Sido, Kollegah, Fler und Capital Bra: In der Deutschrap-Szene rumort es. Gangster-Kult war gestern, nun geht es gegen das Establishment – mit Sozialkritik und Patriotismus.
Was klingt wie ein Relikt des Kalten Krieges, findet sich im Kleingedruckten des neuen Wehrdienstgesetzes: Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren dürfen sich nur noch mit Genehmigung der Bundeswehr länger als drei Monate im Ausland aufhalten. Egal, ob Urlaub, Job oder Auslandssemester – ohne Stempel der Truppe geht nichts mehr. Das gelte auch «außerhalb des Spannungs- oder Verteidigungsfalls», heißt es ausdrücklich.
«Verlasst das Land!» Finch
Die Regierung hat den Passus wohl nicht zufällig so gut in dem Gesetz versteckt, dass er erst Monate nach seiner Verabschiedung in die breite Öffentlichkeit kommt. Nun ist die Empörung groß. Die Klausel erinnere «an DDR- und Mauerzeiten», brachte es Sarah Wagenknecht in einem Interview auf den Punkt. «Mit Demokratie und freiheitlicher Grundordnung hat das nichts zu tun.»
Goodbye Germany
Früher wäre diese Zumutung aus dem Verteidigungsministerium ein gefundenes Fressen für jede Punk-Kombo gewesen. Doch das Milieu ist mittlerweile so rebellisch wie Philipp Amthor am Küchentisch von Mutti. Dafür kommt kerniger Widerspruch aus der Deutschrap-Szene, die sonst eher für die Verherrlichung von Gewalt, Drogen und Gangstertum bekannt ist.
Doch nun geht es gegen das Establishment – im Fall von Ost-Rapper Finch wegen des Wehrdienstgesetzes. «Wenn ihr ein junger Mensch seid und die Möglichkeit habt, dieses Land zu verlassen: Macht es, tut es», rief der 35-Jährige aus Frankfurt/Oder, der eigentlich Nils Wehowsky heißt, seine Alters- und Leidensgenossen im April via Instagram auf. Hätte er selbst keine Familie, würde er es genauso machen. Für Selbstständige wie ihn sei die BRD ohnehin «das unattraktivste Land der Welt». Gegen die Militarisierung erhob der Musiker, der mit seinen letzten drei Veröffentlichungen jeweils Platz eins der deutschen Album-Charts belegte, schon im vergangenen Jahr das Wort – und zwar in Form des Songs «Kein Bock auf Krieg». Der Track wurde unter anderem von Wagenknecht und weiteren BSW-Politikern aufgegriffen. Allzu schmuckvoll sollte man den Lorbeerkranz für Finch jedoch nicht flechten, denn, ebenfalls 2025, lästerte er mit dem Lied «Wenn du dumm bist» auf plumpe Weise gegen Rechts. Als der Song durch Künstler eines patriotischen Labels parodiert wurde, kündigte Wehowsky an, die GEMA-Einnahmen an die linksradikalen Hofnarren von Feine Sahne Fischfilet zu spenden. Wo Licht ist, ist oft auch Schatten.
Vom Saulus zum Paulus ist hingegen Vladyslav Balovatsk alias Capital Bra mutiert. 2017 nannte der gebürtige Ukrainer AfD-Wähler in einer RBB-Sendung «Hurensöhne», ein Jahr später rappte er: «Lad’ die Knarre nach, knall’ sie alle ab – auf der AfD-Pressekonferenz.» Doch im Oktober 2025 schlug Capital Bra in einem Livestream ganz andere Töne an: «Früher habe ich die AfD sehr, sehr, sehr, sehr kritisiert. Mittlerweile denke ich mir, bei manchen Sachen haben sie recht.» Zur Begründung führte er an: 22 Nummer-eins-Hits in der BRD, eine deutsche Frau, vier deutsche Kinder und Millionen an Steuern – aber keine Staatsbürgerschaft, während andere nach kurzer Zeit im Land bereits eingebürgert würden.
