Eine verdeckt operierende NATO-Terror-Armee namens Gladio hat über Jahrzehnte hinweg Europa in Angst und Schrecken versetzt. Nach heutigen Kenntnisstand geht unter anderem die Sprengung des Bahnhofsgebäudes in Bologna mit 85 Toten und auch der Münchner Oktoberfestanschlag mit 13 Bombenopfern auf das Konto der Geheimarmee. Nach ihrer Entdeckung in der Bundesrepublik wurde die geheimdienstliche Struktur angeblich 1991 aufgelöst. Doch das schwer bewaffnete Untergrund-Netzwerk aus US-amerikanischen und deutschen Einheiten hat danach einfach weitergemacht.
von Achim Detjen
Die Bundesregierung kündigte zum Jahresende 1990 an, die Gladio-Strukturen in Deutschland “bis zum April 1991” aufzulösen. Es ist jedoch fraglich, ob dies tatsächlich geschehen ist. Es liegt ein aufschlussreicher Insiderbericht über die Überführung des deutschen Gladio-Zweigs in neue Strukturen vor. Dieser ist in der Medienöffentlichkeit jedoch nie unter diesem Gesichtspunkt ausgewertet worden. Der besagte Insiderbericht ist das Buch “Bedingt dienstbereit” des ehemaligen BND-Agenten Norbert Juretzko aus dem Jahr 2005. Juretzko stieß im Frühjahr 1987 zu Gladio, “eine Mischung aus staatsgefährdenden Geheimdienst-, Militär- und Neonazimauscheleien”, wie er selbst einräumt.
Juretzko führt weiter aus: “Wir waren eine geheime, paramilitärisch organisierte Truppe, die sich im Falle eines Angriffs aus Richtung Osteuropa überrollen lassen sollte. Die deutsche Sektion von Gladio soll demnach 104 Mitarbeiter und 26 hauptamtliche Führungspersonen beim Bundesnachrichtendienst umfasst haben. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges sollen es bis zu 75 Hauptamtliche des Geheimdienstes und 500 Helfer gewesen sein. Juretzkos Abteilung warb demgegenüber im gesamten Bundesgebiet Quellen und Beschaffungshelfer an. Im Falle einer militärischen Intervention durch die Warschauer-Pakt-Staaten wäre es von eminenter Wichtigkeit, dass diese Leute ein Quellennetz bilden, um die (geflüchtete) Führung der Bundesrepublik kontinuierlich über die aktuelle Lage zu informieren. Diese halbprofessionellen Trupps sollten den Gegner durch Sabotageaktionen behindern und Personen in das Gebiet des Gegners einschleusen.
Der Vorgesetzte Juretzkos legte zu Beginn der Veranstaltung dar, dass die Amerikaner ab sofort die Verantwortung für die operativen Einsätze übernehmen würden.
Juretzko analysiert das deutsche Organisationsschema von Gladio und kommt zu dem Schluss, dass die Truppe der DDR-Aufklärung des Bundesnachrichtendienstes unterstand und in diesem Referat die Unterabteilung 12C bildete. Der Sitz der Organisation befand sich in einer der geheimsten Außenstellen des Bundesnachrichtendienstes, dem sogenannten “Sattelhof” am Bonner Platz in München. Bei Antritt seiner Stelle wurde Juretzko dem Fallschirmjägeroffizier Ollhauer unterstellt, der zuvor eine Spezialtruppe der Bundeswehr namens “Schwarze Hand” befehligt hatte. Juretzko gibt keine Auskunft über die Aufgabenstellung dieser Spezialeinheit. Der Name “Schwarze Hand” wird mit einer Abteilung des serbischen Geheimdienstes assoziiert, die 1914 für die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo verantwortlich war. Diese historische Tatsache ist in der Forschung bekannt.
Juretzko selbst verblieb bis April 1991 bei Gladio, als die Gruppierung infolge italienischer Enthüllungen aufgelöst wurde. Im Anschluss daran wechselte er in die neu gegründete Abteilung 12YA, in der es zu den aufsehenerregenden Konflikten kam, die den Zündstoff seines Buches lieferten. Die Dienststelle in Berlin wurde in Kooperation mit dem US-Nachrichtendienst DIA betrieben, und der Vorgesetzte Juretzkos legte zu Beginn seine Zuständigkeit für die operativen Einsätze fest. Die Hauptaufgabe bestand zunächst in der Überwachung des Abzugs der Roten Armee aus den neuen Bundesländern, der Beschaffung sowjetischer Militärtechnologie sowie der Rekrutierung von Agenten unter den russischen Soldaten und Offizieren. Im Laufe der Zeit wurde dafür auch das alte Gladio-Netz reaktiviert. Zu Beginn des Jahres 1993 formulierte Juretzko den Grundsatz, alle verfügbaren Stay-Behind-Quellen zu mobilisieren und sie als Beschaffungshelfer einzusetzen.
