Hintergründe

Agenten gegen die AfD: Alice Weidel im Visier?

Rohrböck und die AfD – Wie Agenten die Opposition unterwandern
Bezeichnet sich selbst als "Söldner eines Konsortiums", Einflussagent Tom Rohrböck.

Die AfD steht an der Schwelle der Macht – und nun lassen die Agenten die Maske fallen. Tom Rohrböck ist einer von ihnen, bezeichnet sich als „Söldner“, der im Auftrag eines „Konsortiums“ mit Geheimdiensthintergrund die AfD beobachtet. Er mischt sich in Parteikarrieren ein, bietet Mandatsträgern immer wieder große Summen Geld an. Dabei hat er keine Funktion innerhalb der Partei und ist nicht mal Mitglied.

von Jürgen Elsässer

Es ist erschreckend logisch, dass Parteien, die in Opposition zu NATO und USA stehen, gestoppt oder kastriert werden sollen, bevor sie mitregieren. Der Große Bruder will nämlich nicht, dass Deutschland, ein fügsamer Vasall der amerikanischen Macht, außer Kontrolle gerät. Bevor das Problem bei der AfD auftauchte, erwischte es die Linkspartei. 2010 wurden eine Viertelmillion E-Mails, die US-Diplomaten rund um den Globus verschickt hatten, an die Enthüllungsplattform Wikileaks von Julian Assange durchgestochen. Sie bewiesen, dass Politiker der Altparteien regelmäßig zur Berliner US-Botschaft am Brandenburger Tor gepilgert waren, um sich insgeheim auszutauschen.

Mit dabei war Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich damals Hoffnungen auf die Nachfolge von Angela Merkel machte, und auch ein Mann, von dem man es nie gedacht hätte – die linke Ikone Gregor Gysi. Das auflagenstärkste deutsche Magazin berichtete im Dezember 2010: «Nach Spiegel-Informationen war Gysi dem Dokument zufolge ”gesellig und in Plauderlaune” und redete mit Murphy über die im Linke-Programmentwurf formulierte Forderung nach einer Auflösung der NATO. Demnach vermittelte Gysi dem Botschafter die Forderung als taktisches Manöver, um Vertreter des linken Parteiflügels ruhig zu halten. Denn das Drängen auf eine Auflösung der Allianz sei ein Weg, in der Partei den gefährlicheren Ruf nach einem Rückzug Deutschlands aus dem Bündnis zu verhindern. Schließlich sei, so Gysi, für eine Auflösung der NATO die Zustimmung Frankreichs, Großbritanniens und der USA nötig. Dies sei unrealistisch.» Man könnte das als Gespräch zwischen einem Agentenführer und einem Agenten interpretieren: Gysi holte sich grünes Licht, um mit einer scheinradikalen Forderung seine Partei von dem einzig konsequenten Weg, nämlich «Raus aus der NATO», abzuhalten. Parteibasis und Wähler wussten von dem Deal bis dahin nichts und glaubten an die linke Fassade von der Friedenspartei. Und sie glauben es bis heute, da Gysi für den Verrat nie belangt wurde und seine Partei auch weiterhin sozusagen vom Rücksitz aus steuert.

Das Konsortium und sein Söldner

Wer ist der Gysi der AfD? Der Mann, der darüber Auskunft geben könnte, heißt Tom Rohrböck. Nachdem in den letzten zehn Jahren viel über ihn gemunkelt wurde, er selbst aber das Licht der Öffentlichkeit scheute, ging er Ende Juni spektakulär in die Offensive. Im Interview mit Bild sagte er auf die Frage nach seinem Beruf: «Ich bin Söldner, Teil eines Konsortiums.» Wie heißt das Konsortium? «Sage ich nicht.» Wer sind seine Auftraggeber? «Große Unternehmen aus Deutschland, Österreich, Italien oder den USA. Sie kontaktieren mich wohl teils im Auftrag von Nachrichtendiensten. Sie wollen Informationen zur AfD – und ich liefere sie.» Ein Konsortium mit Geheimdiensthintergrund? Das klingt wie die Titel der Thriller von John Grisham Die Firma, Die Bruderschaft oder Das Komplott. Will der Mann sich wichtig machen?

