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Der Terrorist und das Jugendgericht

Der Terrorist und das Jugendgericht
Das Amtsgericht Tiergarten – hier tagt das Jugendgericht Berlin.

Wie kommt es dazu, dass ein junger Mann, der tatsächlich schon einmal auf dem Weg zum IS war, von einem Berliner Jugendgericht gegen die Auflage von drei Stunden Händchenhalten pro Woche freigelassen wird? Während andere wegen Lappalien zu Terroristen erklärt werden?

von Dagmar Henn

Wenn die Informationen stimmen, die Stück für Stück über den Prozess gegen Abdul Ballout bekannt werden, dann hat man es hier mit einem Beispiel für das Auseinanderbrechen der Maßstäbe innerhalb des deutschen Justizapparats zu tun. Und man hat einen Beleg für extreme Bildungsmängel, die es unmöglich zu machen scheinen, zu einem rationalen Urteil zu gelangen.

Nur so als kurze Frage: Welcher islamischen Konfession entstammt der IS, der Sunna oder der Schia? Ein Punkt, auf den das Jugendgericht Berlin, das über Ballout urteilte, nachdem dieser versucht hatte, über den Libanon zum IS zu gelangen, offenkundig keine Antwort weiß. Der Focus zitiert nämlich teilweise aus dem Urteil. Demnach heißt es darin wohl tatsächlich: “Der Angeklagte ist muslimischen Glaubens und gehört seit mehreren Jahren der schiitischen Glaubensrichtung an”, und an einer anderen Stelle heißt es: “Der Angeklagte beabsichtigte mit seiner Reise nach Syrien und dem Anschluss an den IS, die mittels Gewalt und Tötung verfolgten Ziele der Organisation zu unterstützen.”

Also was nun? Sunna oder Schia? Das klitzekleine Problem dabei: Der IS rekrutiert sich aus radikalen Sunniten, für die die Schiiten “Ketzer” sind. Was durchaus logisch ist; schließlich berufen sie sich unter anderem auf genau jene Generation, die die Spaltung der beiden Richtungen überhaupt erst herbeigeführt hat. Für die Schiiten wiederum sind die Salafisten “Ketzer”. Der IS verfolgt und ermordet Schiiten. Das Verhältnis ist etwa so freundlich wie das zwischen Dominikanern und Katharern; das lässt sich unter “Katharerkreuzzug” googeln. Ein Widerspruch, der dem Berliner Gericht völlig entgangen zu sein scheint. Vermutlich war die reale Entwicklung genau andersherum, denn viele der in Deutschland lebenden muslimischen Libanesen sind Schiiten; Probleme mit der Familie dürfte es eher gegeben haben, weil dann der Sohn zum radikalen Sunniten wurde …