Deutschland

Warum und wohin so viele junge Deutsche auswandern

Warum und wohin so viele junge Deutsche auswandern
Immer mehr junge Deutsche sitzen auf gepackten Koffern und bereiten sich aufs Auswandern vor.

Es sind schockierende Zahlen! Etwa jeder fünfte Deutsche im Alter zwischen 14 und 29 Jahren plant, die Bundesrepublik zu verlassen. Das geht aus der aktuellen Jugendstudie hervor. Immer mehr junge Menschen fühlen sich in Deutschland zunehmend unwohl. Das hat gleich mehrere Gründe.

von Hannes Märtin

Deutschland hat ein Migrationsproblem. Doch das betrifft nicht nur illegale Einwanderer und die Überlastung der Sozialsysteme. Denn auch die Deutschen sind wanderungswillig, allerdings weg aus ihrem Heimatland. Das wird vor allem mit Blick auf die jüngere Generation ein Problem für die Bundesrepublik.

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026 – Zukunft unter Druck“ liefert dazu die entsprechenden Zahlen. Für die Erhebung wurden zwischen Januar und Februar 2026 rund 2.000 junge Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren befragt. Die Studie, die von Jugendforscher Simon Schnetzer, dem Sozialwissenschaftler Kilian Hampel von der Universität Konstanz sowie Professorin Nina Kolleck von der Universität Potsdam durchgeführt wurde, gilt als repräsentativ für diese Altersgruppe in Deutschland. Das Ergebnis der neunten Studie ihrer Art fällt dabei eindeutig aus: 21 Prozent der Befragten planen konkret, aus Deutschland auszuwandern. Weitere 41 Prozent können sich dies langfristig vorstellen. Lediglich 31 Prozent schließen eine Auswanderung für sich kategorisch aus.

Wer Deutschland tatsächlich verlässt, hat klare Präferenzen. Laut Statistischem Bundesamt lebten Anfang 2024 rund 323.600 Deutsche in der Schweiz. Das Land gilt damit als das bevorzugte Auswanderungsziel innerhalb Europas. Die Zahl stieg gegenüber dem Vorjahr um 2,4 Prozent und liegt inzwischen rund zehn Prozent höher als noch vor zehn Jahren.

Deutsche zieht es in Nachbarländer mit gleicher Sprache

Auf Platz zwei folgt Österreich mit gut 232.700 deutschen Staatsangehörigen – ein Anstieg von 3,4 Prozent binnen eines Jahres und sogar von 41 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Die Gründe dafür liegen quasi auf der Hand: Beide Länder bieten kulturelle Nähe, keine Sprachbarrieren und teilweise überdurchschnittlich hohe Gehälter.

Spanien belegt mit rund 128.000 Deutschen Rang drei, vermutlich vor allem aufgrund des mediterranen Lebensstils und des warmen Klimas. Es folgt Frankreich mit gut 91.000 deutschen Staatsangehörigen. Außerhalb Europas stehen insbesondere die Vereinigten Staaten sowie Kanada und Australien bei Auswanderern hoch im Kurs.

Nach Schätzungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) wandern jährlich rund 180.000 Deutsche aus. Spezifische Daten ausschließlich für die junge Generation werden zwar nicht erhoben; das Statistische Bundesamt weist Auswanderungszahlen nicht gleichzeitig nach Altersgruppen und Zielländern aus. Die aktuellen Daten zeigen jedoch eindeutig: Die Altersstruktur der deutschen Auswanderer ist vergleichsweise jung. Laut der „German Emigration and Remigration Panel Study (GERPS)‟ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung waren zwei Drittel aller Deutschen, die das Land 2024 verlassen haben, jünger als 40 Jahre. Drei Viertel davon verfügten über einen Hochschulabschluss. Es sind also vor allem junge und gut ausgebildete Menschen, die Deutschland den Rücken kehren.

Arbeitsplatzmangel und hohe Mieten treiben Deutsche außer Landes

Die Gründe dafür, dass immer mehr junge Deutsche das Land verlassen wollen, sind vielfältig. Wie aus der aktuellen Jugendstudie hervorgeht, stehen dabei aber vor allem Sorgen um die berufliche Zukunft im Mittelpunkt. Die Wirtschaft, die sich inzwischen im vierten Jahr in Folge in der Konjunkturflaute befindet, belastet zunehmend auch die Jobchancen für Berufseinsteiger. Unternehmen stellen weniger Personal ein, viele Mittelständler schaffen kaum noch neue Stellen. Duale Studienplätze werden reduziert, Ausbildungsplätze gestrichen. Der KI-Vormarsch verschärft die Verunsicherung zusätzlich. Das trübt die Zukunftsaussichten massiv.

Hinzu kommt der anhaltende Wohnraummangel (JF berichtete). Hohe Mieten und knapper Wohnraum in den Städten treffen insbesondere junge Menschen hart. Gerade Berufseinsteiger, die für ihre Arbeit in urbane Zentren ziehen müssen, stoßen dort auf Mietpreise, die einen großen Teil ihres Einkommens verschlingen.

Ein weiteres Thema, das die junge Generation beschäftigt, ist die Wehrpflicht. Die Bundesregierung hat mit dem neuen Wehrdienstgesetz eine verpflichtende Musterung für junge Männer eingeführt. Der Wehrdienst selbst bleibt zunächst zwar freiwillig, allerdings mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, dies zu ändern, falls die angestrebte Personalstärke der Bundeswehr nicht erreicht werden sollte.

Gerade junge Menschen ächzen unter Steuerlast

Für viele junge Männer – aber auch für Frauen, die künftig ebenfalls betroffen sein könnten – ist dies weniger ein Vorbehalt als vielmehr eine klare Ankündigung, mit der sie alles andere als einverstanden sind. Laut einer parteiübergreifenden Meinungsumfrage zum Verteidigungsbudget vom August vergangenen Jahres lehnen 56 Prozent der 18- bis 28jährigen die Wehrpflicht ab. Eine aktuelle Umfrage von Greenpeace unter 16- bis 25jährigen kam zu einem ähnlichen Ergebnis: 61 Prozent sehen in einer Rückkehr zur Wehrpflicht einen erheblichen Eingriff in ihre Grundrechte. Gleichzeitig erreichten die Anträge auf Kriegsdienstverweigerung im Jahr 2025 ein Rekordniveau.

Richtig Auswandern und besser leben

Auch die steigende Steuer- und Abgabenlast in der Bundesrepublik Deutschland gilt als zentraler Treiber der zunehmenden Auswanderungsdynamik junger Menschen. Deutschland zählt bei Einkommensteuer und Sozialabgaben bereits heute zu den Hochsteuerländern im internationalen Vergleich. Dennoch plant die Bundesregierung weitere Belastungen. Um die Lücken im Bundeshaushalt zu schließen, erwägt die Große Koalition unter anderem eine Anhebung der Spitzen- und Reichensteuersätze. Zwar sollen kleinere und mittlere Einkommen entlastet werden, doch gerade für junge Deutsche mit hohen beruflichen Ambitionen, etwa im Unternehmertum oder mit Blick auf Karriereaufstieg, wirkt diese Entwicklung abschreckend. Wer kann es ihnen verdenken, dass sie ihr Glück im Ausland suchen?

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