Rohrböck und die AfD – Wie Agenten die Opposition unterwandern
AfD-Bundesparteitag, 4. Juli 2026: Alice Weidel setzt sich durch. Foto: picture alliance / REUTERS

Dagegen spricht, was vorausging. Rohrböck reagierte mit seinem Auftritt in der Springerpresse nämlich nur auf einen spektakulären Beschluss des höchsten AfD-Gremiums kurz zuvor. Im Wortlaut: «Der Bundesvorstand der Alternative für Deutschland beschließt, dass Herr Tom Rohrböck weder an Parteiveranstaltungen der Alternative für Deutschland teilnehmen noch diese mit organisieren darf. Ebenso hat eine Einbindung oder Zusammenarbeit in Parteiangelegenheiten mit Herrn Rohrböck, der kein Mitglied der Alternative für Deutschland ist, zu unterbleiben. Eine Nichtbeachtung dieser Vorgaben wird vom Bundesvorstand der AfD als Schädigung des Ansehens der Partei angesehen.» Der letzte Satz droht indirekt mit einem Parteiausschluss bei Nichtbefolgung. Einen Abgrenzungsbeschluss in dieser Schärfe, bezogen auf eine einzelne Person, ist einmalig in der Geschichte – nicht nur der AfD, sondern vermutlich auch aller anderen Parteien. Was macht Rohrböck so gefährlich?

«Da steckt Geld dahinter. Woher das Geld kommt, ist mir ein völliges Rätsel.» Alice Weidel

Anlass für den Beschluss war ein fünfseitiger Brandbrief aus dem Landesverband Bayern, der von dessen Vorsitzendem Stefan Protschka und 21 Bundes– oder Landtagsabgeordneten unterzeichnet worden war. Darin wurde vor «externen Netzwerken» und «mutmaßlichen Verfassungsschutz-Provokateuren» gewarnt, die die anstehenden Parteitage im Freistaat sowie im Bund beeinflussen wollten. Es gehe um eine «existenzielle Angelegenheit für die innerparteiliche Demokratie».

Weidels Freund, Weidels Feind

Gegenüber Bild prognostizierte Rohrböck vor dem AfD-Parteitag Anfang Juli, Alice Weidel würde als Parteichefin wiedergewählt werden – «aber es wird ihre letzte Wiederwahl sein». Das klang nach einer Drohung.

Dabei war das Verhältnis der beiden ursprünglich sehr freundlich gewesen. Rohrböck verschickte einmal ein Foto von ihr und der mittlerweile verstorbenen bayerischen Abgeordneten Corinna Miazga mit dem Kommentar: «Meine Mädels gestern im Bundestag». Sie traf ihn zum ersten Mal 2017, am Rande eines Plausches zwischen Unternehmern, AfD- und FPÖ-Leuten in Österreich. «Mein Auftrag war es bis 2019, Alices Wiederwahl als Fraktionsvorsitzende zu sichern», behauptet Rohrböck. «Alice und ich telefonierten und schrieben uns oft mehrfach täglich. Außerdem trafen wir uns recht regelmäßig zum Essen oder im Hotel. Mit getrennten Zimmern, ein oder zwei Übernachtungen.» Weidel-Sprecher Daniel Tapp räumte «drei Treffen in Hotels mit Herrn Rohrböck» ein. Die Zeit hat eine der Übernachtungen nachrecherchiert: «Das Hotel ist ein Fünf-Sterne-Haus mit Infinity-Pool und Blick auf die schneebedeckten Gipfel. Rohrböck und seine Begleitung bleiben zwei Tage. Er zahlt für sie, übernimmt die Kosten für beide Zimmer, für Drinks und die Speisen im Spitzenrestaurant. Das zeigen Kreditkartenabrechnungen, die der Zeit vorliegen. Die blonde Frau an der Seite von Tom Rohrböck reist unter falschem Namen. Die Mitarbeiter des Hotels erkennen trotzdem, wer sie ist: Alice Weidel (…).»

«Ich pflege Kontakt zur Hälfte der 150 AfD-Bundestagsabgeordneten…» Tom Rohrböck

Brisant ist eine Aussage von Martina Böswald, damals Mitarbeiterin des AfD-Bundestagsabgeordneten Martin Hebner (verstorben 2021). Sie sagt: «Hebner war schockiert, als er – es muss 2018 gewesen sein – neben Alice Weidel saß und auf ihrem Handy sah, wie Anweisungen von Rohrböck hereinkamen.» Hebner hat in der Folge den Einfluss Rohrböcks in der Fraktion skandalisiert, freilich ohne Erfolg (siehe Artikel: Die Geheimnisse von Schloss Fuschl). Weidels Sprecher Daniel Tapp sagte zu Böswalds Aussage: «Dass der verstorbene Abgeordnete Hebner als vermeintlicher Zeuge für eine nie stattgefundene Erteilung von Anweisungen herhalten soll, ist sehr geschmacklos.»

