Hintergründe

Die Geheimnisse von Schloss Fuschl – Wie ein Agent die AfD unterwandert

Die Geheimnisse von Schloss Fuschl – Wie ein Agent die AfD unterwandert
Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller, im Hintergrund Geheimagent Tom Rohrböck.

Die größte Partei Deutschlands wird von Fremdsteuerung bedroht, der AfD-Bundesvorstand schlägt Alarm und verbietet die Zusammenarbeit mit dem Geheimagenten Tom Rohrböck, der sich als Politikberater tarnt. Doch der hat weite Teile der Partei schon unterwandert. Nun berichtet der ehemalige Parlamentarische Geschäftsführer und außenwirtschaftspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion wie Rohrböck ihn umgarnte – und wodurch er die Gefahr für seine Partei erkannte.

von Hansjörg Müller

Wann nahm ich Herrn Thomas Peter Rohrböck, so seine vollen Namen, das erste Mal wahr? Es begann im Hochsommer 2017 wie in einem James-Bond-Film. Im Frühsommer hatte der bayerische AfD-Landesverband seine Liste für die Bundestagswahl im Herbst aufgestellt, und ich war auf Platz sechs gewählt worden. Damit war klar, dass ich in den nächsten Bundestag einziehen würde. Bis es soweit war, ging ich ganz normal meinem Beruf als Interim-Manager nach und fuhr regelmäßig mit dem Zug von meinem Wohnsitz im Berchtesgadener Land nach Tschechien. Als mich meine Frau an einem Sonntagnachmittag wieder einmal zum Bahnhof fuhr, tauchte eine Whatsapp-Nachricht auf meinem Mobiltelefon auf: ob ich wüsste, dass mein Handy abgehört werde. Ich antwortete und fragte gleichzeitig: «Würde mich wundern, wenn nicht. Wer sind Sie denn?» Als Antwort auf meine Frage kam folgende Erklärung des Unbekannten: Er gehöre «zu FPÖ-nahen Sicherheitskreisen in Österreich». Ich schaute die Nummer des Absenders an, es war in der Tat eine Handynummer aus der Alpenrepublik, und zu unserer dortigen Schwesterpartei FPÖ hatten wir von der AfD immer gerne Kontakt gehalten.

Er bezeichnete sich als «Alices Abfangjäger».

Neugierig geworden, vereinbarte ich mit dem geheimnisvollen Herrn einen Termin für das folgende Wochenende. Ich weiß nicht mehr genau, ob es im Juni oder Juli 2017 war, es war auf alle Fälle brütend heiß, als ich ihn das erste Mal treffen sollte. Vom Berchtesgadener Land, meinem Wahlkreis an der bayerischen Grenze, war es nur ein Katzensprung ins schöne Salzkammergut, das mit seinen klaren und kühlen Seen im Hochsommer für willkommene Erfrischung sorgt. Tagsüber badeten meine Familie und ich im Fuschlsee. Anschließend lotste mich der geheimnisvolle Unbekannte per Whatsapp-Nachrichten auf die Terrasse des am Seeufer befindlichen Schlosses Fuschl.

Die Geheimnisse von Schloss Fuschl – Wie ein Agent die AfD unterwandert
Das Kaminzimmer im Hotel Fuschl: Hier traf sich Rohrböck 2018 mit dem damaligen AfD-Bundestagsabgeordneten Hansjörg Müller. Foto: Screenshot

Den Prachtbau kennt jeder, der die Sissi-Filme aus den 1950er Jahren gesehen hat, weil es als Kulisse für Schloss Possenhofen, den Familiensitz der späteren Kaiserin, diente. Heute ist dort ein Luxushotel. Der geheimnisvolle Herr nannte seinen Namen immer noch nicht. Er schrieb mir nur, ich solle auf die Terrasse gehen, dort würde ich ihn erkennen: blonde Haare, braun gebrannt, mit einer schwarzen Sonnenbrille. Ich kam hin, entdeckte ihn sofort, und als er seine Sonnenbrille abnahm, sah ich in seine Augen. Der erste Eindruck, den er vermittelte, war sympathisch. «Tom», so stellte er sich mir vor. Dabei kam er derart nett rüber, dass ich ihn unweigerlich gernhaben wollte. Das ist seine Masche: Schon beim ersten Treffen vermittelt er seinen Gesprächspartnern das unterschwellige Gefühl, dass er ihr bester Freund sei und sie mit ihm über alles reden könnten. Ein fataler Fehler, auf den neben vielen anderen auch ich hereingefallen bin – zumindest zu Beginn unseres Austausches. Dieser zog sich über zwei Jahre hin und bestand aus vier verschiedenen Etappen.

