Meinung

Crocus-Anschlag: Warum der Westen russische Beweise ignoriert

Crocus-Anschlag: Warum der Westen russische Beweise ignoriert
Der deutsche Botschafter in Russland: Alexander Graf Lambsdorff

Dass die westlichen Medien nicht frei sind und oft nur einem einzigen “Narrativ” folgen, ist seit Langem bekannt. Trotzdem, das kollektive Schweigen zum Crocus-Terror ist eigenartig in seiner Einförmigkeit. So schweigen diejenigen, die am Verlieren sind.

von Wladislaw Sankin 

Noch vor dem Terroranschlag auf die Crocus City Hall (CCH) am 22. März haben die USA sich selbst und der Ukraine mit der Terrorwarnung vom 7. März ein “Alibi” gegeben. Nach dem Anschlag teilten Quellen in den US-Behörden mit, dass Russland von den USA sogar genauere Informationen über die geplante Attacke auf die CCH erhalten habe – Moskau habe diese aber ignoriert. So wurde der Verdacht mit einem Wisch geschickt in eine ganz andere Richtung umgelenkt. Moskau dementierte umgehend die angeblichen US-Hinweise und nannte sie einen “Einwurf der Geheimdienste”.

Zu den Verantwortlichen des Terrors hat sich die USA auch sehr schnell geäußert. Eine ominöse Veröffentlichung in den sozialen Medien sollte als Beweis genügen, dass hinter dem Anschlag ausschließlich ein afghanischer Ableger der Terrororganisation IS stehen soll. So wurde die einzig mögliche Auslegung der Ereignisse für die ganze westliche Welt von den USA verordnet und konsequent durchgesetzt.

Seitdem weicht kein einziges Medium im Westen vom Handbuch des Washingtoner “Zentralkomitees” ab – die Vertikale der verbindlichen Verordnungen aus der Hauptstadt der “freien Welt” erreichte mit der Crocus-Tragödie ihre Höchstform. Fortan galt der russischen Seite im Rahmen ihrer Suche nach einer ukrainisch-westlichen Spur entweder Schweigen oder nur noch Verächtlichmachung. 

Als am Sonntag und Montag in russischen Medien Meldungen über weitere Beweise für die Verwicklung der Ukraine auftauchten, war es schon mehr als eine Woche lang still im deutsch-westlichen Blätterwald. Das Thema war tot. Die russischen Ermittlungsbehörden haben sich aber um Glaubwürdigkeit bemüht und alle vier mutmaßlichen Täter bei einem auf Video aufgezeichneten Verhör aus nächster Nähe gezeigt.

Im Vergleich zu ihrem bislang letzten Auftritt vor Kameras am 24. März sahen sie gut erholt aus und ihre Gesichter hatten sich nach den damaligen Misshandlungen geglättet. Es war sogar zu sehen, dass das abgeschnitten geglaubte Ohr bei einem der Verdächtigen allen dramatischen Behauptungen zum Trotz doch an Ort und Stelle geblieben war – zumindest ein Großteil davon. 

Wäre das verheilte Ohr nicht Anlass zur Freude darüber, dass es den dringend Terrorverdächtigen in russischer Haft doch nicht ganz so schlecht geht? Die westlichen Medien waren zuvor nämlich voll von Folter-Vorwürfen gegen Russland. Aber nein, es gilt das Gegenteil. Je besser die Terroristen aussehen, desto wahrscheinlicher wird es, dass ihre Aussagen ignoriert werden. Denn dann wäre es schwer möglich zu behaupten, ihre Geständnisse würden aus ihnen rausgeprügelt.  

Ein Paradebeispiel für die westliche Berichterstattung zum Crocus-Terror lieferten am Montag Politico und dieFrankfurter Rundschau (FR). Oder besser gesagt dafür, dass diese Berichterstattung fast gänzlich ausgeblieben ist. Die beiden Veröffentlichungen waren fast die einzigen zu diesem Thema, alle anderen Medien haben es bevorzugt, zum neuesten Ermittlungsstand bei der Suche nach den Drahtziehern des Verbrechens ganz zu schweigen. 

Und beide Artikel mischten dem eigentlichen Thema andere Nebenaspekte bei, um die Ermittlung in einen kausalen Zusammenhang mit anderen Prozessen oder Ereignissen zu stellen. Dieses gut erkennbare Ablenkungsmanöver war schon in den jeweiligen Schlagzeilen zu erkennen:

“Russland schiebt die Schuld für den Terroranschlag auf die Ukraine und prahlt mit der verstärkten Rekrutierung” (Politico)

oder:

“Russlands Staats-TV präsentiert neue Erzählung zum Moskauer Anschlag: Medwedew wütet gegen Westen” (FR)

Beiden Medien geht es hauptsächlich darum, den durch neue Aussagen erhärteten Verdacht gegen die Ukraine zu verschleiern. Die Verschleierung von Politico bestand vor allem in einer extrem kurzen und tendenziösen Wiedergabe der eigentlichen Inhalte. Es wurde manipuliert und ausgelassen. Die Flucht der Terroristen in die Ukraine sei unwahrscheinlich, weil das Grenzgebiet stark bombardiert und vermint sei. Das ist schlicht falsch. Die Grenze zwischen den Gebieten Brjansk in Russland und Sumy in der Ukraine gilt als vergleichsweise ruhig. Außerdem teilten die russischen Ermittlungsbehörden mit, dass die Ukraine bei zwei grenznahen Orten in der Region Entminungsarbeiten durchgeführt hätten, mit dem mutmaßlichen Ziel, zwei Fluchtkorridore für die Täter freizuräumen. Auch ist diese Region stark bewaldet und ein Grenzübertritt scheint deshalb trotz verstärkter Kontrolle nicht unwahrscheinlich zu sein. 

Doch inhaltliche Auseinandersetzungen mit dem Thema darf man von kleinen propagandistischen Texten nicht erwarten. Seinen Artikel schließt Politico mit der Aussage eines extrem glaubwürdigen Akteurs in dieser Sache ab – des Sprechers des ukrainischen militärischen Geheimdienstes GUR, Andrei Jussow. Oder besser gesagt: besiegelt die Berichterstattung. Schaut bitte selbst, lieber Leser. Russland nutze den Anschlag, um Hass auf die Ukrainer zu verbreiten und die Truppenstärke zu erhöhen, sagt Jussow.