Deutschland

Wenn der Weinbau verdorrt

Wenn der Weinbau verdorrt
Weinhänge an der Moselschleife bei Bremm und Eidiger-Eller in Rheinland-Pfalz.

Der Weinbau galt in Deutschland einst als einträgliches Geschäft. Doch auch hier zeigt die katastrophale Politik der Bundesregierung nun Wirkung. Mindestlohn und unsinnige Auflagen setzen den Betrieben massiv zu. Besonders in Baden droht ein stilles Reblandschaftssterben – und mit ihm der Verlust einer jahrhundertealten Kulturlandschaft.

von Volker Kempf

Über 80 Prozent der 146 Millionen Hektoliter (hl) großen Weinproduktion in der EU stammt traditionell von den fast gleichgroßen Drei: Italien, Frankreich und Spanien. Deutschland liegt mit 8,1 Millionen hl (5,5 Prozent) immerhin auf Rang vier und damit klar vor südlicheren Weinländern wie Portugal, Rumänien und Ungarn. Und dabei liegen sogar zwölf der 13 deutschen Weinbauregionen in der kühlen EU-Zone A. Nur die drittgrößte Region Baden mit 15.800 Hektar (ha) Rebfläche zählt zur wärmeren Zone B – wie etwa Österreich oder das benachbarte Elsass, die Champagne oder Savoyen.

Schon zur Zeit des Wirtschaftswunders entwickelte sich die Zentralkellerei Badischer Winzergenossenschaften in Breisach zur größten Weinkellerei der Region. 1974 entstand der heutige Standort mit seinen 1.200 hl fassenden Großgebindetanks. Das Gebäude selbst ist entsprechend hoch, vergleichbar der ortsansässigen Tapetenfabrik. Seit 1988 heißt die Firma Badischer Winzerkeller, sie verfügt über eine Tankkapazität von 1,05 Millionen hl, doch das halbe Volumen wird nicht mehr genutzt.

Denn der Weinanbau stagniert seit Jahren. Auf dem Markt zu überleben ist für viele Anbaubetriebe alles. Dem Winzerkeller ergeht es da kaum anders: Meldungen von roten Zahlen, die das Unternehmen mit seinen etwa 200 Mitarbeitern schreibt, machten vor wenigen Jahren in der Lokalpresse die Runde. Sparmaßnahmen wurden vorangetrieben. Das jährliche Feuerwerk auf dem Bezirksweinfest wurde gestrichen, die Vinothek aufgegeben und das Sortiment gestrafft.

Im Wein liegt Wahrheit, sagt schon der Volksmund

Beliefert werden von Breisach aus Aldi, Lidl und Supermärkte wie Rewe und Edeka. Der Preiskampf ist hier besonders intensiv, die Abnahme großer Mengen entscheidend. Damit ist das Überleben des Winzerkellers auf dem Markt erst einmal gesichert.

Es stellen sich Erfolgsmeldungen ein: Das Fachmagazin Weinwirtschaft verlieh dem Badischen Winzerkeller 2024 die Auszeichnung „Beste Genossenschaft in Baden“. Entsprechendes folgte 2026: Bei der festlichen Verleihung „25 Jahre Mundus Vini“ sei die Auszeichnung „Best Cooperative Baden“ an den Badischen Winzerkeller verliehen worden.

Gelobt wurde nach Angaben des Unternehmens von der Jury des Meininger Verlags, der besagtes Fachmagazin auflegt, die „Kontinuität und Qualität in der Weinerzeugung und Vermarktung“. Der eigene Anspruch des Winzerkellers laute, für „Lebensmittelsicherheit und langfristige Aktivitäten“ einzustehen, auch „für Werte und Nachhaltigkeit sowie für freies Denken und Handeln“. Im Wein liegt Wahrheit, sagt schon der Volksmund. Zur Wahrheit gehört auch, dass bei allen Erfolgsmeldungen und prämierten Weinen die Zukunftsaussichten für die Winzer bescheiden sind. Der Mindestlohn belastet die internationale Wettbewerbsfähigkeit, und die US-Zölle erschweren den Absatz auf einem wichtigen Markt.