Etappe 1: Die Anbahnung

Nach unserer ersten Begegnung im Sommer 2017 beschränkte sich unser Kontakt auf Whatsapp-Nachrichten, bis ich im Oktober 2017 tatsächlich als Abgeordneter in den Bundestag einzog. Vor der konstituierenden Sitzung der ersten AfD-Fraktion nahm Tom den Gesprächsfaden wieder auf, und ich besuchte ihn erneut auf Schloss Fuschl. Als ich ihn an der Rezeption suchte, sagte mir der Portier: «Herr Rohrböck wartet im Kaminzimmer auf Sie.» «Aha», dachte ich mir, «Rohrböck» ist also sein Nachname, den er mir nie genannt hatte und der sich österreichisch anhört, obwohl er selbst Deutsch mit hessischem Einschlag spricht. Später erzählte er mir von seinen Großeltern aus Deutschland und Österreich. In diesem und folgenden Gesprächen beschrieb mir Rohrböck seine Funktion als «Alices Abfangjäger», damit sich Frau Weidel an der Spitze der AfD halten und ihre Position festigen konnte. Zumindest beim AfD-Spendenskandal 2018/2019 hat er ihr meiner Meinung nach den Kopf gerettet. Kurzum, der Mann gab mir 2017 den Rat, ich solle mich «loyal zu Alice verhalten», dann würde ich es in der AfD weit bringen.

Als ich kurz darauf zu einem der vier Parlamentarischen Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion gewählt wurde, verstand es Rohrböck meisterhaft, im Vorfeld zuerst Zweifel an meiner Wahl zu säen und dann diesen Erfolg als sein wohlwollendes Wirken von außen darzustellen. Damit hatte er mich um den Finger gewickelt. Im Verlaufe meines ersten Jahres im Bundestag von Herbst 2017 bis zur Sommerpause 2018 traf er sich alle paar Wochen mit mir, schrieb mir regelmäßig Nachrichten und gab Ratschläge, die mir bei der Festigung meiner neu errungenen Position im Haifischbecken der Bundestagsfraktion weiterhalfen. Weil diese Treffen fast immer unter vier Augen stattfanden, vermittelte er mir erfolgreich das trügerische Gefühl, einer von wenigen Abgeordneten zu sein, mit denen er besonders gute Kontakte pflegte.

Etappe 2: Das Netz

Je öfter ich mich mit Rohrböck in Salzburg und Umgebung traf, desto mehr bekannte Gesichter liefen mir dort über den Weg, die ebenfalls Audienzen bei ihm hatten. Nach einiger Zeit hatte ich in seinem Umfeld nicht nur die halbe AfD-Bundestagsfraktion gesehen, sondern auch die halbe bayerische AfD-Landtagsfraktion, einschließlich der beiden Vorsitzenden Franz Bergmüller und Markus Plenk. Auch aus anderen Landesverbänden und aus der damaligen Jugendorganisation Junge Alternative tauchten in Rohrböcks Umfeld immer mehr bekannte Figuren auf. Namen wie Sven Tritschler (seit Juli 2026 im Bundesvorstand) und Sebastian Münzenmaier (Bundestagsabgeordneter und Landeschef Rheinland-Pfalz) hatte ich 2017 das erste Mal von Rohrböck gehört, bevor ich sie in persona kennenlernte.

Die Geheimnisse von Schloss Fuschl – Wie ein Agent die AfD unterwandert
Die Spitze der ersten AfD-Fraktion im Bundestag, Ende 2017: Alice Weidel und Alexander Gauland (Mitte) als Vorsitzende sowie die Parlamentarischen Geschäftsführer Jürgen Braun, Bernd Baumann (links) und Hansjörg Müller (rechts). Foto: picture alliance / Gregor Fischer/dpa

Als 2018 aus der AfD-Bundestagsfraktion ein Abgeordneter ins Parlamentarische Kontrollgremium gewählt werden sollte, das angeblich die Geheimdienste kontrolliert, sollte ich mich auf Rohrböcks Bitte hin für die bayerische Fraktionskollegin Corinna Miazga (verstorben 2023) stark machen. Genau dieselbe Corinna Miazga, die Rohrböck, zusammen mit Alice Weidel, in einer geleakten Nachricht unter «seine Mädels im Bundestag» subsummiert hatte.