Die vorliegenden Schwierigkeiten für Juretzko begannen, als er einen Fall von Landesverrat innerhalb des Bundesnachrichtendienstes aufdeckte. Dieser betraf nicht den früheren und möglichen künftigen Gegner in Moskau, sondern den verbündeten britischen Geheimdienst. Das Doppelspiel mit dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 wurde von drei Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes (BND) mit den Decknamen “Gas-sing”, “Wulf” und “Ernst” initiiert. Ihre Aktivitäten umfassten den Verkauf von Informationen an den MI6 zum eigenen finanziellen Vorteil. Es stellt sich die Frage, ob die betreffenden Personen im Auftrag einiger Vorgesetzter tätig waren. Als die Führung des Bundesnachrichtendienstes (BND) Ende 1995 Strafanzeige gegen das Trio erstattete und die Bundesanwaltschaft mit den Ermittlungen begann, kam es zu einem unerwarteten Ereignis: Unterabteilungsleiter Wolbert Smidt, ein Protegé des BND-Sicherheitschefs Volker Foertsch, stellte sich schützend vor die Verdächtigen. Smidt forderte von Juretzko, ihre Aussage beim Ermittlungsrichter in Karlsruhe dahingehend zu modifizieren, dass eine Anklage wegen Landesverrats vermieden werden könne. Gemäß den vorliegenden Quellen war Smidt seit Beginn der neunziger Jahre mit dem Aufbau supranationaler Geheimdienststrukturen beauftragt, die in vielem an Gladio erinnern. In der Folge wurde der Fokus jedoch nicht länger auf den kommunistischen, sondern auf den islamistischen Gegner gerichtet. Eric Gujer, Geheimdienst-Experte der Neuen Zürcher Zeitung, berichtet, dass die neue klandestine Zusammenarbeit während des Balkan-Konfliktes zu Beginn der neunziger Jahre institutionalisiert wurde, und zwar in Form einer regelmäßigen Runde in Paris mit Teilnehmern des MI6, des französischen DGSE und des BND. Für ihn kam Smidt zu den Treffen. Nach den Ereignissen vom 11. September 2001 wurde aus diesem Nukleus die Alliance Base. Zusätzlich zu den Europäern entsandte man nun auch US-Amerikaner und Kanadier als Experten nach Paris. Die FAZ äußerte sich im April 2008 mit der gebotenen Vorsicht zu dieser Antiterrorzentrale und führte aus, dass diese “zeitweise im Verdacht stand, von angeblich existierenden, geheimen CIA-Gefängnissen in Osteuropa zu wissen, ebenso von der Verschleppung Verdächtiger”.

Von signifikanter Relevanz ist in diesem Zusammenhang die Counter Terrorist Group (CTG), in der sich die Geheimdienste der 27 EU-Staaten sowie der Schweiz und Norwegens zusammengeschlossen haben. Es besteht die Möglichkeit, auf die Geheimdienstkapazitäten im EU-Militärstab (Single Intelligence Analysis Capacity – SIAC) sowie auf die Nachrichtendienstliche Zelle (NDZ) im Stab des EU-Außenbeauftragten (Joint Situation Center – Sitcent) zurückzugreifen. Wie im Frühjahr 2008 in der “FAZ” dargelegt, ist die Tätigkeit des Zentrums und seiner 130 Mitarbeiter in Brüssel nicht bekannt. Es obliegt weder dem Parlament in Straßburg noch den nationalen Parlamenten, diese Struktur zu kontrollieren. Eine Analyse von Gujer ergibt, dass das neue internationale Netzwerk der CIA, das unter derselben Abkürzung operiert, sogenannte Counterterrorist Intelligence Centers (CTIC) in “zwei Dutzend Ländern in Osteuropa, dem Nahen Osten und Asien” eingerichtet hat. Gemäß dieser Quelle sind in den betreffenden Zentren neben US-Amerikanern handverlesene Beamte aus den Gastgeberländern tätig. Gujer führt weiter aus: “Die CTIC wurden nach dem Vorbild der Antidrogenzentren geschaffen, die Langley in den achtziger Jahren in Lateinamerika gegründet hatte. Aufgrund der Korruption und Durchdringung der Sicherheitsbehörden in diesen Ländern durch Spitzel der Drogenmafia rekrutierte die CIA lokale Beamte, die zuvor mittels Lügendetektoren überprüft worden waren.