Zum Bruch kam es, wie beide aussagen, schon nach zwei Jahren. Weidel will den Kontakt zu Rohrböck 2019 selbst beendet haben, da er sie «oft fehlinformiert» habe, erklärte Tapp. Rohrböck behauptet im Interview (siehe Artikel: Interview mit einem Phantom), er habe sich abgewendet, weil er ihren «Umgang» mit Kritikern wie Böswald nicht mittragen wollte. Weidel ersetzte einen Assistenten in ihrem Bundestagsbüro, der Rohrböck nahegestanden haben soll, in der Folge durch den stabilen Daniel Tapp.

Rohrböck und die AfD – Wie Agenten die Opposition unterwandern
«Meine Mädels»: Dieses Foto mit eigener Anmerkung verschickte Rohrböck nach dem erstmaligen Einzug der AfD in den Bundestag im Oktober 2017. Foto: Screenshot

Die Parteivorsitzende nahm erstmals im Juni 2021 für die Recherche der öffentlich-rechtlichen Redaktion Strg_F «Geheimes AfD-Netzwerk: Was will Strippenzieher Tom Rohrböck?» zu ihrem oft als Phantom bezeichneten Ex-Ratgeber Stellung. Auf die Frage, ob sie «Angst» vor Rohrböck habe, weiteten sich ihre Augen für einen Moment. Sie sprach dann von «Respekt». Und ergänzte: «Da steckt Geld dahinter. Woher das Geld kommt, ist mir ein völliges Rätsel.» Als ihre Interviewer nachfragten, ob er «20 oder 30» Bundestagsabgeordnete in seinem Kontaktkreis habe, hätte sie mit einem schlichten Ja antworten können. Sie setzte aber eins drauf («Das reicht nicht»), es handele sich vielmehr um die Hälfte der Fraktion (die damals etwa 90 Abgeordnete umfasste). Miazga bezeichnete die AfD-Bundestagsfraktion einmal gegenüber der Zeit als Rohrböcks «Mutantenarmee». Trotz des Zerwürfnisses mit Weidel bleibt Rohrböcks Einfluss hoch. Ende Juni 2026 brüstete er sich: «Ich pflege Kontakt zur Hälfte der 150 AfD-Bundestagsabgeordneten und mehreren Mitgliedern des AfD-Bundesvorstands.»

Rohrböck und die AfD – Wie Agenten die Opposition unterwandern
Der Schattenmann tritt an die Öffentlichkeit: Rohrböck Ende Juni 2026 in der «Bild»-Zeitung. Foto: Screenshot

In derselben Reportage von Strg_F kam ein anderer AfD-Bundestagsabgeordneter zu Wort, der die Einflussnahme von Rohrböck beklagt. Zur Anonymisierung hatte er sich eine Frauenperücke aufgezogen, damit er auch von hinten nicht erkennbar war. Die Verzerrung seiner Stimme reichte ihm nicht aus – er tippte stattdessen die Antworten auf seine Fragen in den Laptop, und die Reporter filmten den Bildschirm ab. Es gibt anscheinend Politiker, die panische Angst vor diesem Phantom haben.

Rohrböck und die AfD – Wie Agenten die Opposition unterwandern
Damian Lohr mit Rohrböck, unbekanntes Datum. Lohr war von 2018 bis 2021 Vorsitzender der Jungen Alternative und ist heute Landtagsabgeordneter in Rheinland-Pfalz. Foto: austria-depesche.at

Dabei ist Rohrböck keineswegs gewalttätig, sondern ganz im Gegenteil charmant und zuvorkommend. Vielleicht macht ihn gerade das so gefährlich: Seine Kontakte öffnen sich ihm, erzählen über private Probleme oder finanzielle Unregelmäßigkeiten – und schon ergibt sich ein Erpressungspotenzial. Rohrböck hat gute Verbindungen zu einigen patriotischen Influencern und liberalkonservativen Regionalzeitungen, über 30 soll er laut Zeit selbst gegründet haben, die Nachwuchspolitiker je nach Gusto hoch- oder runterschreiben können. Seine parteiinternen Netzwerke sind so stark, dass er Kandidaten zu Spitzenpositionen verhelfen kann, wie das Beispiel von Corinna Miazga (siehe den folgenden Artikel) zeigt.