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Ich hielt mich aus der Sache heraus, und als stattdessen der Berliner Fraktionskollege und Staatsanwalt Roman Reusch in das erlauchte Gremium gewählt wurde, war Rohrböck trotzdem sehr zufrieden. Da verstand ich, wie der Mechanismus funktioniert: Auf dem Papier sollen gewählte Bundestagsabgeordnete die Geheimdienste kontrollieren, aber faktisch sorgen die Geheimdienste über Mittelsmänner dafür, dass ihnen genehme Abgeordnete in das Parlamentarische Kontrollgremium hineinkommen, womit die Geheimdienste das Parlament kontrollieren: Es funktioniert also genau anders herum, als es soll – eine Demokratiefarce par excellence. Deshalb heißt mein Buch – in dem ich vorliegende und andere Erlebnisse in der Bundespolitik aus erster Hand beschreibe – Scheindemokratie.

Doch die AfD-Kontakte genügten ihm nicht: Rohrböck brachte mich mit verschiedenen mittelständischen Unternehmern zusammen, und eines Abends saß ich tatsächlich mit ihm, FDP-Bundestagsabgeordneten, Wolfgang Bosbach von der CDU und einem ehemaligen Geheimdienstchef an einem Tisch. Lustig war, als ich im Winter einmal auf meinem Heimflug von Berlin nach Salzburg in der Reihe vor mir die «Kinderüberraschung» der CDU entdeckte, den jugendfrischen Bundestagskollegen Philipp Amthor. Als ich ihn fragte, was er hier wollte, sagte er «Skifahren». Ich habe aber keine Ski bei ihm gesehen.

Er hetzt erst A auf B und warnt dann B vor A.

Die AfD-Bundestagsfraktion überlegte damals, zusätzlich zu uns Parlamentarischen Geschäftsführern, die wir gewählte Abgeordnete waren, einen Fraktionsgeschäftsführer einzustellen, also einen Experten von außen. Rohrböck brachte Martina Schenk ins Spiel, früher Referentin des FPÖ-Übervaters Jörg Haider. Das wurde zwar nichts, aber der Anstoß war – wieder einmal – von außerhalb der gewählten Strukturen gekommen. Beim Aufbau der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung über Hans Hausberger, ein Urgestein aus Zeiten von Schönhubers Republikanern in Deutschland und Haiders FPÖ in Österreich, war das Rohrböck-Netzwerk ebenfalls an zentraler Stelle aktiv. Manchmal fragte er mich, ob ich Interesse an Kontakten nach Indien, Afrika oder Israel hätte, womit ich verstand, dass sein Netzwerk global aufgestellt ist. Ich ließ es im Sande verlaufen.

Etappe 3: Die Entfremdung

Während einer Fraktionssitzung, es war 2018, lag auf einmal ein Steckbrief gegen Rohrböck auf den Tischen unseres Fraktionssaals (siehe Abbildung). Es stellte sich heraus, dass das Pamphlet aus dem Büro des bayerischen Bundestagsabgeordneten Martin Hebner (verstorben 2021) stammte.

Die Geheimnisse von Schloss Fuschl – Wie ein Agent die AfD unterwandert
Das «Wanted»-Plakat gegen Rohrböck, erstellt vom Abgeordneten Martin Hebner, wurde 2018 in der Bundestagsfraktion verteilt. Foto: Screenshot

Hebner war kein einfacher Mensch, aber er war absolut unbestechlich und machte sich echte Sorgen wegen einer Fernsteuerung unserer Fraktion. Die treibenden Kräfte in Martin Hebners Bundestagsbüro beim Aufdecken von Rohrböcks möglicher Rolle als «Einflussagent» für die AfD-Elite waren seine damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter Martina Böswald aus Baden-Württemberg und Matthias Moosdorf aus Sachsen. Bezeichnend waren die Reaktionen in besagter Sitzung auf das «Wanted»-Plakat, sowohl seitens des Vorstandes als auch seitens der einfachen Mitglieder: Fast alle taten so, als ob sie diesen Sprengstoff nicht bemerkt hätten. Obwohl ich selbst erlebt hatte, dass jeder Zweite schon bei Rohrböck in Salzburg war, erweckte jetzt jeder den Eindruck, als hätte er das erste Mal von ihm gehört. Meine innere Stimme meldete sich, und ich beschloss, zu meinem vermeintlichen Unterstützer auf Distanz zu gehen.

