht als Triumphatoren zurück ins Frankenland, die Stimmung wird gedrückt sein.
Woran denkt Karl in diesen Stunden? Sinnt er im Sattel über seinen Feldzug in Spanien nach, zieht er schon innerlich Bilanz? Zerbricht er sich womöglich den Kopf darüber, wie er diesen Rückschlag in der Fremde zu Hause doch noch als Erfolg verkaufen kann? Allzu leichtfertig, so muss es ihm jetzt erscheinen, hat er sich in Ränke eingemischt, von denen die Franken nicht genug verstehen.
Desaster in den Pyrenäen
Es begann damit, dass einige nach Unabhängigkeit strebende muslimische Provinzstatthalter aus dem Norden der Iberischen Halbinsel eine Gesandtschaft zu Karl in seiner Pfalz in Paderborn schickten und um Waffenhilfe gegen ihren Oberherrn, den Emir von Córdoba, baten. Im Gegenzug versprachen sie dem Frankenkönig, ihm die Stadt Saragossa auszuhändigen. Ein verführerisches Angebot. Karl, immer begierig, sein Reich zu vergrößern, rüstete zum Krieg.
Doch als er im folgenden Jahr tatsächlich mit seinem Heer vor den Mauern Saragossas erschien, hielten die Muslime entgegen der Absprache die Tore verschlossen. Damit war der Pakt gegen den Emir schon zerbrochen, bevor überhaupt eine Schlacht geschlagen worden war. Um ihren zugesagten Lohn betrogen, plünderten die Franken stattdessen Pamplona, eine von christlichen Basken bewohnte Stadt. Die Krieger aus dem Norden wollten nicht mit leeren Händen in die Heimat zurückkehren.
Dadurch aber hat Karl jene Katastrophe heraufbeschworen, die sein Heer an diesem Sommertag in den Pyrenäen treffen wird. Die Kämpfer, die am Pass von Roncesvalles lauern, sind keine muslimischen Araber oder Berber, sondern Basken. Sie wollen es den Franken heimzahlen, dass sie Pamplona angegriffen haben.
Geduldig lassen die baskischen Krieger den Großteil der fränkischen Truppen an sich vorüberziehen. Erst als der Tross mit Gepäck und Ausrüstung des Heeres und die Nachhut den Hinterhalt erreicht haben, stürmen sie aus ihren Verstecken oberhalb des Gebirgspfads. Die Franken, überrumpelt und desorientiert, haben zu wenig Platz, um ihre schweren Waffen einzusetzen, und werden ins Tal zurückgedrängt. Als der Abend dämmert, sind die Wagen ausgeraubt und die Kämpfer der Nachhut bis auf den letzten Mann erschlagen. (Unter den Toten ist auch der Markgraf Roland, er wird später in einem der großen Heldenepen des Mittelalters als idealer Ritter besungen werden.)
Der Frankenherrscher selbst kommt unversehrt davon und hat doch einen schmerzhaften Schlag erlitten. So peinlich ist das Debakel in den Pyrenäen für ihn, den Kriegerkönig, dass sich die Reichsannalen, die offizielle Version der fränkischen Geschichte, darüber ausschweigen (die Niederlage wird erst nach Karls Tod in einer überarbeiteten Version erwähnt). Schwerer noch als die militärische Blamage wiegt aber etwas anderes: Im fernen Land zwischen Rhein und Elbe werden Karls gefährlichste und eigentlich schon besiegt geglaubte Gegner diese Niederlage nutzen, um den Aufstand z











