Willkommen in der Freiluftpsychiatrie Deutschland! Wer mit völlig Fremden ins Bett steigt, hat offenbar ein ganz neues Problem: Was, wenn der Sexpartner politisch „rechts“ ist? Genau diese bizarre Sorge beschäftigt allen Ernstes den Tagesspiegel. Kondom? Geschenkt! Viel wichtiger scheint inzwischen der Gesinnungscheck vor dem Ausziehen.
von David Berger
Der Satz der Überschrift ist zwar erfunden, der Anlass aber nicht: Ein leider ernstgemeinter “Tagesspiegel”-Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie man beim Sex mit Unbekannten ausschließen kann, an Rechtsextreme oder Frauenhasser zu geraten. Doch der Reihe nach: Es gibt Risiken, die zum Leben gehören. Wer Auto fährt, kann einen Unfall haben. Wer Aktien kauft, kann Geld verlieren. Und wer leidenschaftlich gern mit völlig Unbekannten Sex hat, muss offenbar mit einer besonders verstörenden Möglichkeit rechnen: Der Mann, dessen Namen man nicht kennt und dessen politische Überzeugungen man nie erfragt hat, könnte – Gott bewahre – rechts sein. Genau dieses Problem beschäftigt die Autorin des “Tagesspiegel”. Sie steht, wie schon die Überschrift erfreulich diskret mitteilt, auf „Sex mit Unbekannten“. Doch inzwischen überschattet eine Sorge die ungezwungene Begegnung: „Woher weiß ich, dass sie nicht rechtsextrem sind oder Frauen hassen?“
Eine Frage, die tatsächlich an die Grundfesten unserer Demokratie rührt. Denn Kondome schützen bekanntlich vor vielem. Gegen falsches Wahlverhalten sind sie bislang wirkungslos. Vielleicht muss die deutsche Swingerszene deshalb endlich nachrüsten. Am Eingang genügt künftig nicht mehr der Nachweis über Eintrittsgeld und Hygiene. Vor dem Ausziehen ist ein kurzer Demokratiecheck fällig: „Haben Sie in den vergangenen zwölf Monaten eine Brandmauer missachtet? Welche drei Eigenschaften schätzen Sie an der Zivilgesellschaft? Und vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: Vielfalt ist…“
Swingerpass gegen rechts
Erst danach darf die Hose fallen. Besonders schwierig bleibt natürlich der anonyme Sex. Denn dessen Prinzip besteht ausgerechnet darin, dass man über den anderen wenig weiß. Früher mag gerade darin der Reiz gelegen haben. Heute lauert darin ein Abgrund: Man stelle sich vor, man verbringt eine rauschende Nacht mit einem Unbekannten und erfährt erst am Frühstücksbuffet, dass er beim Gendersternchen nicht mitmacht. Was dann? Kontaktschuld rückwirkend? Selbstanzeige bei der Antidiskriminierungsstelle? Politische Dekontamination? Die Lösung liegt auf der Hand: Deutschland braucht den Swingerpass gegen Rechts. Grün bedeutet: bedenkenlos verkehrsfähig. Gelb: politisch ungeklärter Status, Vorspiel nur unter Aufsicht. Rot: hat schon einmal „Remigration“ gesagt – sofort ankleiden und Sicherheitsdienst verständigen. So erreicht die viel beschworene Brandmauer endlich auch jene Orte, an denen bislang andere Mauern eingerissen wurden.
Dass ein großer Teil der Komik gar nicht erfunden werden muss, ist dabei das eigentlich Erstaunliche. Der Ausgangspunkt dieser Satire bleibt ein ernst gemeinter Zeitungsartikel. In einem Land, in dem inzwischen sogar beim Sex mit völlig Fremden zuerst die politische Gesinnung Sorgen bereitet, hat es die Satire zunehmend schwer. Die Wirklichkeit schreibt einfach schneller.

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