Die Vorgehensweise entsprach der bei der Installation der Gladio-Strukturen: Die CIA bildete in Partnerländern eigene Zellen und rekrutierte dafür Vertrauenspersonen aus deren Diensten. Der Verweis Gujers auf den Kampf gegen Drogen ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Es ist dokumentiert, dass die CIA in Südamerika beschlagnahmte Drogen auf eigene Rechnung weiterverkauft hat, um mit diesen Erlösen Reptilienfonds zur Aufrüstung antikommunistischer Contra-Guerillas zu finanzieren.
Es besteht weiterhin Unsicherheit darüber, ob das genannte Unternehmen, dessen Name mit “CTIC” angegeben wird, anders als von Gujer behauptet, auch in Westeuropa vertreten ist. Das italienische Beispiel veranschaulicht diese These. Im Jahr 2003 wurde der Mailänder Prediger Abu Omar entführt, wobei CIA-Mitarbeiter und Mitglieder des italienischen Partnerdienstes SISMI eine entscheidende Rolle spielten. Der wegen Tatbeteiligung verurteilte SISMI-Abteilungsleiter Marco Mancini räumte im Gefängnis explizit die Existenz einer CTIC in Italien ein. Die Organisation, der eine exklusive Auswahl an SISMI-Beamten angehört, verfolgt den Zweck, unter dem Kommando der CIA gesuchte “Terrorverdächtige” festzunehmen.
Neben der Kooperation zwischen deutschen und US-amerikanischen Stellen, beispielsweise im Rahmen der Beobachtung der Islamistenszene in Ulm, existiert zumindest eine offiziell bestätigte institutionelle Kooperation. Diese findet im Rahmen der nach dem 11. September 2001 gegründeten Besonderen Aufbauorganisation USA (BOA) des Bundeskriminalamtes statt. An diesem Ort waren etwa 500 Beamte damit betraut, die deutschen Spuren des 11. Septembers zu untersuchen. Die Bundesregierung führt dazu aus: “Die Anwesenheit von Verbindungsbeamten des FBI in der BOA USA trug dazu bei, dass auch Ermittlungsergebnisse auf den polizeilichen Schienen schnell und umfassend ausgetauscht werden konnten.” Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele geht von einer Gruppe von ungefähr sechs FBI-Ermittlern aus. Es liegen Anhaltspunkte vor, dass die Einheit im Zeitraum 2002/2003 aufgelöst wurde.
Es kann jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass sich auch heute noch zwei CTIC-Zellen in Deutschland befinden. Die eine besteht aus den Agenten, die der italienischen CTIC bei der bereits erwähnten Entführung des Mailänder Predigers Abu Omar assistiert haben. Die italienischen Ermittler stellten fest, dass das Kidnapper-Team insgesamt 26 Telefonnummern in Deutschland anwählte, davon sieben auf der Air Base Ramstein (wo das Opfer in eine weitere Maschine umgeladen wurde), eine auf der Air Base Frankfurt und “den Anschluss eines Unternehmens, das als Rechnungsanschrift die Adresse des amerikanischen Generalkonsulats in Frankfurt nannte”. Hierbei handelte es sich allem Anschein nach um eine Tarnfirma der CIA. Der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom geht davon aus, dass die CIA-Station in Frankfurt über etwa zweihundert Mitarbeiter verfügt, was einem dreifachen Personalbestand der Dependance in Bagdad entspricht.
Die zweite CTIC-Zelle konstituierte sich aus einer gemischten Einheit deutscher Fahnder und US-Agenten, die im Jahr 2007 im Rahmen der Beobachtung der als “Sauerland-Gruppe” bezeichneten terroristischen Vereinigung zusammenarbeiteten. Es ist daher als eher unwahrscheinlich anzusehen, dass die Kooperation im Anschluss daran beendet wurde. Das Auftauchen einer gemischten deutsch-amerikanischen Agententruppe in Heilbronn am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter lässt eine erhöhte Alarmbereitschaft erwarten.

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