In Mailand war noch kein einziger Wettkampf bestritten, da sorgte die deutsche Olympia-Mannschaft weltweit schon wieder für Spott und Hohn. Mit Anglerhut, Poncho und „Team D“-Schriftzug gab man sich bei der Eröffnungsfeier der Lächerlichkeit preis.
von Thomas Hartung
Olympische Eröffnungsfeiern sind längst keine naive Folkloreparade mehr, sondern eine globale Bühne der Selbstrepräsentation. In wenigen Sekunden verdichtet sich, was eine Nation von sich zu zeigen wagt: Stoff, Farbe, Form. Dass ausgerechnet der Auftritt der deutschen Athleten in Mailand als „Team D“ nun als “Demontage”, “Demütigung“, “Entwürdigung”, ja “offene Sabotage des eigenen Images” diskutiert wird, ist deshalb mehr als nur eine Randnotiz der Sportberichterstattung. „Deutschland glänzt mittlerweile in fast allen Bereichen nur noch mit Zweit- und Drittklassigkeit. Und jetzt muss man sich als Deutscher auch noch für das Outfit der deutschen Olympiasportler schämen“, lautet ein Kommentar auf X. Ein anderer User schreibt: „Was geht da mit dem Deutschen Olympia Outfit? Wusste gar nicht, dass Angeln jetzt olympisch ist?! Euer Ernst, adidas?“. „Was ist das denn? Wollen Sie mit Ihren Ponchos Peru darstellen? Viele Länder haben wunderschöne Ski-Anzüge und wir hängen uns Decken um“, schreibt ein anderer Nutzer auf Instagram, manche mutmaßen gar Kaftans.
Maria-Antonia Gerstmeyer fasst das in der “Welt” treffend in folgender Passage: „Was ein Land seinen Athleten anzieht, erzählt mehr über Ehrgeiz, Selbstbild und Anspruch als jede Medaillenbilanz … Das modische Bild, das Deutschland bei den Olympischen Winterspielen abgibt, ist ein Desaster. Und das ausgerechnet in Mailand.“ Damit ist der Maßstab gesetzt: Es geht nicht um Geschmack, sondern um Selbstbild. Schaut man sich das Arsenal der letzten Jahre an – vom „Mannschaft“-Trikot bis zu den aktuellen Olympia-Ponchos –, erkennt man eine wiederkehrende Figur: Sportswear im globalen Corporate-Stil, technisch ausgefeilt, modisch austauschbar, mit ein paar Pflichtzitaten in Schwarz-Rot-Gold. Nationalität ist eine Farbkombination, kein Stoff. Der Athlet trägt keinen „Nationalanzug“, sondern einen Markenartikel, der in ähnlicher Form auch den Teams anderer Länder übergestreift wird.
Adidas und die Ästhetik der Entnationalisierung
Adidas ist dabei nicht bloßer Dienstleister, sondern ästhetischer Gatekeeper. Wer ein Dutzend Nationen ausrüstet, denkt in Serien, nicht in Singularitäten. Individualität wird in ein Serienprodukt übersetzt, das tausendfach vom Band läuft. Die eigentliche Bildsprache bleibt die des globalen Sportkapitalismus: Polyester, Performance, Pastell.
Schnitte, Materialien, Silhouetten folgen einer einheitlichen Markensprache; Unterschiede werden nachträglich über Logos und Farbbalken eingefügt. Aus Sicht des Konzerns ist das rational. Aus Sicht einer politischen Gemeinschaft hat es eine klare Botschaft: Die eigentliche Identität des Trägers ist nicht die Nation, sondern die Marke.
Während andere Länder ihre Athleten mit Outfits ins Stadion schicken, die Stolz, Würde und Eigenart ausstrahlen, wirken die Deutschen wie Statisten im falschen Film – verhüllt in unförmigen Polyesterflächen und Anglerhütchen – von manchen als „Bademantel mit Fischerhut“ verhöhnt, vom Designer Harald Glööckler als „so langweilig, dass keine Emotionen hochkommen“ in der “Bunte” abqualifiziert.
Spitzensportler – also jene Menschen, die Disziplin, Leistung und Durchhaltevermögen verkörpern – werden optisch in etwas verwandelt, das zwischen Fun-Event und Karneval schwankt. Man kann das großzügig als „Designfehler“ abtun. Man kann es aber auch ernster nehmen: Wenn Nationen ihren Besten Kleidung geben, die sie kleiner, lächerlicher, konturloser erschei-nen lässt als sie sind, sagt das etwas über die Selbstachtung dieser Nation – und über ihre Angst, sich in Form zu bringen. Man könnte sagen: Die Outfits des deutschen Teams verkörpern nicht in erster Linie Deutschland, sondern die Bundesrepublik als postnationale Verwaltungseinheit. Kein Motiv, keine Silhouette, kein Detail verweist auf konkrete historische Formen – kein Bezug zu regionalen Trachten, zu Handwerk, zu Kulturraum. Man sieht nicht, aus welchem Land diese Sportler stammen; man sieht, aus welchem Konzern.
Von der Panne zur Methode
Das ist kein Zufall, sondern die Fortsetzung einer politischen Erzählung mit ästhetischen Mitteln. Die Bundesrepublik versteht sich seit Jahrzehnten als „geläuterte“, posthistorische Nation – als Rechtsraum, Wertegemeinschaft, Exportmaschine. Das Kleid der Olympioniken ist die textile Verlängerung dieses Selbstbilds: möglichs












