In Kriegszeiten wird schnell geurteilt. Schwarz oder weiß, Täter oder Opfer, gut oder böse. Doch dazwischen gibt es Geschichten, die sich nicht so leicht einordnen lassen. Die Erzählung, Wladimir Putin würde Kinder entführen und sich deshalb Kriegsverbrechen schuldig machen, ist so eine.
von Marie Wiesner
Als Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, flohen viele Menschen und ließen ihre Kinder allein zurück: in zerstörten Heimen, ohne Eltern, ohne Strom, ohne Wasser. Die russischen Truppen brachten sie aus dem Kampfgebiet in Sicherheit. War das ein Akt der Gewalt, eine Entführung? Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev: Russland verschleppt ukrainische Kinder. Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen Putin und seine ”Beauftragte für Kinderverschleppung” erlassen.» Die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen verglich die Rettung der Kinder mit der Terrorherrschaft im Dritten Reich: «Es ist eine schreckliche Erinnerung an die dunkelsten Zeiten unserer Geschichte, was dort geschieht, die Deportation von Kindern.»
Die USA evakuierten 50.000 Kinder aus Vietnam.
Die Emma stellte die wichtige Frage, warum die USA Kinder aus gefährlichen Gebieten wegbringen dürfen und dies als human gilt, während man auf der anderen Seite Russland vorwirft, Kriegsverbrechen zu begehen, wenn es den selben Versuch startet. Ihr Autor Helmut Scheben schrieb Ende August 2025: «Ich weiß nicht, wie viele Kinder die USA in all ihren Kriegen verfrachtet haben: aus Lateinamerika, Asien und Afrika, vom Balkan, aus dem Irak, aus Libyen oder Syrien. Allein im Vietnam-Krieg waren es laut Medienberichten mehr als 50.000, und dort, wie