Kollegah und Kollegen
Noch deutlicher positioniert sich Felix Blume, der inzwischen seinen Künstlernamen Kollegah abgelegt hat. Der 41-Jährige, einer der kommerziell erfolgreichsten Akteure der Deutschrap-Szene, veröffentlichte Mitte Dezember 2025 seinen Song «Deutschland», in dem er sich offen zum Patriotismus bekennt. «Ein feuchter Traum für die AfD», ätzte die Taz, «Deutschland über alles – und die AfD jubelt», sekundierte der Tagesspiegel.
In dem Song spricht Kollegah/Blume ungeschminkt aktuelle Probleme an – Steuerlast, Inflation, Kindesmissbrauch, Kriegsgefahr oder Messerkriminalität – und rappt: «Lange her sind die goldenen Tage. / Politiker am Lügen, und das Volk ist am Schlafen. / Andere führ’n Kriege, und wir soll’n das bezahl’n.» Der Refrain: «Denk’ ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht. / Ich kann nicht mehr die Augen schließen, / Und meine heißen Tränen fließen. / Deutschland hat ewigen Bestand, / Es ist ein kerngesundes Land. / Mit seinen Eichen, seinen Linden / Werde ich es immer wiederfinden.»
«Ein feuchter Traum für die AfD.» Taz über Kollegah
Das Video zu dem Lied strotzt geradezu vor patriotischer Symbolik: von einer alpinen Berglandschaft über Deutschlandfahne, Adler und Eiche bis zur Inszenierung des Künstlers als Caspar David Friedrichs «Wanderer über dem Nebelmeer». Für die Linkspresse alles rote Tücher. «Kollegah, der Querfrontler, ist los! (…) Mit ”Deutschland” schreibt er der Partei nun eine Hymne und bietet den lang ersehnten Link der Neuen Rechten zur Mainstreampopkultur», ereiferte sich die Taz. Schon im Frühjahr 2025 hatte Kollegah in einem Interview gesagt: «Alleine die Gelder, die dafür draufgehen, dass wir Waffen in Länder liefern, wo ein Krieg ist, mit dem wir nichts zu tun haben. Wir haben hier im Land auch unsere Probleme, und wir müssen mit diesem Geld unser Land erst mal auf Vordermann bringen.» Man müsse «dieses Land auch wieder attraktiv machen in Sachen Lebensqualität. Das erreichen wir vor allem dadurch, dass wir die Kriminalität bekämpfen», so Blume, der nun auch noch geschäftlich mit einem Rechten zu tun haben soll (siehe Infobox).
Mit solchen Bekenntnissen ist Kollegah das genaue Gegenteil seiner Kollegin Ikkimel. Die 28-jährige Berlinerin, die mit bürgerlichem Namen Melina Gaby Strauß heißt, setzt vor allem auf Obszönitäten, die sie als Feminismus verstanden wissen will. Vor dem Hintergrund der Collien-Fernandes-Kampagne (siehe Artikel: Colliens Erzählungen und Männer am Pranger) plärrte sie Ende März bei einer Preisverleihung: «Es wird Zeit, dass endlich mal die Männer Angst bekommen – und nicht andersherum.» Das nervte Deutschrap-Legende Fler, eigentlich Patrick Losensky, so sehr, dass er auf Instagram antwortete: «Keiner hat Angst vor Miss Bongwasser 2025.» Zur Erklärung: So bezeichnet man die dreckige, trübe Brühe, die übrig bleibt, wenn man mit einer sogenannten Bong Cannabis kifft. Freundlich war das also nicht gemeint.
Schon in der Vergangenheit sorgte Fler immer wieder für Kontroversen. Seinen Durchbruch feierte er 2005 mit dem Album Neue Deutsche Welle und Tracks wie «Das ist Schwarz-Rot-Gold». Fler schwenkte die Deutschlandfahne, zeigte den Bundesadler und rappte Zeilen wie «hart und stolz». Der Musiksender MTV boykottierte später das Video zu «Deutscha Bad Boy» wegen «deutschnationaler» Inhalte. Vor wenigen Wochen gab es wieder einen Eklat um den 44-Jährigen, als er sich in einem Podcast als «voll rechts» bezeichnete, Massenzuwanderung kritisierte und mehr «dominantes Verhalten» von seinen Landsleuten einforderte.