Hauptfeind Höcke

Rohrböck, der erfolglose politische Gehversuche in der hessischen CDU und FDP unternahm, versucht schon seit 2010, in Deutschland eine rechte Partei in der Tradition des charismatischen Jörg Haider aufzubauen. Ab 2011 lud er zu Treffen ins Hotel Fuschl im Salzkammergut ein. Früh nahm er auf den AfD-Landesverband Bayern Einfluss, wo sein Vertrauter Dettleff Schilde ab 2013 am Aufbau von Ortsverbänden beteiligt war.

Seine eigene politische Agenda hält er bedeckt. Er ist ein überzeugter Marktwirtschaftler («Ich sehe mich im angelsächsischen Sinne als ”libertär” an») und pro NATO, aber Kriegsgeschrei ist von ihm nicht bekannt. Zwei Punkte jedoch stechen hervor: Die von ihm geschätzten Personen, darunter auch früher Frau Weidel, lassen sich alle unter die Rubrik «Liberalkonservative» zusammenfassen. Auffällig ist das bei dem Bundestagsabgeordneten Maximilian Krah und dem NRW-Landeschef Martin Vincentz. In einer Whatsapp-Nachrichtenfolge fragte der Kreisverbandsvorsitzende in Goslar, Main Müller, den niedersächsischen Landesvorsitzenden Ansgar Schledde, ebenfalls ein Rohrböck-Kontakt, ob dieser «M+M» (also Martin Vincentz plus Maximilian Krah) für die Parteispitze favorisiere, und Schledde antworteten demnach: «So in der Art.» Schleddes Pressesprecher Patrick Bauer schrieb uns dazu: «Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns grundsätzlich nicht an der Kommentierung unbestätigter Behauptungen oder Mutmaßungen beteiligen.»

An zwei Tischen

Wer sind die Geldgeber des Mannes? Allein die Hotelrechnungen, die er seinen Gästen bezahlt, dürften in die Hunderttausende gehen. Die Journaille nannte ohne jeden Beweis die Namen von konservativen deutsch-österreichischen Milliardären – Namen, die die Linken ohnedies schon immer auf ihrer Hassliste hatten. «Lächerlich» sei dieses «Sammelsurium an Unternehmern mit erratenem Bezug zu mir», kommentierte Rohrböck gegenüber T-Online. Interessant ist, dass er in seinem aktuellen Bild-Interview davon spricht, dass zu seinem Auftraggeber, dem ominösen Konsortium, auch Konzerne «aus Italien und den USA» gehören.

«Ich sehe mich im angelsächsischen Sinne als ”libertär” an.» Tom Rohrböck

Dies passt zu dem Vorhaben der Trump-Regierung, in Europa rechte Parteien an die Macht zu bringen. «Der wachsende Einfluss patriotischer europäischer Parteien gibt in der Tat Anlass zu großem Optimismus», heißt es der National Security Strategy vom November 2025. Ein Konsortium, das den Optimismus diskret befördert, wäre ein wichtiger Transmitter.

Rohrböck und die AfD – Wie Agenten die Opposition unterwandern
Rohrböck (links) hielt immer auch Kontakte zu Vertretern anderer Parteien. Hier eine Diskussionsrunde mit Vertretern der Freien Wähler, der SVP (Schweiz) und der Freiheitlichen (Südtirol/Italien) im Jahr 2012. Außerhalb des Bildausschnitts: Klaus-Peter Willsch (MdB, CDU). Foto: Screenshot Youtube

Rohrböck kann fürs Erste zufrieden sein. In Bayern wurde ein neuer Landesvorstand aus den verfeindeten Lagern gewählt – wobei der «Söldner» an beiden Tischen spielte, ganz anders als Protschka in seinem Brandbrief die Sache dargestellt hatte. Der Wichtigste, der aus dem alten Vorstand auf der Strecke blieb, war der engagierte Friedenspolitiker Rainer Rothfuß. In Nordrhein-Westfalen setzte Martin Vincentz beim Aufstellungsparteitag für die Landtagswahlen seine Leute brachial durch. Auf dem Bundesparteitag obsiegte zwar Alice Weidel. Aber auch hier wurde mit Chrupalla ein Kriegsgegner durch Stimmenverluste abgestraft, und darüber hinaus wird der neue Vorstand durch frühere Jugendkader wie Sven Tritschler und Hannes Gnauck dominiert, die einen scharfen Anti-Russland-Kurs verlangen. Dieses Netzwerk könnte, wie von Rohrböck prognostiziert, die Vorsitzende beim nächsten Anlauf stürzen.

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