2018 arrangierte ich auch ein Treffen zwischen Rohrböck und Björn Höcke. Während des Gesprächs sagte er in meiner Anwesenheit folgenden Kernsatz zu Höcke: «Wir haben Alice ausgesucht, weil sie die gewünschten Ideen gut repräsentiert.» Damit wurde für mich endgültig klar, dass ich mich aus meiner eigenen Verstrickung mit Rohrböck lösen musste, um nicht so zu enden, wie fast alle anderen Abgeordneten in allen Parteien des BRD-Systems enden – nicht nur in der AfD: als Marionette in einem fremden Spiel beziehungsweise als Zombie in der Demokratiesimulation.

Etappe 4: Der Bruch

Bei einem unserer seltener werdenden Treffen warnte mich Rohrböck vor den Machenschaften eines Herrn aus meinem Kreisverband Berchtesgadener Land, der damals an meinem Stuhl sägte. Gleichzeitig erwischte ich Rohrböck dabei, dass er sich mit dem selben Herrn vorher getroffen hatte. Das klassische Spiel eines gewieften Agent provocateurs: Er hetzt erst A auf B und warnt dann B vor A, um das Spiel im Sinne seiner Auftraggeber zu kontrollieren. Aber darauf fiel ich nicht mehr herein.

Die Geheimnisse von Schloss Fuschl – Wie ein Agent die AfD unterwandert
Aufsteiger trotz Ballast: Sven Tritschler. Foto: AfD Fraktion NRW

Die Zementierung meines Bruchs erfolgte während der Wahl des Landesvorstandes der AfD-Bayern im September 2019: Corinna Miazga und ich wollten beide Landesvorsitzende werden. Im Vorfeld bot Rohrböck alles auf, um mich zu verhindern: Zuerst rief mich sein «Mädel» Corinna an, ich könne gerne unter ihr erster Stellvertreter werden – ich lehnte ab. Dann schickte er den bayerischen AfD-Landtagsabgeordneten Andreas Winhart nach Berlin, um mir ein Triumvirat vorzuschlagen, mit Corinna Miazga als Landesvorsitzende, mir als erstem und Winhart als zweitem Stellvertreter – ich lehnte ab. Dann schrieb mir Rohrböck selbst eine Nachricht: Ich würde maximal 30 Prozent der Stimmen bekommen und schändlich verlieren, ich solle daher nicht antreten, um mich nicht zu beschädigen. Ich wusste aus eigenen Quellen, dass das eine Nebelkerze war, ich bei 50 Prozent und mehr lag und somit gewinnen konnte. Also lehnte ich auch diesen Vorstoß ab. Interessant ist, wie ein Außenstehender, ein Nichtparteimitglied mit erkennbaren Kontakten zu politischen Gegnern und zu Geheimdiensten, wie selbstverständlich den Landesvorstand des zweitgrößten Bundeslandes der schon damals größten deutschen Oppositionspartei bestimmen wollte.

Wie dem auch sei, kurz bevor ich meine Bewerbungsrede für den Landesvorsitzend der AfD-Bayern halten wollte, tauchte wie aus dem Nichts Katrin Ebner-Steiner auf, damals Fraktionsvorsitzende im Landtag, und gab ebenfalls ihre Kandidatur bekannt. Damit wären die Stimmen des sogenannten Höcke-Flügels, die ich sonst alleine bekommen hätte, auf uns beide aufgeteilt, meine besseren Chancen vereitelt – und Corinna Miazgas Weg zur Landesvorsitzenden frei gemacht worden. Notgedrungen zog ich meine Kandidatur zurück – und Miazga besiegte Ebner-Steiner in der Stichwahl. In diesem Moment erinnerte ich mich an frühere Andeutungen von Rohrböck, dass er kompromittierende Materialien gegen Ebner-Steiner und ihren damaligen Ehemann in der Hand habe (siehe ihre Stellungnahme in der Infobox oben).

Im entscheidenden Moment muss er wohl diesen Joker auf brillante Art ausgespielt haben, um über Ebner-Steiner das Ende meiner politischen Karriere einzuleiten. Ihre ging übrigens weiter: Sie wurde Anfang Juli 2026 beim Bundesparteitag in den AfD-Bundesvorstand gewählt. Erneut hatte sie ihre Kandidatur sehr kurzfristig angekündigt und den eigentlich gesetzten Haushaltsexperten Peter Boehringer, der dem Gremium seit Juni 2022 angehörte, zum Verzicht auf seine bereits verkündete Kandidatur gebracht.

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