Sido und Naidoo
Doch was macht eigentlich Sido? Um den wohl bekanntesten Deutschrapper, der mit bürgerlichem Namen Paul Würdig heißt und 1980 in Ost-Berlin geboren wurde, war es zuletzt ziemlich ruhig geworden. Nun kündigte er an, im November ein neues Album veröffentlichen zu wollen – nach vier Jahren Ruhepause. Titel: Frieden. Für Aufregung sorgt vor allem, dass er als Gastsänger Xavier Naidoo an Bord geholt hat. Und das nur kurz nach der Berliner Kinderschutz-Demo vom 14. März, mit der sich die Soul-Legende vor dem Hintergrund der Epstein-Enthüllungen politisch zurückmeldete.
Der Sender NTV wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass «Sido in der Vergangenheit schon einmal wegen seiner vagen Position zu diversen Verschwörungstheorien in die Kritik geraten» sei. Gemeint ist ein Gespräch mit seinem Rap-Kollegen Ali Bumaye im Corona-Jahr 2020, in dem es unter anderem um Aussagen Naidoos zu pädophilen Strukturen in Machtkreisen ging. Sido damals: «Dass Kinder auf unerklärliche Weise verschwinden und man die nicht wiederfinden kann, (…) zeigt ja schon der Fall Madeleine McCann. Da hat man auch nachgeforscht, und irgendwann haben sie gesagt: Wir müssen hier an dieser Stelle aufhören, weil wir zu tief in eine Sache reingehen, mit der wir lieber nichts zu tun haben wollen.» Ali Bumaye, eigentlich Ali Alulu Abdul-razzak, warf an dieser Stelle das Stichwort «Kabale» ein – ein Synonym für unter dem Radar laufende Machenschaften der Elite. Sein Gast sagte, er glaube «schon daran, dass so etwas sein kann». Und auch sein palästinensischstämmiger Kollege zeigte sich überzeugt, dass die sogenannten Verschwörungstheoretiker nicht unbedingt Spinner sein müssen: «Die bringen Fakten, die auch stimmen.»
Kollegahs Kollege
Mit seinem aktuellen Album Kanzler hat sich Felix Blume alias Kollegah aus dem Musikgeschäft verabschiedet. Nun will er sich voll und ganz auf seine Fitness-Kette Alpha Gym konzentrieren. «Eine Unternehmung, die eine Frage aufwirft: Wie weit rechts steht der einstige Superstar des Deutschrap mittlerweile?», so die Süddeutsche Zeitung (SZ) Ende März in einem Artikel, der über die Eröffnung des ersten Studios in Solingen berichtet. Dessen Geschäftsführer sei Heidrich Kopelke, Sohn des Gründers der Klamottenmarke Thor Steinar, die bei «Rechtsextremen» beliebt sei. Außerdem habe dieser mit seinem Vater 2023 an dem sogenannten Potsdamer Geheimtreffen teilgenommen, wie ein nicht näher benannter «Besucher» der Tagung gegenüber der SZ «an Eides statt» versichert haben soll. Blume erklärte dazu gegenüber der Zeitung: «Privatleben und Geschäft haben nichts miteinander zu tun, sowas trenne ich.» Er gehöre keiner «politischen Strömung» an. «Ich stehe für Frieden, Menschlichkeit und – vor allem zu betonen in diesen Zeiten – Kinderschutz.» Den SZ-Journalisten gab er mit auf den Weg, sich lieber auf «rituellen Kindesmissbrauch in Machtkreisen» zu konzentrieren, statt bei Alpha Gym nachzuschnüffeln.
Das Gespräch drehte sich im weiteren Verlauf um Rockefeller, «Bruderschaften», die «ganz alten Clans», wie Sido meinte. Schließlich ging es noch mal um Naidoo. «Ist der einfach nur durch?», fragte Ali Bumaye. Sidos Antwort: «Xavier ist aus der Frankfurter Ecke, und ich kenne andere Rapper von da, (…) denen klargemacht wurde: Okay, es gibt so was, besonders in Frankfurt und der ganzen Gegend da.» Man darf auch deshalb darauf gespannt sein, welche Formen die Kooperation der beiden deutschen Musiklegenden noch annehmen wird.

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