Hanglagen fallen Rationalisierung zum Opfer

Zu beklagen gibt es bei den Winzern die üppig gedeihenden EU-Auflagen, sie würden ihre Arbeit unnötig erschweren. Winzer sind kreativ und robust, sie sind es auch gewohnt, in jedem Herbst sich neu den Launen der Natur zu stellen und das Beste aus der jeweiligen Lage zu machen. Wenn es sein muss, wird, wie 2025 geschehen, im Schnellverfahren mit Hilfe von Vollerntemaschinen die Weinlese vorgenommen. Zu lange anhaltendes feuchtes Wetter könnte sonst die Ernte bedrohen. Die Erntemenge war 2025 gleichwohl unterdurchschnittlich, dafür lag die Qualität über dem Durchschnitt.

Das Ende der Geduld ist unter den schwierigen Marktbedingungen bei vielen Winzern erreicht. Es gibt immer wieder Zeitungsberichte über regional bedeutende Weingüter, die aufgeben. Das Schlossgut Istein im Markgräflerland gehört dazu. Projektentwickler überplanen das Areal neu. Der Weinbau spielt dabei keine Rolle mehr.

Dem Rationalisierungsdruck fallen als erstes die Hanglagen zum Opfer. Diese können mit Maschinen schwer bis gar nicht bewirtschaftet werden. Die bestockte Rebfläche liegt in Deutschland seit Jahren bei einem Wert um 102.000 ha – das ist ein Siebentel von Italien einschließlich Südtirol. Zugleich ging von 2008 bis 2024 die Zahl der Weinbaubetriebe von 12.000 auf 10.500 zurück. Das bedeutet, die Betriebe müssen wachsen oder weichen.

Das Reblandschaftssterben geht um

Im Land Baden-Württemberg gibt es nur noch 25.822 ha bestockte Rebfläche – 800 ha weniger als 2024. Man kann das als eine Etappe betrachten, aber sie fügt sich in eine absehbare Tendenz. Diese wird noch verstärkt, da viele Nebenerwerbswinzer altersbedingt aufhören und Nachfolger sich nicht finden. Die Arbeit erscheint der jüngeren Generation zu wenig lukrativ, Tradition alleine reicht auch bei den konservativen Winzern nicht mehr aus, um einen Betrieb am Leben zu erhalten.

Branchenkenner gehen für den badischen Wein davon aus, dass in den nächsten Jahren ein Fünftel der bestockten Rebflächen verlorengehen, vielleicht sogar ein Drittel. Vergleichbares ließe sich aus der Rheinpfalz berichten. Damit geht das Gespenst von einer Verwahrlosung der Reblandschaften um. In Ansätzen ist das erkennbar, zumindest für den, der Landschaften versteht und sich von den vielen gelben Löwenzahnblüten nicht täuschen lässt, die auf ehemaligen Rebflächen nachwachsen.

Soll mehr getrunken werden?

Die Weinbaugemeinden sind alarmiert. Im Kaiserstuhl haben sich Bahlingen, Bötzingen, Eichstetten, Endingen, Ihringen, Sasbach und die Stadt Vogtsburg zusammengetan. Die gemeinsame Absicht ist es, ein integriertes Entwicklungskonzept für Weinbaulagen zu erstellen. Dafür sind zunächst Vorrangflächen für den Weinbau zu definieren und die Bedeutung für die Kulturlandschaft, den Tourismus und die Natur herauszuarbeiten. Die Nutzung und Pflege von aufgegebenen Rebflächen wird angestrebt. Für das Vorhaben der sieben Gemeinden sollen Mittel aus dem Rahmenplan „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ des Bundes generiert werden. Die Lokalpresse meldete im April die Bewilligung der Mittel.

Entscheidend bleibt der Konsum, ohne diesen hilft die beste Förderung nicht. An mehr Konsum wollen Winzer zwar nicht öffentlich appellieren, aber daran, wenn schon mehr deutschen Wein und Sekt zu trinken. Doch die Bundesregierung hat die Erhöhung der Alkoholsteuer (Einnahmen 2025: 2,1 Milliarden Euro) angekündigt. Bislang war Wein davon ausgenommen – nur Sekt wird seit 124 Jahren besteuert. Damals wurde dieser Schritt ehrlicherweise mit der Aufrüstung begründet – heute muss die „Gesundheit“ dafür herhalten.

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